{"id":744,"date":"2015-06-15T22:00:00","date_gmt":"2015-06-15T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/15\/seghers-kopflohn-in-mainz-zum-buehnenstueck-verarbeitet\/"},"modified":"2015-06-15T22:00:00","modified_gmt":"2015-06-15T21:00:00","slug":"seghers-kopflohn-in-mainz-zum-buehnenstueck-verarbeitet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/15\/seghers-kopflohn-in-mainz-zum-buehnenstueck-verarbeitet\/","title":{"rendered":"Seghers&#8216; &#8222;Kopflohn&#8220; in Mainz zum B\u00fchnenst\u00fcck verarbeitet"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz. <\/strong><\/em>Gibt es denn keine echten Theaterst\u00fccke mehr? Ein weiterer von unz\u00e4hligen Versuchen all\u00fcberall, Romane b\u00fchnentauglich zu machen, beginnt jetzt im Staatstheaters Mainz mit geschwind r\u00fcckw\u00e4rts trippelnden Schauspielern. Dazu krachen aus den Lautsprechern Nachrichtenschnipsel: Lampedusa \u2013 Wir sind das Volk \u2013 Mogadischu \u2013 Ich bin ein Berliner \u2013 Wollt ihr den totalen Krieg. Famose Idee, Geschichte im Schnellgang zur\u00fcckzuspulen bis in die fr\u00fchen 1930er. In jener Zeit spielt Anna Seghers&#8216; Roman \u201eDer Kopflohn\u201d, den Dirk Laucke dramatisiert und Hausregisseur K.D. Schmidt inszeniert hat.<\/p>\n<p>Auch in diesem Fall stellt sich die ewig gleiche Frage an Dramatisierungen von Romanen: Kann die B\u00fchnenkunst dem Stoff Blickwinkel, Deutungen, Erkenntnisse hinzuf\u00fcgen oder abringen, die von der Romanform nicht abgedeckt sind? Das n\u00e4mlich w\u00e4re die Forderung ans Theater. Andernfalls erreicht es doch blo\u00df, naturgem\u00e4\u00df drastisch verk\u00fcrzte, illustrative Nacherz\u00e4hlung des Druckwerkes. Genau so verh\u00e4lt es sich mit \u201eKopflohn\u201d jetzt im Kleinen Haus zu Mainz.<\/p>\n<p>Um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden: Da wird auf durchaus ansehnliche Weise eine sehr&nbsp; ordentliche Textbearbeitung gespielt. Der zweist\u00fcndige Abend erz\u00e4hlt in dichter Folge oft paralleler oder miteinander verschr\u00e4nkter Szenen die Story vom armen Proleten Johann Schulz. Der wird steckbrieflich gesucht, weil er bei einer Hungerdemonstration in Leipzig einen Polizisten erstochen haben soll. Gegen hartes Mitarbeiten findet er Unterschlupf in einem rheinhessischen Dorf bei der nicht minder armen Familie von Bauer Bastian.<\/p>\n<p>Wie Seghers&#8216; Roman, skizziert auch die Theaterfassung ein Panorama damaliger d\u00f6rflicher Sozialstruktur voller Reibungen zwischen ganz armen, weniger armen, kleinb\u00fcrgerlichen und gro\u00dfb\u00e4uerischen Bev\u00f6lkerungsteilen. Dies zu der Zeit, da die alten M\u00e4chte Deutschlands aufs neue Hitler-Pferd umsatteln und die ersten Sto\u00dftrupps der Hakenkreuz-Partei beginnen, auch zwischen Reben und R\u00fcben Sch\u00e4fchen einzusammeln.<\/p>\n<p>Maren Greinkes B\u00fchne bietet daf\u00fcr eine Landschaft aus zeittypischem Stuben- und Wirtshausmobiliar, Sabine B\u00f6ing steckt die Protagonisten in dazu passende Kost\u00fcme von der zu weiten Arbeiterhose bis zu Stutzeranzug und SA-Uniform. Nacherz\u00e4hlt wird eine Geschichte aus der Geschichte \u2013 v\u00f6llig unbeleckt von den seitherigen Zeitl\u00e4ufen. Will sagen: Nichts wird neu gedeutet, anders interpretiert, auf Gegenwartsrelevanz gepr\u00fcft. Das ist ziemlich pittoreskes Museumstheater, wie man es sich heutzutage f\u00fcr keinen Shakespeare, Schiller oder Tschechow mehr erlauben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Es ist freilich handwerklich gut gemachtes Museumstheater. Raumnutzung, Spielfluss, Licht, Atmosph\u00e4re sind stimmig. Martin Herrmann f\u00fchrt als schelmisch-kluger Erz\u00e4hler durchs Geschehen. Denis Larisch formt einen von Kampf ums t\u00e4glich Brot gebeugten Bastian. David Schellenberg l\u00e4sst den Johann Schulz aus der Stumpfheit des ersch\u00f6pften Fl\u00fcchtlings heraus- und Zug um Zug zum kommunistischen Widerst\u00e4ndler aufwachsen.<\/p>\n<p>Sch\u00f6nste Szenen des Abends: Johann und die von Kristina Gorjanowa fabelhaft frisch, keck, m\u00e4dchenhaft und fraulich zugleich gespielte Bauerntochter Marie in herzbegl\u00fcckender Turtelei. H\u00e4sslichste Szene des Abends: der Schluss. Die Nazi-Bande f\u00e4llt \u00fcber Johann her und das Gros der D\u00f6rfler mischt v\u00f6llig enthemmt mit. Sechsmal beginnt der Exzess aufs neue, wird bei jedem Durchgang brutaler, barbarischer, perverser.<\/p>\n<p>So durchbricht die Inszenierung im letzten Moment ihren musealen Charakter mit dem Gleichnis vom Animalischen, das stets tief in uns lauert, und dem die Nazis zum Durchbruch verholfen haben. Das wird derart dreckig gespielt, wie es nur im modernen Theater m\u00f6glich ist \u2013 und bleibt deshalb ein aufgesetzter, blo\u00df mutwillig wirkender Fremdk\u00f6rper. Was nun anfangen mit \u201eKopflohn\u201d? Am besten gleich den Seghers-Roman lesen, denn das Mainzer Theater hat dem wenig Interessantes hinzuzuf\u00fcgen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. Gibt es denn keine echten Theaterst\u00fccke mehr? 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