{"id":743,"date":"2015-06-16T22:00:00","date_gmt":"2015-06-16T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/16\/erstaunlich-kurzweiliger-buddenbrook-buehnenmarathon\/"},"modified":"2015-06-16T22:00:00","modified_gmt":"2015-06-16T21:00:00","slug":"erstaunlich-kurzweiliger-buddenbrook-buehnenmarathon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/16\/erstaunlich-kurzweiliger-buddenbrook-buehnenmarathon\/","title":{"rendered":"Erstaunlich kurzweiliger \u201eBuddenbrook\u201d-B\u00fchnenmarathon"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Wiesbaden.<\/strong><\/em> Gibt es denn keine echten Theaterst\u00fccke mehr? Nach den B\u00fchnenadaptionen des Films&nbsp; \u201eDas Fest\u201d in Bonn und des Romans \u201eKopflohn\u201d in Mainz gilt diese Frage nun ebenso dem Staatstheater Wiesbaden. Denn auch dort wurde jetzt statt eines origin\u00e4r f\u00fcr die B\u00fchne geschriebenen St\u00fcckes Fremdstoff aufgef\u00fchrt. Intendant Uwe Eric Laufenberg lud sich&nbsp; f\u00fcr die erste eigene Sprechtheater-Inszenierung an seiner neuen Wirkungsst\u00e4tte ein richtiges Superschwergewicht aus der Leseabteilung auf: Thomas Manns Roman \u201eBuddenbrooks\u201d.<\/p>\n<p>Der in Sachen Textbearbeitung hoch gesch\u00e4tzte John von D\u00fcffel hatte dem literarischen 800-Seiten-Giganten schon vor etlichen Jahren eine Dramatisierung abgerungen. Die wurde seither an einigen Theatern gespielt, obwohl auch diese kr\u00e4ftig reduzierte Fassung noch ein arger Brocken ist. Was passionierte Wagnerianer achselzuckend quittieren, das wird dem gemeinen Schauspielfreund in den engen Sitzreihen des Kleinen Hauses zur ungewohnten Herausforderung: Auff\u00fchrungsdauer mehr als vier Stunden.<\/p>\n<p>Doch f\u00fchlt sich der Abend so entsetzlich lang gar nicht an. Was als gutes Zeichen gelten darf; desgleichen der Umstand, dass das Premierenpublikum bis zum Ende gespannt folgt, schlie\u00dflich zehn Minuten enthusiastischen Beifall dranh\u00e4ngt. Offenkundig st\u00f6rt sich niemand an einer spartanischen Einheitsb\u00fchne aus gro\u00dfem Esstisch mit beigestelltem Sekret\u00e4r in einem ansonsten leeren Salon (Ausstattung: Susanne F\u00fcller). Niemand st\u00f6rt sich an der aktionsarmen, in konservativer Strenge gespielten, schier betulichen Abwicklung einiger Zentralkomponenten aus dem Leben der gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Kaufmannsfamilie Buddenbrook. Und es st\u00f6rt keinen, dass das und nur das vorgef\u00fchrt wird \u2013 bis zu den Kost\u00fcmen hin getreulich als Abbild der Romanzeit (mittleres 19. Jahrhundert).<\/p>\n<p>Laufenberg vertraut ganz auf die \u00fcberzeitliche Bedeutsamkeit der Story, auf die fein nuancierte Darstellung der Charaktere. Er baut nicht zuletzt auf den enormen Sog, den Thomas Manns altbackene, gleichwohl kristallklare, wunderbar treffende Sprache entfaltet. Die wird vom elf-k\u00f6pfigen Ensemble sorgsam gepflegt, bekommt Luft, Raum, Zeit, Ruhe zur Entfaltung. Text so zu h\u00f6ren, ist fast wie ihn zu lesen \u2013 und das szenische Spiel wird einem beinahe zum blo\u00dfen Hilfsimpuls f\u00fcrs eigene Kopfkino. Aber braucht es den \u00fcberhaupt? Eigentlich nicht, bei so guter Literatur.<\/p>\n<p>Es dabei zu belassen, w\u00e4re freilich ungerecht gegen\u00fcber den Schauspielern. Was sie hier in filigran ausgearbeiteter Gediegenheit bieten, ist per se ein Genuss. Im ersten Teil beschr\u00e4nkt sich die Theaterfassung auf die sp\u00e4ten Jahre unter \u00c4gide des Konsuls Buddenbrook und die Aff\u00e4re Gr\u00fcnlich, im zweiten konzentriert sie sich auf die Geschwisterkonflikte der drei erwachsenen Kinder. Dem Wesen des Mann&#8217;schen Romans gem\u00e4\u00df, zeigt das Spiel die psychologischen Entwicklungen der Protagonisten als Ergebnis in dieser Gesellschaftsklasse v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlicher Verzahnung von Menschlichem und Gesch\u00e4ftlichem.<\/p>\n<p>Uwe Kraus l\u00e4sst seinen Gr\u00fcnlich um die Hand und Mitgift Tonys werben in einer Mischung aus weinerlicher-penetranter Geckenhaftigkeit und kalter Berechnung. F\u00fcr Bernd Ripkens strengen, einsamen, in sich gekehrten, gleichwohl stets auf Anstand und Benimm, Sachlichkeit und freundlichen Umgang bedachten Konsul ist die Verheiratung der Tochter prim\u00e4r unter dem gesch\u00e4ftlichen Aspekt der \u201eguten Partie\u201d zu kalkulieren.<\/p>\n<p>Zu den Barvourst\u00fccken des Abends geh\u00f6rt, wie Janina Schauer ihre Tony wandelt vom lebenlustigen, eigensinnigen M\u00e4dchen zur erst statuss\u00fcchtigen Gattin, dann \u00fcberspannt frustrierten Geschiedenen. \u00c4hnlich hochkar\u00e4tig fallen die so unterschiedlichen Br\u00fcder aus. Hier Thomas, Nachfolger des Konsuls an Firmen- und Familienspitze: bei Janning Kahnert ein in stoischer Verbissenheit auf Arbeitsdisziplin und Kapitalertrag als Lebenssinn fixierter Mann. Dort Christian, dessen Unt\u00fcchtigkeit, Gef\u00fchligkeit, Hypochondrie Stefan Graf als hinrei\u00dfend tragikomischen Melange des Allzumenschlichen gibt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWas also ist von den \u201eBuddenbrooks\u201d auf der B\u00fchne zu halten? Uns hat der Wiesbadener Happen gemundet. Gleichwohl blieb es ein nur nachgekochter Happen \u2013 der allerdings Appetit macht auf das ganze Originalmen\u00fc: die Romanlekt\u00fcre.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Wiesbaden. Gibt es denn keine echten Theaterst\u00fccke mehr? Nach den B\u00fchnenadaptionen des Films&nbsp; \u201eDas Fest\u201d in Bonn und des Romans \u201eKopflohn\u201d in Mainz gilt diese Frage nun ebenso dem Staatstheater Wiesbaden. Denn auch dort wurde jetzt statt eines origin\u00e4r f\u00fcr die B\u00fchne geschriebenen St\u00fcckes Fremdstoff aufgef\u00fchrt. Intendant Uwe Eric Laufenberg lud sich&nbsp; f\u00fcr die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[9],"archiv":[105],"archiv_inhaltlich":[262,267],"class_list":["post-743","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","tag-freier-lesetext","archiv-2015-06","archiv_inhaltlich-kunstsparten","archiv_inhaltlich-theater"],"acf":{"bild":"","anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/743","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=743"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/743\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=743"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=743"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=743"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=743"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=743"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}