{"id":742,"date":"2015-06-24T22:00:00","date_gmt":"2015-06-24T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/24\/shakespeare-inszenierung-mit-allerhand-klugen-kinkerlitzchen\/"},"modified":"2015-06-24T22:00:00","modified_gmt":"2015-06-24T21:00:00","slug":"shakespeare-inszenierung-mit-allerhand-klugen-kinkerlitzchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/24\/shakespeare-inszenierung-mit-allerhand-klugen-kinkerlitzchen\/","title":{"rendered":"Shakespeare-Inszenierung mit allerhand klugen Kinkerlitzchen"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz.<\/strong><\/em> O weh, wieder eine Inszenierung, die Shakespeares Hintergr\u00fcndigkeiten und in raffiniertem Sprachspiel oft versteckten Frivolit\u00e4ten nur als Vorwand f\u00fcr ausgeflippten, spa\u00dfw\u00fctigen \u00dcbermut missbraucht? Es dauert bei der letzten Schauspielpremiere der Saison am Mainzer Staatstheater nur eine kleine Weile, da hat Claudia Bauers Regiezugriff auf \u201eAntonius und Cleopatra\u201d diese Bef\u00fcrchtung geweckt. Es dauert wieder eine Weile, bis der zwar am\u00fcsierte, aber doch mit den Z\u00e4hnen knirschende Shakespearefreund ins Gr\u00fcbeln ger\u00e4t \u2013 um schlussendlich einzur\u00e4umen: Irgendwie hat der ganze Zinnober doch Hand und Fu\u00df.<\/p>\n<p>Das pausenlose Zweistundenspiel beginnt mit sechs Mimen, die sich in Alltags-Outfit und mit Textb\u00fcchern zum Vorsprechen aufreihen. Anberaumt ist wohl ein Casting, denn Unsicherheit beherrscht die Gruppe: Wie die aufgegebenen Textpassagen vortragen, mit denen Shakespeare die Cleopatra als verlockendste aller Frauen beschreibt? Die Anw\u00e4rter bem\u00fchen diverse klassische Darstellungsweisen. Die sind persiflierend \u00fcberzogen, aber doch traditionellem Schauspielerhandwerk noch so nahe, dass jeweils nur ein Kick bis zur Ernsthaftigkeit fehlt.<\/p>\n<p>Allerdings ger\u00e4t diese Prologszene, wie so manches an diesem Abend, bald aus den Fugen: Die Schw\u00e4rmerei \u00fcber das \u00e4gyptische Weib der Weiber wird arg und \u00e4rger, geil und geiler, bis die Sechs sich die (Ober-)Kleider vom Leibe rei\u00dfen und in eine Lust-Polonaise st\u00fcrzen. O weh, was ein K\u00e4se, ist man geneigt, zu denken \u2013 w\u00e4re da nicht das Ph\u00e4nomen, dass sich ins St\u00f6hnen der hitzigen Knuddeltruppe genervtes Aufst\u00f6hnen mischt, sobald politische Botschaften aus dem fernen Rom die Dauervereinigung der Cleopatras und Antoniusse st\u00f6ren. Widerwillig nur l\u00e4sst sich der multiple Feldherr und Triumvir Roms von Kriegspflicht und Politgesch\u00e4ft vor\u00fcbergehend aus den l\u00fcstlichen Umschlingungen der Pharaonin rei\u00dfen.<\/p>\n<p>Jeder Mitwirkende schl\u00fcpft hier in fast jede Rolle, und manchmal mehrere gleichzeitig in eine einzige. Auch das Programmheft verweigert Zuweisungen. Clemens D\u00f6nicke, Lilith H\u00e4\u00dfle, Antonia Labs, Mathias Lampf, Henner Momann und Anna Steffens spielen mal M\u00e4nnlein, mal Weiblein, bald Feldherrn, bald Soldaten (hier Putzfrauen), eben Diva, dann Politiker. Zwischendurch gilt es, Liz Taylor und Richard Burton als Paar im 1963er Hollywood-Schinken \u201eKleopatra\u201d sowie als giftig zerstrittene Ehepartner privatim respektive in \u201eWer hat Angst vor Virginia Woolf\u201d nachzu\u00e4ffen. Das wird dann live auf Filmleinwand und TV-Apparat \u00fcbertragen, genretypische Knutscherei in Gro\u00dfaufnahme inklusive. Das Theater zitiert hier die Zitierung seiner selbst im Film mittels Film auf der B\u00fchne.<\/p>\n<p>Schauspielerisch wird viel verlangt, und reihum auch auf gutem Niveau geboten. Hinsichtlich der Inszenierung springt einen indes immer wieder die Frage an: Was hat diese oder jene mehr oder minder skurrile Szene noch zu tun mit Shakespeares komplexer Verflechtung psychologischer, politischer, milit\u00e4rischer Faktoren zur historisch-menschlichen Trag\u00f6die? Das ist das Seltsamste dieses scheinbar durchgeknallten Abends: Unter dem Einfluss l\u00e4ngerer Passagen Shakespeare-Text \u2013 zwischen allerhand hinzugef\u00fcgtem Geplapper \u2013 sowie zweier immer wieder eingefl\u00fcsterter Leitmotive ordnet sich das kurzweilig-bizarre Sch\u00e4umen zu Sinnhaftigkeit.<\/p>\n<p>\u201eHow to become a diva?\u201d lautet das eine Leitmotiv, \u201eHow to become a politician?\u201d das andere. Wie wird man zur Diva, wie zum Politiker? Wenn die M\u00e4chtigen \u00fcber Krieg, Frieden, Weltaufteilung und Machtverteilung verhandeln, haben sie grinsgesichtige Meenzer Schwellk\u00f6pp aufgesetzt und versuchen einander nach Manier der Comedia dell Arte, mit dem L\u00e4ngsten und Dicksten zwischen ihren Beinen auszustechen. Die Divenfrage provoziert Sex, sch\u00f6nen Schein, H\u00f6rigkeit, Verrat. In beiden F\u00e4llen handelt sich nicht um menschlichen Wert, sondern um Zweckinszenierungen \u2013 mit&nbsp; t\u00f6dlichem Ausgang. Das zumindest entwickeln die zuhauf als unterhaltsame Kinkerlitzchen verkleideten Anlehnungen und Deutungen Shakespearscher Intentionen durch Claudia Bauer. Sehenswert? Geschmacksache.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. 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