{"id":739,"date":"2015-06-19T22:00:00","date_gmt":"2015-06-19T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/19\/gibt-es-keine-theaterstuecke-mehr\/"},"modified":"2015-06-19T22:00:00","modified_gmt":"2015-06-19T21:00:00","slug":"gibt-es-keine-theaterstuecke-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/19\/gibt-es-keine-theaterstuecke-mehr\/","title":{"rendered":"Gibt es keine Theaterst\u00fccke mehr?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. <\/strong><\/em>In dieser Woche wurden hier nacheinander drei Kritiken zu aktuellen Schauspielpremieren ver\u00f6ffentlicht, denen ich die immergleiche Frage vorangestellt hatte: \u201eGibt es denn keine echten Theaterst\u00fccke mehr?\u201d Sie bezog sich f\u00fcr Bonn auf die B\u00fchnenadaption des Films \u201eDas Fest\u201d, f\u00fcr Mainz und Wiesbaden auf die Theatralisierung der Romane \u201eKopflohn\u201d von Anna Seghers und \u201eBuddenbrooks\u201d von Thomas Mann. An nur einem Wochenende kamen damit in der hiesigen Region also gleich drei Inszenierungen von Werken zur Premiere, die urspr\u00fcnglich gar nicht f\u00fcrs Theater geschaffen wurden.<\/p>\n<p>Die Ballung \u201egeklauter\u201d Fremdstoffe ist symptomatisch f\u00fcr eine j\u00fcngere Mode am deutschsprachigen Theater. Deren erste Welle hatte um die Jahrtausendwende ihren H\u00f6hepunkt und im S\u00fcdwesten Deutschlands eine Hochburg. Erinnert seien wenige Beispiele stellvertretend f\u00fcr viele B\u00fchnenadaption insbesondere von literarischem Fremdstoff:&nbsp; Manns \u201eZauberberg\u201d in Mainz, Goethes \u201eWahlverwandtschaften\u201d in Frankfurt und Wiesbaden, \u201eSchimmelreiter\u201d von Storm in K\u00f6ln oder Prousts \u201eAuf der Suche nach der verlorenen Zeit\u201d in Bonn.<\/p>\n<p>Seither hat sich diese Manier an sehr vielen H\u00e4usern von Wien und Z\u00fcrich bis M\u00fcnchen, Berlin, Hamburg erst als Trend, dann als fester und nicht eben schmaler Bestandteil des Theaterangebots etabliert. Gibt es also keine echten Theaterst\u00fccke respektive versierte St\u00fcckeschreiber mehr? Hat sich da gar ein Zeitgeist eingenistet, \u00fcber den Kritikerkollegin Judith von Sternburg j\u00fcngst in der Frankfurter Rundschau mutma\u00dfte: Die Theater seien zu faul, Geschichten selbst zu erfinden und neue St\u00fccke auszuprobieren; oder das Publikum sei zu bequem, sich auf neue St\u00fccke einzulassen.<\/p>\n<p>Ersteres ist Unfug. Letzteres mag so sein. Signifikant ist jedenfalls, dass dort, wo neue St\u00fccke zur Auff\u00fchrung kommen, dies \u00fcberwiegend auf kleinen Neben- und Experimentierb\u00fchnen geschieht, w\u00e4hrend Theatralisierungen ber\u00fchmter Romanklassiker auf den Hauptb\u00fchnen gezeigt werden. Allerdings ist das auch ein Problem der Nachfrage. Romanadaptionen sind beim Publikum heute einfach beliebt. Die Vermutung liegt nahe, dass das mit einer allgemeinen Hinwendung zur kurzweiligen H\u00e4ppchenkultur zu tun hat. Beispielsweise 800 Seiten \u201eBuddenbrooks\u201d zu lesen, kann sich \u00fcber Tage oder Wochen hinziehen. Das Theater hingegen reduziert den Aufwand auf die Verkostung eines Verschnitts an einem einzigen Abends.<\/p>\n<p>Doch sollte niemand glauben, er k\u00f6nne auf solch bequemem Weg die \u201eBuddenbrooks\u201d seinem literarischen Background einverleiben. Von den gravierenden Verk\u00fcrzungen ganz abgesehen, sind Romane und deren Aneignung durch Lesen nunmal etwas grundlegend anderes als Theaterst\u00fccke und deren Aneignung durch Hinschauen. Zahlreiche Theatralisierungen von Romanen m\u00fcssen k\u00fcnstlerisch als v\u00f6llig gescheitert gelten, andere sind szenische Illustrationen zerschnipselter Vorlagen geblieben. Nur die wenigsten schaffen mit der B\u00fchnenform einen kulturellen Zusatzwert zum literarischen Original.<\/p>\n<p>Deshalb mein Vorschlag: Man spiele am Theater mehr echte St\u00fccke und lese zu Hause mehr gute Literatur.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. 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