{"id":738,"date":"2015-06-23T22:00:00","date_gmt":"2015-06-23T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/23\/schubert-geht-mit-kreisler-zum-taubenvergiften\/"},"modified":"2015-06-23T22:00:00","modified_gmt":"2015-06-23T21:00:00","slug":"schubert-geht-mit-kreisler-zum-taubenvergiften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/23\/schubert-geht-mit-kreisler-zum-taubenvergiften\/","title":{"rendered":"Schubert geht mit Kreisler zum Taubenvergiften"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Rommersdorf\/Neuwied.<\/strong><\/em> Rund eineinhalb Jahrhunderte liegen zwischen den Wiener Lebzeiten von Franz Schubert und Georg Kreisler. Ersterer tief verwurzelt in der Empfindsamkeit fr\u00fcher Romantik. Letzterer als Zeitgenosse und Bruder im Geiste des absurden Beckett- und Ionesco-Theaters der 1950er \u201eeine&nbsp; Mischung aus Frank Wedekind, Maurice Chevalier und Kurt Weill\u201d (Theaterkritiker Hans Weigel). Beim zweiten Konzert des diesj\u00e4hrigen RheinVokal-Festivals lie\u00dfen \u201eDie Singphoniker\u201d in der Abtei Rommersdorf bei Neuwied Lieder der beiden mit- und gegeneinander antreten.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\nSechs Herren umfasst das renommierte Ensemble: f\u00fcnf starke Singstimmen vom einem wunderbar vollen, doch nie dr\u00f6hnenden Bass bis zum schier knabenhaft lichten Counter; teils begleitet vom Mann am Klavier, teils pur a-cappella. Auch f\u00fcr diese hochkar\u00e4tige, 1980 von Studenten der M\u00fcchner Musikhochschule gegr\u00fcndete Truppe ist die Abteikirche Gl\u00fccksfall und Herausforderung zugleich. Denn kein Kirchenraum in weiter Umgebung hat eine so eigenwillige Akustik: Im positiven Sinne \u201etrocken\u201d und frei von Nachhall, erlaubt sie ein herrlich nat\u00fcrliches, kristallklares&nbsp; Klangbild \u2013 das freilich auch jede noch so winzige Missstimmigkeit gnadenlos aufdeckt.<\/p>\n<p>Bei den Singphonikern gibt es wenig aufzudecken, aber ganz ohne menschliche Schw\u00e4chen geht es&nbsp; doch nicht ab. Die sind indes so klein, dass sie andernorts niemand h\u00f6ren w\u00fcrde und sie den zweist\u00fcndigen Genuss in Rommersdorf auch unbeschadet lassen. Ohrenmerk und Hirn des Publikums werden ganz von einer Liederzusammenstellung eingenommen, die mit dem romantischen Komponisten Schubert aus dem fr\u00fchen 19. und dem schwarzhumorigen Liedermacher Kreisler aus dem 20.\/21. Jahrhundert scheinbar Unvereinbares in erhellender, entz\u00fcckender, oft Schmunzeln machender Weise vereint.<\/p>\n<p>Zum Auftakt Schuberts \u201eSehnsucht\u201d nach den Mignon-Versen von Goethe. Damit wird sogleich das Augenmerk gesch\u00e4rft f\u00fcr den Umstand, dass sich in den Liedern des Altvorderen manche Unbotm\u00e4\u00dfigkeit und Frivolit\u00e4t verstecken, die sp\u00e4ter der moderne Nachgeborene in seinem Werk mit spitzer Feder und Zunge satirisch besingt. \u201eAch! Der mich liebt und kennt, \/ Ist in der Weite \/ Es schwindelt mir, es brennt \/ mein Eingeweide\u201d lassen Goethe und Schubert ihre Maid hitzig seufzen. Im Gegenzug Kreisler: \u201eSpielt ein Neger auf der Fl\u00f6te Pal\u00e4strina (\u2026) spricht die j\u00fcngste Ballerina: Es ist Fr\u00fchlingszeit\u201d.<\/p>\n<p>In beider Lieder finden ebenso gesellschaftliche Umst\u00e4nde ihren Niederschlag. Kreisler schimpft in zynischem Choralton \u201eWarum sind die Leute so tr\u00e4ge \/ Und befreien sich nicht aus der Not?\u201d. Bei Schubert hingegen sind es wegen der repressiven Lage unter den Bedingungen der Karlsbader Beschl\u00fcsse fast geheime Anspielungen oder eben totaler R\u00fcckzug ins privat Gef\u00fchlige. Mal vertont er Lappes Verse \u201eIn der Freie will ich leben, \/ In dem Sarge dumpft der Tod\u201d. Dann ruft er mit Goethe den Freunden zu, f\u00fcr deren Geselligkeitsgesang er die Lieder \u00fcberwiegend komponierte: \u201eDenn es ziemt, des Tags Vollendung \/ Mit Genie\u00dfern zu genie\u00dfen.\u201d<\/p>\n<p>Als Zugabe ein Song, der auch an diesem Abend unvermeidlich ist: Kreislers galliger Evergreen&nbsp; \u201eWir gehen Taubenvergiften im Park\u201d. Dar\u00fcber h\u00e4tte wohl auch Schubert gen\u00fcsslich gefeixt. &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Rommersdorf\/Neuwied. Rund eineinhalb Jahrhunderte liegen zwischen den Wiener Lebzeiten von Franz Schubert und Georg Kreisler. 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