{"id":735,"date":"2015-07-13T22:00:00","date_gmt":"2015-07-13T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/07\/13\/preussen-ist-der-tartuffe-unter-den-staaten\/"},"modified":"2015-07-13T22:00:00","modified_gmt":"2015-07-13T21:00:00","slug":"preussen-ist-der-tartuffe-unter-den-staaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/07\/13\/preussen-ist-der-tartuffe-unter-den-staaten\/","title":{"rendered":"&#8222;Preu\u00dfen ist der Tartuffe unter den Staaten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Koblenz\/Brohl.<\/strong><\/em> Das Rheinland gedenkt 2015 seiner Einverleibung ins K\u00f6nigreich Preu\u00dfen vor 200 Jahren als Folge der europ\u00e4ischen Neurordnung durch den Wiener Kongress. Die Kampagne steht unter dem Motto \u201eDanke Berlin\u201d \u2013 was manchem heutigen Bewohner der einstigen preu\u00dfischen Rheinprovinz von Kleve bis Bingen und Trier bis fast Wetzlar die eine oder andere Falte der Missbilligung auf die Stirne treibt. Umso erfreulicher, dass jetzt auch einer zu Wort gekommen ist, der auf die berlinische Fremdherrschaft am Rhein nie gut zu sprechen war: Heinrich Heine, in einer Person Preu\u00dfenfeind und Republikaner, Franzosenfreund, Europ\u00e4er und Rheinromantiker.<\/p>\n<p>An diesem Wochenende f\u00fchrte die Koblenzer Gruppe \u201eTheater am Werk\u201d auf Schloss Stolzenfels sowie im Rahmen des Mittelrhein Musikfestivals auf Burg Brohleck ihre Heine-Textcollage mit Musik auf. Unter dem Titel \u201eTirily! Tirily! Ich lebe! Ich f\u00fchle den s\u00fc\u00dfen Schmerz&#8230;\u201d skizzieren ein Schauspieler, ein S\u00e4nger und zwei Musikerinnen zentrale Aspekte aus dem Leben des 1797 in D\u00fcsseldorf geborenen Dichters mit dessen eigenen S\u00e4tzen und Versen.<\/p>\n<p>Den Abend auf Burg Brohleck er\u00f6ffnet das Cello (Laura Maria Bastian) mit einer zarten Melodei. Nein, es ist nicht das Loreley-Lied. Denn Freund Heine m\u00f6chte wom\u00f6glich noch im Grabe mit den Z\u00e4hnen knirschen, w\u00fcsste er, dass dieses Gedicht zum Synonym f\u00fcr die allers\u00fc\u00dflichste Rheinromantik und sein weltweit ber\u00fchmtestes Werk geworden ist. Dabei hatte er mit den Versen \u00fcber die lockende Rheinsirene eigentlich \u00fcberspannte Gef\u00fchlsduseligkeit seiner romantisierenden Zeitgenossen ironisch verspotten wollen. Also intoniert das Cello einen anderen, nicht von Heine stammenden Evergreen: \u201eAch, wie ist es am Rhein so sch\u00f6n\u201d \u2013 um alsbald von der E-Gitarre (Katrin Zurborg) mit scharf t\u00f6nender Marseillaise unterbrochen zu werden.<\/p>\n<p>Damit ist das Leitmotiv des Abends vorgegeben: Die Paarung Deutschland\/Frankreich, die das Leben Heines ebenso pr\u00e4gte wie die Trag\u00f6die des Rheinlandes als Zankkapfel zwischen verfeindeten Bruderv\u00f6lkern. \u201eIch liebe Deutschland und die Deutschen, aber nicht minder die \u00fcbrigen Bewohner der Erde\u201d, spricht Heine durch den Mund von Schauspieler Stephan Rumphorst. Der und sein gesanglicher Partner Friedrich Bastian zeichnen in szenischer Rezitation den D\u00fcsseldorfer als nachdenklichen und empfindsamen, gleichwohl der Liebeslust wie den Lebensfreuden zugetanen Mann und Dichter. Dieser aber leidet zugleich an und begehrt publizistisch auf gegen die dumpfe \u201eTeutomanie\u201d seiner Landsleute, die Liebe zur Heimat verwechseln mit Hass gegen das Fremde.<\/p>\n<p>\u201eDer Deutsche gleicht dem Sklaven, der gehorcht ohne Fessel\u201d wird Heine zitiert. Und: \u201eIch betrachte mit Besorgnis diesen preu\u00dfischen Adler. Tief widerw\u00e4rtig ist mir das Preu\u00dfen\u201d, das er mit bei\u00dfender Ironie gei\u00dfelt als den \u201eTartuffe unter den Staaten\u201d, den Scheinheiligen. Freiheitsdurstig und s\u00fcchtig nach Leben flieht Heine vor preu\u00dfischer Zensur und Nachstellung, vor deutscht\u00fcmelnder Enge nach Frankreich, atmet in Paris die Luft freisinniger B\u00fcrgerlichkeit. Bald aber und f\u00fcr den Rest seines Lebens wird der Dichter bis ins Mark von Heimweh geplagt. Heimweh nach den R\u00e4umen seiner Kindheit, nach den rheinischen Landschaften, nach der \u201edeutschen Muse, der guten Dirne, die mich tr\u00f6stete\u201d.<\/p>\n<p>Dem Ach und Weh, der melancholischen Poesie Heines gibt das von Waltraud Heldermann eingerichtete B\u00fchnenprogramm mit aus kunstvoller Schlichtheit resultierender Eindringlichkeit breiten Raum. Vielleicht etwas zu breiten im Verh\u00e4ltnis zum politischen, giftigen, satirischen Zeitkritiker, den wir nicht minder lieben \u2013 und dessen wir heute wieder bed\u00fcrfen, weil er eine so wertvolle Haltung verk\u00f6rpert: Der vermeintlich vaterlandslose Geselle liebt sein Vaterland \u00fcber alle Ma\u00dfen. Und gerade deshalb sehnt er sich danach, dass die Heimat frei sein m\u00f6ge und keinem nationalen \u00dcberlegenheitswahn anh\u00e4nge. \u201eDer Rhein geh\u00f6rt mir!\u201d ruft der Dichter aus, will das Rheinland weder den Preu\u00dfen noch den Franzosen \u00fcberlassen \u2013 sondern allein freien Rheinl\u00e4ndern.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz\/Brohl. Das Rheinland gedenkt 2015 seiner Einverleibung ins K\u00f6nigreich Preu\u00dfen vor 200 Jahren als Folge der europ\u00e4ischen Neurordnung durch den Wiener Kongress. 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