{"id":732,"date":"2015-06-30T22:00:00","date_gmt":"2015-06-30T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/30\/die-oeffentliche-meinung-zu-griechenland-ist-mit-vorurteilen-durchsetzt\/"},"modified":"2015-06-30T22:00:00","modified_gmt":"2015-06-30T21:00:00","slug":"die-oeffentliche-meinung-zu-griechenland-ist-mit-vorurteilen-durchsetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/06\/30\/die-oeffentliche-meinung-zu-griechenland-ist-mit-vorurteilen-durchsetzt\/","title":{"rendered":"Die \u00f6ffentliche Meinung zu Griechenland ist mit Vorurteilen durchsetzt"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Es hat sich im Verlauf der Griechenlandkrise in der \u00f6ffentlichen Meinung hierzulande eine Hauptstr\u00f6mung verfestigt: Danach sind Regierungschef Alexis Tsipras und sein Parteienb\u00fcndis Syriza blo\u00df halbstarke Politdilettanten, verantwortungslose Dogmatiker und sowieso nicht mehr bei Trost. Danach h\u00e4tte die griechische Regierung aus schierem Trotz selbst die zuletzt gro\u00dfherzigsten Angebote von Gl\u00e4ubigern und EU leichtfertig abgelehnt. Danach w\u00fcrde nun am Sonntag das griechische Volk \u00fcber den Austritt aus dem Euro-Raum abstimmen.<\/p>\n<p>Dass und wie ein solches Meinungsbild zustande kommt, ist angesichts des verfahrenen Gangs der Dinge nachvollziehbar. Gleichwohl haftet ihm in seinem komplexen Furor eine gewisse Einseitigkeit, ja der Geruch des bewusst oder unbewusst gepflegten Vorurteils an. Es ist beispielsweise unzutreffend, dass die Griechen am Sonntag \u00fcber Verbleib oder nicht im Euro abstimmen. Das Referendum fragt vielmehr nach der Haltung des Hellas-Volkes zu den Bedingungen der Geldgeber. Dass dabei die Mitgliedschaft in der Euro-Zone zur Abstimmung st\u00fcnde, das ist eine einseitige, der Volksabstimmung von au\u00dfen \u00fcbergest\u00fclpte Interpretation der Geldgeber.<\/p>\n<p>Lassen wir einmal beiseite, ob Tsipras und sein Emiss\u00e4r Varoufakis klug oder dumm, entschlossen oder unversch\u00e4mt, als eigensinnige Realisten im Interesse ihres Volkes oder als Traumt\u00e4nzer verhandelt haben. Stellen wir uns ein kleines Szenario der Selbstbetroffenheit vor: Sie haben vom verstorbenen Onkel einen Handwerksbetrieb geerbt, den Sie weiterf\u00fchren wollen. Das Kleinunternehmen ist aber v\u00f6llig \u00fcberschuldet, weil, erstens, der Onkel und schon dessen Vater st\u00e4ndig \u00fcberm\u00e4\u00dfig Geld f\u00fcr privaten Luxus herausgezogen haben. Weil, zweitens, die Bank \u00fcber Jahrzehnte gro\u00dfz\u00fcgig und von der Verwandtschaft gern angenommene Kredite anbot; freilich gekn\u00fcpft an die Bedingung, bei mit der Bank verbandelten Firmen so allerhand einzukaufen, egal ob der Handwerksbetrieb das Zeug braucht oder nicht.<\/p>\n<p>Nun ger\u00e4t pl\u00f6tzlich die Bank in Schieflage, fordert die zuvor dem Onkel immer wieder gestundeten Kredite vom daran unschuldigen Erben zur\u00fcck. Sie k\u00f6nnen nicht bedienen, weshalb ein Konsortium aus staatlichen Stellen und anderen Banken ihnen ein Rettungsprogramm offeriert, mit dessen Hilfe sie den Schuldendienst f\u00fcr die urspr\u00fcnglichen Kredite leisten sollen. Mit dem Programm verbunden ist die Bedingung: die H\u00e4lfte Ihrer Handwerker entlassen, f\u00fcr die \u00fcbrigen den Lohn halbieren, Maschinen und Werkzeuge verkaufen (um sie nachher zu mieten) sowie einen vom Konsortium eingesetzten Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer akzeptieren, der k\u00fcnftig das Kommando \u00fcber Ihren Betrieb hat.<\/p>\n<p>Stellen Sie sich ferner vor, dass im Gegensatz zum Hallodri-Onkel f\u00fcr Sie als Jungunternehmer zu den wichtigsten Werten geh\u00f6rt, Ihren Handwerkern Lohn und Brot bei ordentlichen Arbeitsbedingungen zu geben. F\u00fcr genau diesen Wert aber interessiert sich das Konsortium nicht die Bohne. Die Geldgeber bestehen vielmehr darauf, ad hoc im Interesse des Schuldendienstes eine Betriebssanierung vorzunehmen, die die Besch\u00e4ftigten in Not st\u00fcrzt, jedoch keinerlei Perspektiven f\u00fcr eine gedeihliche Entwicklung beinhaltet.<\/p>\n<p>Zugegeben, das Modell ist nicht sehr realistisch. Denn besagten Handwerksbetrieb h\u00e4tten die Geldgeber alsbald als Verlust abgeschrieben. Gleichwohl macht das Modell die Situation nachvollziehbar, in der die griechische Regierung steckt. Und es k\u00f6nnte hilfreich sein, deren Agieren einmal unter diesem Blickwinkel zu bedenken. Man mag das Vorgehen von Tsipras und Co. dann noch immer f\u00fcr falsch oder ungeschickt halten. Vielleicht aber wird man es eher verstehen&nbsp; als verzweifelten Akt politischer Erben, die ausl\u00f6ffeln m\u00fcssen, was ihre korrupten Klientelvorg\u00e4nger dem Land eingebrockt haben. Und die dabei partou nicht dem hergebrachten Mechanismus internationaler Finanzpolitik folgen wollen oder k\u00f6nnen: Gewinne verteilen die Reichen unter sich, f\u00fcr Verluste werden die kleinen Leute in Haftung genommen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Es hat sich im Verlauf der Griechenlandkrise in der \u00f6ffentlichen Meinung hierzulande eine Hauptstr\u00f6mung verfestigt: Danach sind Regierungschef Alexis Tsipras und sein Parteienb\u00fcndis Syriza blo\u00df halbstarke Politdilettanten, verantwortungslose Dogmatiker und sowieso nicht mehr bei Trost. 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