{"id":727,"date":"2015-09-07T22:00:00","date_gmt":"2015-09-07T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/07\/endzeitstimmung-im-staate-daenemark\/"},"modified":"2015-09-07T22:00:00","modified_gmt":"2015-09-07T21:00:00","slug":"endzeitstimmung-im-staate-daenemark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/07\/endzeitstimmung-im-staate-daenemark\/","title":{"rendered":"Endzeitstimmung im Staate D\u00e4nemark"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Wiesbaden.<\/strong><\/em> Was die L\u00e4nge von Klassiker-Inszenierungen angeht, gibt es im Sprechtheater schon eine Weile zwei gegenl\u00e4ufige Abweichungen von der&nbsp; langj\u00e4hrigen Durchschnittsnorm zwei- bis dreist\u00fcndiger Abende. Da ist einerseits die Neigung zu radikaler Reduktion der St\u00fcckvorlage, wie unl\u00e4ngst etwa in Mainz erlebt mit einer 75-min\u00fctigen&nbsp; Eindampfung von Lessings \u201eMiss Sarah Sampson\u201d. Andererseits gibt es verst\u00e4rkt den Willen, die Vorlagen m\u00f6glichst umfassend auszuspielen, fast egal wie lange es dauert. Dieser Linie folgte jetzt Regisseur Nicolas Brieger bei Shakespeares \u201eHamlet, Prinz von D\u00e4nemark\u201d f\u00fcrs Staatstheater Wiesbaden: Vier Stunden und zehn Minuten dauert in Gro\u00dfen Haus die Inszenierung zur Er\u00f6ffnung der Spielzeit.<\/p>\n<p>Ein turmhohes Industrieunget\u00fcm dominiert die B\u00fchne, k\u00f6nnte mit den verschlungenen Rohrsystemen eine Raffinerie sein. Gewesen sein, muss man sagen. Denn die Maschinerie ist tot, verrostet von der Basis bis zur h\u00f6chsten Plattform und umgeben von Schrott gewordenen Zeugnissen ihrer einstigen Herrschaft: Autowracks, Stahlplatten, Abflussrohre zum Meer. Dessen steigender Spiegel droht, von Sandsackhaufen nur notd\u00fcrftig zur\u00fcckgehalten, als See auf der Vorderb\u00fchne die einst stolze Moderne bald vollends zu ers\u00e4ufen. Letztes, sp\u00e4rliches Gr\u00fcn erh\u00e4lt sich blo\u00df noch auf einem vorgelagerten Inselchen im Wasser.<\/p>\n<p>Wenn der umgehende Geist des vom Bruder ermordeten Altk\u00f6nigs die Lebenden ausrufen l\u00e4sst \u201eetwas ist faul im Staate D\u00e4nemark\u201d, \u00fcbersetzt sich das angesichts von Stefan Heynes Kulisse zu: Es geht zu Ende mit D\u00e4nemark \u2013 das hier stellvertretend steht f\u00fcr die ihre eigenen und der Menschheit Grundlagen vernichtende gro\u00dfindustrielle Wachstumsepoche. Es herrscht postmoderne&nbsp; Endzeitstimmung im Wiesbadener \u201eHamlet\u201d. Was Shakespeares Trag\u00f6die indes nicht anficht, denn sie handelt schlie\u00dflich von der ruchlosen Gier nach Macht und Reichtum sowie dem Leid, das daraus erw\u00e4chst. Final liegen alle Handelnden erschlagen, vergiftet, tot darnieder: Das passt.<\/p>\n<p>Weshalb Brieger das St\u00fcck ohne umdeutende Eingriffe auf fast konventionelle, aber handwerklich sorgf\u00e4ltig gearbeitete Weise laufen lassen kann. Dem Hamlet wird ein E-Gitarre spielender Horatio zur Seite gestellt (Nils Strunk), der dem Abend h\u00e4ufig dezent eine Note hoffnungsloser Melancholie beif\u00fcgt. Endzeit auch klanglich. Andrea Schmitt-Futterer hat das Personal mit Kost\u00fcmen vom Gesch\u00e4ftsanzug bis zum historisierenden Science-Fiction-Dress ausgestattet. Ansonsten aber ist das inhaltlich \u201eHamlet\u201d wie man ihn kennt \u2013 w\u00e4ren da nicht jene St\u00fcckteile, die kaum je zu sehen sind, weil sie \u00fcblicherweise im Dienste einer heute behaglichen Vorstellungl\u00e4nge weggek\u00fcrzt werden. (Am Rande bemerkt: Das Publikum zu Shakespeares Lebzeiten hatte im Londoner Globe meist noch deutlich l\u00e4ngere Auff\u00fchrungen im Stehen oder auf einfachen Holzb\u00e4nkenm sitzend genossen.)<\/p>\n<p>Diese Teile jetzt einmal ausgespielt zu erleben, ist f\u00fcr den Shakespeare-Liebhaber per se ein Freude. So etwa die wunderbare Passage der Probevorstellung von Wanderschauspielern vor Hamlet und Freunden. Die nutzt der 70-j\u00e4hrige Regisseur zugleich f\u00fcr einen Seitenhieb gegen Kollegen, die sich&nbsp; auf Schrei- und Provokationstheater kaprizieren oder zur Not auch mal blo\u00df die Zeitung spielen w\u00fcrden. Nun ja, der alte Streit.<\/p>\n<p>Schauspielerisch ist der Wiesbadener \u201eHamlet\u201d kein \u00dcberflieger, aber doch sehr ordentlich. Christian Erdt braucht in der Titelrolle ein bisschen Zeit, bis er sich aus schulm\u00e4\u00dfigem&nbsp; Emp\u00f6rungsgestus herausgerarbeitet hat. Danach gibt er ansehnlich einen jungen Mann, der sich verfangen hat im Geflecht aus vorget\u00e4uschtem Wahnsinn, tats\u00e4chlichem Wahn, Rachedurst und Unschl\u00fcssigkeit gegen\u00fcber den Lebensumst\u00e4nden. Ein Hingucker ist Tom Gerbers Interpretation des K\u00f6nigsm\u00f6rders, neuen K\u00f6nigs und neuen Gatten an der Seite von Hamlets Mutter: Fabelhaft changierend zwischen Arroganz, Jovialit\u00e4t, Heimt\u00fccke und Angst. Die Ophelia \u00fcbernahm kurz vor Premiere Janina Schauer von der erkrankten Barbara Dussler und stellt sie in teils ber\u00fchrender Verletztlichkeit auf verl\u00e4ssliche Beine. Ihr Vater Polonius wird bei Michael Birnbaum zu einem b\u00e4rigen Hofschranzen, von dem man nie wei\u00df ob seine geschw\u00e4tzige Narretei nicht klammheimliche Widerspenstigkeit ist.<\/p>\n<p>Zum Saisonstart also mehr als vier Stunden \u201eHamlet\u201d \u2013 die einem so lang gar nicht vorkommen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Wiesbaden. Was die L\u00e4nge von Klassiker-Inszenierungen angeht, gibt es im Sprechtheater schon eine Weile zwei gegenl\u00e4ufige Abweichungen von der&nbsp; langj\u00e4hrigen Durchschnittsnorm zwei- bis dreist\u00fcndiger Abende. Da ist einerseits die Neigung zu radikaler Reduktion der St\u00fcckvorlage, wie unl\u00e4ngst etwa in Mainz erlebt mit einer 75-min\u00fctigen&nbsp; Eindampfung von Lessings \u201eMiss Sarah Sampson\u201d. 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