{"id":725,"date":"2015-09-20T22:00:00","date_gmt":"2015-09-20T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/20\/mit-j-s-bach-durch-die-kalte-grossstadtnacht\/"},"modified":"2015-09-20T22:00:00","modified_gmt":"2015-09-20T21:00:00","slug":"mit-j-s-bach-durch-die-kalte-grossstadtnacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/20\/mit-j-s-bach-durch-die-kalte-grossstadtnacht\/","title":{"rendered":"Mit J.S. Bach durch die kalte Gro\u00dfstadtnacht"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz<\/strong><\/em>. Schmutzig-wei\u00df gekachelte W\u00e4nde. Daran ein paar gr\u00fcne Plastiksitze. Ein Besoffener torkelt umher. Eine Frau im Trenchcoat schaut unsicher her\u00fcber, ein Mann in Jeans und Schlabberjacket angewidert. In dieser tristen U-Bahn-Station sitzt im Eck ein Musikant mit seinem Akkordeon. Was spielt er? Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen; meisterlich, es klingt sonderbar und wunderbar zugleich. So beginnt am Staatstheater Mainz die erste Premiere der Tanzsparte in der neuen Spielzeit. \u201eSehnsucht, limited edition\u201d sind die 75 Minuten packenden Tanztheaters \u00fcberschrieben.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2014 vom belgischen Choreografen Koen Augustijnen f\u00fcrs Theater Oldenburg geschaffen, geh\u00f6rt das St\u00fcck noch zu den Mitbringseln der neuen Mainzer Intendanz von ihrer vorherigen Wirkungsst\u00e4tte. Was seinen betr\u00e4chtlichen Qualit\u00e4ten keinen Abbruch tut. Vier T\u00e4nzerinnen und zwei T\u00e4nzer schl\u00fcpfen in die Rollen von jungen, heutigen Leuten. Sie spielen also sich selbst, begegnen einander nachts in einer Durchgangsstation des Mobilit\u00e4tsnetzes der niemals zur Ruhe kommenden Gro\u00dfstadt.<\/p>\n<p>Der Betrunkene wird erster Angelpunkt ihrer Begegnung. Sein hilfloses Herumstolpern im Rausch durchbricht die gleichg\u00fcltige Vereinzelung, mit der man sich im urbanen Netz zu bewegen pflegt. Die Reaktionen auf ihn sind so verschieden wie die bald peu \u00e0 peu enth\u00fcllten Sehns\u00fcchte jedes Einzelnen: Wegschauen hier, Helfenwollen da, Angiften dort. Der andere, der n\u00fcchterne und starke Mann (Ruben Albelda Giner) rei\u00dft voller Verachtung den Trunkenen (Thomas van Praet) hoch, peitscht ihn unversehens in einen M\u00e4nnerwettstreit weit ausholender, kraftvoller Tanzpassagen.<\/p>\n<p>Damit beginnt das t\u00e4nzerische Faszinosum der Produktion: die frappierende Entwicklung tanzk\u00fcnstlerischen Ausdrucks aus allt\u00e4glichen Bewegungsmustern; die wechselseitige Durchdringung beider; was schlie\u00dflich zum Eindruck weitgehender Nat\u00fcrlichkeit auch des Tanzes f\u00fchrt. Die Kost\u00fcme von Pia Leong (auch B\u00fchne) unterstreichen diese Wirkung: Jeans, Hemden, T-Shirts, Stra\u00dfenschuhe, Jacken wie von dir und mir. Das Geschehen folgt darstellerisch und inhaltlich einem Wechselrhythmus von einerseits traurigen, melancholischen Elementen, aus denen andererseits ungeheuer wuchtige, zornige, verzweifelt explosive Momente herauswachsen; und umgekehrt.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Da ist das M\u00e4nnerpaar mit dem sehnlichen Kinderwunsch, zu dem sich eine leibhaftige Tai-Chi-Gruppe mit schwebenden, tr\u00f6stenden Bewegungen gesellt. Da flutet der Musikant (Philippe Thuriot) die Station pl\u00f6tzlich mit Tango-Rhythmen, zieht die Sechs in sinnliche Paarbildungen. Damit beginnt zugleich eine Trag\u00f6die der Eifersucht und des sich im Heute nicht mehr zurechfindenden Machismo. Dann wieder probiert Amy Josh die eigene Dankesrede f\u00fcr den Gewinn eines Oscars \u2013 M\u00e4dchentr\u00e4ume. Gleich drauf verliert sich der ambitionierte Gesang von Gili Govermann in ungl\u00fccklichem Heulen und Wimmern \u2013 zerstiebende Hoffnungen auf die Superstar-Challange.<\/p>\n<p>Die Gruppe getrieben durchs Wechselbad der Gef\u00fchle: Mal in w\u00fctender Rhythmik den kalten urbanen Untergrund mit M\u00e4nteln peitschend, mal sich in jugendlicher Ausgelassenheit zum turbulenten Spa\u00df-Schwof aus Folktanz, Ballett, Pop vereinend. Im Zentrum der Sehns\u00fcchte aller wird bald diejenige nach N\u00e4he, Gemeinschaft, Freundschaft, Liebe erkennbar. Alessandra Corti und Bojana Mitrovic versuchen zur Erf\u00fcllung den Weg \u00fcber enthemmten Sex mit sich selbst, miteinander, mit anderen. Doch die im Tanz metaphorische, schauspierlerisch teils drastische Darstellung enth\u00fcllt Vergeblichkeit: Ohne Herz bleibt auch des Leibes Erhitzung schal.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck endet, wie Bachs Musik, voller Hoffnung. Das Ensemble findet zur frohen Tanz- und Freundesgemeinschaft, verabschiedet sich dann an der Rampe stille stehend mit warmem Singen und Summen in volkst\u00fcmlichem Choralton. Die Nacht in der kalten U-Bahn-Station verliert ihre Schrecken.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. Schmutzig-wei\u00df gekachelte W\u00e4nde. Daran ein paar gr\u00fcne Plastiksitze. Ein Besoffener torkelt umher. Eine Frau im Trenchcoat schaut unsicher her\u00fcber, ein Mann in Jeans und Schlabberjacket angewidert. In dieser tristen U-Bahn-Station sitzt im Eck ein Musikant mit seinem Akkordeon. Was spielt er? Johann Sebastian Bach, Goldberg-Variationen; meisterlich, es klingt sonderbar und wunderbar zugleich. 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