{"id":724,"date":"2015-09-27T22:00:00","date_gmt":"2015-09-27T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/27\/das-schwerste-zuerst-faust-ii\/"},"modified":"2015-09-27T22:00:00","modified_gmt":"2015-09-27T21:00:00","slug":"das-schwerste-zuerst-faust-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/27\/das-schwerste-zuerst-faust-ii\/","title":{"rendered":"Das Schwerste zuerst: Faust II"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Koblenz.<\/strong><\/em> Am geschlossenen Eisernen Vorhang des Theaters Koblenz h\u00e4ngt ein schn\u00f6des Pappschild mit der Aufschrift \u201eIst gerettet!\u201d. Mit diesem Anfangsbild kn\u00fcpft jetzt die Inszenierung von Goethes \u201eFaust \u2013 Der Trag\u00f6die zweiter Teil\u201d an den Schluss des ersten Teils an. Dort rief die sterbende Grete aus \u201eHeinrich! Mir graut&#8217;s vor dir.\u201d, darauf feixte der Teufel \u201eSie ist gerichtet!\u201d, dann aber widersprach ihm eine Stimme von oben \u201eIst gerettet!\u201d. Nun zerrei\u00dft Mephisto w\u00fctend den Karton, schmei\u00dft den darob emp\u00f6rten Dr. Faust brutal auf den Boden \u2013 von wo aus dieser in feiner Klassikbetonung die Verse seines gro\u00dfen Eingangsmonologes zu Faust II rezitiert.<\/p>\n<p>Derart beginnt ein mit zwei Stunden und 50 Minuten bei diesem St\u00fcck erstaunlich kurzer Abend. Das weitschweifige, gelehrte, beredte Goethe&#8217;sche Sp\u00e4twerk wird allgemein sehr selten gespielt, denn viele Theatermacher halten es f\u00fcr sperrig, f\u00fcr dramaturgisch undankbar, gar f\u00fcr heute unspielbar. Doch Intendant Markus Dietze wollte seinem ambitioniert modernisierten Faust I von 2013 unbedingt auch den Faust II folgen lassen. Weshalb jetzt \u2013 eine Seltenheit in der Theaterlandschaft \u2013 in Koblenz beide Teile auf dem Spielplan stehen, letzterer inszeniert von Christian Schl\u00fcter.<\/p>\n<p>Der noch immer verj\u00fcngte Dr. Faust hat sich von der Gretchen-Trag\u00f6die erholt, oder sie verdr\u00e4ngt. Weiter entschlossen, zum \u201eh\u00f6chsten Dasein immerfort zu streben\u201d, setzt er seine Reise an der Seite des Mephisto fort. Jetzt geht es in die richtig gro\u00dfe Welt hinaus, l\u00e4sst Goethe seine beiden Hauptfiguren schier die gesamte abendl\u00e4ndische Zivilisation abschreiten, kritisch beleuchten und Einfluss darauf nehmen. Was im Original eine Folge zahlreicher symbolischer Szenen ist, die auch tief eindringen in die antike Mythologie, reduziert Schl\u00fcter auf eine handvoll Elemente.<\/p>\n<p>\u00dcber die Auswahl lie\u00dfe sich streiten. Warum etwa heute, just im Zeitalter der Gentechnik und Robotik, die Episoden rund um den im Reagenzglas kreierten Humunculus gestrichen sind, bleibt unverst\u00e4ndlich. Stattdessen besteht die Inszenierung auf ausf\u00fchrlichem Ausspielen der trojanischen&nbsp; Begebenheiten mit recht lachhafter Dienerinnen-Choreografie zu sehr sehr langem Monologisieren der von Dorothee Lochner in gekonnter, aber irritierender Unschuldssch\u00f6nheit ausgeformten Helena.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt zeigt die Inszenierung wenig Interesse an den bei Goethe massig angelegten M\u00f6glichkeiten zur Beleuchtung unserer Gegenwart. Zwar gibt es in Koblenz etliche moderne und comedyartige Elemente \u2013 von der Technofete im kaiserlichen Garten bis zur b\u00e4rtigen Frau mit Freiheitsstatuen-Krone (Jana Gwosdek lieblich bis wuchtig renitent) als Sohn von Helena und Faust. Auch wird der Publikumsraum von den Seitenlogen \u00fcber den Parkett-Mittelgang bis zur F\u00fcrstenloge mitbespielt (Ausstattung Lena Thelen\/Jochen Schmitt).<\/p>\n<p>Das und die vielf\u00e4ltig variierende Nutzung von Haupt- und Vorderb\u00fchne nebst Dreh- und Hubtechnik schafft eindrucksvolle Bilder. Die aber bleiben \u00e4u\u00dferlich \u2013 weil letztlich keine Regieidee erkennbar wird, die den Abend im Innersten zusammenh\u00e4lt. In summa haben wir es blo\u00df zu tun mit opulenter Bebilderung ausgew\u00e4hlter Momente aus Faust II. Hochl\u00f6blich, dass h\u00f6rbar sehr intensiv an der Sprechkultur des 13-k\u00f6pfigen Ensembles gearbeitet wurde. Allerdings fallen die Versbetonungen nun so brav klassisch aus, dass sich die Protagonisten \u00fcber manche Strecke in einem Sprechkorsett der Vor-Gr\u00fcndgens-Zeit gefangen finden.<\/p>\n<p>Bemerkenswert, welche schauspielerischen Leistungen auf dieser Grundlage dennoch erzielt werden. Herauszuheben sind der Mephisto von Jona Mues und der Kaiser von Marcel Hoffmann. Ersterer stark im Jonglieren mit Zynismus, Keckheit, Entnervung, Zorn, schlie\u00dflich Verzweiflung. Letzterer umwerfend bei seinem gro\u00dfen Schuld-Monolog am Ende des Krieges. Hervorzuheben sind auch die beiden F\u00e4uste: David Prosenc als junger zwischen explosiver Nervosit\u00e4t und Aufs\u00e4ssigkeit gegen den Teufel; Georg Marin als alter, von wissender Blindheit gegen\u00fcber dem Leid, das er mit seinem technischen Modernisierungwahn \u00fcber die Menschen bringt.<br \/>\nMephisto wird am Ende trotz Teufelspakt um seinen Lohn betrogen. Die Seele des Faust kriegt er nicht. Da sind eine Schar wei\u00dfer Engel (Statisterie) im Spiel und riesige betende H\u00e4nde, die von der Decke h\u00e4ngen. Was da genau vor sich geht, bleibt unklar \u2013 wie so manches bei dieser dennoch kr\u00e4ftig beklatschten, aber m\u00e4\u00dfig besuchten Premiere.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz. Am geschlossenen Eisernen Vorhang des Theaters Koblenz h\u00e4ngt ein schn\u00f6des Pappschild mit der Aufschrift \u201eIst gerettet!\u201d. Mit diesem Anfangsbild kn\u00fcpft jetzt die Inszenierung von Goethes \u201eFaust \u2013 Der Trag\u00f6die zweiter Teil\u201d an den Schluss des ersten Teils an. Dort rief die sterbende Grete aus \u201eHeinrich! 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