{"id":723,"date":"2015-10-04T22:00:00","date_gmt":"2015-10-04T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/04\/im-badeshaus-des-doktor-frankenstein\/"},"modified":"2015-10-04T22:00:00","modified_gmt":"2015-10-04T21:00:00","slug":"im-badeshaus-des-doktor-frankenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/04\/im-badeshaus-des-doktor-frankenstein\/","title":{"rendered":"Im Badeshaus des Doktor Frankenstein"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Koblenz.<\/strong><\/em> Vorhang auf, und wir erkennen\u2026 Ja, was eigentlich? R\u00e4tselraten zieht sich durch den&nbsp; ersten Teil des neuen Ballettabends von Steffen Fuchs am Theater Koblenz. Im zweiten Teil von \u201eDie 28 Jahreszeiten\u201d gibt es dann stattdessen Sch\u00f6nes zu betrachten. Obwohl unter einer \u00dcberschrift stehend und zu Werken desselben zeitgen\u00f6ssischen Komponisten, Max Richter, choreografiert, handelt es sich um zwei v\u00f6llig eigenst\u00e4ndigen Arbeiten: vorweg zum Musikst\u00fcck \u201e24 postcards in full colour\u201d (vom Band) frei assoziatives Tanztheater, hernach zu \u201eThe four seasons recomposed\u201d (live) neoklassisches Ballett.<\/p>\n<p>Raten wir also, was es im Anfangsteil zu sehen gibt. Von dieser Welt ist es nicht. Konstanze Grotkopp hat eine B\u00fchne gebaut, die an ein Hallenbad erinnert, doch sind die Kacheln schwarz und steht im leeren Becken eine Badewanne. In selbiger windet sich ein seltsam&#8216; Wesen (Arkadiusz Glebocki), halb Mensch, halb schwarzh\u00e4utiges Monster mit wei\u00dfen Beulen auf dem R\u00fccken. Mag sein, das ist der Homunculus, der im Koblenzer \u201eFaust II\u201d nicht auftreten darf. Hier hei\u00dft er Frank; den Namen teilt er sich mit vier anderen in der d\u00fcsteren Badehaus-Gesellschaft.<\/p>\n<p>Frank nach Frankenstein, also Dr. Frankensteins Gesch\u00f6pfe? Die Assoziation liegt nahe, denn es stehen, schreiten, schleichen, zucken, kriechen, geistern da Klon-Zwillinge (Clara J\u00f6rgens, Rory Stead) und eine vermenschlichte Laborh\u00e4sin (Kaho Kishinami) um das Wannenmonster. Von einem erh\u00f6hten Gang hinter Milchglas steigt bald ein weiterer Frank hinzu. Im Stutzer-Outfit mit wei\u00dfen Handschuhen k\u00f6nnte das der Meister selbst sein. Zumindest bringt sein Erscheinen einiges durcheinander: So verbandelt er sich mit dem einen Zwilling, was beim andern zu zornig-frustriertem Gepolter f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Den Wechseln von Richters 24 sehr unterschiedlichen Musikminiaturen folgend, richtet sich die Aufmerksamkeit auf wechselnde Aktionen wechselnd hervorgehobener Akteure. Allerdings: Was zu h\u00f6ren ist, motiviert selten Ausbr\u00fcche aus einer darstellerischen Grundatmosph\u00e4re sich meist wie in Trance dahinschleppender Vieldeutigkeit. Was will die uns sagen? Keine Ahnung. Jeder muss wohl seine eigene Deutung finden. Tanztechnisch sind die Herausforderungen niedrig \u2013 und hat das Koblenzer Ballett zu den gegenw\u00e4rtigen H\u00f6hen modernen Ausdrucks jenseits der Neoklassik noch ein gutes Wegst\u00fcck vor sich.<\/p>\n<p>Anders im zweiten Teil zu Richters Neufassung von Vivaldis \u201eVier Jahreszeiten\u201d. Da f\u00fchlen sich Choreograf und Compagnie sichtlich zuhause &#8211; fabelhaft unterst\u00fctzt von der Rheinischen Philharmonie unter Leslie Suganandarajah mit Chuanru He an der Solovioline. W\u00e4hrend Ami Watanabe, Alexey Lukashewitsch und Michael Waldrop in fast klassischer Strenge \u2013 mit einigen humorigen Einsprengseln \u2013 dem St\u00fcck vage Momente einer Rahmenhandlung mitgeben, bleibt das Auge des genauen Betrachters immer wieder an einer T\u00e4nzerin im Hintergrund h\u00e4ngen: Clara J\u00f6rgens. Letzte Saison nach Koblenz gekommen, gefiel sie im ersten Teil als einer der Zwillinge, tanzt jetzt als Gleiche unter Gleichen die bunte Folge oft trefflich die musikalischen Stimmungen aufgreifender Formationen mit.<\/p>\n<p>An Kost\u00fcm, Maske, Haartracht l\u00e4sst sie sich nicht erkennen, denn die sind einheitlich f\u00fcr alle. Identifizierbar wird sie an ihrer Art, jeder Bewegung echte Seele mitzugeben. Das sahen wir hier&nbsp; zuletzt bei Iskra Stoyanova und mehr noch bei Irina Golovatskaia. Diese wunderbare Eigenart steckt bei J\u00f6rgens noch in den Anf\u00e4ngen, wird hier leider auch durch einige technische Schw\u00e4chen \u00fcberdeckt. Aber damit ist sie nicht allein: Die weithin starke Choreografie des zweiten Teils krankt bei der Premiere allgemein an zu vielen kleinen Patzern, Ungenauigkeiten, Betulichkeiten.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz. Vorhang auf, und wir erkennen\u2026 Ja, was eigentlich? R\u00e4tselraten zieht sich durch den&nbsp; ersten Teil des neuen Ballettabends von Steffen Fuchs am Theater Koblenz. Im zweiten Teil von \u201eDie 28 Jahreszeiten\u201d gibt es dann stattdessen Sch\u00f6nes zu betrachten. 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