{"id":721,"date":"2015-10-06T22:00:00","date_gmt":"2015-10-06T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/06\/kafkas-prozess-als-koerperbetontes-theaterspiel\/"},"modified":"2015-10-06T22:00:00","modified_gmt":"2015-10-06T21:00:00","slug":"kafkas-prozess-als-koerperbetontes-theaterspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/06\/kafkas-prozess-als-koerperbetontes-theaterspiel\/","title":{"rendered":"Kafkas &#8222;Prozess&#8220; als k\u00f6rperbetontes Theaterspiel"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz.<\/strong><\/em> Im Rahmen der schon etliche Jahre w\u00e4hrenden Mode, nicht f\u00fcrs Theater geschriebene Literatur f\u00fcr die B\u00fchne zu adaptieren, gibt es derzeit eine Franz-Kafka-Welle. Schon letzte Saison wurde vielerorts manches von ihm theatralisiert. In dieser Spielzeit bringt Wiesbaden ein Kafka-Projekt heraus, Kaiserlautern den \u201eBericht f\u00fcr eine Akademie\u201d und Bonn \u201eDas Schloss\u201d. Den Anfang machte eben das Staatstheater Mainz mit einer ungew\u00f6hnlichen Umsetzung des Romans \u201eDer Prozess\u201d.<\/p>\n<p>Besser passt eigentlich die Bezeichnung Choreografie f\u00fcr das, was da knapp zwei Stunden \u00fcber die B\u00fchne geht. Und man h\u00e4tte den Abend statt mit Schauspielern, auf den meisten Positionen fast ebenso gut mit Mitgliedern der Tanztheater-Sparte besetzen k\u00f6nnen. Denn dominantes Element sind hier K\u00f6rperspiel, Bewegungsinzenierung, Formationsanordnung, Pantomime. Das war beim Gastregisseur Jakob Ahlbom zu erwarten: Der Niederl\u00e4nder h\u00e4ngt einer Spielrichtung an, bei der dem Sprechtheater das Reden schon mal ausgetrieben und durch pure K\u00f6rpersprache ersetzt wird. So weit kann er bei Kafkas \u201eProzess\u201d nat\u00fcrlich nicht gehen. Gleichwohl ist das optische Geschehen in seiner Inszenierung von immenser Bedeutung.<\/p>\n<p>Wir erinnern uns der Story: Josef K. wird verhaftet; ein undurchbarer Gerichtsapparat macht ihm den Prozess; der ohnm\u00e4chtig in diesem Justizmonstrum zappelnde Angeklagte erf\u00e4hrt aber nie wof\u00fcr, wogegen und warum; am Ende wird er schuldig gesprochen und stirbt. Die B\u00fchne ist in Mainz&nbsp; nfangs verschlossen von einer in konzentrisch immer kleiner werdenden Rechtecken gegliederten Wand. Zum Klackern einer Schreibmaschine wird darauf der ber\u00fchmte erste Satz des Romans projiziert: \u201eJemand muss Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas getan h\u00e4tte, wurde er eines morgens verhaftet.\u201d Dann \u00f6ffnet sich mittig ein Fenster, gerade so breit, dass man den vermeintlichen Delinquenten zu Bette liegen sieht; gerade so hoch, dass hinter ihm die K\u00f6rper jener grau gekleideten M\u00e4nner erkennbar sind, die ihn festnehmen.<\/p>\n<p>Rechteck um Rechteck \u00f6ffnet sich \u2013 den B\u00fchnenraum bald vertiefend, bald verk\u00fcrzend \u2013 besagte Wand. Mal flimmern Paragraphen-Symbole sich bedrohlich vergr\u00f6\u00dfernd \u00fcber die R\u00e4nder, mal Zahlenkolonnen; markieren so hier das Gericht, dort die Bank, in der Josef K. stumpfer Besch\u00e4ftigung nachgeht (B\u00fchne: Katrin Bombe). Grau sind alle Kollegen, grau sind alle Justizbeamte, grau ist auch die Titelfigur. Der gibt Sebastian Brandes trefflich erst ein emp\u00f6rtes Bestehen auf Rechtsstaatlichkeit mit, das Zug um Zug in Verzweiflung, schlie\u00dflich in v\u00f6llige Kraftlosigkeit \u00fcbergeht.<\/p>\n<p>Unter den Bankern und Beamten sieht mancher aus wie Josef K., als w\u00e4ren&#8217;s Klone von ihm. Damit \u00f6ffnet die Regie das Spektrum der Interpretationm\u00f6glichkeiten weit, verweist auch auf die Deutung, das Gerichtsmonster sei Metapher f\u00fcr das psychotische Seelenlabyrinth Josefs, also Kafkas. Grau in grau die Gruppen, die sich vom vormaligen Bank-Kollegen abwenden, die im Gerichtsaal auf ihn eindringen, die als urbane Menschenmasse ihn \u00fcberrollen. Farbtupfer bringen nur jene drei jungen, dem Sex nie abgeneigte Frauen ins Spiel, mit denen Josef K. aber kein Gl\u00fcck hat \u2013 weil auch sie ins Gerichtssystem verwoben sind.<\/p>\n<p>Was Ahlbom da inszeniert hat, macht Kafkas Roman in passender Surrealit\u00e4t, aber auf schl\u00fcssige und erstaunlich sinnliche Weise begreifbar. Es gibt manch \u00dcberraschendes zu sehen, das wom\u00f6glich&nbsp; Aspekte erhellt, die einem bei der Lekt\u00fcre verschlossen blieben. Eines aber kriegt das Theater nicht hin: jene Beklemmung, die den einsamen Leser des Romans \u00fcberkommt.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. Im Rahmen der schon etliche Jahre w\u00e4hrenden Mode, nicht f\u00fcrs Theater geschriebene Literatur f\u00fcr die B\u00fchne zu adaptieren, gibt es derzeit eine Franz-Kafka-Welle. 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