{"id":720,"date":"2015-09-27T22:00:00","date_gmt":"2015-09-27T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/27\/aufruehrender-start-in-die-koblenzer-klassiksaison\/"},"modified":"2015-09-27T22:00:00","modified_gmt":"2015-09-27T21:00:00","slug":"aufruehrender-start-in-die-koblenzer-klassiksaison","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/27\/aufruehrender-start-in-die-koblenzer-klassiksaison\/","title":{"rendered":"Aufr\u00fchrender Start in die Koblenzer Klassiksaison"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Koblenz.<\/strong><\/em> Gro\u00dfes Aufgebot auf der B\u00fchne: die Rheinische Philharmonie in Vollbesetzung, erweitert noch um einige Kollegen des Staatsorchesters Mainz. Gro\u00dfe Kulisse im Saal: die Koblenzer Rhein-Mosel-Halle vollends ausverkauft; im Auditorium auch 116 Neulinge in der heuer auf 893 angewachsenen Abonnentenschar des Musik-Instituts. Dessen Reihe der Anrechtskonzerte startete am Wochenende im 207. Jahr nach Institutsgr\u00fcndung in die Saison 2015\/16 \u2013 der eine Besonderheit anhaftet: Es ist die letzte von Daniel Raiskin als Chefdirigent des Koblenzer Staatstorchesters. Mitte 2016 beendet er nach dann elf Spielzeiten sein Amt auf eigenen Wunsch.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Das von ihm zusammengestellte und dirigierte Abendprogramm hat es in sich: drei gro\u00dfformatige russische Werke. Zum Anfang eines der wohl ruppigsten Orchesterst\u00fccke des mittleren 19. Jahrhunderts: \u201eJohannisnacht auf dem Kahlen Berge\u201d in der 1867er Originalfassung von Mussorgski. Zum Schluss die wohl brachialste&nbsp; Ballettmusik des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts: Strawinskys \u201eLe Sacre du printemps\u201d. Und zwischen den beiden jeweils zu ihrer Zeit kulturrevolution\u00e4ren Werken erklingt das popul\u00e4re 1. Klavierkonzert von Tschaikowski.<\/p>\n<p>Nikolai Rimski-Korsakow hatte die nach damaligen Ma\u00dfst\u00e4ben schiere Formlosigkeit und w\u00fcste Dramatik von Mussorgskis Fantasmagorie eines Hexensabbats derart erschreckt, dass er das Werk nach dem Tode seines Sch\u00f6pfers geh\u00f6rig \u00fcberarbeitete. Vor allem in dieser gegl\u00e4tteten Fassung fand es Aufnahme ins Konzertrepertoire. Nun die ungeb\u00e4rdige Schroffheit des Originals mit aufeinanderprallenden Motiven, einander jagenden Rhythmen und Klangebenen bis hin zu gewagten Dissonanzen zu h\u00f6ren, ist ein Erlebnis, und deren Realisation eine Herausforderung f\u00fcrs Orchester.<\/p>\n<p>Die Souver\u00e4nit\u00e4t, mit der die Rheinische die scharfkantigen Klippen nimmt, ist frappierend. Schon nach wenigen Takten wird klar: Der Klangk\u00f6rper musiziert an diesem Abend in Glanzform. Die Reihen der Register geschlossen, die Bogenstriche der Geigen auch sichtbar in pr\u00e4zisem Gleichklang, Bl\u00e4serb\u00e4nke und Schlagwerk unter konzentrierter Hochspannung. Kaum etwas geht fehl; noch im dicksten Klangfuror, im rasendensten Rhythmus-Geknuddel herrscht spieltechnische Klarheit und also klanglicher Zauber.<\/p>\n<p>Insofern kann das Anfangsst\u00fcck als idealer Aufw\u00e4rmer f\u00fcr den Schlussteil des Konzerts gelten. Denn was Mussorgski Musikern und H\u00f6rern abverlangt, kehrt bei Strawinskis \u201eFr\u00fchlingsopfer. Bilder aus dem heidnischen Russland\u201d in mehrfach verst\u00e4rkter, modernerer, schwierigerer Form wieder. Das Orchester l\u00f6st auch diese Aufgabe bravour\u00f6s: gro\u00df, aber klar im Bombast; wunderbar abgestuft auch die weitesten dynamischen Entwicklungsb\u00f6gen, von Raiskin mit kr\u00e4ftigem Schlag sicher durch die Labyrinthe sprunghaft wechselnder und gebrochener Ryhthmen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Ballettfreunde im Saal haben zu dieser Musik jetzt Bilder von Pina Bausch&#8216; legend\u00e4rer Tanzchoreografie aus dem Jahr 1975 vor dem inneren Auge. Auch dies war eine Revolution der Tanzkunst. Freilich eine kleine, verglichen mit der Urauff\u00fchrung von Strawinskys Musik zu Nijinskis Ballett 1913 in Paris. Die l\u00f6ste nicht nur einen gewaltigen Skandal aus, sondern wird im Nachhinein als das Ende der Romantik in beiden Kunstsparten gedeutet.<\/p>\n<p>W\u00e4re noch zu sprechen vom im Vergleich eigentlich fast gesetzten Klavierkonzert von Tschaikowski dazwischen. Doch welch ein Zusammenzucken, da der 31-j\u00e4hrige Pianist Boris Giltburg die ber\u00fchmten Akkordfolgen der ersten Takte als Donnerschl\u00e4ge aus dem Fl\u00fcgel h\u00e4mmert. Wie dereinst Glen Gould mit gekr\u00fcmmten Schultern tief \u00fcber die Tastatur gebeugt, bleibt er auch im Weiteren \u00fcberwiegend bei einem zupackenden, markanten Anschlag. Das macht ein kristallklares, frisches und die Virtuosit\u00e4t des in Russland geborenen Israelis wunderbar durchh\u00f6rbares Klangbild. Das Wechselspiel mit der Rheinischen ist hinrei\u00dfender Passgenauigkeit, wobei Raiskin immer wieder der Sch\u00e4rfe des Klaviers eine bewusst gew\u00e4hlte Weichheit des Orchesterklangs zur Seite stellt. Langer, kr\u00e4ftiger Beifall hier wie am Ende des Abends unterstreichen: ein Spielzeitstart von hohem Rang.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz. 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