{"id":718,"date":"2015-10-02T22:00:00","date_gmt":"2015-10-02T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/02\/daniel-raiskins-letzte-koblenzer-saison\/"},"modified":"2015-10-02T22:00:00","modified_gmt":"2015-10-02T21:00:00","slug":"daniel-raiskins-letzte-koblenzer-saison","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/02\/daniel-raiskins-letzte-koblenzer-saison\/","title":{"rendered":"Daniel Raiskins letzte Koblenzer Saison"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Koblenz. <\/strong><\/em>Mitte 2016 endet Daniel Raiskins dann elf Jahre w\u00e4hrende Zeit an der Spitze des Staatsorchesters Rheinischen Philharmonie. Ich sprach mit dem scheidenden Chefdirigenten \u00fcber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft<\/p>\n<p><!--break--><\/p>\n<p><em>ape:<br \/>\nHerr Raiskin, sie gehen nun in ihre letzte Saison mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Im Fr\u00fchsommer 2016 endet dann nach elf Spielzeiten ihr Engagement als Chefdirigent in Koblenz. Wie f\u00fchlt man sich denn beim Eintritt in eine solche Schluss- oder Abschiedsphase?<\/em><\/p>\n<p>Raiskin:<br \/>\nEigentlich sehr gl\u00fccklich. Nicht etwa, weil es bald zu Ende ist, sondern weil es so lange dauern durfte. Genau genommen ist meine Beziehung zu diesem Orchester sogar noch ein Jahr l\u00e4nger, denn wir sind uns erstmals begegnet im November 2004 bei Proben zu einem Projekt. Damals entstand sofort gegenseitiger Respekt und der Wunsch, mehr miteinander zu machen. Seit dieser Zeit hatten wir einen sehr intensivem Kontakt. Also wird die Verbindung schlie\u00dflich zw\u00f6lf Jahre bestanden haben. Das empfinde ich auch deshalb als Gl\u00fcck, weil es heute eher selten ist, dass Dirigenten mehr als f\u00fcnf bis sieben Jahre bei einem Orchester bleiben. Ich selbst komme aus einem Musikmilieu, in dem sich Dirigenten oft 30 und mehr Jahre mit einem Orchester verbunden haben.<\/p>\n<p><em>Demnach wird ihnen der Abschied nicht ganz leicht fallen?<\/em><\/p>\n<p>Nein. Denn es ist der Abschied aus einer Beziehung, die \u2013 trotz naturgem\u00e4\u00df gelegentlicher Spannungen bei der Arbeit \u2013 von Harmonie gepr\u00e4gt war. Und die musikalisch sehr viel bewegen konnte, in unserer letzten Spielzeit auch noch bewegen wird.<\/p>\n<p><em>Mancher Musikfreund hier hat noch nicht recht verstanden, warum sie ihr Amt in Koblenz \u00fcberhaupt aufgeben. Schlie\u00dflich m\u00fcssten sie nicht gehen. Erkl\u00e4ren sie uns noch einmal kurz ihre Beweggr\u00fcnde, den Vertrag nicht zu verl\u00e4ngern.<\/em><\/p>\n<p>Ich bin auch Pragmatiker und werde lieber vermisst als weggew\u00fcnscht. Das bringt zwar das Risiko mit sich, dass man vielleicht etwas zu fr\u00fch geht. Was aber allemal besser ist, als deutlich zu sp\u00e4t. Sie m\u00f6gen es Intuition nennen; ich hatte jedenfalls das Gef\u00fchl, die Zeit sei reif f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung \u2013 bevor wom\u00f6glich irgendwelche Umst\u00e4nde eintreten, die das ganze Gl\u00fcck dieser zw\u00f6lf Jahre verderben k\u00f6nnten. Mir war und ist es wichtig, diese \u00c4ra, die Orchester, Publikum, Stadt, Land und ich gemeinsam bew\u00e4ltigt haben, so abzuschlie\u00dfen, dass man sich schweren Herzens voneinander trennt, doch vielleicht bald im Konzertsaal wieder einmal gerne treffen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><em>Auch wenn sie noch andauert, lassen sie uns dennoch einen kleinen R\u00fcckblick auf ihre Koblenzer Phase werfen. Die war ja nicht immer ruhig, sorglos, einfach. Als sie kamen, wirkte der Streit um die Orchesterstruktureform noch nach. Sie haben hier einige Intendantewechsel erlebt und hatten es ingesamt mit sieben verschiedene Intendanten zu tun: drei im eigenen Haus, zwei im Stadttheater, zwei beim Musik-Institut. Dazu die schwere Zeit als die Rhein-Mosel-Halle nicht fertig werden wollte. War Koblenz f\u00fcr sie besonders schwierig?<\/em><\/p>\n<p>(lachend): Herr Pecht, es k\u00f6nnte ja fast der Eindruck entstehen, ich h\u00e4tte sieben Intendanten verschlissen. Ein so grantiger Kerl ist der Raiskin nun auch wieder nicht. Aber im Ernst: Koblenz war f\u00fcr mich nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig schwierig. Sagen wir so: F\u00fcr manchen der besagten Intendantenwechsel war einfach die Zeit reif. Herr Wegeler hat das Musik-Institut lange und leidenschaftlich gef\u00fchrt, dann aber aus Altersgr\u00fcnden entschieden, das Staffelholz an die n\u00e4chste Generation weiterzugeben. Wir m\u00f6gen einander, auch wenn, wie sie sich denken k\u00f6nnen, es zwischen zwei so leidenschaftlichen Pers\u00f6nlichkeiten bisweilen funkte. Doch letztlich siegte immer der Respekt voreinander und die gemeinsame Liebe zur Musik. Seinem Nachfolger Dr. Theissen kann gar nicht genug gedankt werden, dass er im ersten Jahr des Umbaus der Rhein-Mosel-Halle diese bemerkenswerte Konzertreihe in der Sporthalle Oberwerth erm\u00f6glichte. Andernfalls h\u00e4tte die sinfonische Kultur hier einen herben Schlag erlebt<\/p>\n<p>Der Wechsel im G\u00f6rreshaus von Herrn Neumann zu Herrn Lefers war fast zwangsl\u00e4ufig und best\u00e4tigte meine und die Einsch\u00e4tzung vieler, dass die Doppelintendanz Ludwigshafen\/Koblenz ein Unding war. Zur gleichen Zeit br\u00f6ckelte auch das ebenfalls im Zuge der Orchesterstrukturreform eingef\u00fchrte Konzept der Inneren Kooperation zwischen den drei rheinland-pf\u00e4lzischen Staatsorchestern. Dieses Kind war einfach schon krank geboren. Ich glaube man sieht das im Ministerium inzwischen \u00e4hnlich.<\/p>\n<p><em>Werfen wir einen Blick auf die Entwicklung, die das Koblenzer Orchester unter ihrer \u00c4gide genommen hat. Aus Sicht des Chefdirigenten: Welches sind die markantesten Ver\u00e4nderungen, die erreicht worden sind?<\/em><\/p>\n<p>Ganz wichtig war f\u00fcr mich, und das haben wir wohl auch erreicht: das Selbstbewusstsein des Orchesters hinsichtlich seiner eigenen M\u00f6glichkeiten zu st\u00e4rken. Denn das habe ich selbst als Orchestermusiker gelernt: Ein Klangk\u00f6rper ist genau so gut, wie er glaubt, sein zu k\u00f6nnen; egal welcher Dirigent vorne steht. Das Leistungsminimum sollte so hoch sein, dass das Orchester quasi aus sich selbst heraus dahinter nicht zur\u00fcckf\u00e4llt. Auf dieser Basis k\u00f6nnen Dirigent und Orchester dann in gemeinsamer Begeisterung manchen Gipfel erklimmen. Jeder Musiker kommt gern zum Dienst und arbeitet hart, wenn er wei\u00df wof\u00fcr. Es geh\u00f6rt zur Selbstw\u00fcrde aller, dass sich keiner Nachl\u00e4ssigkeiten erlaubt, die das Gesamtergebnis st\u00f6ren. Ich glaube, das ist gelungen, wie der \u00f6ffentliche Zuspruch f\u00fcr unsere Konzerte belegt; wie auch das Lob f\u00fcr manche unserer CD-Einspielungen zeigt, die sich im Umfeld der h\u00f6chsten Orchesterliga behauptet haben. Dann wissen Musiker, warum sie manchmal bei den Proben unter mir haben leiden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zudem hatten wir in den letzten Jahren einen Generationenwechsel im Orchester zu bew\u00e4ltigen. Es ist keine leichte Sache \u00e4ltere, in vielen Jahren und mit allen Repertoirsegmenten erfahrene Musiker&nbsp; mit jungen, v\u00f6llig unerfahrenen Kollegen zu vereinen, die aber vor Kraft und Ungest\u00fcm spr\u00fchen. Ich glaube, auch das ist uns gut gelungen.<\/p>\n<p><em>Nach dem Orchester nun ein Blick auf die Entwicklung des Publikums seit 2005. Es war eines ihrer erkl\u00e4rten Ziele, die H\u00f6rerschaft auch mit weniger bekannter Musik vertraut zu machen. Ziel aus ihrer Sicht erf\u00fcllt?<\/em><\/p>\n<p>Sie als hiesiger Konzertkritiker wissen es selbst am besten: Was wir im vergangenen Jahr und jetzt an Programm auflegen, w\u00e4re vor einem Jahrzehnt ohne sp\u00fcrbare Besucherverluste noch unm\u00f6glich gewesen. Wir spielen \u2013 bei gleichzeitiger Pflege des klassischen Repertoires \u2013 viele ganz unbekannte Werke von bekannten Komponisten oder von solchen, die das Publikum, ja manchmal sogar das Orchester, kaum bis gar nicht kennt. Die Menschen daf\u00fcr interessieren und begeistern zu k\u00f6nnen, ihre Neugierde zu wecken und etwa bei den Orchesterkonzerten im G\u00f6rreshaus oder beim Musik-Institut auf st\u00e4ndig wachsende Offenheit f\u00fcr das Unbekannte zu treffen, das ist wunderbar. Ich habe aus allen Richtungen etwas angeboten; vielleicht auch mal vorbei geschossen und gemerkt, das ist noch zu fr\u00fch. Oft kam aber auch von unerwarteter Seite positive Resonanz und wir merkten, die Leute sind schon weiter und offener als gedacht.<\/p>\n<p><em>Schauen wir auf das Programm der aktuellen, ihrer letzten Spielzeit. Das ist reich an starken, anspruchsvollen Konzerten, bietet Wiederbegegnungen mit herausragenden Solisten&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ja, die Geiger Benjamin Schmid und Vadim Gluzman kommen wieder. Ebenso der Pianist Alexei Volodin, der mit uns auch mehrere Konzerte ausw\u00e4rts, etwa in Mainz, Neustadt und Karlsruhe&nbsp; spielen wird. Wir h\u00e4tten noch mehr namhafte Solisten holen k\u00f6nnen, die ich in den vergangenen Jahren nach Koblenz gebracht hatte. Aber die Zahl der Konzerte und M\u00f6glichkeiten ist begrenzt. Bei den jetzt zum wiederholten mal engagierten G\u00e4sten verh\u00e4lt es sich so, dass zwischen ihnen, dem Orchester und dem Publikum in den Vorjahren doch ein sehr besonderes Verh\u00e4ltnis entstanden ist.<\/p>\n<p>In dieser Spielzeit sind tats\u00e4chlich fantastische Sachen dabei. Einige Programmpunkte sind noch Nachholprojekte aus der Zeit, als die Bauverz\u00f6gerungen bei der Rhein-Mosel-Halle manches unm\u00f6glich machten. Beispielsweise Strawinskys \u201eLe Sacre du Printemps\u201d, das wir f\u00fcr jenes Jahr geplant hatten, in dem wegen der unfertigen Halle gleich eine ganze Konzertsaison beim Musik-Institut ausfallen musste.<\/p>\n<p>Im Oktober-Konzert des Musik-Instituts gibt es dann wieder ein Werk von Franz Schreker. Dazu das Violinkonzert D-Dur von Korngold und abschlie\u00dfend die 10. Sinfonie von Schostakowitsch.<\/p>\n<p>Schreker ist so eine kleine Liebesbeziehung, die hier in Koblenz entstanden ist. Wir haben das Publikum in den letzten Jahren wiederholt mit kleineren St\u00fccken von ihm in Ber\u00fchrung gebracht, k\u00f6nnen jetzt guten Mutes das opulent besetzte Nachtst\u00fcck aus seiner ber\u00fchmten Oper \u201eDer ferne Klang\u201d bringen. Korngold passt wunderbar zu Schreker, das ist diese Nach-Mahler Wiener Schule.&nbsp; Das Violinkonzert wird mit Schmid als Solist h\u00f6chstrangig besetzt sein, denn er ist der international herausragende Korngold-Interpret unserer Zeit. Die Br\u00fccke zur 10. Sinfonie f\u00fchrt ebenfalls \u00fcber Mahler, weil Schostakowitsch unglaublich viel aus der Mahler-Tradition aufgenommen und weiterentwickelt hat. In dieser Sinfonie zitiert er mehrfach Mahlers Lied von der Erde.<\/p>\n<p><em>Herr Raiskin, Schostakowitsch und Mahler waren in ihren Konzerten seit 2005 stark vertreten. Diesen beiden gilt erkennbar ihr besonderes Interesse, deren Musik vielleicht ihre gr\u00f6\u00dfte Liebe.<\/em><\/p>\n<p>Ich habe hier in Koblenz, wenn das Ged\u00e4chtnis nicht t\u00e4uscht, fast genauso viele Mahler- wie Schostakowitsch-Sinfonien dirigiert. Von Schostakowitsch die 5., 4., 8. und jetzt 10., von Mahler die 4., 1., 3., 5. und jetzt 7, also sogar eine mehr. Ja, sie haben recht, diese beiden sind tats\u00e4chlich meine pers\u00f6nlichen S\u00e4ulen.<\/p>\n<p><em>Beim Februar-Konzert des Koblenzer Musik-Instituts \u2013 Brahms&#8216; 2. Klavierkonzert und Tschaikowskis 5. Sinfonie stehen auf dem Programm \u2013 dirigieren sie einen ausl\u00e4ndischen Klangk\u00f6rper, das Philharmonische Orchester Breslau. Wie kommt das?<\/em><\/p>\n<p>Wie sie wissen, war ich auch Chefdirigent des Orchesters in Lodz. Dieses Amt habe ich unl\u00e4ngst nach sieben Jahren aufgegeben, weil die organisatorische, personelle und finanzielle Situation dort derart unstet war, dass ich sagen musste: So kann ich nicht arbeiten. Daraufhin wandte ich mich den Breslauer Philharmonikern zu, wo ich schon einmal acht Jahre fester Gastdirigent war. Im August dirigierte ich da ein Konzert zur Er\u00f6ffnung einer fantastischen neuen Konzerthalle. 2016 ist Breslau Kulturhauptstadt Europas und ich werde in diesem Rahmen mit dem hervorragenden Orchester der Stadt zwei Wochen durch Europa reisen. Eine der Stationen dabei ist Koblenz \u2013 und das Publikum kann einmal vergleichen, wie Raiskin mit einem anderen Orchester als dem heimischen klingt. Au\u00dferdem habe ich festgestellt, dass es in Koblenz eine Menge Menschen gibt, die aus Breslau stammen oder verwandtschaftlich mit dieser einst sehr bedeutenden europ\u00e4ischen Metropole verbunden sind. Es gibt noch eine andere h\u00fcbsche Verbindung zwischen den beiden St\u00e4dten: Max Bruch war dereinst hier wie dort Musikdirektor.<\/p>\n<p><em>Und zum Abschluss ihrer letzten Saison in Koblenz dann etwas ganz Besonderes?<\/em><\/p>\n<p>Ja, \u201eVier letzte Lieder\u201d von Richard Strauss und die 7. Sinfonie von Gustav Mahler. Wenn ich mit russischer Musik vom Mussorgski, Tschaikowski und Strawinsky die Abschiedspielzeit beginne, sie mit Strauss und Mahler beende, dann schlie\u00dft sich der Bogen. Dann verstehen die Menschen auch, worauf es mir ankam.<\/p>\n<p><em>Beschlie\u00dfen m\u00f6chte ich unser Gespr\u00e4ch mit der Frage nach ihren pers\u00f6nlichen Perspektiven f\u00fcr die n\u00e4here Zukunft. Wie geht\u2019s mit Raiskin weiter?<\/em><\/p>\n<p>(lachend) Mein Kalender ist schon bis weit ins Jahr 2017 hinein voll. Nach nun etlichen Jahren festen Engagements bei parallel zwei Orchestern, mache ich dann sehr viele Gastdirigate. Ich habe es weder eilig, mich wieder fest zu binden, noch habe ich Angst, arbeitslos zu werden. Da brauchen sie sich keine Sorgen zu machen. Lassen sie mich zum Schluss das noch sagen: Ich glaube, wir haben in diesen Jahren hier viel erreicht \u2013 eine selbstbewusste, gute, sich ihres Leistungsverm\u00f6gens sichere Rheinischen Philharmonie; ein auch f\u00fcr Neues und Unbekanntes aufgeschlossenes und zu begeisterndes Publikum; ein demgem\u00e4\u00df in viele Richtungen erweitertes Repertoire. Daf\u00fcr bin ich dankbar.<\/p>\n<p><em>(Die Fragen stellte Andreas Pecht)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz. Mitte 2016 endet Daniel Raiskins dann elf Jahre w\u00e4hrende Zeit an der Spitze des Staatsorchesters Rheinischen Philharmonie. Ich sprach mit dem scheidenden Chefdirigenten \u00fcber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ape: Herr Raiskin, sie gehen nun in ihre letzte Saison mit dem Staatsorchester Rheinische Philharmonie. 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