{"id":715,"date":"2015-11-01T23:00:00","date_gmt":"2015-11-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/01\/schauspielerin-rettet-in-bonn-kabale-und-liebe\/"},"modified":"2015-11-01T23:00:00","modified_gmt":"2015-11-01T22:00:00","slug":"schauspielerin-rettet-in-bonn-kabale-und-liebe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/01\/schauspielerin-rettet-in-bonn-kabale-und-liebe\/","title":{"rendered":"Schauspielerin rettet in Bonn &#8222;Kabale und Liebe&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Bonn.<\/strong><\/em> Martin Nimz ist ein Regisseur, dessen Premieren man stets mit Spannung entgegensieht. \u00dcber jeder h\u00e4ngt die Frage: Liefert er eine Umsetzung, \u00fcber die nachzudenken sich lohnt; oder zerstr\u00fcmmert er das St\u00fcck? Ersteres war in Bonn zu erleben mit \u201eDas Fest\u201d im Juni, dort auch bei Ibsens \u201eWildente\u201d 2014. Letzteres war beispielsweise 2008 in Frankfurt zu erleiden bei Gorkis \u201eSommerg\u00e4sten\u201d. Jetzt kam in den Kammerspielen Godesberg des Theaters Bonn Nimz&#8216; Sicht auf Schillers \u201eKabale und Liebe\u201d als erstaunlich harmlose Inszenierung heraus.<\/p>\n<p>Aufatmen bald: Gespielt wird Schillers St\u00fcck. Genauer: Es werden ausgew\u00e4hlte Teile des \u201eb\u00fcrgerlichen Trauerspiels\u201d von 1784 zu einem gut zweieinhalbst\u00fcndigen Abend gef\u00fcgt. Die Auswahl erfolgte offenkundig unter dem Gesichtspunkt, in welchen St\u00fcckmomenten sich die psychologischen Konstituanten der Figuren am besten komprimieren lassen. Die Methode ist am Theater derzeit verbreitet. Sie geht indes auch hier wieder zu Lasten der Handlungserz\u00e4hlung und der Schiller so wichtigen kritischen Erhellung des sozialpolitischen Bedingungsfeldes, an dem die Liebe zwischen F\u00fcrstensohn Ferdinand und B\u00fcrgerstochter Luise mit t\u00f6dlichem Ausgang zerschellt.<\/p>\n<p>Die Kost\u00fcmerie behauptet Heutigkeit, die Kulisse Modernit\u00e4t. Ausstatter Sebastian Hannak hat eine die B\u00fchne fast v\u00f6llig ausf\u00fcllende Scheibe senkrecht weit vorne in den Raum gestellt. In dem Riesending gibt es eine \u00d6ffnung, die (den Zusehern in der Mitte der Sitzreihen) Durchblick gew\u00e4hrt auf den gro\u00dfen Leerraum der Hinterb\u00fchne. Durch den betritt oder verl\u00e4sst das Personal die schmale Spielfl\u00e4che auf der Vorderb\u00fchne; die Schritte hallend durch Lautsprecher verst\u00e4rkt, Szenenwechsel durch ein bisschen Rockmusik markiert.<\/p>\n<p>Dass die schm\u00e4chtige Luise bisweilen jene Scheibe mit heftigem K\u00f6pereinsatz dreht, mag als Symbolik verstanden werden, \u00fcber die sich streiten lie\u00dfe: Ist die zarte, fromme, unverbr\u00fcchlich Liebende Antriebskraft des Geschehens oder nicht eher Opfer einer Klassenmaschinerie? So oder so ist es Maike J\u00fcttendonk in der Luisen-Rolle, die das Interesse an diesem Abend aufrecht erh\u00e4lt. Denn die blutjunge Schauspielerin l\u00e4sst Talente, Potenziale aufscheinen, die den Zuseher mit jeder Geste, Haltung, mimischen und sprachlichen Variante in den Bann ziehen.<\/p>\n<p>Sie ist Luise, Julia, Antigone, Sara Sampson in einem. Eine mitleiden lassende Verlorene im Tragischen \u2013 die anfangs in einer Turtelszene mit Ferdinand zwar nur ganz kurz, aber unvergesslich die Herrlichkeit m\u00e4dchenhaft verliebter Lebensfreude erstrahlen l\u00e4sst. In diesem Moment wird auch Robert H\u00f6llers frisches Spieltalent deutlich, das sich nachher erstmal verfl\u00fcchtigt, um im finalen Todesdialog als Ferdinands inneres Ringen zwischen Liebenwollen und Eifersuchtstoben erneut aufzublitzen.<\/p>\n<p>Alles \u00dcbrige ist eine andere Liga. Die Heutigkeit der Inszenierung ersch\u00f6pft sich in blo\u00df \u00e4u\u00dferlicher Behauptung; von irgendeiner \u00dcbertragung Schillers auf die Gegenwart ist au\u00dfer in der Staffage nicnhts zu bemerken. Den Pr\u00e4sident von Walter spielt Ursula Grossenbacher solide als Mann, woraus sich nichts Neuartiges ergibt. Die bei Schiller schillernde Rolle des Verschw\u00f6rers Wurm (Hajo Tuschy) wird verschenkt. Die Lady Milford von Laura Sundermann verliert sich in aufgesetzten Ausdrucksstandards. Der Widerspruch zwischen Stolz des kleinen Mannes bei Luises Vater und Aufstiegsgier ihrer Mutter (S\u00f6ren Wunderlich, Johanna Falkner) zischt als Belanglosigkeit vorbei.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>So bleibt von \u201eKabale und Liebe\u201d in Bonn nur die einnehmende Talentschau einer Schauspielerin im Ged\u00e4chtnis, die man im Auge behalten muss.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Bonn. Martin Nimz ist ein Regisseur, dessen Premieren man stets mit Spannung entgegensieht. \u00dcber jeder h\u00e4ngt die Frage: Liefert er eine Umsetzung, \u00fcber die nachzudenken sich lohnt; oder zerstr\u00fcmmert er das St\u00fcck? Ersteres war in Bonn zu erleben mit \u201eDas Fest\u201d im Juni, dort auch bei Ibsens \u201eWildente\u201d 2014. 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