{"id":714,"date":"2015-11-08T23:00:00","date_gmt":"2015-11-08T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/08\/leonce-und-lena-am-theater-koblenz-bezaubernd-und-aergerlich\/"},"modified":"2015-11-08T23:00:00","modified_gmt":"2015-11-08T22:00:00","slug":"leonce-und-lena-am-theater-koblenz-bezaubernd-und-aergerlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/08\/leonce-und-lena-am-theater-koblenz-bezaubernd-und-aergerlich\/","title":{"rendered":"\u201eLeonce und Lena\u201d am Theater Koblenz: bezaubernd und \u00e4rgerlich"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Koblenz.<\/strong><\/em> Kann man aus dem Theater kommen, vom Gesehenen bezaubert und zugleich ver\u00e4rgert? So etwas gibt es \u2013 und ist uns jetzt am Theater Koblenz widerfahren bei Matthias Sch\u00f6nfeldts Inszenierung des Lustspiels \u201eLeonce und Lena\u201d von Georg B\u00fcchner. Die Ver\u00e4rgerung hat weniger damit zu tun, dass der knapp zweist\u00fcndige pausenlose Abend als vorgezogener Beitrag zum Dada-Jahr 2016 gedeutet werden k\u00f6nnte. Sie r\u00fchrt vielmehr daher, dass Zuseher, die das St\u00fcck nicht kennen, v\u00f6llig verloren sind; und selbst St\u00fcckkundige nur wenig begreifen.<\/p>\n<p>Die Geschichte vom Prinzen des K\u00f6nigreichs Popo, der mit einer ihm unbekannten Prinzessin von Pipi zwangsverheiratet werden soll, birgt jede Menge Spott auf Romantikduselei und idealistische Philosophie sowie Brandmarkung dekadenter Feudalherrschaft. Gleichwohl hat die m\u00e4rchenhaft-expressionistische Anlage von B\u00fcchners einziger Kom\u00f6die viele Regisseure gereizt, daraus ein absurdes bis nihilistisches Spiel zu machen.<br \/>\n2013 war das St\u00fcck am Theater Bonn als Mix aus Comedy-Musical-Revue und Absurdit\u00e4ts-Happening zu erleben. Allerdings hatte sich die Regie dort noch einigerma\u00dfen an den Handlungsrahmen gehalten, der die B\u00fcchner&#8217;sche Gedankenwelt tr\u00e4gt. Anders Sch\u00f6nfeldt jetzt in Koblenz: Hier bleiben von der Geschichte blo\u00df ein paar sehr vage Andeutungen. Das hat die fatale und eben ver\u00e4rgernde Folge, dass die ganze Philosophiererei haltlos in der Luft h\u00e4ngt und sich kein verstehbares Ganzes ergibt.<\/p>\n<p>Woher kommt dann die bezaubernde Wirkung des Abends? Vom ausgezeichneten Mimenspiel, von der Poesie etlicher Szenen, von einfallsreichen Frechheiten und knuffigen Albernheiten. Dass hier ein Opernregisseur am Werk ist, merkt man prim\u00e4r nicht an den atmosph\u00e4risch treffenden Ger\u00e4usch- und Musikingredienzien, die Caroline Siegers live beif\u00fcgt. Derartiges ist heute an allen Schauspielh\u00e4usern, bisweilen im \u00dcberma\u00df, Usus. Es sind vielmehr Posen, Stellungen, Gestik, die Spielweise des auf f\u00fcnf Personen reduzierten Ensembles schlechthin, die dem Opernfach entlehnt scheinen.<\/p>\n<p>Dazu gesellen sich Ausf\u00e4lle nach Manier der Commedia dell&#8217;arte. Dann wird gekrischen, gefeixt, gerungen, gefummelt, in den Hintern getreten. Da spintisiert sich Ian McMillan als gelangweilter Leonce hei\u00dfe Begegnungen mit einer nur im Geiste anwesenden Rosetta zusammen, indem er deren Beine auf eine Papierwand malt und den Kopf dazwischen steckt. Da verschwindet Raphaela Crossey als fabelhaft kiebige Gouvernante mit dem herrlich knochentrockenen Narren im Spiel (Reinhard Riecke als Valerio) zum Lustgest\u00f6hn&#8216;, w\u00e4hrend die reizende Lena von Georgia Lautner mit Leonce turtelnd herumtollt, um sich alsbald zu ergeben.<\/p>\n<p>Jochen Hochfeld hat zwei B\u00fchnenbilder gebaut. Ein schmales, aber hohes Brettl ganz vorne; an den Seiten von bald zerrissenen papierenen S\u00e4ulen ges\u00e4umt; mittig von einem Wolkenprospekt begrenzt; dr\u00fcber ein Ger\u00fcst, wo ein Laufband Personen wie Sachen anf\u00e4hrt. Dies symbolisiert die Enge der Reiche Popo und Pipi, wo Leonce und Lena abwechselnd mit ihrer anstehenden Zwangsverheiratung hadern. Dahinter \u00f6ffnet sich, sobald die beiden ihrem Schicksal durch Ausb\u00fcxen zu entkommen suchen, der weite, mit roten T\u00fcchern zu einer Art Arena geformte B\u00fchnenraum.<\/p>\n<p>Am Ende mutiert die Inszenierung gar zum Puppenspiel, bietet Jona Mues als offen agierender Figurenf\u00fchrer von K\u00f6nig, Minister, Lehrer, Bauern in Kaktusform ein Kabinettst\u00fcckchen sprecherischer Wandelbarkeit. Bleibt als Res\u00fcmee: Es gibt viele bezaubernde Momente zu sehen, aber herzlich wenig B\u00fcchner zu verstehen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz. Kann man aus dem Theater kommen, vom Gesehenen bezaubert und zugleich ver\u00e4rgert? So etwas gibt es \u2013 und ist uns jetzt am Theater Koblenz widerfahren bei Matthias Sch\u00f6nfeldts Inszenierung des Lustspiels \u201eLeonce und Lena\u201d von Georg B\u00fcchner. 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