{"id":713,"date":"2015-11-30T14:44:46","date_gmt":"2015-11-30T13:44:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/30\/game-of-drones-kennt-kein-happy-end\/"},"modified":"2015-11-30T14:44:46","modified_gmt":"2015-11-30T13:44:46","slug":"game-of-drones-kennt-kein-happy-end","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/30\/game-of-drones-kennt-kein-happy-end\/","title":{"rendered":"\u201eGame of Drones\u201d kennt kein Happy End"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz.<\/strong><\/em> Oben pulsiert vergn\u00fcgt der Weihnachtsmarkt. Viele Stufen unter dessen H\u00f6henniveau wird in dunklem Raum eine Weltkarte an die Wand projiziert. Darauf Logos von US-Luftstreitkr\u00e4ften, verteilt \u00fcber die Kontinente. Hervorgehoben sind Verbindungslinien zwischen den USA, Afghanistan\/Pakistan und \u2013 Ramstein in Rheinland-Pfalz. In der Spielst\u00e4tte U17 des Mainzer Staatstheaters, quasi dem \u201eTiefbunker\u201d des Kleinen Hauses, sind wir mit dem strategischen Tableau des US-Drohnenkrieges konfrontiert. Das ist der Angelpunkt der Theaterproduktion \u201eRamstein Airbase: Game of Drones\u201d.<\/p>\n<p>Regisseur Jan-Christoph Gockel nennt den gemeinsam mit seinen drei Schauspielern entwickelten 90-Minuten-Abend nicht St\u00fcck, sondern Projekt. In dessen Rahmen werden Filmeinspieler und theatralische Sequenzen in halbdokumentarischer Weise verwoben. Bald scheinen weitere Verkn\u00fcpfungen auf: mit der Vita des nahe der gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Drehscheibe des US-Milit\u00e4rs in der Pfalz aufgewachsenen Regisseurs; mit Brandon Bryant, jenem Soldaten, der es nicht mehr ertrug, von den USA aus per Joystick via Schaltzentrale in Ramstein Drohnenangriffe auf Menschen in Wasiristan auszuf\u00fchren \u2013 der deshalb zum \u201eDeserteur\u201d und Whistleblower wurde.<\/p>\n<p>Im Vorteil sind Zuseher, denen die TV-Serie \u201eGame of Thrones\u201d ein Begriff ist und die den Spielfilm \u201eEine Frage der Ehre\u201d mit Tom Cruise als properem Milit\u00e4ranwalt versus Jack Nicolson als eisenhartem General kennen. Anleihen von beidem sind ebenfalls in dieses dramaturgische Netzwerk geflochten, das typisch ist f\u00fcr die Arbeitsweise Gockels. Herausgekommen ist politisch engagiertes Theater, das die Finger in schw\u00e4rende Wunden auch deutscher Mitverantwortung f\u00fcr das anonyme T\u00f6ten durch US-Drohnen legt.<\/p>\n<p>Solches Theater mag nicht die h\u00f6chste B\u00fchnenkunst sein, deswegen nicht allseits geliebt. Aber es ist gute Theatertradition, auch mit diesem Mittel gegen\u00fcber je aktuellem Geschehen Position zu beziehen. Wobei Mainz nie die Grenze zum Agitprop \u00fcberschreitet, sondern die Auswirkung der Ereignisse auf die Menschen ins Zentrum stellt. Tr\u00e4ger des erz\u00e4hlerischen roten Fadens sind ein junger Menschenrechtsanwalt aus der Pfalz sowie ein Soldat, der als aufrechter Jon Snow aus besagter Fantasieserie die fast leere B\u00fchne betritt, dort zum Drohnenlenker Bryant wird.<\/p>\n<p>Sebastian Brandes formt den Anwalt formidabel als B\u00fcrschlein, das mal zornig, mal mit satirischer Lakonie, mal tr\u00e4umend vom kleinen Justizhelden wider die M\u00e4chtigen die Verteidigung Bryants vorbereitet. Tagesschau-Bilder erhellen: Der Anwalt ist aufgewachsen mit dem furchtbaren Ergebnis milit\u00e4rischer Glanz- und Gloria-Sucht beim Ramsteiner Flugschauungl\u00fcck 1988, mit den Anschl\u00e4gen von 11. September 2001, mit dem verlogenen Irak-Krieg &#8230;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend er Fakten, Fakten, Fakten \u00fcber die Drohneneins\u00e4tze ausbreitet, brummt, kreischt, vibriert \u00fcber den K\u00f6pfen des Publikums pl\u00f6tzlich eine echte Minidrohne. Der Ton ist h\u00e4sslich, das Gef\u00fchl ungut, der Gedanke an vielfach gr\u00f6\u00dfere Flugmaschinen mit wirkm\u00e4chtiger Raketenbewaffnung entsetzlich. Dazu wieder ein Faktum: Um 14 vermeintliche, von keinem Gericht verurteile Terroristen im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan zu t\u00f6ten, sterben unter Drohnenbeschuss weit \u00fcber 1000 Unschuldige.<\/p>\n<p>Denis Larisch spielt Bryant als sich schuldig f\u00fchlenden, seelisch ausgeh\u00f6hlten Ex-Soldaten. Er hatte von anonymer Stelle T\u00f6tungsbefehle in seinen kalifornischen Container erhalten, hatte sie per Internet via Ramstein \u00fcber tausende Kilometer hinweg vollstreckt \u2013 und war daran kaputt gegangen. Jetzt kl\u00e4rt er auf und klagt an, wie das der echte Bryant im Oktober bei einem Gespr\u00e4ch mit Gockel in Mainz tat. Videomitschnitte davon dienen als Hintergrund f\u00fcr die Anklage gegen das US-Milit\u00e4r jetzt auf der B\u00fchne. Das wird symbolisiert von Seniorschauspielerin Monika Dortschy im Outfit der jungen Marylin Monroe. Sie schl\u00fcpft in die Generalsrolle von Jack Nicholson, und wird in w\u00f6rtlichem Nachspielen der gro\u00dfen Gerichtsszene aus \u201eEine Frage der Ehre\u201d der Verbrechen gegen die Menschlichkeit \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Happy End? Nein. Das letzte Wort hat der echte Bryant: \u201eKeiner der Verantwortlichen f\u00fcr das Drohnenprogramm wurde je angeklagt.\u201d<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. Oben pulsiert vergn\u00fcgt der Weihnachtsmarkt. Viele Stufen unter dessen H\u00f6henniveau wird in dunklem Raum eine Weltkarte an die Wand projiziert. Darauf Logos von US-Luftstreitkr\u00e4ften, verteilt \u00fcber die Kontinente. 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