{"id":712,"date":"2015-09-30T22:00:00","date_gmt":"2015-09-30T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/30\/arp-museum-zeigt-kinderleben-in-der-kunst\/"},"modified":"2015-09-30T22:00:00","modified_gmt":"2015-09-30T21:00:00","slug":"arp-museum-zeigt-kinderleben-in-der-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/09\/30\/arp-museum-zeigt-kinderleben-in-der-kunst\/","title":{"rendered":"Arp Museum zeigt Kinderleben in der Kunst"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Remagen-Rolandseck.<\/strong><\/em> Dass die neue und jetzt zehnte Ausstellung in der Kunstkammer Rau des Arp Museums Remagen-Rolandseck von derart aktueller Brisanz sein w\u00fcrde, hatte bei ihrer Konzipierung Monate zuvor niemand geahnt. Nat\u00fcrlich waren und sind Kinderschicksale immer ein gro\u00dfes Thema, nicht zuletzt in der Kunst. Angesicht des hohen Anteils von Kindern unter den unz\u00e4hligen Fl\u00fcchtlingen, die derzeit aus Afrika, dem Nahen Osten und von anderswo nach Europa ziehen, gewinnt die Schau \u201eMenschenskinder. Kinderleben zwischen Wunsch und Wirklichkeit\u201d zus\u00e4tzlich enormes Gewicht.<\/p>\n<p>31 Werken aus der dem Museum als Dauerleihgabe anvertrauten Kunstsammlung Rau f\u00fcr UNICEF sind 33 Gegenwartsfotografien der internationalen Wettbewerbe \u201eUnicef-Foto des Jahres\u201d zur Seite gestellt. So treten k\u00fcnstlerische Kinderansichten aus f\u00fcnf Jahrhunderten in Korrespondenz zu heutigen Schicksalen der J\u00fcngsten. Offenbar werden teils schroffe Unterschiede. Erstaunlicher aber sind zugleich viele \u00fcber Jahrhunderte hinweg reichende Gemeinsamkeiten.<\/p>\n<p>Etwa der Umstand, dass der Gang der Geschichte die Kinder stets am intensivsten trifft. Oder die Neigung der Erwachsenenkulturen, ihren Nachwuchs zu drangasalieren mit dem Hineinpressen in zeit- oder klassentypische Klischees, Rollen- und Karrierevorstellungen. Oder das wiederkehrende Motiv vom Ideal allzeit unverbr\u00fcchlicher Mutterliebe im Guten wie im Schlechten. Schlie\u00dflich das Wunder, dass Kinder selbst unter unwirtlichsten Verh\u00e4ltnissen vom Spielen und Tr\u00e4umen nicht lassen k\u00f6nnen\/wollen.<\/p>\n<p>Hinter jedem der Wettbewerbsfotos steckt eine reale Geschichte. Hier das Paar, das mit seinen beiden Kindern aus der Tr\u00fcmmerw\u00fcste des syrischen Aleppo fl\u00fcchtet. Da die \u00e4rmliche Philippinin mit ihrem wei\u00dfh\u00e4utigen Kind auf dem Scho\u00df, das ohne Vater und als ge\u00e4chteter Sonderling aufwachsen muss. Dort auf einer M\u00fcllkippe in Honduras f\u00fcrs nackte \u00dcberleben schuftende Kinder. Solche zu Bildmomenten geronnene Lebensschicksale von heute sind jeweils Klassikern der Bildenden Kunst zugeordnet. Hier Stanislas L\u00e9pines Gem\u00e4lde aus dem 19. Jahrhundert von der Frau, die mit ihrem Kind durch eine heruntergekommene Nebengasse im Montmartre geht. Da eine Madonna mit Kind von Antonio Solario aus dem 16. Jahrhundert. Dort die barmenden \u201eGefl\u00fcgelverk\u00e4ufer\u201d von Jean Michelin aus dem 17. Jahrhundert: Ein Elternpaar mit drei in Lumpen steckenden Kindern, das auf K\u00e4ufer f\u00fcr zwei armselige H\u00fchner hofft.<\/p>\n<p>Historisch erhellt die Schau zudem die Bindung der k\u00fcnstlerischen Kinderdarstellung an den allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritt, oft auch R\u00fcckschritt. Beschr\u00e4nkte sich die Mittelalterkunst fast ausschlie\u00dflich auf Jesuskinder und Engelchen, richtete sich am \u00dcbergang zur Neuzeit der Blick zusehends auf Archetypen weltlicher Kinder, hielt bald mit der Ausbreitung des Humanismus kindliche Individualit\u00e4t Einzug in die Kunst. In Anlehnung an das Menschen- und Erziehungsbild Rousseaus finden sich dann ab der Fr\u00fchromantik mannigfach Abbilde z\u00e4rtlicher M\u00fctter mit gl\u00fccklichen Kindern etwa von Lemoine, Cassatt oder Denise.<\/p>\n<p>Doch macht die Ausstellung zugleich eine d\u00fcstere Entwicklunglinie deutlich, die sich auch in der bildlichen Kinderdarstellung fast ungebrochen vom Sp\u00e4tmittelalter bis in die Moderne zieht: das Kind als Objekt \u00fcbergeordneter Interessen. Gem\u00e4lde von Adelsbuben in vollem Offiziersputz unterstreichen deren Status als Herrschaftserbe. Adlige oder nachher gro\u00dfb\u00fcrgerliche Jungfrauen werden in oft gesch\u00f6nten Portr\u00e4ts abgebildet, die ihren Wert auf dem Heiratsmarkt steigern sollen.<\/p>\n<p>Im Arp Museum stehen dem aktuelle Fotos und Geschichten von zwangsverheirateten M\u00e4dchen in der Dritten Welt gegen\u00fcber. Nicht minder ersch\u00fctternd sind die Bilder von noch j\u00fcngeren US-amerikanischen M\u00e4dchen, die als zuckers\u00fc\u00dfe Minidiven herausgeputzt sind oder mit dem pinkfarbenem aber funktionst\u00fcchtigen Kleinkalibergewehr posieren, das ihnen zum Schulanfang \u00fcberreicht wurde. Schlie\u00dflich in kalte Trostlosigkeit gest\u00fcrzt, jene osteurop\u00e4ischen M\u00e4dchen im fr\u00fchpubert\u00e4ren Alter, die eigene Hoffnungen und\/oder der Ehrgeiz der M\u00fctter in die M\u00fchlen von Sch\u00f6nheits- und Superstarwettbewerben getrieben hat.<\/p>\n<p>In lichtem Kontrast dazu stehen wiederum Bildnisse von Kindern, die sich Lebensfreude und Tr\u00e4ume nicht haben nehmen lassen oder wieder errungen haben. August Mackes \u201eClown im gr\u00fcnen Kost\u00fcm\u201d (1912) korrespondiert beispielsweise mit Chris de Bodes Foto (2012) von einem M\u00e4dchen in Haiti, das seit dem Erdbeben 2010 davon tr\u00e4umt, Clown zu werden \u2013 und mit spontanen Vorstellungen in Armenvierteln einfach mal begonnen hat.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Remagen-Rolandseck. Dass die neue und jetzt zehnte Ausstellung in der Kunstkammer Rau des Arp Museums Remagen-Rolandseck von derart aktueller Brisanz sein w\u00fcrde, hatte bei ihrer Konzipierung Monate zuvor niemand geahnt. Nat\u00fcrlich waren und sind Kinderschicksale immer ein gro\u00dfes Thema, nicht zuletzt in der Kunst. 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