{"id":708,"date":"2015-10-28T23:00:00","date_gmt":"2015-10-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/28\/eine-etwas-andere-vision-vom-jahr-2035\/"},"modified":"2015-10-28T23:00:00","modified_gmt":"2015-10-28T22:00:00","slug":"eine-etwas-andere-vision-vom-jahr-2035","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/10\/28\/eine-etwas-andere-vision-vom-jahr-2035\/","title":{"rendered":"Eine etwas andere Vision vom Jahr 2035"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. <\/strong><\/em>Wir schreiben das Jahr 2035. Es ist eingetreten, was die Bev\u00f6lkerungsforscher seit Ende des 20. Jahrhunderts prognostizierten: Die absolute Zahl der Mitb\u00fcrger im meist versorgungsintensiven Alter zwischen 75 und 90 Lebensjahren hat in Deutschland nie erlebte H\u00f6hen erreicht. Denn, erstens, hat sich die durchschnittliche Lebensdauer weiter verl\u00e4ngert. Und, zweitens, ist die Alterskohorte der Babyboomer im Greisenalter angelangt. Sie waren von etwa 1950 bis 1969 \u2013 also nach Ende des Kriegs-\/Kriegsfolgeelends und bis zur allgemeinen Akzeptierung der Antibabypille \u2013 die geburtenst\u00e4rksten Jahrg\u00e4nge.<\/p>\n<p>Wir schreiben das Jahr 2035. Nicht im erwarteten Ausma\u00df eingetreten ist jedoch jene Vergreisung des Landes, die bis Mitte 2015 immer wieder vorhergesagt worden war. Denn der relative Anteil der 75- bis 90-J\u00e4hrigen an der Bev\u00f6lkerung Deutschlands stiegt erheblich langsamer an, als damals berechnet. Die Gesamtzahl der Staatsb\u00fcrger ist angewachsen und das Durchschnittsalter liegt deutlich niedriger als vor 20 Jahren bef\u00fcrchtet. Grund: Die 2015 sprunghaft in die H\u00f6he geschnellte Zuwanderungsrate gerade junger Erwachsener und Kinder hat die Altersstruktur im Land sp\u00fcrbar ver\u00e4ndert. Allerdings schauen die Demografen bereits mit Sorge auf 2060 und sp\u00e4ter, weil sich bereits jetzt, 2035, ein schon 2015 bekanntes, aber wenig beachtetes Ph\u00e4nomen wieder best\u00e4tigt: Je besser Zuwanderer integriert werden, umso schneller sinkt ihre Geburtenrate. Teils schon in der zweiten, sp\u00e4testens in der dritten Generation bekommen sie im Durchschnitt kaum mehr Kinder als \u201eStammdeutsche\u201d.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck ins Jahr 2015. Wie auch immer sich das aktuelle Fl\u00fcchtlingsproblem in den kommenden Monaten und Jahren entwickelt, drei Folgen sind bereits absehbar: Deutschland wird sich ver\u00e4ndern; es wird ein Einwanderungsland bleiben; und der jetzige Zuwanderungsstrom wird \u2013 selbst wenn er mit der Zeit kr\u00e4ftig gebremst w\u00fcrde \u2013 einen deutlichen Knick Richtung Verj\u00fcngung in der Altersstruktur hinterlassen. Das hei\u00dft auch: S\u00e4mtliche bisherigen Bev\u00f6lkerungsprognosen sind hinf\u00e4llig.<\/p>\n<p>Verl\u00e4ssliche Vorhersagen f\u00fcr die n\u00e4here oder fernere Zukunft sind in einem historischen Moment, da sich wesentliche Umfeldbedingungen grundst\u00fcrzend ver\u00e4ndern, sehr schwer bis schier unm\u00f6glich. 2015 ist ein solcher Moment. Und wie gravierend die aktuellen Entwicklungen die n\u00e4chsten Jahrzehnte beeinflussen k\u00f6nnten, mag an folgendem deutlich werden: Genau genommen m\u00fcssen (und d\u00fcrfen) wir alle Diskussionen auf allen Feldern, die seit Jahren von schrumpfender und \u00fcberalternder Bev\u00f6lkerung ausgingen, noch einmal ganz neu f\u00fchren. Oder drastisch formuliert: Die neue Dimension der Zuwanderung mag allerhand Probleme mit sich bringen, eines der gr\u00f6\u00dften jedoch wird sie beseitigen \u2013 der demografische Wandel ist bis auf Weiteres abgesagt; jedenfalls in der bisher angenommenen Form der Bev\u00f6lkerungsschrumpfung und -\u00fcberalterung.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das praktisch f\u00fcr die Zeit bis 2035? Wir m\u00fcssen nicht mehr \u00fcber Rente mit 70 reden, wenn der Wirtschaft absehbar reichlich junge, leistungsstarke, bis dahin gut ausgebildete Nachwuchskr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung stehen. Der vor allem auf dem Land bereits begonnene R\u00fcckbau von Kinderg\u00e4rten und Schulen kann, muss sofort gestoppt werden. Gesundheits- und Versicherungswesen sind auf neue Beine zu stellen. Die Chancen wachsen rapide, dass das Ausbluten der D\u00f6rfer aufh\u00f6rt, denn (bezahlbarer) Wohnraum wird jetzt zu einem der meistgefragten Bedarfsg\u00fcter.<\/p>\n<p>Auch wenn es derzeit die jungen Einheimischen ebenso in die urbanen R\u00e4ume zieht wie die jungen Zuwanderer: Die St\u00e4dte werden so gr\u00f6\u00dfer, teurer, voller und wahrscheinlich noch hektischer. Mit Familiengr\u00fcndung und Kindern w\u00e4chst bei beiden vielfach das Bed\u00fcrfnis nach einem ruhigeren, angenehmeren Lebensumfeld \u2013 sofern die Infrastruktur dort stimmt und Arbeitsm\u00f6glichkeiten vorhanden oder gut zu erreichen sind. Weshalb es eine der wichtigsten mittelfristigen Aufgaben ist, die Infrastruktur derart zu entwickeln, dass sie das Stadt-Land-Gef\u00e4lle marginalisiert. Dies zumindest in den Bereichen Kinderg\u00e4rten\/Schulen, Kommunikationsvernetzung, Verkehrsanbindung, grundst\u00e4ndige Versorgung mit G\u00fctern des t\u00e4glichen Bedarfs und mit Gesundheitsdiensten.<\/p>\n<p>Wir schreiben das Jahr 2035. Das bef\u00fcrchtete D\u00f6rfersterben in den Rheinischen Mittelgebirgen ist kein Thema mehr. Ein dichtes Netz von S-Bahnen und Schnellbussen verbindet die Gemeinden mit den Unterzentren und Metropolen; selbst die kleinsten Orte sind per Ruftaxi an dieses Netz angebunden. Es herrscht Leben in Schulen und auf Spielpl\u00e4tzen. Sport- und Gesangsvereine haben wieder kr\u00e4ftig Zuwachs bekommen; es kicken, turnen, singen, feiern nun Menschen mit, die oder deren Eltern aus vieler Herren L\u00e4nder gekommen sind.<\/p>\n<p>Katholische, protestantische, muslimische und andere Glaubensgemeinden pflegen einen regen Austausch. Die Zunft der Land\u00e4rzte erlebt einen Aufschwung und vielerorts haben gerade Neub\u00fcrger L\u00e4dchen und kleine Superm\u00e4rkte er\u00f6ffnet. Der gro\u00dfen Zahl von betagten Mitb\u00fcrgern steht auch eine gro\u00dfe Zahl von j\u00fcngeren und jungen gegen\u00fcber; an Personal- oder schierem Menschenmangel k\u00f6nnen gute Alten-\/Pflegeheime und Mehrgenerationen-Quartiere nicht mehr kranken.<\/p>\n<p>Utopia, Illusion, Idylle? Oder ein Ziel, dem anzun\u00e4hern sich manche Anstrengung lohnt, auch wenn unterwegs vieles schwierig werden und etliches schiefgehen mag? Die theoretischen Alternativen dazu leugnen entweder die moderne Unvermeidlichkeit globaler Wanderbewegungen oder sie sind ausgesprochen unerfreulich.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>\nP.S.<br \/>\nUnd um das gleich zu sagen: Der Autor ist sich aller denkbaren Schwierigkeiten und Einwendungen f\u00fcr und gegen die obige Vision bewusst. Da die Gefahren und negativen Aspekte aber derzeit in s\u00e4mtlichen Medien und allen Gespr\u00e4chsrunden massenhaft st\u00e4ndig ventiliert werden, hat er sich in diesem Essay mal konzentriert auf einen \u00fcberaus gewichtigen positiven Aspekte, \u00fcber den aber fast nirgends gesprochen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Wir schreiben das Jahr 2035. Es ist eingetreten, was die Bev\u00f6lkerungsforscher seit Ende des 20. Jahrhunderts prognostizierten: Die absolute Zahl der Mitb\u00fcrger im meist versorgungsintensiven Alter zwischen 75 und 90 Lebensjahren hat in Deutschland nie erlebte H\u00f6hen erreicht. Denn, erstens, hat sich die durchschnittliche Lebensdauer weiter verl\u00e4ngert. 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