{"id":705,"date":"2015-12-29T13:37:31","date_gmt":"2015-12-29T12:37:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/29\/nachdenkliches-ueber-die-zukunft-des-chorlebens-hierzulande\/"},"modified":"2015-12-29T13:37:31","modified_gmt":"2015-12-29T12:37:31","slug":"nachdenkliches-ueber-die-zukunft-des-chorlebens-hierzulande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/29\/nachdenkliches-ueber-die-zukunft-des-chorlebens-hierzulande\/","title":{"rendered":"Nachdenkliches \u00fcber die Zukunft des Chorlebens hierzulande"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Koblenz.<\/strong><\/em> Es war ein Ereignis, das lange in Erinnerung bleiben wird. Gro\u00dfes Auditorium in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle lauschte bewegt Johannes Brahms&#8216; \u201eEin deutsches Requiem\u201d, realisiert von einem gro\u00dfen Apparat. Der bestand aus Bach-Chor Koblenz, verst\u00e4rkt durch Kammerchor Koblenz und S\u00e4ngerinnen des Cosima-Chores Bad Ems, dazu die Rheinische Philharmonie. Das Ganze dirigiert von Herman Wagener, dem k\u00fcnstlerischen Leiter des Bach-Chores. Doch der Abend am 1. November 2015 war nicht nur ein wunderbares Konzert. Er war eine Jubil\u00e4umsfeier. Weshalb anbei Reden gehalten, Gl\u00fcckw\u00fcnsche \u00fcberbracht wurden, man nachher kr\u00e4ftig anstie\u00df. Und wem galt die Feierlichkeit? Dem Koblenzer Bach-Chor h\u00f6chstselbst, anl\u00e4sslich seines 60. Geburtstages.<\/p>\n<p>Knapp drei Wochen nach jenem Ereignis Treffen mit Ulrike Katschinski-Niemeyer, Vorsitzende des Bach-Chores. Die Jubil\u00e4umsm\u00fchen sind vorbei, die Festfreuden haben sich gesetzt: Dies scheint mir der rechte Zeitpunkt, um nicht nur \u00fcber die Geschichte des Chores zu plaudern, sondern vor allem seine Gegenwart und Zukunft zu reflektieren. 75 aktive Mitglieder z\u00e4hlt der Chor, das ist heutzutage eine Hausnummer. \u201eMan muss nicht gleich um den Bestand der Gemeinschaft f\u00fcrchten, wenn der eine oder andere aussteigt\u201d, sagt die Vorsitzende. Und sie f\u00fcgt hinzu, dass, sollte der Chor doch mal sp\u00fcrbar schrumpfen, gen\u00fcgend Polster bliebe, sich auf andere interessante, weniger auf Opulenz angewiesene Werke zu verlegen.<\/p>\n<p>Katschinksi-Niemeyer hat seit 2009 den Chorvorsitz inne, bis Januar 2018 dauert ihre jetzige Wahlperiode. Als Alt-Stimme aktives Mitglied des Bach-Chores ist sie seit 30 Jahren. Eine lange Zeit, was nicht ungew\u00f6hnlich ist in dieser Singegemeinschaft. Es gibt etliche, die sind l\u00e4nger dabei. \u00dcberhaupt sei \u201elangj\u00e4hriges, best\u00e4ndiges Mitwirken ein Merkmal dieses Chores\u201d. Was die Frage nach dessen Altersdurchschnitt nahelegt. \u201e55 plus\u201d erkl\u00e4rt die Vorsitzende \u2013 beschreibt damit eine Situation, die sich kaum unterscheidet vom Trend, mit dem die traditionellen Ch\u00f6re aller\u00fcberall zu tun haben: tendenzielle Gef\u00e4hrdung durch \u00dcberalterung. Von Gef\u00e4hrdung kann beim Bach-Chor keine Rede sein. Gleichwohl herrscht an Choristen in der ersten Lebensh\u00e4lfte erkennbar Mangel, erst recht an wirklich jungen Leuten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Zuf\u00fchrung j\u00fcngerer Kr\u00e4fte hatte Heinz Anton H\u00f6hnen von 1962 bis 2000 als Chorleiter immer wieder gesorgt. Dem Autor ist aus der eigenen Studentenzeit erinnerlich, wie H\u00f6hnen als Musikprofessor an der EWH Koblenz in seinen Seminaren mal beil\u00e4ufig, mal mit Verve die Trommel r\u00fchrte f\u00fcrs Mitsingen im Bach-Chor. Auf ihn folgten am Dirigentenpult Manfred Faig und Joachim A\u00dfmann. 2008 \u00fcbernahm dann Herman Wagener die k\u00fcnstlerische Leitung (den h\u00e4tten wir gerne beim Gespr\u00e4ch dabei gehabt, aber er lag krank darnieder).<\/p>\n<p>Nachdenklich bringt Ulrike Katschinski-Niemeyer nun eine nicht nur das Chorleben absehbar umw\u00e4lzende Gegenwartstendenz zur Sprache: Die Zeiten gehen zuende, da die Menschen sich \u00fcber Jahre und Jahrzehnte an einen Verein, an ein und diesselbe Freizeitbesch\u00e4ftigung binden. W\u00f6chentliche Probentermine wie jetzt beim Bach-Chor; starkes Engagement f\u00fcr zwei Konzerte j\u00e4hrlich \u2013 egal was dort aufgef\u00fchrt wird, man macht mit, weil man Mitglied ist: \u201eDie Bereitschaft zu solchen festen Bindungen und Verpflichtungen nimmt heute generell rapide ab\u201d, analysiert die Chor-Vorsitzende zutreffend. Und: \u201eWir d\u00fcrfen nie vergessen, das Chorsingen ist eine Lust- keine Pflichtveranstaltung.\u201d Was f\u00fcr die Zukunft wohl bedeute, dass an die Stelle des dauerhaft festen Mittuns mehr und mehr das Mitwirkenwollen an ausgew\u00e4hlten und vor\u00fcbergehenden Chorprojekten treten wird.<\/p>\n<p>\u201eStreng genommen, war unser Jubil\u00e4umskonzert bereits ein solches Projekt,\u201d meint Katschinski-Niemeyer. \u201eEine freiwillige Kooperation von S\u00e4ngern dreier Ch\u00f6re, um gemeinsam mit der Rheinischen Philharmonie das Projekt Brahms-Requiem zu realisieren.\u201d Im Prinzip kooperativer Einzelprojekte sieht die Vorsitzende des Koblenzer Bach-Chores denn auch die Zukunft. Man m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen: Richtig, denn zwar nimmt die Bereitwilligkeit, einem Chor fest anzugeh\u00f6ren stetig ab, die Lust am Singen aber allgemein durchaus zu. Diese Tendenz schl\u00e4gt quasi den Bogen zur\u00fcck zu den Urspr\u00fcngen des Bach-Chores. Hans Joachim Kauffmann hatte 1955 erstmal nur einige nette Menschen versammelt, die sich in ungezwungener Runde den Sangesfreuden widmeten. Eine Lustveranstaltung also, quasi Salonsingerei des Spa\u00dfes halber.<\/p>\n<p>Daraus wurde mit der Zeit erst der \u201eMadrigalchor Koblenz\u201d, dann dank stetigem Wachstum unter H\u00f6hnen ein Oratorienchor. Dem wurde 1985 der Name \u201eBach-Chor Koblenz\u201d gegeben. Was weniger eine programmatische Kennung, mehr zeitlicher Zufall war: Anno 1985 j\u00e4hrte sich der Geburtstag von Johann Sebastian Bach zum 300. Mal. Der Name hing sozusagen zwingend in der Luft, und wie jedem auf klassisches Repertoire fixierten Chor galt auch dem Koblenzer der Thomaskantor als \u00dcbervater ihres Metiers. Ohne Bach ist alles nichts, aber Bach ist nicht alles: Nach dieser Devise pflegt der Chor ein breites, traditionelles, anspruchsvolles&nbsp; Chorkunst-Repertoire. Weshalb auch die oft gestellte Frage, warum zum 60. Geburtstag kein Bach-Werk, sondern das Brahms-Requiem, ganz pragmatisch beantwortet wird: \u201eWeil es hier etliche Jahre nicht mehr aufgef\u00fchrt worden ist.\u201d<\/p>\n<p>Hinter diesem schlichten Satz steckt eine weitere Erkenntnis, die viele Kulturveranstalter am Mittelrhein umtreibt: Das Publikumsreservoir f\u00fcr anspruchsvolle Veranstaltungen diverser Kunstsparten ist in Stadt und Region begrenzt. Mit Programm- und Termin\u00fcberschneidungen machen sich die diversen Akteure schnell gegenseitig ungl\u00fccklich. Daher ist eines der Herzenprojekte von Katschinksi-Niemeyer der Koblenzer \u201eChor-Kalender\u201d \u2013 die Ch\u00f6re der Stadt stimmen miteinander Programme und Termine ab. Etwas \u00e4hnliches wird in Mainz seit l\u00e4ngerer Zeit mit einigem Erfolg praktiziert. Die Anf\u00e4nge in Koblenz sind gemacht. Die Bach-Chor-Vorsitzende m\u00f6chte den Chor-Kalender stabilisieren und baldig auf die n\u00e4here Umgebung sowie andere Konzertbereiche ausdehnen. Dazu sei gutes Gelingen gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Koblenz. Es war ein Ereignis, das lange in Erinnerung bleiben wird. Gro\u00dfes Auditorium in der Koblenzer Rhein-Mosel-Halle lauschte bewegt Johannes Brahms&#8216; \u201eEin deutsches Requiem\u201d, realisiert von einem gro\u00dfen Apparat. Der bestand aus Bach-Chor Koblenz, verst\u00e4rkt durch Kammerchor Koblenz und S\u00e4ngerinnen des Cosima-Chores Bad Ems, dazu die Rheinische Philharmonie. 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