{"id":701,"date":"2015-11-30T23:00:00","date_gmt":"2015-11-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/30\/nathan-der-weise-am-staatstheater-mainz-ist-brennend-aktuell\/"},"modified":"2015-11-30T23:00:00","modified_gmt":"2015-11-30T22:00:00","slug":"nathan-der-weise-am-staatstheater-mainz-ist-brennend-aktuell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/11\/30\/nathan-der-weise-am-staatstheater-mainz-ist-brennend-aktuell\/","title":{"rendered":"\u201eNathan der Weise\u201d am Staatstheater Mainz ist brennend aktuell"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz<\/strong><\/em>. Es ist eine Eigenart von Lessings \u201eNathan der Weise\u201d: Immer wenn drau\u00dfen in der Welt wieder Streit auflodert, welches die beste der Religionen sei, gewinnt dieses anno 1778 entstandene Theaterst\u00fcck ganz von alleine und ganz aus sich selbst heraus brennende Aktualit\u00e4t. Das war zuletzt so beim Kruzifix-Disput, beim Kopftuch-Streit, bei der Leitkultur-Debatte. Das ist jetzt umso mehr der Fall, da Rechthaberei hinsichtlich des einzig wahren Gottes unter den G\u00f6ttern das uralte Monstrum des Religionskrieges wiedererweckt. Am Staatstheater Mainz hat nun K.D. Schmidt den Klassiker ohne&nbsp; aktualisierende Hinzuf\u00fcgung zeitlos inszeniert \u2013 und ihm so die aufkl\u00e4rerische Ursprungskraft gelassen, den Vorrang des Menschlichen vor jedweder Religion einzufordern.<\/p>\n<p>Nathan wird hier, entgegen oft gesehener Praxis, nicht als der bedeutende, superkluge, reiche j\u00fcdische Handelsmagnat vorgestellt. In Mainz treten all diese Eigenschaften zur\u00fcck hinter die nerv\u00f6se Gewitzheit eines eher unscheinbaren Mannes. Murat Yeginer gibt eine starke Titelpartie, weil er sie klein anlegt; weil er ihre Weisheit aus dem Wechselspiel leisen Humors und gleichzeitiger \u00c4ngstlichkeit gegen\u00fcber den Fallstricken im religi\u00f6s umk\u00e4mpften Jerusalem der Kreuzritterzeit herleitet.<\/p>\n<p>Dieser Nathan ist schon bei Lessing in erster Linie Mensch, wei\u00df um die Zuf\u00e4lligkeit seines j\u00fcdischen Herkommens. Und was der p\u00e4pstliche Patriarch von Jerusalem nachher mit dem inquisitorischen Spruch \u201eder Jude muss brennen!\u201d aburteilt, empfindet Nathan als schicksalhaften Fingerzeig: Die M\u00f6glichkeit ein Christen-Baby vor dem Tode zu retten und dieses Gl\u00fcck seines Herzens ohn&#8216; jedwede religi\u00f6se Beeinflussung aufzuziehen.<\/p>\n<p>So sind denn die sch\u00f6nsten Szenen dieses gut zweieinhalbst\u00fcndigen Abends jene, in denen der klein gewachsene Nathan und die gro\u00dfe, gertenschlanke, quirlige Recha von Lilith H\u00e4\u00dfle ihre launige Vater-Tochter-Zuneigung entfalten. Die bleibt z\u00e4rtlich, von beiden unaufdringlich und fein gespielt, auch in Momenten des Schmollens oder der aufsch\u00e4umenden Meinungsverschiedenheit. Was sich vom Leben drumherum nicht sagen l\u00e4sst, denn des \u00fcbrigen Personals stampft \u2013 abgesehen von der bei Leoni Schulz trefflich bed\u00e4chtigen Sultansschwester Sittah \u2013 fortw\u00e4hrend in laut explodierendem Zornes-Pathos herum.<\/p>\n<p>R\u00fcdiger Hauffes Tempelritter tobt allweil: Erst gegen das \u201eJudenm\u00e4dchen\u201d, das er vor dem Feuer rettete; dann gegen Nathan, der ihn nicht sogleich zum Schwiegersohn segnen m\u00f6chte; dann gegen den M\u00f6nch (Clemens D\u00f6nicke), gegen den Patriarchen (Armin Dillenberger), gegen den Sultan, gegen sich selbst. \u00c4hnlich die Magd Daja,&nbsp; die bei Anna Steffens ihr von Lessing eingeschriebenes humoriges Potenzial zugunsten eines verbiestert-herorischen Sendungsgestus aufgibt. V\u00f6llig verschenkt hat die Regie die schillernde Figur des Bettelderwisch&#8216; Al-Hafi (Johannes Schmidt). Martin Herrmanns Saladin mag man noch abnehmen, dass er statt einer herrschaftlichen eine cholerische Ader hat. Doch interessant wird die Sultansfigur in dieser Inszenierung erst mit ihrem Sinnen \u00fcber die von Nathan erz\u00e4hlte Ring-Parabel \u2013 mit der die wechselseitigen Vormachtanspr\u00fcche der Religionen ins Reich unmenschlicher Absurdit\u00e4t verwiesen werden.<\/p>\n<p>So leidet die im Gro\u00dfen und in ihrem personalen Kern \u00fcberzeugende Einrichtung von K.D. Schmidt unter eindimensionalem Deklamationsspiel im Umfeld. Oder sollte sich darin &#8211; wenig wahrscheinlich &#8211; eine geplante Beziehung zum B\u00fchnenbild (Schmidt\/Christoph Hill) ausdr\u00fccken? Das besteht auf der ansonsten leeren B\u00fchne einzig aus einem Bodenbelag von Plastersteinen. Die sind in der Mitte jenes Jerusalems zur sauberen Fl\u00e4che gesetzt, auf der sich zum St\u00fcckende die verst\u00e4ndigen Angeh\u00f6rigen diverser Religionen zur Menschenfamilie vereinen. Nach au\u00dfen hin aber ist die Fl\u00e4che aufgebrochen, wird zur stolpersteinigen W\u00fcstenei und symbolisch zur Waffenkammer f\u00fcr die nachgeboren Verblendeten \u2013 die einander nicht nur mit Steinen die K\u00f6pfe einschlagen.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. Es ist eine Eigenart von Lessings \u201eNathan der Weise\u201d: Immer wenn drau\u00dfen in der Welt wieder Streit auflodert, welches die beste der Religionen sei, gewinnt dieses anno 1778 entstandene Theaterst\u00fcck ganz von alleine und ganz aus sich selbst heraus brennende Aktualit\u00e4t. Das war zuletzt so beim Kruzifix-Disput, beim Kopftuch-Streit, bei der Leitkultur-Debatte. 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