{"id":700,"date":"2015-12-06T23:00:00","date_gmt":"2015-12-06T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/06\/tanzmainz-auf-der-suche-nach-harmonie\/"},"modified":"2015-12-06T23:00:00","modified_gmt":"2015-12-06T22:00:00","slug":"tanzmainz-auf-der-suche-nach-harmonie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/06\/tanzmainz-auf-der-suche-nach-harmonie\/","title":{"rendered":"tanzmainz auf der Suche nach Harmonie"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz.<\/strong><\/em> Im Hintergrund ein M\u00fcllberg: Kartons, blaue S\u00e4cke, ein paar R\u00f6hrenbildschirme. Davor ein zu den Zuschauern hin ge\u00f6ffnetes Rund aus Scheinwerfern am Boden und in halber Raumh\u00f6he. Kniehoch eine Umlaufschiene, auf der ein riesiger Ventilator w\u00e4hrend der 70-min\u00fctigen Auff\u00fchrung im Mainzer Staatstheater vom linken zum rechten B\u00fchnenrand wandert. Hoch oben h\u00e4ngt zentral ein kleiner Kreis aus Lichtflutern um eine weiteren Ventilator. Ascon de Nijs&#8216; B\u00fchne f\u00fcr die j\u00fcngste, schlicht \u201e4\u201d betitelte Produktion von tanzmainz erinnert an eine Manege beim Zirkus oder Rodeo.<\/p>\n<p>Auftritt des Showmasters in knallrotem Cowboy-Kost\u00fcm zu Countrymusic. Er demonstriert Machogestus, den pomadigen Habitus des allzeit dominanten Herzenbrechers. Er ist ein Dompteur, weist den 16 hinzutretenden T\u00e4nzern\/innen mal arrogant, mal schleimig lockend ihre Pl\u00e4tze zu. Dem einen hier, dem andern dort, aber stets so, dass ein jeder f\u00fcr sich alleine steht \u2013 wie es dem neoliberalen Zeitgeist entspricht.<\/p>\n<p>Abgang des Showmasters.&nbsp; Akustisch hebt ein gewaltiges Brausen an, das bald in rhythmisches Wummern \u00fcbergeht; die Ventilatoren entfesseln ein St\u00fcrmen. Keiner der 16 mag, kann angesichts der Gewalten so vereinzelt bleiben, wie vom Cowboy aufgestellt. Es beginnt, was dieses neue Werk des niederl\u00e4ndischen Choreografenpaares Guy Weizman und Roni Haver pr\u00e4gt: Das Suchen aller nach Gemeinschaften, in denen jeder Geborgenheit findet.<\/p>\n<p>Dieser Prozess ist kompliziert, denn er f\u00fchrt ganz unterschiedliche Charaktere in st\u00e4ndig sich ver\u00e4nderndes Miteinander. Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr Weizman\/Haver: Mit dieser Choreografie haben sie sich vom Tanztheater entfernt und dem puren zeitgen\u00f6ssischen Ballett zugewandt. Jedem Akteur ist t\u00e4nzerisches Ausformen eines Indivuums aufgegeben. Spannend, wie unterschiedlich die Spielr\u00e4ume genutzt werden, ohne dass das Ganze stilistisch auseinanderf\u00e4llt. Klassische Elemente werden kurz gestreift, Techno-Stile scheint auf, freies Ausschweifen des Contemporary Dance greift Platz, Aufl\u00f6sungen des Sch\u00f6nen bis hart an die Grenze zu Forsythe&#8217;scher Brechung inklusive.<\/p>\n<p>Da ist die strenge Frau auf hochhackigen Schuhen, die Haltsuchende um sich schart. Hier sind die athletisch auftrumpfenden Typen, dort die eher zaghaften. Dazwischen zwei k\u00fchl in sich gekehrte M\u00e4dchen oder die melancholische Blauhaarige im Minir\u00f6ckchen, die fast den Anschluss an alle verliert. Wer passt zu wem? Gibt es eine Idealkonstellation? Die Choreografie l\u00e4uft nicht etwa auf die Paarbeziehung zu, sonder auf die titelgebende \u201e4\u201d, das Quartett. In Anlehnung an dieses verbreitete Ordnungsprinzip \u2013 vier Jahreszeiten, vier Himmelsrichtungen, die vier klassischen Temperamente \u2013 finden auch die T\u00e4nzer immer \u00f6fter und nachhaltiger zu Vierergruppen zusammen.<\/p>\n<p>Fast unmerklich ver\u00e4ndert sich dabei die Kost\u00fcmierung (Slavna Martinovic). Herrschte anfangs bei den rock- und hemdartigen Flattergew\u00e4ndern Hellblau vor, schleicht sich nachher zunehmend Wei\u00df ein. Wenn zum Schluss hin vier Quartette sich zu einer hochdynamischen Vier-Himmelsrichtungen-Formation vereinen, schlie\u00dflich in eine zarte, dem Licht zustrebende Gro\u00dfgemeinschaft aufl\u00f6sen, erstrahlt diese in reinem Brautkleid-Wei\u00df.<\/p>\n<p>Am Ende sitzt der Cowboy mutterseelenallein frustriert am B\u00fchnenrand. Er hatte zwischendurch zweimal versucht, die seiner Herrschaft entgleitenden 16 wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch die Kunst des Dompteurs scheitert an der Sehnsucht nach harmonischer Gemeinschaft unterschiedlichster Menschen. So deuten wir \u201e4\u201d \u2013 als ideelle Utopie, die man gerade dieser Tage nicht aufgeben darf. Bedenkenswert, sehenswert.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. Im Hintergrund ein M\u00fcllberg: Kartons, blaue S\u00e4cke, ein paar R\u00f6hrenbildschirme. Davor ein zu den Zuschauern hin ge\u00f6ffnetes Rund aus Scheinwerfern am Boden und in halber Raumh\u00f6he. Kniehoch eine Umlaufschiene, auf der ein riesiger Ventilator w\u00e4hrend der 70-min\u00fctigen Auff\u00fchrung im Mainzer Staatstheater vom linken zum rechten B\u00fchnenrand wandert. 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