{"id":699,"date":"2015-12-20T23:00:00","date_gmt":"2015-12-20T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/20\/moderner-werther-in-bonn-auf-grossleinwand\/"},"modified":"2015-12-20T23:00:00","modified_gmt":"2015-12-20T22:00:00","slug":"moderner-werther-in-bonn-auf-grossleinwand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/20\/moderner-werther-in-bonn-auf-grossleinwand\/","title":{"rendered":"Moderner Werther in Bonn auf Gro\u00dfleinwand"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Bonn.<\/strong><\/em> Wer einen Roman kennenlernen will, der liest. Wer Gef\u00fchlsausdruck bis ins kleinste Gesichtsf\u00e4ltchen auf drei Meter hohen Nahaufnahmen sehen will, der geht ins Kino. Anders jetzt in Bonn. Wer dort die Leiden des jungen Werther via filmischem Breitwandformat noch in den kleinsten Hautporen des Titelhelden erkennen will, der besucht das Theater. Pardon, so formuliert, gibt&#8217;s gleich wieder falsche Erwartungen. Angek\u00fcndigt ist \u201eWerther \u2013 nach Johann Wolfgang von Goethe\u201d. Weshalb der Vorwurf ungerecht w\u00e4re, Regisseurin Mirja Biel habe den legend\u00e4ren Briefroman unseres Dichterf\u00fcrsten mutwillig zu Schanden geritten.<\/p>\n<p>L\u00e4sst man mal Irritation und Ver\u00e4rgerung dar\u00fcber beiseite, dass in den Godesberger Kammerspielen von Goethes Text wenig, von den Kopfbildern des Romanlesers fast gar nichts bleibt, dann ist zu konstatieren: Dieses vom Sturm-und-Drang-Roman \u00fcber eine unm\u00f6gliche Liebe inspirierte neuzeitliche Werk ist nicht dumm. Was Benjamin Berger (Werther), Johanna Falckner (Lotte) und Robert H\u00f6ller (Albert) da auf einem schmalen Streifen Vorderb\u00fchne mit Verve erspielen, darf als recht gescheite \u00dcbersetzung und Weiterdenke der Goethe&#8217;schen Konfliktkonstruktion ins Heute gelten.<\/p>\n<p>Die Titelfigur stellt sich in zerrissenen Jeans als widerspenstiger, w\u00fctender Jugendtypus vor, der mit den Ordnungs- und Konsummaximen der b\u00fcrgerlichen Modernegesellschaft rein gar nichts am Hut hat. Dieser sensible Kerl wird \u00fcberw\u00e4ltigt von pl\u00f6tzlich entflammter Liebe. Die gilt Lotte, einem kecken Girl unserer Tage. Das spielt mit Neckerei, Tanzerei, Liebelei, Sexappeal. Das motzt gegen beengende antiquierte Frauenrollen, formuliert aber als Lebenswunsch: \u201eF\u00fcr mich soll jeden Tag Weihnachten sein.\u201d&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Doch Lotte ist schon vergeben. An Albert, den erfolgreichen Gesch\u00e4ftsmann \u2013 der in einer langen neoliberalen Suada erkl\u00e4rt, dass Deutschland Leistungsgerechtigkeit brauche und Sozialpolitik deshalb bedeuten m\u00fcsse, Anreize f\u00fcr die Besten des Landes zu schaffen. Nat\u00fcrlich landet die Frau schlie\u00dflich in den Armen dieses Mannes, der ihr ewige Weihnacht verspricht. Da wird der schmale Spielraum f\u00fcr einen Moment zur Showb\u00fchne ge\u00f6ffnet, auf der Lotte und Albert sich mit schmalzigem Pop-Duett als Superstar-Gewinner feiern. Werther gibt sich darob die Kugel. So gesehen, steckt im Bonner \u201eWerther\u201d indirekt doch eine Menge Goethe.<\/p>\n<p>Was indes zu ernsten Bedenken Anlass gibt, ist zweierlei. Erstens, die anhaltende Ausbreitung einer Seuche im deutschen Theater, an der Bonn besonders schwer erkrankt scheint: Statt Theaterst\u00fccke zu spielen, werden ein ums andere Mal Adaptionen von Romanen, Erz\u00e4hlungen, Filmen auf die B\u00fchne gewuppt. Im Bonner Theater macht diese Unart heuer schier die H\u00e4lfte der Schauspielproduktionen aus. Zweitens, es nimmt die Einbeziehung von Filmtechnik und Kino\u00e4sthetik im Theater \u00fcberhand.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Teile etwa dieses \u201eWerther\u201d bestehen aus per Minikamera riesenhaft auf die b\u00fchnenbreite R\u00fcckwand projizierten Nahaufnahmen vom Sprechen und Mienenspiel der Protagonisten. Mit Verlaub, so schaufelt sich die Theaterkunst das eigene Grab. Denn im Wettbewerb mit der st\u00e4ndig aufr\u00fcstenden Kino- und heimischen Multimediatechnik kann sie nur durch ihre ureigenen Mittel bestehen: Echte Menschen spielen live und eins zu eins auf der B\u00fchne \u2013 entfalten mit ihrer Spielkunst und Pr\u00e4senz auch und gerade ohne technische Vergr\u00f6\u00dferung packende Wirkung bis in die letzte Zuschauerreihe. Das ist das eigentliche Geheimnis des Theaters, und aus solcher Echtheit entspringt seine die Zeitl\u00e4ufe \u00fcberdauernde Kraft.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Bonn. Wer einen Roman kennenlernen will, der liest. Wer Gef\u00fchlsausdruck bis ins kleinste Gesichtsf\u00e4ltchen auf drei Meter hohen Nahaufnahmen sehen will, der geht ins Kino. Anders jetzt in Bonn. Wer dort die Leiden des jungen Werther via filmischem Breitwandformat noch in den kleinsten Hautporen des Titelhelden erkennen will, der besucht das Theater. 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