{"id":698,"date":"2015-12-18T23:00:00","date_gmt":"2015-12-18T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/18\/die-nashoerner-sind-wieder-unter-uns\/"},"modified":"2015-12-18T23:00:00","modified_gmt":"2015-12-18T22:00:00","slug":"die-nashoerner-sind-wieder-unter-uns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2015\/12\/18\/die-nashoerner-sind-wieder-unter-uns\/","title":{"rendered":"Die Nash\u00f6rner sind wieder unter uns"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape. Mainz.<\/strong><\/em> Viel geschmunzelt und bisweilen laut gelacht bei der j\u00fcngsten Premiere am Staatstheater Mainz. Doch, anders als bei der Lekt\u00fcre des Textes von \u201eDie Nash\u00f6rner\u201d, kaum Beklommenheit versp\u00fcrt. Frank Hoffmann hatte beim Einrichten der Koproduktion von Ruhrfestspielen, Theater Mainz und Nationaltheater Luxemburg wohl nicht damit gerechnet, dass die Auff\u00fchrungen in eine Zeit fallen w\u00fcrden, wo Eug\u00e8ne Ionescos Klassiker des Absurden Theaters der 1950-\/60er wieder brandaktuell sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>In der fr\u00fchen zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts war der Dreiakter ein Dauerbrenner gerade auf deutschen B\u00fchnen. Zuletzt wurde er aber nur noch sehr selten gespielt. Erinnerlich f\u00fcr die hiesige Region ist blo\u00df eine Inszenierung in Frankfurt, die fast zwei Jahrzehnte zur\u00fcckliegt. Das zur Entstehungszeit des St\u00fcckes virulente Thema schien sich erledigt zu haben: Ionesco hatte eine Parabel auf die Entwicklung des Faschismus geschrieben \u2013 von einer&nbsp; scheinbar harmlosen Randerscheinung \u00fcber die subkutane Durchdringung der Normalgesellschaft bis zur Herrschaft von uniformem Massen- und Rassenwahn. Im St\u00fcck l\u00f6st sich die menschliche Gemeinschaft auf, indem ihre Mitglieder peu \u00e0 peu zu vor Kraft strotzenden Dickh\u00e4utern mutieren. \u201eDie Nash\u00f6rner\u201d darf verstanden werden als satirisch geformte Warnung: Obacht, der Scho\u00df ist noch fruchtbar, aus dem das kroch.<\/p>\n<p>Hoffmanns Inszenierung baut prim\u00e4r auf die satirischen Komponenten. Er macht aus dem St\u00fcck eine schiere Humoreske, die wie um der blo\u00dfen Vergn\u00fcglichkeit Willen eine alte Theaterform zitiert. Das allerdings geschieht mit Raffinement und im Zentrum des achtk\u00f6pfigen Ensembles gest\u00fctzt auf zwei \u00fcberragende Schauspieler: Wolfram Koch als Behringer und Samuel Finzi in der Rolle des Hans. Beide liefern Kabinettst\u00fcckchen, die den 100-min\u00fctigen Abend per se zum Erlebnis werden lassen.<\/p>\n<p>Die erste halbe Stunde sitzen die Mimen verteilt im Parkett und mischen Ionescos Dialoge zum allgemeinen, gem\u00fctlichen Sonntagsgeplapper. Hans und Behringer geraten sich dabei in die Wolle \u00fcber richtige Lebensart: F\u00fcr flei\u00dfiges Arbeiten nebst M\u00e4\u00dfigung bei Alkohol und Frauen pl\u00e4diert Hans; f\u00fcr gefahrlose Feierabendbierchen der verkaterte Behringer \u2013 und gafft der vorbeist\u00f6ckelnden Sekret\u00e4rin Daisy (Jacqueline Macaulay) aufs Wohlgerundete. Pl\u00f6tzlich: Rumms, Licht aus, Krach, Gekreisch, Chaos. Das erste Nashorn ist aufgetaucht. Von ihm nachher keine Spur; es bleiben nur eine plattgetrampelte Katze, die greinende Katzenbesitzerin und verst\u00f6rte Leute.<\/p>\n<p>Das Publikum kriegt kein Nashorn zu sehen. Im nun auf die B\u00fchne verlagerten Geschehen tauchen nie entsprechende Pappmaschee-K\u00f6pfe oder maskenhafte Anspielungen auf. Gezeigt wird Hans&#8216; beginnende, mit bravour\u00f6ser Komik gespielte Verwandlung: Der Mensch wird hitzig, trampelig, schmei\u00dft beil\u00e4ufig M\u00f6bel um, sein Sprechen wandelt sich zu Geblubber, schlie\u00dflich entschwindet er am Seile in den Schn\u00fcrboden. Nach und nach verschwinden auch Behringers B\u00fcrokollegen; man ahnt oder schlie\u00dft aus Andeutungen und Kontext, dass sie nun ebenfalls zum Getier geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Gegen Ende verengt Christoph Rasches B\u00fchnenrahmen aus mit Stroh drapierten Gitterstellagen den Raum zum K\u00e4fig. Drau\u00dfen die Masse der Nash\u00f6rner: Wir \u2013 die wir anfangs als Menschen eine \u00fcber die B\u00fchne ziehende Brass-Combo swingen h\u00f6rten, ihrem tonlosen Vorbeimarsch am Schluss nur wie einem Stummfilm zusehen. Nash\u00f6rner sind unempf\u00e4nglich f\u00fcr Kultur. Drinnen im K\u00e4fig die letzten noch widerstehenden Menschen: Behringer und Daisy.<\/p>\n<p>Bis hierher dominierte Humor die Auff\u00fchrung, \u00fcberm\u00fctige Dada-Performance inklusive. Da es bald auch die Frau zur Gemeinschaft der Nash\u00f6rner zieht, kippt die Atmosph\u00e4re ins Tragische. Denn der einsame Behringer w\u00fcrde jetzt ebenfalls gerne in der Masse aufgehen \u2013 aber er wird seinen Individualismus nicht los. So schwenkt die Inszenierung im Finale doch noch ernsthaft auf jene Beklommenheit ein, die einen dieser Tage real erfasst, angesichts von Hassreden, sich ausbreitenden Ressentiments gegen Migranten und brennenden Fl\u00fcchtlingsheimen.<br \/>\n&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Mainz. Viel geschmunzelt und bisweilen laut gelacht bei der j\u00fcngsten Premiere am Staatstheater Mainz. 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