{"id":681,"date":"2020-08-22T22:00:00","date_gmt":"2020-08-22T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/08\/22\/das-bild-vom-mittelalter-aendert-sich-staendig\/"},"modified":"2020-08-22T22:00:00","modified_gmt":"2020-08-22T21:00:00","slug":"das-bild-vom-mittelalter-aendert-sich-staendig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/08\/22\/das-bild-vom-mittelalter-aendert-sich-staendig\/","title":{"rendered":"Das Bild vom Mittelalter \u00e4ndert sich st\u00e4ndig"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>ape.<\/em><\/strong> Am 9. September er\u00f6ffnet das Landesmuseum Mainz eine Ausstellung unter dem Titel \u201eDie Kaiser und die S\u00e4ulen ihrer Macht \u2013 Von Karl dem Gro\u00dfen bis Friedrich Barbarossa\u201c. Betr\u00e4chtliche Aufmerksamkeit d\u00fcrfte der opulenten Schau trotz coronabedingten Besucherreglements sicher sein. Denn das Thema umfasst f\u00fcnf Jahrhunderte, die auch eine breitere \u00d6ffentlichkeit interessieren, ja faszinieren: das Mittelalter. Mainz ist ein guter Ort daf\u00fcr, liegt die Stadt doch quasi in der Mitte jener die Pfalz, Rheinhessen sowie das Rheinland bis K\u00f6ln und Aachen umfassenden Region, die in besagter Herrschaftszeit von Karolingern, Saliern, Staufern ein Kernbereich deutschen K\u00f6nig- und Kaisertums war.<\/p>\n<p>Gerade kommen in Mainz Exponate aus allen Himmelsrichtungen an. Darunter St\u00fccke, deren Nennung Geschichtskundigen Glanz in die Augen treibt. Wie der Codex Manesse, die bedeutendste handschriftliche Liedersammlung des Mittelalters. Oder das Armreliquiar Karls des Gro\u00dfen; der Grabstein Jehudas, des einst \u00fcberragenden j\u00fcdischen Gelehrten der Schum-St\u00e4dte. Oder der Pilastersarkophag, in dem 876 K\u00f6nig Ludwig der Deutsche, Enkel Karls des Gro\u00dfen, beigesetzt worden sein soll. Oder die Grabkrone der Kaiserin Gisela, das Ada-Evangeliar, der Egbert Codex \u2013 gar die Goldenen Bulle, also das kaiserliche Gesetzbuch von 1356 f\u00fcr das Heilige R\u00f6mische Reich.<\/p>\n<p>Gut zusammengestellt, pr\u00e4sentiert und erkl\u00e4rt, werden viele dieser Exponate nicht nur eine Augenweide sein, sondern vielschichtige Bilder skizzieren von Politik, Wirtschaft, Lebensart im Laufe der Mittelalterepoche. Bilder, die allerdings oft noch im Fluss sind, die durch j\u00fcngere&nbsp; Forschungen st\u00e4ndig erg\u00e4nzt, modifiziert, korrigiert, ja bisweilen v\u00f6llig neu gezeichnet werden m\u00fcssen. Dies wurde jetzt bei einem Vortragsabend im Vorfeldprogramm zur Ausstellung deutlich. Unter dem Titel \u201eDie pf\u00e4lzische Burgenlandschaft \u2013 Vorl\u00e4ufer und Herrschaftssitze rund um die Burg Trifels\u201c stellten die Speyerer Arch\u00e4ologin Bettina H\u00fcnerfauth und die Direktorin Burgen, Schl\u00f6sser, Alter\u00fcmer Rheinland-Pfalz, die Historikerin Angela Kaiser-Lahme, j\u00fcngere Forschungsentwicklungen zu den Burgen in der Pfalz vor.<\/p>\n<p>Rasch wird klar, die Sache ist kompliziert. Allerhand landl\u00e4ufige Vorstellungen von den einstigen Burgen und dem Leben darin sind eher durch Romane und Filme gepr\u00e4gt. In der Realit\u00e4t indes gibt es f\u00fcr manchen Mauerrest kaum oder keine historischen Dokumentzeugnisse. Umgekehrt tauchen in alten Dokumenten Hinweise auf bedeutende gro\u00dfe Burganlagen auf, von denen aber nur ein paar Steine geblieben sind oder gar nichts. Und was man heute an Burgbauten tats\u00e4chlich hat, wurde in Lauf der Geschichte mehrfach umgebaut, \u00fcberbaut oder noch im 20. Jahrhundert aus Unwissenheit oder mutwillig falsch rekonstruiert. Nicht wenige Rekonstruktionen fr\u00fcherer Fachleute erweisen sich unter der Lupe moderner Arch\u00e4ologie und Bauforschung eher als fantasiereiche Spekulation. Weshalb wir von vielen Mittelalterburgen noch immer nicht oder nicht genau wissen, wie sie zu dieser oder jener Zeit aussahen und funktionierten. Von etlichen Gem\u00e4uern l\u00e4sst sich mangels datierbarer \u00dcberreste nicht mal sagen, wann sie erbaut wurden.<\/p>\n<p>Bauliche Ungewissheiten gibt es selbst noch hinsichtlich der bekanntesten und historisch wichtigsten unter den pf\u00e4lzischen Burgen, der Reichsburg Trifels. W\u00e4hrend der Zeit der Salier-Kaiser entstanden, wurde sie unter den Staufern quasi als ideelles Herz des Reiches angesehen. Denn auf dem Trifels waren die Reichskleinodien \u201esicher\u201c untergebracht, zugleich diente die Burg als Staatsgef\u00e4ngnis f\u00fcr Promis (Richard L\u00f6wenherz war dort kurzzeitig eingesperrt). Nicht zuletzt wurde vom Trifels aus eine f\u00fcr das Kaisertum sehr eintr\u00e4gliche Region am \u00dcbergang von der Rhein-Ebene zu den Tiefen des Pf\u00e4lzer Waldes \u00fcberwacht und verwaltet, die \u2013 nach j\u00fcngeren Forschungen \u2013 am Kreuzungspunkt wichtiger Handelswege von West nach Ost und Nord nach S\u00fcd lag.<\/p>\n<p>Man wei\u00df heute eine Menge \u00fcber die einst wie so viele pf\u00e4lzische Burgen teils in den Buntsandsteinfels gehauene Trifels. Unter anderem ist v\u00f6llig sicher, dass die Burg weder zu salischer noch zu staufischer Zeit so aussah wie sie heute aussieht. Da hatten das 19. und 20. Jahrhundert geh\u00f6rig ihre Finger im Spiel. Mit Unterst\u00fctzung moderner Luftbildarch\u00e4ologie und Laser-Bodenscans konnte inzwischen das R\u00e4tsel gel\u00f6st werden, wo und wie am steilen, felsig zerkl\u00fcfteten und dicht bewaldeten Burgberg Heerschauen mit bis zu 4000 Mann nebst R\u00f6ssern und Trosswagen hatten stattfinden k\u00f6nnen: Der Sockel des Burgberges war zur Stauferzeit eben nicht&nbsp; bewaldet, der heutige Besucherparkplatz und umliegende Areale eine offene Fl\u00e4che aus Wiesen und \u00c4ckern.<\/p>\n<p>Man wei\u00df heute auch, dass die fr\u00fchmittelalterlichen Adelssitze noch umz\u00e4unte Holzbauten inmitten von Siedlungen der Untertanen in der Rhein-Ebene waren. Erst im 11. Jahrhundert separierte sich die Herrschaftsklasse, baute Burgen au\u00dferhalb der Orte und m\u00f6glichst erh\u00f6ht. Bis zum 12. Jahrhundert hatte sich dann die \u2013 sehr teure \u2013 Bauweise mit Steinen auf Berggipfeln im Randbereich des Pf\u00e4lzer Waldes durchgesetzt. Weithin sichtbar fungierten die Burgen nun als Zeichen von Macht und Wohlstand. Im 13. Jahrhundert dr\u00e4ngte es den Adel, die bis dahin fast unbesiedelten Kernbereiche des Pf\u00e4lzer Waldes mittels Burgenbau f\u00fcr sich zu erschlie\u00dfen. Im 15. Jahrhundert zieht es sie mit neuen Bauten wieder hinaus in die Ebene. Viele Jahrhunderte, gar tausend und mehr Jahre w\u00e4hrende Kontinuit\u00e4t der Burgenstandorte, ist, anders als vielfach am Mittelrhein, in der Pfalz eher die Ausnahme.<\/p>\n<p>So h\u00f6ren wir denn, nicht ohne Staunen, von der Wissenschaft, dass das Mittelalter quasi noch lebt. Weil es l\u00e4ngst nicht ausgeforscht ist, das Bild von dieser Epoche sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Weshalb man der Mainzer Landesausstellung sowie mannigfachen erg\u00e4nzenden Pr\u00e4sentationen von der S\u00fcdpfalz bis weit ins Rheinland mit einiger Spannung entgegensehen kann. Denn kaum etwas ist interessanter als die Wechselwirkung zwischen offenen Fragen und scheinbaren oder tats\u00e4chlichen Gewissheiten.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Am 9. September er\u00f6ffnet das Landesmuseum Mainz eine Ausstellung unter dem Titel \u201eDie Kaiser und die S\u00e4ulen ihrer Macht \u2013 Von Karl dem Gro\u00dfen bis Friedrich Barbarossa\u201c. Betr\u00e4chtliche Aufmerksamkeit d\u00fcrfte der opulenten Schau trotz coronabedingten Besucherreglements sicher sein. Denn das Thema umfasst f\u00fcnf Jahrhunderte, die auch eine breitere \u00d6ffentlichkeit interessieren, ja faszinieren: das Mittelalter. 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