{"id":680,"date":"2020-11-22T23:00:00","date_gmt":"2020-11-22T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/11\/22\/die-baeuerliche-basis-des-mittelalters\/"},"modified":"2020-11-22T23:00:00","modified_gmt":"2020-11-22T22:00:00","slug":"die-baeuerliche-basis-des-mittelalters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/11\/22\/die-baeuerliche-basis-des-mittelalters\/","title":{"rendered":"Die b\u00e4uerliche Basis des Mittelalters"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>ape.<\/em><\/strong> Vorgestellt sei: Gundald \u2013 unfreier Bauer, im sp\u00e4ten 9. Jahrhundert ans\u00e4ssig auf der Gemarkung Dienheim im heutigen Landkreis Mainz-Bingen, einer aus jener mehr als 90-prozentigen Mehrheit der mittelalterlichen Bev\u00f6lkerung. Er war abgabenpflichtig gegen\u00fcber seinem Grundherrn, in diesem Fall dem Kloster Pr\u00fcm in der Eifel. Was Gundald an Produkten und Frondiensten allj\u00e4hrlich zu liefern und zu leisten hatte, ist haarfein festgehalten im Pr\u00fcmer Urbar. Dabei handelt es sich um eine Art Grundbesitz- und Bilanzbuch, das Regino, der Abt des Klosters, anno 893 anlegen lie\u00df. Zweck der Operation: Nach \u00dcberf\u00e4llen auf die Gegend und Verw\u00fcstung des Klosters durch Wikinger 882 und 892 wollte er eine Bestandsaufnahme \u00fcber die kl\u00f6sterlichen Besitzt\u00fcmer, ihren Zustand und die zu erwartenden Einnahmen haben.<\/p>\n<p>Um das Pr\u00fcmer Urbar sowie zwei \u00e4hnliche Klosterverzeichnisse \u2013 Wei\u00dfenburger Codex von 860, Lorscher Codex von 1170 \u2013 gruppiert sich in der aktuellen Mainzer Mittelalter-Austellung \u201eDie Kaiser und die S\u00e4ulen ihrer Macht\u201c eine eigene kleine Abteilung. Diese beleuchtet die Bedeutung \u201ejener Millionen Unfreien, die im mittelalterlichen Europa mit ihrer t\u00e4glichen Arbeit den materiellen Mehrwert schufen, mittels dessen Adel und Kirche, Bisch\u00f6fe, K\u00f6nige und Kaiser ihren Prunk entfalten und ihre Machtspiele treiben konnten\u201c. So fasst der Mittelalterarch\u00e4ologe Thomas Meier in einem Aufsatz des Begleitbuches zur Ausstellung zusammen, was bei der Historienbetrachtung allzu oft im Schatten der Konzentration auf Herrscher- und Dynastiengeschichte verschwindet.<\/p>\n<p>Was also ist im Pr\u00fcmer Urbar \u00fcber die Pflichten des unfreien Bauern Gundald gegen\u00fcber seinem Grundherrn aufgef\u00fchrt? Danach hatte er dem Kloster respektive dessen Landvogt vor Ort zu liefern: Zw\u00f6lf Eimer Wein, zwei Scheffel Roggen, zwei Wagenladungen Heu; dazu im Herbst eine Wagenladung Holz, drei Pf\u00e4hle f\u00fcr Fischreusen. Zudem bekam der Vogt j\u00e4hrlich zwei H\u00fchner und zehn Eier; obendrein hatte Gundald den Kirchenzehnt zu entrichten. Zu den materiellen Abgaben gesellten sich zahlreiche Dienstpflichten wie Kochern, Brauen, Wache halten, Trauben zur gemeinschaftlichen\/herrschaftlichen Kelter zu fahren und im Winter dort f\u00fcr zwei Wochen die Beleuchtung zu stellen. Im Zuge von Transportpflichten f\u00fcr die Herrschaft hatte er 100 Schindeln und drei Wagenladungen Heu ins 60 Kilometer entfernte Altrip zu bringen sowie nach Bedarf Bootstransporte dorthin und nach St. Goar zu leisten.<\/p>\n<p>All dies summierte sich auf bis zu 50 Prozent der Produkte und Arbeitszeit, die Gundald wie die anderen 1700 Bauernstellen in rund 400 zur Grundherrschaft des Klosters Pr\u00fcm geh\u00f6rigen Orten abzuf\u00fchren hatte. Diese Gr\u00f6\u00dfenordnung kann auch als grober Anhalt f\u00fcr die Abgabenlast unter weltlich-adliger Grundherrschaft angenommen werden. Die Unfreiheit der h\u00f6rigen Bauern&nbsp; beschr\u00e4nkte sich indes nicht nur auf die wirtschaftliche Ebene. So durften sie weder ihren Aufenthaltsort noch ihre Ehepartner selbst bestimmen, konnten ohne Zustimmung des Grundherrn keine Rechtsgesch\u00e4fte abschlie\u00dfen und waren vor Gericht weniger Wert als Freie.<\/p>\n<p>In der Regel nahm der Entrichtungsakt f\u00fcr die Abgaben und\/oder die Bekanntmachung ihrer Festlegung ritualisierten Charakter an. In einer \u00fcberwiegend analphabetischen Gesellschaft strahlte bereits die schriftliche Fixierung von Pflichten per se Autorit\u00e4t und eherne, quasi von Gott gegebene G\u00fcltigkeit aus. Denn die Texte waren auf Latein geschrieben und wurden hochoffiziell auch erstmal auf Latein verlesen \u2013 also in der Sprache der kirchlichen Sakramentrituale und der Bibel, die ab etwa dem 8. Jahrhundert kein Mensch aus dem einfachen Volke mehr verstand. Dass mancherorts Geistliche die lateinischen Mitteilungen f\u00fcr die Betroffenen in orts\u00fcbliche Idiome \u00fcbersetzten, unterstrich die unabdingbare Gehorsamspflicht gegen\u00fcber den von der Herrschaft getroffenen Festlegungen.<\/p>\n<p>Ging die fr\u00fchere Mittelalterbetrachtung von einem weitgehend statischen, strikt hierarchisierten System der Grundherrschaft aus, so skizzieren j\u00fcngere Forschungen ein etwas anderes Bild. Danach&nbsp; existierten \u00f6rtlich sehr unterschiedliche Formen selbst unfreier B\u00e4uerlichkeit. So gab es etwa neben besitzlosen Bauern auch solche mit etwas eigenem Boden oder b\u00e4uerliche Nachbarschaften, die nach Genossenschaftsart wirtschafteten. Arch\u00e4ologische Funde sehr unterschiedlich gro\u00dfer Geh\u00f6fte sprechen auch f\u00fcr eine wesentlich st\u00e4rkere soziale Ausdifferenzierung innerhalb der Masse der Bauern als vordem angenommen. Gleichwohl: Das letzte Wort hatte der Grundherr und an dr\u00fcckender Abgabenlast zur Versorgung der herrschenden St\u00e4nde kam letztlich kein Bauer vorbei. &nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht&nbsp; <\/em><\/p>\n<p><em>***<\/em><\/p>\n<p><em>Linkis zu all meinen weiteren Texte aus dem Themenumfeld der Mainzer Ausstellung:<\/em><\/p>\n<h5>\n<a href=\"\/D7\/node\/617\">&gt; Grenzen der absoluten Herrschaft<\/a><br \/>\nTrotz Gottesgnadentum mussten die Kaiser des Mittelalters nach Konsens streben<br \/>\n22.11.2020<\/h5>\n<h5><a href=\"\/D7\/node\/599\">&gt; Die Macht am Rhein von Karl dem Gro\u00dfen bis Barbarossa<\/a><br \/>\nMittelalterausstellung im Landesmuseum Mainz<br \/>\n24.09.2020<\/h5>\n<h5><a href=\"\/D7\/node\/593\">&gt; Die Kaiser des Mittelalters im Netz der Macht<\/a><br \/>\nVorbericht zur Mainzer Landesausstellung<br \/>\n31.08.2020<\/h5>\n<h5><a href=\"\/D7\/node\/619\">&gt; Das Bild vom Mittelalter \u00e4ndert sich st\u00e4ndig<\/a><br \/>\nLehren aus einem Abend \u00fcber pf\u00e4lzische Burgen<br \/>\n23.08.2020<\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Vorgestellt sei: Gundald \u2013 unfreier Bauer, im sp\u00e4ten 9. Jahrhundert ans\u00e4ssig auf der Gemarkung Dienheim im heutigen Landkreis Mainz-Bingen, einer aus jener mehr als 90-prozentigen Mehrheit der mittelalterlichen Bev\u00f6lkerung. Er war abgabenpflichtig gegen\u00fcber seinem Grundherrn, in diesem Fall dem Kloster Pr\u00fcm in der Eifel. 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