{"id":679,"date":"2020-11-21T23:00:00","date_gmt":"2020-11-21T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/11\/21\/grenzen-der-absoluten-herrschaft\/"},"modified":"2020-11-21T23:00:00","modified_gmt":"2020-11-21T22:00:00","slug":"grenzen-der-absoluten-herrschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/11\/21\/grenzen-der-absoluten-herrschaft\/","title":{"rendered":"Grenzen der absoluten Herrschaft"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Um Weihnachten im Jahre des Herrn 1105 geschah nahe Mainz Bemerkenswertes: Heinrich IV. aus dem Geschlecht der Salier, seit 1084 Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches wurde auf Burg B\u00f6ckelheim gefangen gesetzt. Auf wessen Befehl? Den des eigenen Sohnes, Heinrich V.&nbsp; Am 31. Dezember 1105 zwangen dann die F\u00fcrsten den Vater bei einer Zusammenkunft in Ingelheim zur Abdankung und w\u00e4hlten den Sohn am 5. Januar 1106 zum Nachfolger. Der Mainzer Erzbischof Ruthard salbte ihn und \u00fcberreichte ihm die Reichsinsignien. Nach heutig<a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Sonderausstellung-Motiv-Kaiser-Thron.jpg\" title=\"Friedrich Barbarossa auf dem Throne. (c)Landesmuseum Mainz\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-678\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Sonderausstellung-Motiv-Kaiser-Thron.jpg\" style=\"float:left; height:480px; margin:5px; width:266px\" title=\"Friedrich Barbarossa auf dem Throne. (c)Landesmuseum Mainz\" width=\"266\" height=\"480\" \/><\/a>em Verst\u00e4ndnis k\u00f6nnte man formulieren: Der Sohn hatte gegen den Vater geputscht \u2013 unterst\u00fctzt von F\u00fcrsten und Klerus. Gerade f\u00fcr das Mittelalter war das ein ungeheuerlicher Vorgang, denn die K\u00f6nige und Kaiser galten seit der vom Papst gesegneten Kr\u00f6nung Pippins des J\u00fcngeren 791 zum Frankenk\u00f6nig als \u201edei gratia\u201c zur Herrschaft erm\u00e4chtigt, durch Gottes Gnade. Pippins Sohn, Karl der Gro\u00dfe, \u00fcbernahm dieses Prinzip des Gottesgnadentums, sah ab anno 800 auch seine kaiserliche Herrschaft durch \u201eg\u00f6ttliches Recht\u201c legitimiert.<\/p>\n<p>Diesem Selbstverst\u00e4ndnis, wonach der Herrscher von Gott \u00fcber seine Untertanen gesetzt sei, f\u00fchlen sich fortan alle K\u00f6nige und Kaiser des Reiches verbunden. Gerade Salier und Staufer leiteten aus dem Gottesgnadentum immer wieder eine Anspruch ab, wonach der weltliche Herrscher einen von Gott gegebenen eigenst\u00e4ndigen Herrschaftsanspruch auch unabh\u00e4ngig vom Papst habe. Dummerweise war zugleich aber die Kaiserw\u00fcrde nach damaligen Verst\u00e4ndnis an den rituellen Segen des Pontifex Maximus in Rom gekn\u00fcpft. Dieses Dilemma beeinflusste die Reichsgeschichte \u00fcber etliche Jahrhunderte. Und nicht umsonst weigerte sich der Vatikan ebenso lange, f\u00fcr das neue \u201eR\u00f6mische Reich\u201c den Zusatz \u201eHeiliges\u201c zu \u00fcbernehmen. Das Gottesgnadentum galt bald auch f\u00fcr&nbsp; nachgeordnete Ebenen der feudalen Hierarchie, verfestigt sich zu einer Art Grundprinzip der&nbsp; Macht- und Eigentumsstrukturen. Und das so sehr, dass Martin Luther im 16. Jahrhundert die blutige Unterdr\u00fcckung von Bauernaufst\u00e4nden durch die F\u00fcrsten begr\u00fc\u00dfte mit der Begr\u00fcndung, dass der Mensch nicht gegen die durch Gottes Gnade festgelegten Herrschaftsverh\u00e4ltnisse revoltieren d\u00fcrfe. In grundst\u00fcrzendem Widerspruch dazu stand die u.a. von Thomas M\u00fcntzer pr\u00e4ferierte und von den Aufst\u00e4ndischen begierig aufgenommene Losung \u201evor Gott sind alle Menschen gleich\u201c.<\/p>\n<p>Das Gottesgnadentum begr\u00fcndete einen Anspruch auf \u201eabsolute\u201c Herrschaft \u2013 von den Kaisern des Mittelalters erhoben quasi f\u00fcr den gesamten (westr\u00f6mischen) christlichen Weltkreis, obwohl&nbsp; ihr Herrschaftsbereich bis zur Eroberung des K\u00f6nigreichs Sizilien durch den Staufer Heinrich VI. anno 1194 auf die Lande n\u00f6rdlich der Alpen begrenzt war. Nicht nur Friedrich Barbarossa konnte sehr ungehalten werden, wenn jemand von ihm als \u201edeutschem\u201c Kaiser sprach. Der Zusatz \u201edeutsch\u201c wurde damals als Schm\u00e4lerung des kaiserlichen Absolutheitsanspruchs verstanden. Weshalb auch erst im sp\u00e4ten 15. Jahrhundert sich allm\u00e4hlich die Bezeichnung Heiliges R\u00f6misches Reich \u201eDeutscher Nation\u201c verbreitete. Allerdings eher selten und nur im gew\u00f6hnlichen Sprachgebrauch genutzt; offiziell blieb bis es zum Ende 1806 bei \u201eHeiliges R\u00f6misches Reich\u201c (Sacrum Romanum Imperium. Die Abk\u00fcrzung SRI findet sich bis heute auf manchem alten Grenz- oder Gedenkstein). Die Betonung des Zusatzes \u201eDeutscher Nation\u201c ist ein erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem neuzeitlichen Nationalgeist verst\u00e4rkt auftretendes Ph\u00e4nomen.<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zum Vater-Sohn-Zwist der salischen Heinriche IV. und V. . In diesem Konflikt \u201eprallten zwei verschiedene Formen von Herrschaft aufeinander\u201c, schreibt der Heidelberger Mittelalterspezialist Bernd Schneidm\u00fcller im Begleitbuch zur von ihm wissenschaftlich geleiteten aktuellen Ausstellung \u201eDie Kaiser und die S\u00e4ulen ihrer Macht\u201c im Landesmuseum Mainz. Sohn \u201eHeinrich V. wollte im Bund mit jungen F\u00fcrsten die salische Dynastie nach mehr als drei\u00dfig konfliktreichen Jahren gegen einen aus dem Ruder gelaufenen kaiserlichen Vater retten. 1105 stand das Reich vor den Scherben einer Kaiserherrschaft. Sie hatte sich im Kampf mit P\u00e4psten und Reformkirche zerrieben und den Konsens der F\u00fcrsten verloren.\u201c Schneidm\u00fcller verweist damit vor allem auf zwei fatale Begleitumst\u00e4nde, die das Gottesgnadentum-Prinzip w\u00e4hrend der Regierungszeit des schon in jungen Jahren auch gegen\u00fcber den F\u00fcrsten schroff und autorit\u00e4r auftretenden Heinrich IV. zugespitzt mit sich gebracht hatten.<\/p>\n<p>Erstens das permanente Ringen zwischen Papst und Kaiser, also zwischen kirchlicher und weltlicher Macht um die Vorherrschaft im Christenreich. Zum v\u00f6lligen Bruch kam es als Papst Gregor VII. verk\u00fcndete, allein dem Papst komme als Nachfolger Petri der gesamte Vorrang auf Erden zu, in geistlichen wie in weltlichen Dingen, und jeder m\u00fcsse ihm als Gottes Stellvertreter auf Erden gehorchen. Woran Heinrich IV. nicht im Traum dachte. Weshalb ihn Gregor 1076 aus der Gemeinschaft der Christen ausstie\u00df und s\u00e4mtliche Heinrich geleisteten Treueide der Untertanen aufhob. Im Gegenzug forderte Heinrich IV. nachdr\u00fccklich den R\u00fccktritt des Papstes. Ein vergebliches Unterfangen, das schlie\u00dflich zur zweiten Fatalit\u00e4t f\u00fchrte: die F\u00fcrsten wandten sich gegen den Herrscher. \u201eDer fragile Verantwortungsverbund von K\u00f6nig, Kirche und Adel brach auseinander\u201c erkl\u00e4rt Schneidm\u00fcller. Als letzter Ausweg zur Rettung seiner Krone&nbsp; blieb Heinrich nur noch die bedingungslose Auslieferung an die Gnade des Papstes in Form des legend\u00e4ren Bu\u00dfgangs nach Canossa.<\/p>\n<p>Der so gestiftete Burgfrieden w\u00e4hrte bekanntlich nicht lange. Doch eine Gruppe ging gest\u00e4rkt aus dieser Auseinandersetzung hervor: die F\u00fcrsten, die nun in monarchischen Krisen die Verantwortung f\u00fcr das Reich \u00fcbernahmen. \u201eIhr Anspruch auf die Wahl des K\u00f6nigs spiegelte das neue Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis. Keine Dynastie im Reich vermochte sich diesem konsensualen Fundament mehr zu entziehen\u201c (Schneidm\u00fcller). Die F\u00fcrsten spielten eine entscheidende Rolle beim Sturz Heinrichs IV. 1105\/6 und der Inthronisation seines Sohnes, sie w\u00fcrden 15 Jahre sp\u00e4ter auch Kaiser Heinrich V. zwingen, mit dem Wormser Konkordat den Epochenkonflikt zwischen Papsttum und Kaisertum (vorerst) zu l\u00f6sen. Womit wir auch beim zentralen Blickwinkel w\u00e4ren, mit dem die Mainzer Ausstellung die Mittelalterepoche von Karl dem Gro\u00dfen bis Barbarossa betrachtet. Der gilt dem Konsensprinzip in diesem Reich als fluidem Konglomerat sehr vieler Partikularinteressen bei nur sehr wenigen zentralen Staatsinstitutionen.<\/p>\n<p>Die bis heute verbreitete volkst\u00fcmliche Vorstellung vom mittelalterlichen Kaiser, der ganz nach eigenem Gutd\u00fcnken qua Befehl verfahren konnte, sie ist de facto falsch. Als \u201eerfolgreich\u201c erwies sich vielmehr jener Herrscher, dem es gelang, im Prozess der Reichspolitik die divergierenden Interessen diverser St\u00e4nde, Gruppen, Regionen, Personen einigerma\u00dfen auszugleichen. Schlechte Karten hatte indes jener K\u00f6nig\/Kaiser, in dessen Regierungszeit \u201edie Gro\u00dfen\u201c des Reiches allzu oft allzu heftig einander an die Gurgel gingen oder sich im Extremfall gar gegen den Throninhaber zusammenschlossen. Die Konsensherstellung war ein permanenter, auch mit einer Vielzahl symbolischer Kommunikationsakte verbundener Prozess. Wer jeweils wo in der Rangfolge \u201eder Gro\u00dfen\u201c des Reiches stand, das konnte \u2013 vornehmlich bei Hoftagen \u2013 durch Titelvergabe, Gru\u00dfformen, ja selbst durch die Sitzordnung an der h\u00f6fischen Tafel oder beim Ritterturnier bekundet werden.<\/p>\n<p>Neben dieser dem Adel und der hohen Geistlichkeit vorbehaltenen zentralen Ordnungsstruktur entwickelten sich im Laufe des Mittelalters neue, nicht zuletzt \u00f6konomische Machtfaktoren: aufstrebende St\u00e4dte wie Speyer, Worms, Mainz, K\u00f6ln mit einem selbstbewussten B\u00fcrgertum; j\u00fcdische Gemeinden mit hochgebildeten und international bestens vernetzten Mitgliedern; gro\u00dfe und wirtschaftlich bedeutende Kl\u00f6ster, deren \u00c4bte sich fast von niemandem dreinreden lie\u00dfen; schlie\u00dflich ab dem 11. Jahrhundert auch die neue Schicht der \u201eMinisterialen\u201c, Spezialisten f\u00fcr Zivilverwaltung und Krieglogistik, die von unfreien Angestellten zur politisch einflussreichen Kaste aufstiegen. Sie alle wollten und mussten in das Konsensbem\u00fchen des Herrschers eingebunden sein. Doch sie alle zusammen machten keine 10 Prozent des Gesamtbev\u00f6lkerung aus. Mehr als 90 Prozent waren rechtlose Bauern \u2013 auf deren R\u00fccken sich das \u201eweltgeschichtliche\u201c Tun der kleinen Gro\u00dfen, der Gro\u00dfen und des ganz Gro\u00dfen abspielte.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\n<em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Um Weihnachten im Jahre des Herrn 1105 geschah nahe Mainz Bemerkenswertes: Heinrich IV. aus dem Geschlecht der Salier, seit 1084 Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches wurde auf Burg B\u00f6ckelheim gefangen gesetzt. Auf wessen Befehl? Den des eigenen Sohnes, Heinrich V.&nbsp; Am 31. 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