{"id":666,"date":"2020-10-08T22:00:00","date_gmt":"2020-10-08T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/10\/08\/keine-verschwoerung-nur-kapitalismus\/"},"modified":"2020-10-08T22:00:00","modified_gmt":"2020-10-08T21:00:00","slug":"keine-verschwoerung-nur-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/10\/08\/keine-verschwoerung-nur-kapitalismus\/","title":{"rendered":"Keine Verschw\u00f6rung, nur Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> <em>Im Sommer 2019 hatte man mich gefragt, ob ich im Veranstaltungsprogramm des Haus Felsenkeller e.V. in Altenkirchen einen Vortrag halten k\u00f6nne\/wolle zu Thilo Bodes kurz zuvor erschienenem Buch \u201eDie Diktatur der Konzerne. Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerst\u00f6ren\u201c. Ich stimmte zu. Der Abend musste dann wegen Corona zweimal verschoben werden, fand nun aber am 8. Oktober unter Seuchen-Reglement vor kleinem Kreis in gro\u00dfer Halle endlich doch statt \u2013 vor dem Hintergrund einer verglichen mit 2019 erheblich ver\u00e4nderten und tief verunsicherten Welt. Unter den neuen Bedingungen war es unabwendbar, Bodes Analysen im Buch manchen inzwischen durch die Realit\u00e4t etwas ver\u00e4nderten Blickwinkel beizuf\u00fcgen. Einige der m.E. wesentlichen Punkte packte ich f\u00fcr den Vortrag in einen mehrmin\u00fctigen Exkurs, dessen Manuskript nachfolgend f\u00fcr Interessierte zum Nachlesen dokumentiert sei (m\u00fcndliche Rede teils abweichend).<\/em><\/p>\n<p class=\"rtecenter\">***<\/p>\n<p>(\u2026) Sie alle wissen nun, was Thilo Bodes Untersuchung der genannten Komplexe Energiewirtschaft und Autokonzerne, Banken und Finanzwirtschaft, Nahrungsmittelindustrie sowie Digitalkonzerne zutage f\u00f6rdert: Die globalen Konzerne hebeln im Zuge st\u00fcrmisch fortschreitender Konzentration des Kapitals nicht nur zusehends das Prinzip des freien Marktes und Wettbewerbs aus. Sie sind \u00fcber den exorbitanten Zuwachs ihrer Marktmacht zugleich zu einem (politischen) Machtfaktor erster Kategorie geworden. Zu einem Machtfaktor, der im Eigeninteresse der&nbsp; Profitwirtschaft die eigentliche Verpflichtung der Regierungen aufs Allgemeinwohl unterminiert, aush\u00f6hlt, teils ins Gegenteil verkehrt.<\/p>\n<p>Mir scheint an diesem Punkt ein Corona-Exkurs sinnvoll und n\u00f6tig. Und zwar aus folgenden Gr\u00fcnden:<\/p>\n<p>1.<br \/>\nMit der Corona-Pandemie ist ein von au\u00dfen kommender, sehr wirkm\u00e4chtiger Mitspieler aufs Weltspielfeld getreten, den die Konzerne nicht auf der Agenda hatten. Dieser neue Mitspieler ist \u00f6konomisch ein \u00c4rgernis f\u00fcr fast alle Spielbeteiligten. Warum? Er st\u00f6rt die \u201enormalen\u201c Gesch\u00e4ftsabl\u00e4ufe und -entwicklungen erstmal weltweit betr\u00e4chtlich. Da permanentes Wachstum die Grundlage s\u00e4mtlicher kapitalistischer Gesch\u00e4ftsmodelle ist, schmerzt das coronabedingte aktuelle Minuswachstum Multis und Aktion\u00e4re reihum erheblich.<\/p>\n<p>2.<br \/>\nDa Konzerne und M\u00e4rkte per se unf\u00e4hig sind, dem kollektiven Gemeinwohl dienende Lenkungsma\u00dfnahmen in die Welt zu setzen und auszuf\u00fchren, muss in diesem globalen Seuchenfall die Staatspolitik das Heft des Handelns ergreifen und das Zepter \u00fcbernehmen. Weshalb wir im Verlauf der Corona-Krise pl\u00f6tzlich etwas beinahe \u00dcberraschendes sehen konnten: Sie existiert noch, die Macht des Staates \u2013 und teils erleben wir, dass der Staat im Interesse des Gemeinwohls zumindest f\u00fcr einige Momente sogar m\u00e4chtige Wirtschaftsbranchen unter Kuratel stellt, ihnen im Zuge von Lockdowns, Grenzkontrollen\/-schlie\u00dfungen, Hygienanforderungen etc. zwangsweise betr\u00e4chtliche Gesch\u00e4ftsst\u00f6rungen zumutet.<\/p>\n<p>Die Politik steckt vor dem Hintergrund der Pandemie in einer sehr ambivalenten Rolle. Was beim demokratischen Staat eigentlich immer so ist, aber selten so deutlich wird wie jetzt in der Corona-Pandemie. Denn einerseits steht er unter einem gewaltigen, hierzulande seit Kriegsende nicht mehr erlebten Erwartungsdruck seitens der \u00fcbergro\u00dfen Bev\u00f6lkerungsmehrheit, das Land vor italienischen oder us-amerikanischen Seuchenverh\u00e4ltnissen zu bewahren. Das Volk selbst verlangt de facto mit Macht via \u00f6ffentlicher Meinung, dass sich die Politik prim\u00e4r entschlossen um das Gemeinwohl k\u00fcmmert \u2013 und sei es mittels unsch\u00f6ner Ma\u00dfnahmen, die das gew\u00f6hnliche Leben durchaus einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Laschet hat das lange nicht begriffen, weshalb seine Sympathiewerte bez\u00fcglich Kanzlerschaft in spe bald in den Keller rutschten. Der Machtinstinkt S\u00f6ders hingegen hat sofort verstanden, was zu tun ist: Er machte sich die Erwartungen der Bev\u00f6lkerungsmehrheit zu eigen und setzte sich quasi an die Spitze der Bewegung, die verlangt, dass in diesem Fall das Gemeinwohl, also das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der Seuche, an erster Stelle zu stehen habe.<\/p>\n<p>Man stelle sich f\u00fcr einen Augenblick nur mal vor, die Regierungen in Deutschland (Bund und L\u00e4nder) h\u00e4tten im M\u00e4rz, April, Mai phlegmatisch oder gar nicht auf die Seuche reagiert und es w\u00e4re in hiesigen Regionen und St\u00e4dten zu Katastrophenlagen gekommen wie in Norditalien oder New York. Ich bin sicher, mancher Verantwortliche w\u00e4re schon jetzt nicht mehr im Amt bzw. f\u00fcr eine weitere politische Karriere verbrannt.<\/p>\n<p>\nAndererseits w\u00e4chst mit der Dauer der Pandemie der Gegendruck seitens der gro\u00dfen bis hin auch zu den kleinsten Wirtschaftsakteuren, das Seuchenreglement derart zu entsch\u00e4rfen, dass man wieder halbwegs normale Gesch\u00e4fte machen kann (oder vom Staat f\u00fcr die Ausf\u00e4lle entsch\u00e4digt wird).<br \/>\nFolge davon ist, dass die Momente nicht allzu lange w\u00e4hrten, in denen der Seuchenschutz Prior\u00e4t beim staatlichen Handeln genoss. Vor allem aber lie\u00df sich an den deutschen Corona-Staatshilfen schon nach kurzer Zeit erkennen: Das regierende Politikpersonal ist dann doch wieder sehr sehr stark auf Lage und Interessen der Gro\u00dfunternehmen fixiert; siehe zB die Lufthansa-Hilfen.&nbsp; Durchhalten allerdings l\u00e4sst sich dieses Entgegenkommen der Politik f\u00fcr die Konzerne nur, weil es im Windschatten anderer Ma\u00dfnahmen betrieben wird, die in der Corona-Krise vorgeblich oder tats\u00e4chlich auch Mittelstand, Kleingewerbe und vielen Lohnabh\u00e4ngigen helfen.<\/p>\n<p>3.<br \/>\nDritter Grund, warum ich an dieser Stelle einen Corona-Exkurs f\u00fcr n\u00f6tig halte: die derzeit verbreitet aufschie\u00dfenden Verschw\u00f6rungsnarrative. Wenn wir die Idiotien \u00fcber Echsenmenschen, Au\u00dferirdische, geheime Kindermelk- und schlachtstationen etc. au\u00dfen vor lassen, so bleiben noch die Narrative \u00fcber eine von den Konzernen und von der&nbsp; politischen Klasse im \u00f6konomischen und autorit\u00e4ren Eigeninteresse angeblich gezielt gesch\u00fcrte \u201eSeuchenhysterie\u201c.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nEs k\u00f6nnte durchaus auch sein, dass jemand Thilo Bodes Untersuchungen heranzieht als vermeintlichen Beweis einer geheimen Weltregierung (der kapitalistischen Konzerne), die die Seuche aufbauscht oder gar erfunden hat, um sie als Instrument zur Disziplinierung der Weltbev\u00f6lkerung zu benutzen. &nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Ansatz kn\u00fcpft auf ziemlich abstruse Art an zwei durchaus reale Faktoren an:<br \/>\na) Alle Wirtschaftszweige sind bem\u00fcht, aus der Corona-Krise m\u00f6glichst ungeschoren hervorzugehen;<br \/>\nb) und einige wenige Wirtschaftsbereiche nutzen ihre spezifische Produktpallette, um dank der Seuche obendrein einen sch\u00f6nen Extraprofit einzustreichen. (zB Hersteller von Schutzbekleidung, Pharmaindustrie oder auch Bau- und Gartenm\u00e4rkte).<\/p>\n<p>Daraus zu schlie\u00dfen, die Konzerne w\u00fcrden deshalb gezielt \u201eCoronahysterie\u201c befeuern, oder die herrschende Klasse h\u00e4tte zu diesem Zweck die Seuche gar \u201eerfunden\u201c, verkennt allerdings:<br \/>\nWir haben es hier mit einem unsch\u00f6nen Umstand zu tun, den wir schon aus allen Krisen seit der Fr\u00fchantike kennen: Wirtschaflich und\/oder politisch interessierte Leute, Gruppen, Kreise, Parteien versuchen aus Krisenproblemen Kapital zu schlagen. Sei es Kapital im direkten geldwerten Sinne oder seien es schon lange verfolgte Absichten, die unter Krisenbedingungen leichter durchsetzbar erscheinen \u2013 von Unternehmensrationalisierungen, Personalabbau, Senkung des Lohnniveaus oder Entsch\u00e4rfung von Umweltauflagen auf Wirtschaftsseite bis zur Ausweitung von Law-and-Order-Elementen auf politischer Seite.<\/p>\n<p>Solche Krisengewinnler, Kriegsgewinnler, Problemfledderer gab es schon immer \u00fcberall. Ihnen muss und kann Enth\u00fcllung, demokratischer Diskurs, gewerkschaftlicher Kampf oder n\u00f6tigenfalls \u00f6ffentlicher Protest entgegentreten, auch und gerade in Zeiten der Krise. Fatal allerdings ist, wenn man \u2013 wie einige Zeitgenossen das tun \u2013 solche Versuche der Krisengewinnlerei verwechselt mit der wissenschaftlichen Erforschung des Virus, der Seuche selbst und den Schutzma\u00dfnahmen dagegen. Die Seuche kleinreden oder leugnen und den Seuchenschutz verteufeln, um die von Krisengewinnlern verfolgten Eigeninteressen zur \u00f6konomischen oder politischen \u00dcbergefahr aufzublasen, das geht an den Realit\u00e4ten vorbei.<\/p>\n<p>Denn: Das Gros der Weltwirtschaft h\u00e4tte liebend gern auf Lockdowns, Minuswachstum und andere Hemmnisse ihrer Gesch\u00e4fte verzichtet. Das Kapital kann sich zwar ziemlich schnell auf ver\u00e4nderte Bedingungen einstellen und versucht noch aus jeder Lage Profit zu ziehen oder sich mittels Zuwendungen aus Steuert\u00f6pfen wenigstens schadlos zu halten. Doch eigentlich mag das Kapital&nbsp; unberechenbare und von ihm schwer bis kaum beeinflussbare Krisenlagen nicht. Planungssicherheit und stabile, auf seine Bed\u00fcrfnisse zugeschnittene Rahmenbedingungen sind ihm viel lieber.<br \/>\nNicht umsonst dr\u00e4ngen die Wirtschaftsverb\u00e4nde in den meisten L\u00e4ndern massiv auf immer weitere \u00d6ffnungsschritte im staatlichen Seuchenreglement. Nicht umsonst auch machen die B\u00f6rsen bei jeder Impfstoff-Ank\u00fcndigung Spr\u00fcnge nach oben \u2013 und zwar auf breiter Front und keineswegs nur bei den mit Corona-Medikationen befassten Pharmatiteln. Das Kapital als Ganzes will nichts dringlicher als die R\u00fcckkehr zum Status quo ante Corona \u2013 hei\u00dft: R\u00fcckkehr zur normalen Profitwirtschaft, auch R\u00fcckkehr zu den \u201enormalen\u201c Methoden der Politikbeeinflussung im Eigeninteresse.<\/p>\n<p><strong>Konzerne\/Kapital und Klimawandel<\/strong><\/p>\n<p>Man kann diesen Exkurs problemlos ausweiten auf das Thema Klimawandel, und trifft dort auf ganz \u00e4hnliche Narrative. Also etwa: Der Klimawandel werde im Interesse des Kapitals (oder von sonstwem) zum existenziellen Menschheitsproblem \u201eaufgebauscht\u201c.<\/p>\n<p>Mal davon abgesehen, dass diese Herangehensweise s\u00e4mtliche naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse zum tats\u00e4chlichen Gef\u00e4hrdungspotenzial des Klimawandels f\u00fcr die Zivilisation ausblendet: Mit einer ordentlichen Analyse des globalen Konzern- und Finanzkapitalismus im fr\u00fchen 21. Jahrhundert haben solche Narrative herzlich wenig zu tun. Und mich packt bisweilen der Zorn, wenn die entsprechenden Schwurbler sich auch noch als \u201elinks\u201c oder gar \u201emarxistisch\u201c ausgeben.<\/p>\n<p>Ein Punkt nur sei kurz skizziert: Bei genauer Beobachtung und Untersuchung der Wirtschaftstendenzen j\u00fcngerer Zeit findet man das Kapital und seine diversen Protagonisten hinsichtlich des Klimawandels auf etliche Fraktionen verteilt. Diese Fraktionen lassen sich \u2013 grob \u00fcber den Daumen \u2013 in drei Hauptgruppen gliedern:<\/p>\n<p>1. Die Gruppe der \u201eKonservativen\u201c: Sie dominierte bis vor wenigen Jahren die Handlungsstrategien der Konzernwirtschaft mit dem Ziel, Reglementierungen im Dienste des Klimaschutzes m\u00f6glichst komplett abzuwenden und stur an der herk\u00f6mmlichen Raubbauwirtschaft mit ihren Raubbauprodukten festzuhalten. Diese Gruppe ist bis heute sehr m\u00e4chtig, sie begegnet uns auf dem politischen Parket beispielsweise in Person der Klimawandelleugner Trump oder Bolsonaro. Die Energiekonzerne wie auch die deutsche Autoindustrie geh\u00f6rten bis eben (geh\u00f6ren teils noch) zu den gro\u00dfen Playern in dieser Gruppe.<\/p>\n<p>2. Die Gruppe der Bremser: Also derjenigen, die dem Wort nach f\u00fcr Klimaschutz sind, de facto aber jedes Schrittchen in Richtung tats\u00e4chlichen Klimaschutzes unter den Vorbehalt der \u201eWirtschaftsvertr\u00e4glichkeit\u201c stellen. Wachstumsprimat, Standortnachteil, Wettbewerbsf\u00e4higkeit, Arbeitspl\u00e4tze etc. Man kennt all diese vermeintlichen \u201eAlternativlosigkeiten\u201c bis zum schieren Erbrechen \u2013 und man sieht bis dato noch immer deutsche Wirtschaftsverb\u00e4nde und Politiker in gro\u00dfer Zahl, die meinen, mit derartigen Bedenken den Naturgesetzen der Physik, Chemie, Biologie Zeit abtrotzen oder gar Einhalt gebieten zu k\u00f6nnen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n3. Die Gruppe der \u201eRealisten\u201c: Hier haben wir es nun mit einer hochinteressanten, derzeit auch am schnellsten wachsenden Tendenz unter den Wirtschaftsakteuren weltweit zu tun. Sie verdr\u00e4ngen die Forschungsergebnisse und Prognosen der seri\u00f6sen Wissenschaft nicht l\u00e4nger. Einerseits f\u00fcrchten sie&nbsp;&nbsp; die fortschreitende Zerbr\u00f6selung und schlie\u00dflich Ausl\u00f6schung ihres bisherigen Gesch\u00e4ftsmodells des globalen Raubbau-Kapitalismus bei 2, 3 oder mehr Grad Klimaerw\u00e4rmung. Andererseits beginnen sie zu ahnen, zu erkennen, dass im Klimaschutzprozess auch gewaltige Potenziale f\u00fcr profitable Gesch\u00e4fte stecken \u2013 und zwar f\u00fcr diejenigen Wirtschaftsakteure, die sich fr\u00fchzeitig darauf einstellen.<\/p>\n<p>Das alles sind weder moralische Fragen noch Faktoren irgendeiner Weltverschw\u00f6rung. Es handelt sich vielmehr um eine zwangsl\u00e4ufige, ja eigengesetzliche \u00f6konomische Entwicklung aus dem Umstand heraus, dass die grundlegende Triebkraft des Kapitalismus die Profitmaximierung ist. Es ist kein Zufall, dass, als Beispiel, die deutsche Autoindustrie aktuell pl\u00f6tzlich fast panikartig Milliarden Euro in die Entwicklung alternativer Antriebstechniken investiert. Dahinter steckt die \u201eAngst\u201c von Aktion\u00e4ren und Anteilseignern, die bisherigen Schlafm\u00fctzen in den Konzernvorst\u00e4nden k\u00f6nnten den Anschluss an die globale Marktentwicklung verpassen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDahinter steckt auch die Angst, dass tatenloses Zusehen, wie der Klimawandel fortschreitet, Zukunftsm\u00e4rkte generell Zug um Zug zerschie\u00dft. Es gibt inzwischen eine verbreitete Unruhe auch in Wirtschaftskreisen, eine allgemeine Destabilisierung der Umweltbedingungen und nachfolgend der zivilisatorischen Weltstrukturen etwa durch eine immer dichtere Folge von immer mehr Naturkatastrophen nebst Verschiebung der Klimazonen werde absehbar das marktwirtschaftliche Geschehen weltweit einschneidend behindern.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Der Kapitalismus nimmt seit Anbeginn die objektive Wissenschaft ziemlich ernst, ernster jedenfalls als die meisten Ideologien. Denn schlie\u00dflich bezieht er von der Wissenschaft seit jeher jene Kenntnisse und F\u00e4higkeiten, die profitable Innovationen \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machen. Insofern ging\/geht es einige Zeit lang, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel zu leugnen, zu ignorieren, kleinzureden, um an alten Gesch\u00e4ftsmodellen so lange festzuhalten, wie sie noch Profit abwerfen. Doch sp\u00e4testens wenn in den Reihen des Kapitals selbst j\u00fcngere, aufgewecktere, ver\u00e4nderungswillige Akteure auf Basis nicht mehr bestreitbarer Wissenschaftserkenntnisse sich auf neue M\u00e4rkte, Markterfordernisse, ja \u00dcberlebensfragen einlassen, m\u00fcssen auch die alten Industrien peu a peu umschwenken \u2013 andernfalls gehen sie am Markt unter, wenn ihnen nicht zuvor schon die Anteilseigner weglaufen.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich wird das Kapital, und nicht nur das, noch von einer weiteren Besorgnis geplagt: Je deutlicher die Unbilden des Klimawandels sichtbar und sp\u00fcrbar werden, je mehr sie die vertrauten Zivilisationsstrukturen destabilisieren und existenz- bis lebensbedrohlich werden , umso gr\u00f6\u00dfer der Druck seitens der Menschenmassen auf die Politik, sie davor zu sch\u00fctzen. Und da kann dann durchaus jener \u2013 historisch bekannte \u2013 Kippmoment eintreten, wo entweder der Staat quasi gezwungenerma\u00dfen das Allgemeinwohl \u00fcber die Konzerninteressen stellt oder im Extrem die vom Klimawandel existenziell bedrohten Menschenmassen dem Staat und den Konzernen das Dach \u00fcber dem ganzen System anz\u00fcnden.<\/p>\n<p>Den Exkurs zusammengefasst: Genau genommen hat das Kapital als Ganzes weder ein Interesse am Klimawandel noch an der Corona-Seuche. Das sind beides prim\u00e4r St\u00f6rfaktoren \u2013 auf die die kapitalistische \u00d6konomie sich freilich einstellt nach der Devise: Erstens, wie komme ich da m\u00f6glichst unbeschadet durch. Zweitens, wie l\u00e4sst sich unter ver\u00e4nderten Bedingungen am besten Geld verdienen? Und schlie\u00dflich drittens: Was m\u00fcssen wir tun, um zu verhindern, dass der ganze Laden in die Luft fliegt und gar kein Gesch\u00e4ft mehr m\u00f6glich ist?&nbsp; Wie gesagt, das sind auf Seiten des Kapitals weder moralische noch ideologische Fragen, sondern nur Faktoren, Entwicklungen, Zukunftserw\u00e4gungen, die sich aus der eigengesetzlichen Interessenslage des Kapitalismus ergeben.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Im Sommer 2019 hatte man mich gefragt, ob ich im Veranstaltungsprogramm des Haus Felsenkeller e.V. in Altenkirchen einen Vortrag halten k\u00f6nne\/wolle zu Thilo Bodes kurz zuvor erschienenem Buch \u201eDie Diktatur der Konzerne. Wie globale Unternehmen uns schaden und die Demokratie zerst\u00f6ren\u201c. Ich stimmte zu. 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