{"id":662,"date":"2020-09-23T22:00:00","date_gmt":"2020-09-23T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/09\/23\/die-macht-am-rhein-von-karl-dem-grossen-bis-barbarossa\/"},"modified":"2020-09-23T22:00:00","modified_gmt":"2020-09-23T21:00:00","slug":"die-macht-am-rhein-von-karl-dem-grossen-bis-barbarossa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/09\/23\/die-macht-am-rhein-von-karl-dem-grossen-bis-barbarossa\/","title":{"rendered":"Die Macht am Rhein von Karl dem Gro\u00dfen bis Barbarossa"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Das erste Exponat, dem Besucher der Mainzer Mittelalter-Ausstellung \u201eDie Kaiser und die S\u00e4ulen ihrer Macht\u201c begegnen, ist der \u201eGoslarer Thron\u201c aus dem 11. Jahrhundert. Genauer: die kunstvolle Gusseisenkonstruktion seiner Arm- und R\u00fcckenlehnen. Dieser Prolog soll einstimmen auf den Rundgang durch die im Landesmuseum aufgef\u00e4cherte Epoche \u201evon Karl dem Gro\u00dfen bis Friedrich Barbarossa\u201c. Dereinst nach dem Vorbild des Aachener Kaiserthrons f\u00fcr die Goslarer Kaiserpfalz angefertigt, machte das St\u00fcck 1871 wieder Furore: Kaiser Wilhelm I. lie\u00df sich bei der Er\u00f6ffnung des Reichstages zu Berlin darauf nieder, um eine Kontinuit\u00e4t zwischen dem neu gegr\u00fcndeten Deutschen Kaiserreich und dem vergangenen Heiligen R\u00f6mischen Reich zu behaupten.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cappenberger-Barbarossa-Kopf.jpg\" title=\"Cappenberger Barbarossa-Kopf. 1156-1160, Kath. Kirchengemeinde St. Johannes, Schloss Cappenberg \u00a9 Andreas Lechtape \/ Kath. Kirchengemeinde St. Johannes\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-659\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Cappenberger-Barbarossa-Kopf.jpg\" style=\"height:480px; width:318px\" title=\"Cappenberger Barbarossa-Kopf. 1156-1160, Kath. Kirchengemeinde St. Johannes, Schloss Cappenberg \u00a9 Andreas Lechtape \/ Kath. Kirchengemeinde St. Johannes\" width=\"318\" height=\"480\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sentation der mehr als 300 teils h\u00f6chstkar\u00e4tigen Exponate von 80 Leihgebern aus dem europ\u00e4ischen Raum gliedert sich zwischen Prolog und Epilog in vier Hauptabteilungen, die der Dynastienabfolge von Karolingern, Ottonen, Saliern und Staufern folgen. Exemplarisch wird die rund 500-j\u00e4hrige Zeitspanne festgemacht an den Kaisern Karl dem Gro\u00dfen, den Heinrichen II., IV. und V. sowie Friedrich I. Barbarossa. Doch obwohl die einzelnen Originalzeugnisse jener Vergangenheit naturgem\u00e4\u00df von Gr\u00f6\u00dfe, Ruhm und Glanz der jeweils Herrschenden k\u00fcnden, will das Konzept dieser Ausstellung hinter die Fassade der historischen Gro\u00dfpersonen vordringen \u2013 will Bedingungen und Mechanismen ihrer Machtstellung und -praxis ausleuchten. Diesem Zweck dienen in Mainz etwa opulente Wandgrafiken die zugleich chronologische Panoramen skizzieren und textlich spezifische Hintergr\u00fcnde erl\u00e4utern. Schnelle, auch sinnliche Kurzzusammenfassungen der in jeweiliger Zeit wichtigsten Ereignisse bieten filmische Graphiknovells.<\/p>\n<p>Derart vorbereitet erschlie\u00dfen sich neue Horizonte bei Betrachtung der Originalexponate. Ein Beispiel: Empf\u00e4ngt Heinrich II. in der Bilddarstellung des \u201eGoldenen Sakramentars\u201c aus dem fr\u00fchen 11. Jahrhundert seine K\u00f6nigsw\u00fcrde als Gottesgnadentum noch direkt von Jesus Christus, so sind es einige Jahrzehnte sp\u00e4ter, etwa im Schaffhauser Pontifikale, zwei auf nahezu gleicher Augenh\u00f6he mit dem Herrscher agierende Erzbisch\u00f6fe, die ihn kr\u00f6nen. Was hier so unscheinbar daherkommt, spiegelt den seinerzeit realen Aufstieg der Erzbisch\u00f6fe \u2013 insbesondere von Mainz und K\u00f6ln \u2013 zu einer der \u201eS\u00e4ulen der Macht\u201c, mit der sich die weltlichen Herrscher letztlich irgendwie arrangieren mussten.<\/p>\n<p>Bevor sich die Ausstellung dem Zeitalter Karls des Gro\u00dfen und seinen Bem\u00fchungen um Ausweitung wie Einheit des Reiches u.a. durch ein zentrales M\u00fcnz- und Schriftsystem zuwendet, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf die \u00f6konomische Basis allen damaligen Daseins: jene b\u00e4uerlichen 90 Prozent der mittelalterlichen Gesellschaft, die keinerlei Mitspracherecht hatten, die bisweilen das N\u00f6tigste zum Leben entbehren mussten. Entsprechende Erl\u00e4uterungen gruppieren sich um originale kl\u00f6sterliche G\u00fcterverzeichnisse, um die Lorscher und Wei\u00dfenburger Codices sowie das Pr\u00fcmer Urbar; drei Schriftdokumente, aus denen ersichtlich wird, welche Massen an Waren und Abgaben aus Bauernh\u00e4nden etwa in die S\u00e4ckel der gro\u00dfen Kl\u00f6ster, in die H\u00e4nde der Feudalherren und des Staates wanderten.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Codex-Manesse_0.jpg\" title=\"Die Gro\u00dfe Heidelberger Liederhandschrift: Codex Manesse Z\u00fcrich, um 1300; Nachtr\u00e4ge bis etwa 1340, Pergament, 426 Bl\u00e4tter, Deckfarbenmalerei. (c)Heidelberg, Universit\u00e4tsbibliothek. \"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-660\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Codex-Manesse_0.jpg\" style=\"height:480px; width:333px\" title=\"Die Gro\u00dfe Heidelberger Liederhandschrift: Codex Manesse Z\u00fcrich, um 1300; Nachtr\u00e4ge bis etwa 1340, Pergament, 426 Bl\u00e4tter, Deckfarbenmalerei. (c)Heidelberg, Universit\u00e4tsbibliothek. \" width=\"711\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Codex-Manesse_0.jpg 711w, https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Codex-Manesse_0-333x480.jpg 333w\" sizes=\"auto, (max-width: 711px) 100vw, 711px\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Karl der Gro\u00dfe erneuerte anno 800 das r\u00f6mische Kaisertum f\u00fcr Europa. Zugleich entwickelten sich die rheinischen Lande von Basel bis Aachen und Metz bis Gelnhausen zur \u201eHerzkammer\u201c des neuen, des Heiligen R\u00f6mischen Reiches. Diese Aufwertung des vorherigen Grenzlandes zum politischen und auch \u00f6konomischen Zentrum ist eine vielfach thematisierte Grundlage der Mainzer Schau. Karl begegnet dort dem Besucher symbolisch in Form einer bronzenen Reiterstatue,&nbsp; gefertigt wom\u00f6glich nach den Schilderungen in Einharts \u201eVita Karoli Magni\u201c, die ebenso vertreten ist wie Karls Armreliquiar oder das \u201eAda-Evangeliar\u201c, die Leithandschrift f\u00fcr die am Hofe Karls versammelten Gelehrten und K\u00fcnstler.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nVon den Karolingern zu den Ottonen, Saliern und Staufern, zum gro\u00dfen Investiturstreit zwischen weltlicher und kirchlicher Macht, zum Aufwachsen der St\u00e4dte Mainz, Speyer, Worms zu Zentren von Wirtschaft, Politik, Religion und auch j\u00fcdischem Leben; zur Bedeutung der mittelalterlichen Herrscherinnen. Einmal darauf aufmerksam gemacht, nimmt man nun das Kaisertum in zahlreichen Darstellungen als Paar wahr, findet die Frauen in Texten angesprochen als \u201eTeilhaberin an der Kaiserherrschaft\u201c, \u201eMitkaiserin\u201c oder \u201eGef\u00e4hrtin des Ehebetts und der Herrschaft\u201c. Der Papst kr\u00f6nt stets beide, gesellschaftliche Stellung und politischer Einfluss der Kaiserinnen war wohl deutlich gr\u00f6\u00dfer, als heute gemeinhin angenommen. So dokumentiert es die Ausstellung, mehr noch das opulente Begleitbuch etwa f\u00fcr Heinrich II. und Kunigunde oder Konrad II. und Gisela oder Friedrich Barbarossa, den seine Gattin Beatrix von Burgund auf fast jedem seiner vielen Kriegsz\u00fcge begleitete.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goldene-Bulle-for-web.jpg\" title=\"Die Goldene Bulle \u2013 Exemplar des Erzbischofs von Mainz. N\u00fcrnberg, 1356 Januar 10; Metz, 1356 Dezember 25. (c) \u00d6stzerreichiusches Staatsarchiv, Wien\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-661\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goldene-Bulle-for-web.jpg\" style=\"height:377px; width:480px\" title=\"Die Goldene Bulle \u2013 Exemplar des Erzbischofs von Mainz. N\u00fcrnberg, 1356 Januar 10; Metz, 1356 Dezember 25. (c) \u00d6stzerreichiusches Staatsarchiv, Wien\" width=\"1024\" height=\"805\" srcset=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goldene-Bulle-for-web.jpg 1024w, https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goldene-Bulle-for-web-480x377.jpg 480w, https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Goldene-Bulle-for-web-768x604.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Der Staufer Barbarossa ist der letzte in dieser Ausstellung ausf\u00fchrlich behandelte Kaiser. Zu seiner Lebenszeit (1122 bis 1190) erreichte die Ritterkultur ihren Zenit, in aller prachtvollen Opulenz zelebriert beim legend\u00e4ren Mainzer Hoftag zu Pfingsten 1184 zwischen Heldenmut beim Turnier, erlesenem Festmahl nebst Tanz und zart-melancholischen Minne-Versen. Von diesem mit angeblich 20 000 Teilnehmern f\u00fcr Mittelalterverh\u00e4ltnisse schier unvorstellbar gro\u00dfen Fest zeugt in der Ausstellung etwa die S\u00e4chsische Weltchronik. Barbarossa selbst begegnet uns im bronzenen Cappenberger Kopf (um 1160). Und die zu jener Zeit allseits beliebte Minnedichtung ist vertreten durch das wertvollste und ber\u00fchmteste Exponat: den mit 80 Millionen Euro versicherten Codex Manesse, die bedeutendste Lieder- und Dichtungssammlung des Mittelalters.&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Im Verlauf des Ausstellungsrundgangs verdichtet sich Zug um Zug der Eindruck: Das Kaisertum des Mittelalters war eine m\u00e4chtige Institution, zugleich jedoch waren die jeweiligen Herrscher eingebunden in ein dichtes Netzwerk von Verbindlichkeiten. Und die Kraft ihrer Stellung hing ab von der F\u00e4higkeit, oftmals divergierende Interessen im Reich auszugleichen. Der Kaiser hatte letztlich Konsens zu erreichen zwischen Erzbisch\u00f6fen, \u00c4bten, F\u00fcrsten, nachgeordnetem Adel, Minsterialen, St\u00e4dten \u2026 Die absolute Herrschaft von Gottes Gnaden war blo\u00df Fiktion, die Realit\u00e4t sah doch ziemlich anders aus. Weshalb die Mainzer Ausstellung mit ihrem Epilog einen Schritt ins 13.\/14. Jahrhundert macht: Wuchtig f\u00fcllen die mannsgro\u00dfen Sandsteinbildnisse jener deutschen Erzbisch\u00f6fe und F\u00fcrsten den letzten Raum, die von 1356 an die r\u00f6misch-deutschen K\u00f6nige und k\u00fcnftigen Kaiser gemeinsam k\u00fcrten. Bei den Kurf\u00fcrsten liegt als letzter Hochkar\u00e4ter der Ausstellung jener Vertrag, der diesen konsensualen Akt der Machtverleihung als quasi Grundgesetz des Reiches regelte: die \u201eGoldene Bulle\u201c in den originalen Fassungen f\u00fcr die Erzbist\u00fcmer Mainz, K\u00f6ln, und Trier.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht <\/em>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Landesmuseum Mainz, bis 18. April 2021. <\/strong><strong>Info: <a href=\"http:\/\/www.kaiser2020.de\">www.kaiser2020.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Das erste Exponat, dem Besucher der Mainzer Mittelalter-Ausstellung \u201eDie Kaiser und die S\u00e4ulen ihrer Macht\u201c begegnen, ist der \u201eGoslarer Thron\u201c aus dem 11. Jahrhundert. 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