{"id":66,"date":"2018-01-01T23:00:00","date_gmt":"2018-01-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/01\/01\/sind-denn-alle-verrueckt-geworden\/"},"modified":"2022-12-26T16:32:33","modified_gmt":"2022-12-26T15:32:33","slug":"sind-denn-alle-verrueckt-geworden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/01\/01\/sind-denn-alle-verrueckt-geworden\/","title":{"rendered":"Neujahrsessay 2018 \/ Sind denn alle verr\u00fcckt geworden?"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong>&nbsp; <\/em>Eine der seltsamsten Eigenschaften des Homo sapiens ist sein zwiesp\u00e4ltiges Wesen. Es sind ihm zwei Grundz\u00fcge v\u00f6llig gegens\u00e4tzlicher Wirkung eigen. Da w\u00e4re auf der einen Seite seine unbez\u00e4hmbare Neugier, verbunden mit der F\u00e4higkeit zur Anpassung an fast jedwede Gegebenheit. Seit den fr\u00fchesten Tagen besteht die Entwicklung der Menschen aus einer endlosen Serie von Aufbr\u00fcchen zu neuen Ufern. Von ihren Ursprungsorten zogen sie hinaus in unbekannte Fernen und besiedelten den Planeten. Dabei \u00fcberwanden sie jedes Hindernis, machten sich selbst die unwirtlichsten Weltgegenden zur Heimat.<\/p>\n<p>Zusammen mit der Neugier trieb sie Pionier- und Erfindergeist, wieder und wieder ihre Lebensart von Grund auf umzust\u00fcrzen. Die Menschen wurden von Steineschmei\u00dfern zu Speerwerfern zu Bogensch\u00fctzen zu Gewehrtr\u00e4gern. Sie wurden von J\u00e4gern und Sammlern zu Ackerbauern und Viehz\u00fcchtern zu Handwerkern und Industriearbeitern. Sie nutzten als Werkzeug erst Steine und Knochen, dann Bronze und Eisen, dann Stahl und Kunststoff. Und jedesmal \u00e4nderte sich f\u00fcr sie \u2013 alles.<\/p>\n<p>Dieser ewig ruhelosen, keine Grenze akzeptierenden Eigenschaft steht eine andere gegen\u00fcber. Der Volksmund bringt sie auf die Formel: \u201eDer Mensch ist ein Gewohnheitstier.\u201c Er liebt vertraute Umgebungen, Gebr\u00e4uche, Mitmenschen. Er mag es, einem \u00fcberschaubaren Lebensplan zu folgen und seine jeweiligen Fertigkeiten gebraucht, n\u00fctzlich, verl\u00e4sslich zu wissen. Hat er ein halbwegs ertr\u00e4gliches Auskommen, machen ihn Ver\u00e4nderungen erstmal unsicher, misstrauisch, \u00e4ngstlich. Was wir haben, kennen wir; was da kommt, ist ungewiss.<\/p>\n<p>Der Zwiespalt beider Eigenarten durchzieht die gesamte Menschheitsgeschichte. Ihr Widerstreit wird umso sch\u00e4rfer, je umfassender und geschwinder die Ver\u00e4nderungen zum Neuen ausfallen \u2013 vom einen erhofft, vom anderen gef\u00fcrchtet, manchmal beides zugleich. Eines der Grundgesetze der Geschichte lautet: Die Zivilisationsentwicklung schreitet immer schneller voran. Und tats\u00e4chlich vollzogen sich nie zuvor in so hoher Dichte und Geschwindigkeit derart tiefgreifende Ver\u00e4nderungen wie heute. Ver\u00e4nderungen, die vom gro\u00dfen Weltgeschehen bis hin zu den einfachsten Verrichtungen des Alltags reichen.<\/p>\n<p>Kein Mensch h\u00e4tte vor 100 Jahren gedacht, dass wir einmal unsere gesamte Lebenswelt nach den Erfordernissen eines Maschinentyps gestalten w\u00fcrden: dem Automobil. Niemand hatte vor 50 Jahren geglaubt, dass das Sowjetreich alsbald verschwinden w\u00fcrde. Noch vor 30 Jahren lag es au\u00dferhalb der Vorstellungskraft der meisten Erdenbewohner, dass einmal aufs Klima kein Verlass mehr sein k\u00f6nnte. Vor gerade mal 20 Jahren war noch unvorstellbar, wie radikal das Internet in jede Pore des staatlichen und wirtschaftlichen, des \u00f6ffentlichen wie privaten Lebens eindringen, es ver\u00e4ndern, dominieren, auch missbrauchen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>\u201eDu bist verr\u00fcckt\u201c w\u00e4re jeder abgekanzelt worden, der solche Szenarien f\u00fcr die jeweils zeitnahe Zukunft prognostiziert h\u00e4tte. Was eben noch Fantasterei war, ist nun Gegenwart und gebiert Schlag auf Schlag weitere Neuerungen, die fast schneller wieder veralten als man sich an sie gew\u00f6hnen kann. Und je nach Standpunkt erscheint einem vieles davon ziemlich verr\u00fcckt. Noch vor ein paar Jahren ging der Spruch um: \u201eWer ein Handy braucht, ist blo\u00df schlecht organisiert.\u201c Kurz darauf besa\u00dfen hierzulande fast alle Handys \u2013 und das Leben wurde umorganisiert, den M\u00f6glichkeiten der neuen Technik folgend.<\/p>\n<p>Darauf trat das Smartphone in die Weltgeschichte ein. \u00dcber Nacht ist dem Menschen quasi ein neues Sinnesorgan gewachsen. Eines, das ihn in Schrift, Ton, Bild und in Echtzeit mit fast allem und jedem auf dem Planeten verbindet. Kontinente, L\u00e4nder, Menschen r\u00fccken auf den Handbildschirmen als Nachbarn zusammen. Jeder kann sehen, was andere machen oder wie man \u201enebenan\u201c lebt.&nbsp; Jeder kann auch in einer Smartphone-Alternativwelt versinken. Viele tun das \u2013 und beinahe alle Orte sind seither auch bev\u00f6lkert von Online-Zombies, die nur mehr k\u00f6rperlich zum Hier und Jetzt zu geh\u00f6ren scheinen. \u201eDie sind verr\u00fcckt\u201c, meinen nicht nur Technikskeptiker.<\/p>\n<p>Mit dem neuen Sinnesorgan erfahren auch die Armen und Geplagten dieser Welt, dass andernorts etwa die Abwesenheit von Hungersnot und Krieg als normal gilt. Bis dato war der Spruch von der globalisierten Welt, die nur ein Dorf sei, ein Bild vor allem f\u00fcr \u00f6konomische Verflechtungen, \u00f6kologische Zusammenh\u00e4nge und wohlstandstouristische Reisewege. Nun wird der Spruch Allgemeingut, insofern auch einfache Menschen all\u00fcberall erfahren, was in diesem Dorf anderweitig vor sich geht. Was mag ein Elender in Afrika denken, wenn er sieht, dass in den Industriel\u00e4ndern mehr als ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen werden? \u201eDie sind verr\u00fcckt dort.\u201c<\/p>\n<p>Noch vor zehn Jahren hielten wir es f\u00fcr ausgemacht, dass die moderne Welt \u2013 trotz mannigfacher Widerspr\u00fcche und Krisenherde \u2013 tendenziell doch liberaler, humaner, kooperativer, umweltbewusster, friedlicher wird. Wir waren \u00fcberzeugt, dass gro\u00dfe Teile der Menschheit den Entwicklungsgang der westeurop\u00e4ischen Gesellschaften seit Ende des Zweiten Weltkrieges nachvollziehen: Von restriktivem Konservatismus zu toleranter Freiheitlichkeit, von kleingeistigem Nationalismus zu weltl\u00e4ufiger Internationalit\u00e4t, von der r\u00fccksichtslosen Gesch\u00e4ftigkeit des Kapitalismus zur Sozialstaatlichkeit \u2026<\/p>\n<p>Die Demokratiebewegungen Osteuropas sprachen ebenso daf\u00fcr wie anfangs der Arabische Fr\u00fchling, die Wahl eines Farbigen zum US-Pr\u00e4sidenten, die weltweiten Bem\u00fchungen um den Klimaschutz und manch anderes. Deutschland selbst schien auf dem besten Weg zu einer beispielhaft offenen Gesellschaft, die das Neben- und Miteinander unterschiedlicher Lebensweisen nicht nur erlaubt, sondern gut hei\u00dft und produktiv nutzt. Einer Gesellschaft also, die den \u00dcbergang in eine globale Moderne ohne allzu wuchtige Verwerfungen hinbekommt.<\/p>\n<p>Zehntausende junger Deutscher ziehen allj\u00e4hrlich in die Welt, um als Austauschsch\u00fcler, Au-pairs, Auslandsstudenten oder Mitarbeiter in Entwicklungshilfe- und Umweltprojekten zu lernen, Erfahrungen zu sammeln. Unz\u00e4hlige deutsche Kaufleute, Ingenieure, Monteure, Wissenschaftler, K\u00fcnstler, Auswanderer, Abenteurer wirken zeitweise oder dauerhaft im Ausland, lassen sich vielfach dort nieder.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nUmgekehrt sind die hiesigen Universit\u00e4ten stolz, von Semester zu Semester internationaler zu werden, in wachsender Zahl Forscher, Lehrende und Lernende aus aller Welt anzuziehen. Wie auf diversen Ebenen der Wirtschaft in Deutschland l\u00e4ngst englisch gesprochen wird, so ist Englisch in vielen Fakult\u00e4ten mittlerweile Lehr- und Umgangssprache. Wir genie\u00dfen die Multikulturalit\u00e4t unserer Gasthausszene ebenso wie die selbstverst\u00e4ndliche Internationalit\u00e4t unserer Theater und Orchester, unserer Kunsthallen und Festivals. Wir wissen: W\u00fcrde man die Fach- und Hilfskr\u00e4fte ausl\u00e4ndischer Herkunft aus Gesundheitswesen und Altenpflege verbannen, die Systeme br\u00e4chen sofort zusammen. W\u00fcrden die ausl\u00e4ndischen Investoren ihr Kapital aus hiesigen Unternehmen zur\u00fcckziehen und\/oder alle Arbeiter ausl\u00e4ndischer Herkunft abwandern \u2013 der Morgenthau-Plan w\u00e4re eine Wohlstandsszenario verglichen mit der dann eintretenden Katastrophe.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Weile hatte es den Anschein, als w\u00fcrden die Menschen den Neuerungsprozess in Richtung Globalit\u00e4t teils freudig, teils kritisch, teils z\u00e4hneknirschend, aber doch notgedrungen willig mitvollziehen. \u00d6konomisch setzt sich dieser Weltprozess ohnehin unaufhaltsam fort. Der \u00d6konomie entsprangen aber zugleich auch jene Aspekte, die das \u201eGewohnheitstier Mensch\u201c zutiefst beunruhigen und in j\u00fcngster Zeit ganze Gesellschaften in politisch und kulturell schier unvers\u00f6hnliche Fraktionen spalten. Zwei der wichtigsten Aspekte seien angef\u00fchrt: In Europa machen Gro\u00dfbritannien und Deutschland seit den 1980ern den Vorreiter auf dem Weg des R\u00fcckbaus der Sozialstaatssysteme sowie der Privatisierung vormals staatlicher Infrastruktur-Aufgaben. In den fr\u00fchen 2000ern erwies sich das Weltfinanzsystem als ebenso undurchschaubares wie krisenhaftes Irrsinnskonstrukt im Dienste verantwortungsloser Spekulation.<\/p>\n<p>Die ohnehin sich immer schneller wandelnde Welt ger\u00e4t ins Wanken, massig brechen sich \u00c4ngste und Verwerfungen Bahn: hier die Unm\u00f6glichkeit langfristiger Lebensplanungen, dort Aussicht auf unzureichende Altersversorgung; hier stetig wachsender Wohlstand in der oberen H\u00e4lfte der Mittelklasse und explodierender Reichtum in der Oberschicht, da Abstiegs\u00e4ngste und die Herausbildung eines neuen Proletariats aus Zeitarbeitern, Niedrigl\u00f6hnern, 450-Euro-Jobbern und Hartz-IV-Empf\u00e4ngern. Hier die be\u00e4ngstigenden Erkenntnisse \u00fcber eine globale Agrarindustrie, da das feindseliger werdende Weltklima, dort im Verkehrswachstum ersaufende Stra\u00dfen und St\u00e4dte. Hier die Zersetzung der alten kolonialen\/imperialen Machtverh\u00e4ltnisse und das Ringen um Neuordnung der Einflusssph\u00e4ren, da das Aufwachsen religi\u00f6s-terroristischer Barbarenbewegungen.<\/p>\n<p>Die Liste der Faktoren ist sehr lang, denen Ver\u00e4nderungen vertrauter Lebensart schon gefolgt sind und noch zuhauf folgen werden. Weshalb die wichtigste Gegenwartsfrage lautet: Wer kann und will wie den \u00dcbergang ins Zeitalter der realen wie digitalen Globalit\u00e4t menschen- und gemeinwohlvertr\u00e4glich gestalten? Indes \u2013 und das scheint nun arg verr\u00fcckt, weil es vollends weltfremd ist \u2013 stellen sich seit kurzem allerhand Zeitgenossen die Zukunftsfrage ganz anders: Wer&nbsp; macht sich stark, diesen \u00dcbergang zu verhindern?<\/p>\n<p>Von ihrem traditionellen Polit-Establishment weitgehend entfremdet, streiten etwa die Franzosen tief gespalten um zwei Optionen. Einerseits dieses Wunderkind Macron: Dessen Bewegung ist aus dem Nichts heraus zur f\u00fchrenden politischen Kraft geworden \u2013 weil sie den Aufbau eines modernen, weltoffenen, zugleich wirtschaftlich erfolgreichen und sozial gerechten Frankreich als wichtigem Teil Europas verspricht. Andererseits LePen, die f\u00fcr einen antiglobalen R\u00fcckfall in nationalistischen Egoismus und ein Programm der autorit\u00e4r-frankophonen Restauration wirbt. &nbsp;<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit ein starker Trend des derzeitigen geschichtlichen Moments. Knapp die H\u00e4lfte der Briten sieht das Heil des Landes im national-insularen Alleingang. Knapp die H\u00e4lfte der US-Amerikaner setzen auf einen egomanischen Milliard\u00e4r und seine nationalistische Losung&nbsp; \u201eAmerica first!\u201c. Die Mehrheit der T\u00fcrken w\u00e4hlt wiederholt einen Nationalchauvenisten, der ihr Land zusehends in eine Diktatur verwandelt. Mehrheiten in Polen, Ungarn und anderen L\u00e4ndern Osteuropas w\u00e4hlen sich nationalistisch-autorit\u00e4re Regierungen.<\/p>\n<p>Und in Deutschland erwachen Str\u00f6mungen, die f\u00fcr richtig halten, was vor wenigen Jahren als schier mehrheitsf\u00e4hige Maxime noch v\u00f6llig unvorstellbar gewesen w\u00e4re: Europa in eine Festung zur Abwehr von Kriegs- und Armutsfl\u00fcchtlingen zu verwandeln. Obendrein erstarkt auch hier eine nationalistisch-reaktion\u00e4re Partei \u2013 und \u00fcber sie hinaus die ebenso alte wie absurde Auffassung, wonach alles Schlechte von den Fremden r\u00fchre und wir alle Probleme los seien, sobald nur die Fremden fort sind.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Wie verr\u00fcckt ist das denn? Die Weltgeschichte dr\u00e4ngt in eine, ja, wie immer ungewisse Zukunft. An der ist vorerst nur sicher: Der technologische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungsstand der Menschheit macht sie unabwendbar zu einer Epoche global enger Vernetzung und internationaler Durchl\u00e4ssigkeit auf allen Gebieten. Just in diesem Moment entfalten sich Kr\u00e4fte, die zur\u00fcck wollen in ein vermeintlich Goldenes Zeitalter \u2013 das es nie gab. Hinter uns liegt nur die D\u00fcsternis des Nationalismus und der gro\u00dfen Diktaturen mit ihren Kriegen, ihrem Fremdenhass, ihren autorit\u00e4ren, freiheitsfeindlichen, intoleranten, dumpfen Leitkultur-Gesellschaften.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape.&nbsp; Eine der seltsamsten Eigenschaften des Homo sapiens ist sein zwiesp\u00e4ltiges Wesen. Es sind ihm zwei Grundz\u00fcge v\u00f6llig gegens\u00e4tzlicher Wirkung eigen. Da w\u00e4re auf der einen Seite seine unbez\u00e4hmbare Neugier, verbunden mit der F\u00e4higkeit zur Anpassung an fast jedwede Gegebenheit. 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