{"id":658,"date":"2020-09-22T22:00:00","date_gmt":"2020-09-22T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/09\/22\/vor-den-stadttoren-verrecken-die-waelder\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:11","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:11","slug":"vor-den-stadttoren-verrecken-die-waelder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/09\/22\/vor-den-stadttoren-verrecken-die-waelder\/","title":{"rendered":"Vor den Stadttoren verrecken die W\u00e4lder"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>St\u00e4dter sind bisweilen blind f\u00fcr die Ph\u00e4nomene der regionalen Natur. Wiese ist f\u00fcr sie nur Wiese, Acker Acker, Wald Wald. Vom Getier erfreuen sie die V\u00f6gel, ihr Verh\u00e4ltnis zu Insekten ist gespalten und Wildschweine machen ihnen vom blo\u00dfen H\u00f6rensagen schon Angst \u2013 auch wenn sie nie mit freien Schwarzkitteln konfrontiert wurden\/werden. Freund Walter ist so ein blinder Stadtmensch. Ihn muss man beim Spaziergang durch Wald und Flur stets mit der Nase aufs Interessante sto\u00dfen, von alleine bemerkt er herzlich wenig.<\/p>\n<p>Bei seiner j\u00fcngsten Fahrt von Koblenz zu mir herauf in den Westerwald fiel ihm indes alles aus dem Gesicht. Denn selbst der gro\u00dfst\u00e4dtische Naturblinde kann DAS nicht \u00fcbersehen. Verst\u00f6rt verlangt er erstmal nach einem Schnaps und grummelt: \u201eEs ist gruselig, entsetzlich, katastrophal.\u201c Nach einer Weile r\u00e4umt er ein: \u201eWir h\u00f6ren und lesen davon, sehen ja selbst in unseren Parks oder im Stadtwald, dass es mit vielen B\u00e4umen nicht zum besten steht. Aber vom tats\u00e4chlichen Ausma\u00df der Katastrophe hier drau\u00dfen in den gro\u00dfen W\u00e4ldern macht sich in der Stadt kaum jemand einen Begriff.\u201c<\/p>\n<p>Was w\u00fchlt Walter derart auf? Er kam bei seiner Fahrt \u00fcber die Landstra\u00dfen an Notkahlschlag auf Notkahlschlag vorbei. Er durchfuhr triste baumlose Areale, die bis eben von Fichtenwald bestanden waren. Der Blick \u00fcber Waldhorizonte zeigte ihm wie von braunen Pocken durchseuchtes Gr\u00fcn \u2013 diese unz\u00e4hligen Krankheitsmale, das sind die sterbenden oder schon toten, aber noch nicht weggeholzten kleineren Fichtenbest\u00e4nde und Einzelfichten inmitten des Mischwaldes. Ich zeige ihm bei einer Rundfahrt von Ransbach-Baumbach \u00fcber Montabaur nach Rennerod, via Bad Marienberg und Altenkirchen wieder zur\u00fcck noch mehr davon und noch mehr und immer mehr.<\/p>\n<p>Der Westerwald ist von Schad- und Kahlstellen durchl\u00f6chert wie ein Schweizer K\u00e4se. Das Fichtensterben infolge zu weniger Niederschl\u00e4ge, zu hoher Temperaturen, abgesunkener Grundwasserspiegel und schlie\u00dflich der Heimsuchung der geschw\u00e4chten B\u00e4ume durch den Borkenk\u00e4fer ist hierorts ins finale Stadium eingetreten: In f\u00fcnf Jahren wird es diese Baumart \u2013 die&nbsp; dereinst aus n\u00f6rdlicheren Gefilden eingef\u00fchrt wurde, aber 200 Jahre lang mit dem hiesigen Klima ganz gut zurecht kam \u2013 heroben nicht mehr geben. In vielen anderen deutschen Waldlandschaften ist die Lage \u00e4hnlich oder noch schlimmer.<\/p>\n<p>Bei den Fichten wird es nicht bleiben. Sie sind nur die ersten, weil genetisch f\u00fcr ein k\u00fchleres Klima gebaut, als wir es nun bekommen (haben). Wo noch einige Altbest\u00e4nde der inzwischen bereits von zwei F\u00f6rstergenerationen verworfenen Quadratkilometer gro\u00dfen Monokulturen existieren, sind sie besonders empfindlich. Doch ich zeige Walter auch die bereits schw\u00e4chelnden Ureinheimischen, deren Kr\u00e4nkeln das unge\u00fcbte Auge vorerst nur schwer erkennt: Buchen und Eichen mit zu geringer Blattdichte, zu vielen Trocken\u00e4sten, Sch\u00e4dlingsbefall, zu fr\u00fch herbstliches Braun annehmend. Schlie\u00dflich ist auch deren Genetik in den letzten 10 000 Jahren von anderen Bedingungen gepr\u00e4gt, als der Klimawandel ihnen jetzt zumutet.<\/p>\n<p>Freund Walter und ich sind eigentlich strikte Gegner von Katastrophen-Tourismus. In diesem Fall jedoch empfehlen wir, mal hinauszufahren in die W\u00e4lder \u2013 um selbst zu sehen, wie schlecht es um sie steht. Dann sage noch einer, Klimawandel g\u00e4be es nicht, oder werde ein Problemchen erst irgendwann zu unserer Urenkel Lebzeiten. Wir stecken mittendrin.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>St\u00e4dter sind bisweilen blind f\u00fcr die Ph\u00e4nomene der regionalen Natur. 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