{"id":6203,"date":"2026-04-30T16:34:51","date_gmt":"2026-04-30T15:34:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=6203"},"modified":"2026-04-30T17:30:49","modified_gmt":"2026-04-30T16:30:49","slug":"himmel-hilf-wir-verbloeden-alle-quergedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2026\/04\/30\/himmel-hilf-wir-verbloeden-alle-quergedanken\/","title":{"rendered":"Himmel hilf, wir verbl\u00f6den alle (&#8222;Quergedanken&#8220;)"},"content":{"rendered":"<pre>   Monatskolumne Nr. 250, 30. April 2026<\/pre>\n<p><a href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/quergedanken-logo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-875\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/quergedanken-logo.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"167\" \/><\/a> \u00c4ltere erinnern sich vielleicht an Dispute in den 1970ern: Sollen im Schulfach Mathematik Taschenrechner erlaubt werden? Als dieser Streit damals losbrach, war die Sache allerdings l\u00e4ngst entschieden, denn die Maschinchen hatten da den Alltag bereits erobert. Die Welt ist von dieser Neuerung zwar nicht untergegangen, aber sie hat uns Menschen doch betr\u00e4chtlich ver\u00e4ndert. Wie das? Ein Beispiel: Die 90-j\u00e4hrige Seniorin meiner Hausb\u00e4ckerei addiert die Preise selbst komplizierter Bestellungen im Kopf schneller als ihre Finger sie in die Kasse eingeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sie hat das Kopfrechnen als Kind gelernt, dann lebenslang ausge\u00fcbt. Auch mir wurde in den ersten Schuljahren das Praktizieren der vier Grundrechenarten im Kopf mit brachialen Lernmethoden regelrecht eingedrillt. Ich wei\u00df zwar heute noch, wie es geht, aber von K\u00f6nnen kann keine Rede mehr sein. Die Taschenrechnernutzung von den mittleren Gymnasialjahren an hat mir das Kopfrechnen ausgetrieben. W\u00fcrde man Hirnscans von damals und heute vergleichen, k\u00e4me heraus: Das Ersetzen des Kopfrechnens durch die neue Fertigkeit des Tastendr\u00fcckens hat zu einem Umbau der Verschaltungen im Gehirn gef\u00fchrt. Gewinn oder Verlust f\u00fcr den Homo sapiens?<\/p>\n<p>Heute w\u00e4ren wohl viele selbst mit dem kleinen Einmaleins \u00fcberfordert. Rechnen ist delegiert an den Taschenrechner, den fast alle st\u00e4ndig mit sich f\u00fchren: Er steckt im Smartphone. Wie auch die Navis, von denen wir uns durchs Stra\u00dfennetz, \u00fcber Wanderwege oder bei St\u00e4dtetouren leiten lassen. Leider haben einige der mittlerweile unz\u00e4hligen Forschungen, die sich mit den Wirkungen des neuen elektronischen Sinnesorgans Smartphone auf das Menschsein befassen, herausgefunden: St\u00e4ndige Navi-Nutzung baut das Orientierungsverm\u00f6gen ab. Wer sich nie verirrt, nie nach dem Weg sucht, nie eine Karte studiert, mutiert zum blinden Huhn. Gewinn oder Verlust?<\/p>\n<p>Wie steht es mit dem Erinnerungsverm\u00f6gen? Die Wissenschaft wei\u00df schon lange, dass das Ged\u00e4chtnis \u00e4hnlich der Muskulatur gefordert und trainiert werden will, andernfalls es rasch erschlafft. Doch belastet sich das Gehirn nur ungern mit dem Speichern von Eindr\u00fccken und Erkenntnissen, wenn es wei\u00df, dass es diese jederzeit auf anderen Wegen herbeirufen kann. Also etwa \u00fcber das Smartphone als Schl\u00fcssel zum gesamten Wissen der Menschheit. Warum noch etwas genau ansehen, m\u00fchsam lernen und behalten, wo ich mir doch alles zu jeder Zeit auf die Hand holen kann?<\/p>\n<p>Noch einen Schritt weiter, vom Ged\u00e4chtnis zum Denken. Warum sollte man B\u00fccher und lange Artikel lesen, \u00fcber Komplexit\u00e4ten gr\u00fcbeln, angestrengt Fakten abw\u00e4gen, nach der Wahrheit suchen? Wof\u00fcr ich Stunden br\u00e4uchte, das fasst mir die KI binnen Sekunden in verst\u00e4ndliche Happen zusammen. \u201eIn der K\u00fcrze liegt die W\u00fcrze\u201c hei\u00dft es doch \u2013 und Hand aufs Herz: F\u00e4llt es nicht den allermeisten von uns immer schwerer, mit ungeteilter Aufmerksamkeit l\u00e4nger als einige Minuten bei einer einzigen Sache zu bleiben? Wo doch st\u00e4ndig die ganze Welt mit ihrer unendlichen Informations- und Vergn\u00fcgungsf\u00fclle anklopft, lockt, um unsere Aufmerksamkeit buhlt.<\/p>\n<p>Freund Walter und ich schauen uns betroffen an. Denn es scheint die Erkenntnis auf: Das geht nicht nur anderen so, auch wir sind durch die allt\u00e4gliche, schier unausweichliche Gew\u00f6hnung an die ach so praktischen, bequemen, hilfreichen, n\u00fctzlichen, kurzweiligen neuen Techniken auf der Rutsche in die Verbl\u00f6dung gelandet. Wider Willen zwar, aber unverkennbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monatskolumne Nr. 250, 30. April 2026 \u00c4ltere erinnern sich vielleicht an Dispute in den 1970ern: Sollen im Schulfach Mathematik Taschenrechner erlaubt werden? Als dieser Streit damals losbrach, war die Sache allerdings l\u00e4ngst entschieden, denn die Maschinchen hatten da den Alltag bereits erobert. 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