{"id":6196,"date":"2026-04-27T10:47:40","date_gmt":"2026-04-27T09:47:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=6196"},"modified":"2026-04-27T10:47:43","modified_gmt":"2026-04-27T09:47:43","slug":"konzertkritik-saisonfinale-bei-anrechtsreihe-koblenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2026\/04\/27\/konzertkritik-saisonfinale-bei-anrechtsreihe-koblenz\/","title":{"rendered":"Konzertkritik: Saisonfinale bei Anrechtsreihe Koblenz"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Koblenz.<\/strong><\/em> Mit den finalen Triumphkl\u00e4ngen von Gustav Mahlers 1. Sinfonie und jubelndem Applaus endete jetzt die Spielzeit 2025\/26 der Anrechtskonzerte beim Musik-Institut Koblenz. Es war eine Interimssaison, Warten auf den Dienstantritt von Marzena Diakun als neuer Chefdirigentin der Rheinischen Philharmonie. Diese Zwischenspielzeit war freilich gut gef\u00fcllt nicht nur mit niveauvollen Konzertprogrammen. Als Besonderheit bot sie einen spannenden Einblick in die internationale Szene von Dirigentinnen der j\u00fcngeren Generation, die sich \u00fcberzeugend in der vorherigen M\u00e4nnerdom\u00e4ne etablieren. Alle sieben reinen Orchesterkonzerte der Rheinischen im Rahmen der Anrechtsreihe haben Frauen geleitet.<\/p>\n<p>Die Letzte in dieser Runde war nun die Estin Anu Tali. Zweimal schon hatte sie in den Vorjahren als Gastdirigentin in Koblenz einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. So auch beim jetzigen Saisonabschluss mit Antonin Dvor\u00e1ks Scherzo capriccioso, dem Violinkonzert \u201eConcentric Paths\u201c von Thomas Ad\u00e8s sowie Mahlers 1. Sinfonie. Beim Auftakt mit Dvor\u00e1k hebt Tali mit strammem Dirigat vor allem auf die sinfonisch -dramatischen Aspekte ab, die der Komponist dem eigentlich heiteren, leichten Scherzo hintergr\u00fcndig beigab. Man h\u00e4tte sich freilich schon hier etwas mehr von jener s\u00fcffig-volkst\u00fcmlichen Launigkeit gew\u00fcnscht, wie sie nachher bei der Mahler-Sinfonie mit keckem Raffinement realisiert wird.<\/p>\n<p>Zwischen Dvor\u00e1ks und Mahlers in den 1880ern entstandenen Romantikwerken ist Ad\u00e8s\u2019 Violinkonzert ein Fremdk\u00f6rper, ein ganz eigener Musikkosmos, mit klassisch-romantischen H\u00f6rgewohnheiten nur schwer zu erfassen \u2013 herausfordernd f\u00fcr Musizierende wie auch H\u00f6rerschaft. Sch\u00f6n? Da gehen die Ansichten weit auseinander. Interessant? Auf jeden Fall. Das St\u00fcck des heute 54-j\u00e4hrigen britischen Stars unter den zeitgen\u00f6ssischen Komponisten wurde 2005 uraufgef\u00fchrt und gilt als das meistgespielte Orchesterwerk moderner Klassik des bisherigen 21. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Ein Faszinosum f\u00fcr sich ist, was Geigensolist Ilya Gringolts bietet: von knarzenden, ruppigen, aggressiven Tiefen bis zu kreischenden, flirrenden oder auch zart hauchenden h\u00f6chsten H\u00f6hen \u2013 oft doppelstimmig und in rasenden L\u00e4ufen. So divers und technisch anspruchsvoll wie das teils fast frei improvisiert wirkende eruptive Solistenspiel ist auch das Zusammenwirken mit dem hier von Tali besonders streng gef\u00fchrten Orchester. Mal sind es Kontroversen zwischen Extremen, mal Korrespondenzen Gleichgestimmter, mal wechselseitige \u00dcberlagerungen. Melodieans\u00e4tze sind selten und kurz, daf\u00fcr gibt es wellenf\u00f6rmige und kreisf\u00f6rmige Klangbewegungen, eine fast meditative Phase, einen treibend rhythmisierten Schlusssatz; und das alles jenseits gewohnter Harmonien. Das Publikum applaudiert freundlich, f\u00fcr hiesige Verh\u00e4ltnisse allerdings recht zur\u00fcckhaltend.<\/p>\n<p>Dann Gustav Mahlers 1. Sinfonie. Den urspr\u00fcnglichen Titel \u201eTitan\u201c hatte der Komponist selbst bald getilgt, ebenso seine programmatischen Satz\u00fcberschriften. Weshalb es den Zuh\u00f6renden seither freigestellt ist, das Werk nach Gusto zu interpretieren. Wir h\u00f6ren die Musik erz\u00e4hlen von der bei Morgengrauen beginnenden Wanderung eines zwischen Lebenlust und Lebensfrust zerrissenen Menschen \u2013 der am Ende des erlebnisreichen Tages inmitten eines wild tobenden Unwetters seine kathartische Wandlung vom Verzweifelten zum triumphierend Freudvollen erlebt.<\/p>\n<p>In diesen letzten 50 Minuten der Saison ruft Anu Tali eine enorme F\u00fclle an F\u00e4higkeiten des Orchesters ab, l\u00e4sst sie einnehmend zur Geltung kommen. Das geheimnisvolle Raunen der Morgend\u00e4mmerung. Deren Hineinwachsen in den Tag durch die von Mahler, mittels damals Neuartigem bei Klangfarbenspiel und Modulationstechniken, geschaffene Raumwirkung. Nicht nur im ersten Satz d\u00fcrfen und m\u00fcssen auch quer durch alle Instrumentgruppen brillant einf\u00fchlsame Einzelleistungen gezeigt werden. Das gilt ebenso f\u00fcr die beiden Mittels\u00e4tze, diese herrlichen, vielfach ironisch oder frech gebrochenen Kabinettst\u00fccke aus Tanzbodenseligkeit und launiger Volksliedverarbeitung. Das jauchzt, schluchzt, schlenzt, stampft, trippelt, h\u00fcpft, schleicht, singt, sinniert von der B\u00fchne, dass es eine Freude ist.<\/p>\n<p>Nach diesem formidablen Ausklag der Saison sieht man erwartungsvoll der kommenden entgegen. Dann wird Marzena Diakun allein sechs von sieben Orchesterkonzerten der Rheinischen Philharmonie beim Musik-Institut dirigieren.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Koblenz. Mit den finalen Triumphkl\u00e4ngen von Gustav Mahlers 1. Sinfonie und jubelndem Applaus endete jetzt die Spielzeit 2025\/26 der Anrechtskonzerte beim Musik-Institut Koblenz. 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