{"id":616,"date":"2020-06-01T22:00:00","date_gmt":"2020-06-01T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/06\/01\/eine-streitbare-freundschaft\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:11","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:11","slug":"eine-streitbare-freundschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/06\/01\/eine-streitbare-freundschaft\/","title":{"rendered":"Eine streitbare Freundschaft"},"content":{"rendered":"<p>Den nachfolgenden Text hat Gerd Neuwirth, einer meiner \u00e4ltesten Freunde und fr\u00fchen Kollegen in der mittelrheinischen Wahlheimat, geschrieben und vorgestern im Rahmen einer B\u00fccher-Challange auf seiner Facebook-Seite ver\u00f6ffentlicht. Von meiner Ruhestandsmitteilung aufgeschreckt und angestachelt, erinnert sich Gerd an Anf\u00e4nge und Werden unserer ebenso getreulichen wie produktiv streitbaren Beziehung. Da ist allerhand sehr gut getroffen und ber\u00fchrend bis knuffig ausgedr\u00fcckt, was zum Kern dieser besonderen Freundschaft zwischen dem Alten und dem noch nicht ganz so Alten geh\u00f6rt. Danke Gerd.<\/p>\n<p class=\"rtecenter\">***<\/p>\n<p><em><strong>gnw<\/strong><\/em> &#8222;<em>Tag 3: Andreas Pecht<br \/>\nEs mutet seltsam an. Au\u00dfer Dienst. Rentner. Ruhestand. Das klingt bei ihm alles falsch. Ist es auch.<br \/>\nMehr als 25 Jahre halten wenige Freundschaften. Egon Bahr sagte mal: \u201eFreunde sucht man nicht. Freunde findet man.\u201c Dabei kann auch die Literatur helfen. Hier vor allem: B\u00fchnenliteratur. Unsere Freundschaft begann bei der RZ. Ich schrieb von Anfang an viel. Hin und wieder auch f\u00fcr die \u00fcberregionale Kultur. Theater- und B\u00fccherkritiken. Und fast immer gab es Diskussionen. Ihn interessierte nicht mein Werdegang, nicht meine Erfahrung. Er knechtete mich mit meinen Texten. \u201eWas hei\u00dft das? Was meinst Du damit? Woran machst Du das fest?\u201c Er war darin, freundlich ausgedr\u00fcckt, bis zum Erbrechen penetrant. Mein Urteil stellte er nie in Frage. Aber er forderte eine klare Begr\u00fcndung. So lernt man, pr\u00e4ziser zu formulieren. <\/em><\/p>\n<p><em>Und wenn er fragte: \u201eIst Dir klar, dass das \u00c4rger gibt?\u201c, dann hie\u00df das nicht, den Kopf einzuziehen oder \u201egef\u00e4lliger\u201c zu schreiben. Es ging um Haltung. Aufrecht. Selbst wenn man dir das um die Ohren haut. Oder gerade dann. Ich wei\u00df noch, wie mir in der \u00c4ra Delnon das Herz klopfte, als Kushners \u201eAngels in America\u201c im Stadttheater aufgef\u00fchrt wurde. Homosexualit\u00e4t auf der B\u00fchne. Damals ein Skandal. Das Publikum, das in der \u00c4ra Houska gern das brave wei\u00dfe R\u00f6ssl traben sah, verlie\u00df in Scharen, laut fluchend, die Pl\u00e4tze. Ich kam in die Redaktion, schilderte begeistert wie aufgeregt, was ich gesehen hatte. Andreas lachte schallend und meinte: \u201eFang an zu schreiben. Du bekommst Platz.\u201c Dass die Leserbriefschreiber unsere Begeisterung nicht teilten, war klar.<\/em><\/p>\n<p><em>Es mutet seltsam an. In meinem Volontariat begannen wir ausf\u00fchrlich zu streiten. Ich war viel in der Zentrale der RZ. Vor allem in den Nachrichten. Wir stritten auf dem Flur bei einer Zigarette, bei den Konferenzen. Kultur. Aktuelles. Alles. Streitkultur? Firlefanz! Streiten. Auch laut. Aber in der Sache. F\u00fcr mich logisch: Ich wollte auch &#8211; wenigstens kurz &#8211; in der Kultur volontieren. Wolfgang Kr\u00f6ner war damals dort Chef. Uns verband wenig, nur eine gegenseitige Antipathie. Wir sch\u00e4tzten, aber mochten einander nicht. Sein Urlaub kam gerade recht &#8211; und ich bei Andreas einen Crashkurs in B\u00fchnenliteratur. Und ein ganz anderes Verh\u00e4ltnis zu ihr.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Roman l\u00f6st im Kopf des Lesers unmittelbar die Bilder aus, die er f\u00fcr sich interpretiert. Im Theater stehen zwischen der Vorlage und dem Zuschauer die Regie, das B\u00fchnenbild, die Schauspieler. Eine ganze Reihe von Scharnieren, die unterschiedlichste T\u00fcren \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Oder schlie\u00dfen. Ich las viele St\u00fccke neu, auch solche, die mir in der Schule verg\u00e4llt wurden. Ich las Simhandls Theatergeschichte, in Hensels \u201eSpielpan\u201c. Ich hatte ein schier z\u00e4rtliches Gef\u00fchl, wenn ich Erich Frieds \u00dcbersetzungen von Shakespeare, auch im Vergleich zu Schlegel\/Tieck las. Ich erarbeitete mir eine Grundlage. Klein, sehr klein im Vergleich zu Andreas\u02cb Fundus und Erfahrung. Er diskutierte mit mir (wie auch mit allen anderen), aber nie von oben herab. \u201eUnser Lehrer Dr. Pecht\u201c nannten wir ihn zwar sp\u00f6ttelnd, der ja selbst gelernter P\u00e4dagoge ist, und in Anlehnung an die Fernsehserie mit Atzorn, wenn er zum Dozieren in der Raucherecke anhob. Darin hat er Ausdauer. Wenn er grantig ist, kann er austeilen, auch kr\u00e4ftig. Aber er kann auch einstecken. Aufgrund seines Freundeskreises auch dies kr\u00e4ftig.<\/em><\/p>\n<p><em>Es gab gemeinsame Theaterbesuche. Anfangs war ich verst\u00f6rt, wie konsequent er Applaus auch verweigern kann. \u201eWenn es nicht gut ist, gibt es auch nix zu applaudieren.\u201c Die Stunde danach hatte intime Z\u00fcge. Keinerlei laute Diskussion. Es ging um Anmutungen. Was wirkte? Wodurch gewann es seine Wirkung? Was empfanden wir als misslungen? Und warum? Manchmal kleinste Details, die etwas ausgel\u00f6st hatten. Und die Momente, die jeder Kritiker braucht &#8211; f\u00fcr den Einstieg in den Text.<\/em><\/p>\n<p><em>Das Theater ist bei unseren Disputen l\u00e4ngst in den Hintergrund ger\u00fcckt. Literatur? Bisweilen. Da finden sich gro\u00dfe Schnittpunkte wie Philip Roth und die Kuriosit\u00e4t, dass wir beide dasselbe Buch f\u00fcr den \u201eKoblenzer Kanon der Literatur\u201c ausw\u00e4hlten, ohne zu wissen, dass der andere auch dabei ist. Herausgekommen sind zwei vollkommen unterschiedliche St\u00fccke. Wir m\u00f6gen die politischen Krimis von Wolfgang Schorlau. Und nur er mag Fantasyliteratur (wor\u00fcber Ruth Duchstein und ich einmal synchron die Nase r\u00fcmpften und den Kopf sch\u00fcttelten, als er gleich einen ganzen Stapel davon erwarb).<\/em><\/p>\n<p><em>Jetzt also Rentner. So oft wir in vergangenen Jahren von dieser absehbaren Z\u00e4sur sprachen, so mutet es nun seltsam an. Und jetzt? Andreas\u00b4 Freund Walter, aus den Quergedanken wohlbekannt und mir ans Herz gewachsen wie der Alte selbst, wischt meine Anmutung mit Verve beiseite: \u201eSchw\u00e4tz net! Es bleibt die Freundschaft, es bleiben die Wirtshausrunden und durchzechten N\u00e4chte, wir werden weiter die Welt retten, die Themen werden weiterhin von Kuchen backen bis Arschbacken reichen. Er wird schwadronieren bis zum letzten Atemzug und uns pers\u00f6nlich oder anderen auf diesem Fazzebuck auf die Nerven gehen. Der einzige Unterschied: Daf\u00fcr hat er jetzt noch mehr Zeit.\u201c Nun denn: Vorhang auf f\u00fcr des Dramas n\u00e4chsten Akt.<\/em>&#8220; (Gerd Neuwirth)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den nachfolgenden Text hat Gerd Neuwirth, einer meiner \u00e4ltesten Freunde und fr\u00fchen Kollegen in der mittelrheinischen Wahlheimat, geschrieben und vorgestern im Rahmen einer B\u00fccher-Challange auf seiner Facebook-Seite ver\u00f6ffentlicht. 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