{"id":609,"date":"2020-05-01T11:00:59","date_gmt":"2020-05-01T10:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/05\/01\/irrweg-in-der-walpurgisnacht-1971\/"},"modified":"2020-05-01T11:00:59","modified_gmt":"2020-05-01T10:00:59","slug":"irrweg-in-der-walpurgisnacht-1971","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/05\/01\/irrweg-in-der-walpurgisnacht-1971\/","title":{"rendered":"Irrweg in der Walpurgisnacht 1971"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Kleines Verz\u00e4hlche am und zum 1. Mai. Eine Erinnerung, beim Fr\u00fchst\u00fcck pl\u00f6tzlich aus den Hirntiefen aufgestiegen und wohl provoziert durch das heute seltsame Gef\u00fchl: Erstmals zu meinen Lebzeiten gibt es an dem f\u00fcr mich seit fr\u00fcher Jugend wichtigsten Feiertag im Jahreszyklus keine Demonstrationen und Kundgebungen.<\/p>\n<p class=\"rtecenter\">***<\/p>\n<p><strong>Wir schreiben die Nacht vom 30. April zum 1. Mai wahrscheinlich anno 1971<\/strong>. Gegen 2 Uhr neigt sich die Fete im autonomen Jugendzentrum des Kleinst\u00e4dtchens Neckargem\u00fcnd dem Ende zu. Um 150 junge Leute haben sich zu Kl\u00e4ngen und Rhythmen von Black Sabbath, Deep Purple, Uriah Heep, Rolling Stones, MC5 und Co. &#8222;in den Mai&#8220; getanzt, geknutscht, gefummelt oder diskutiert. Die K\u00e4sten mit dem billigen Koppfschmerzbier sind blo\u00df noch Leergut, die vielen 2-Liter-Flaschen mit noch billigeren Chianti und Lambrusco ebenfalls ihres Inhalts beraubt. Am Boden zweier gro\u00dfer Waschb\u00fctten warten kl\u00e4gliche Reste von Nudel- und Kartoffelsalat auf ihre Entsorgung. In Omas Einkochtopf schwimmt eine letzte Br\u00fchwurst herum, l\u00e4ngst unansehnlich aufgequollen. (Das allf\u00e4llige Grillen w\u00fcrde erst Jahre sp\u00e4ter in Mode kommen).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Menge sich Richtung mehr oder minder solider Schlafpl\u00e4tze hier, daheim oder sonstwo zerstreut, wird die Verabredung f\u00fcr den folgenden Vormittag nochmal bekr\u00e4ftigt: 11 Uhr, Rote 1. Mai-Demo im 10 Kilometer entfernten Heidelberg. Die weniger politisch Angehauchten erg\u00e4nzen: &#8222;Ab 14 Uhr dann auf der Neckarwiese&#8220;. Vier 15-\/16-j\u00e4hrige Burschen tanzen indes vergn\u00fcgt und wildentschlossen aus der m\u00fcden Reihe. Sie schn\u00fcren Rucks\u00e4cke und festes Schuhwerk, pr\u00fcfen Taschenlampen. Ihr Plan: &#8222;Durchmachen&#8220; &#8211; in Form einer Nachtwanderung durch den Wald entlag des Neckartals nach Heidelberg. Und sie sind zuversichtlich, locker bis zum Demostart dort anzukommen.<\/p>\n<p>Ausgestattet sind die vier famos, denn gegen das zuhause angegebene Vorhaben &#8211; &#8222;Tanz in den Mai mit anschlie\u00dfender Nachtwanderung&#8220; &#8211; hatten selbst einst HJ-gest\u00e4hlte Eltern nichts einzuwenden. Also warten in den Rucks\u00e4cken kaltes Brathuhn und Schweinekoteletts, Kekse, Schokolade nebst die von einem Vater klammheimlich spendierte Flasche Kirschwasser auf Verkostung im Laufe der Wanderschaft. Doch die G\u00f6tter meinen es nicht gut mit unserem jugendlichen Quartett. Der tags\u00fcber ausbaldowerte Waldweg entlang des Neckartals vollf\u00fchrt in der Nacht eigent\u00fcmliche Wendungen. Statt dem Fluss parallel zehn Kilometer zu folgen, schl\u00e4ngelt er sich mal um mal in Seitent\u00e4ler hinein, die allesamt hinauf auf Odenwald-H\u00f6hen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Lichter, die unsere Mannen gegen 5 Uhr erst erfreut f\u00fcr den Heidelberger Vorort Ziegelhausen halten, erweisen sich beim N\u00e4herkommen als halbes Dutzend einsamer Stra\u00dfenlaternen in einem noch einsameren und weit vom gedachten Weg abgelegenen D\u00f6rfchen. Die anf\u00e4ngliche Munterkeit ist l\u00e4ngst verflogen, denn zum Verdruss des Verirrens kommt, dass es schei\u00dfkalt geworden ist. Als es zu allem \u00dcberfluss auch noch anf\u00e4ngt zu schneien, quetscht die Viererbande sich zweist\u00f6ckig verschlungen in eine Telefonzelle und macht dort Wanderpause &#8211; die Dank eifriger Nutzung des w\u00e4rmenden Kirschwassers rasch zum kicher-zotigen Gelage nebst Absingen der Internationale und anderer Revolutionslieder wird.<\/p>\n<p>Ende gut, alles gut? Irgendwann und irgendwie finden die Burschen dann doch einen Weg ins Neckartal zur\u00fcrck. Dort erwischen sie einen Linienbus nach Heidelberg, kommen eine gute halbe Stunde versp\u00e4tet zur Mai-Demonstration &#8211; und haben diesmal herzlich wenig zu deren k\u00e4mpferischem Charakter beizutragen. Beim behaglichen Abschlussschwof der Mai-Feiern am Nachmittag auf der Neckarwiese gl\u00e4nzen sie durch Abwesenheit &#8211; und \u00fcber die Erlebnisse w\u00e4hrend der Wanderschaft legt sich nachher ein ganz un\u00fcblicher Schleier des Schweigens.<\/p>\n<p>Geblieben ist von jener Nacht noch lange ein Ger\u00fccht, das seinen Ausgang bei den Bewohnern eines kleinen Dorfes im Neckar-nahen OWir schreiben die Nacht vom 30. April zum 1. Mai wahrscheinlich anno 1971denwald nahm: In der Walpurgisnacht anno 71 h\u00e4tte wohl ein entfesselter Hexentrupp in der \u00f6rtlichen Telefonzelle den Hexensabbat gefeier<em>t.<\/em><\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Kleines Verz\u00e4hlche am und zum 1. Mai. Eine Erinnerung, beim Fr\u00fchst\u00fcck pl\u00f6tzlich aus den Hirntiefen aufgestiegen und wohl provoziert durch das heute seltsame Gef\u00fchl: Erstmals zu meinen Lebzeiten gibt es an dem f\u00fcr mich seit fr\u00fcher Jugend wichtigsten Feiertag im Jahreszyklus keine Demonstrationen und Kundgebungen. *** Wir schreiben die Nacht vom 30. 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