{"id":603,"date":"2020-03-28T23:00:00","date_gmt":"2020-03-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/03\/28\/die-entdeckung-des-knutschflecks\/"},"modified":"2020-03-28T23:00:00","modified_gmt":"2020-03-28T22:00:00","slug":"die-entdeckung-des-knutschflecks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/03\/28\/die-entdeckung-des-knutschflecks\/","title":{"rendered":"Die Entdeckung des Knutschflecks"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Ein strahlend sch\u00f6ner Sommertag in den sp\u00e4ten 1960ern. Die Clique aus 13- bis 15-J\u00e4hrigen macht sich in der hintersten Ecke der Schwimmbadwiese breit. Richtiger gesagt: Die knapp zwei Dutzend M\u00e4dchen und Jungs dr\u00e4ngen sich ohne Not, Decke an Decke, auf einem Rund zusammen, das sonst&nbsp; dem Platzbedarf zweier Kleinfamilien gerecht wird. Weil die jungen Leute eben erst dem Kindesalter entwachsen sind, in dem die Geschlechter eher nichts miteinander zu tun haben wollten, suchen sie nun umso mehr die N\u00e4he zueinander. Sich neckend, sich kappelnd, unschuldig bis hoffnungsvoll verspielt entdecken sie das pl\u00f6tzlich auf irritierende Weise noch fremder, aber zugleich so verlockend gewordene Andere.<\/p>\n<p>Zwischen Ballspielen, Musikpallaver und halb verborgenem Rauchen, zwischen Nassspritzen, Nachlaufen, vom Beckenrand sto\u00dfen und Tunken taucht unvermutet ein Stichwort auf, das rasch zum Tagesthema avanciert: der Knutschfleck. Woher es kommt, wer es aufgebracht hat, wei\u00df nachher keiner. Auf einmal ist es da, setzt sich vielversprechend in Hirnen und als zarte R\u00f6tung auf mancher Wange fest, l\u00e4sst die Bagage noch enger zusammenr\u00fccken und lebhaft er\u00f6rtern: Knutschfleck \u2013 was ist das, wie geht das, wobei entsteht das und wozu ist sowas gut? Knutschen kennt man. Manch eine\/r aus dem Kreis hat es schon versucht, jede\/r schon daneben gestanden, wenn an der Haltestelle Jugendp\u00e4rchen bei dieser Besch\u00e4ftigung das Einsteigen in den Bus vers\u00e4umen. Der KnutschFLECK aber ist ein noch zu l\u00f6sendes R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>\u201eIch hab\u2018 einen\u201c, sagt pl\u00f6tzlich Babsi, vielleicht war\u2018s auch Gitti, Biggi oder Chrissi (damals endeten alle Freundes- und Kosenamen auf i). Sie zeigt die Innenseite ihres Oberarms her. Dort prangt ein diffus rot-bl\u00e4ulicher Fleck in F\u00fcnfmarkst\u00fcck-Gr\u00f6\u00dfe: Ergebnis eines Selbstversuches, wom\u00f6glich nach dem Studium einschl\u00e4giger Fachartikel in der \u201eBravo\u201c. Sie demonstriert, auf welche Weise sie sich das Mal zugef\u00fcgt hat. Und sogleich hebt ringsumher eifriges Schmatzen, Lutschen, Saugen an, werden anschlie\u00dfend unter \u201eHallo\u201c und \u201eO weh\u201c von eigenen M\u00fcndern mit mehr oder minder ansehnlichem Erfolgt frisch gezierte Arme herumgezeigt.<\/p>\n<p>Feine Sache, das. Aber wohl nur die halbe Wahrheit. Denn, so der aufkommende Einwand: \u201eEigentlich geh\u00f6ren Knutschflecke doch auf den Hals.\u201c Da Halbheiten in diesem Kreis nicht sonderlich beliebt sind, springt pl\u00f6tzlich eines der M\u00e4dels unter lauten Anfeuerungsrufen einem der Burschen an den Hals, um dort zu vollziehen, was von au\u00dfen betrachtet ausschaut, als w\u00fcrde Vampirella mittagessen. \u201eTut das weh?\u201c wird das Opfer gefragt, derweil Staunen \u00fcber das pr\u00e4chtige Ergebnis des Saugerangriffs umgeht. \u201e\u00c4hm, n\u00f6 \u2013 das ist angenehm, k\u00f6nnt\u2018 ich stundenlang aushalten.\u201c Das h\u00e4tte der Junge besser nicht gesagt, weil: Nun erw\u00e4hlen ihn die M\u00e4dels zum Lerndummy \u2013 knutschen ihm nacheinander, kichernd, doch mit vollem Engagement, ein wunderh\u00fcbsches Band unterschiedlichster Flecken auf die Verbindung zwischen Kopf und Rumpf.<\/p>\n<p>Zwischendurch die besorgte Bemerkung: \u201eAu Backe, deine Eltern werden ausflippen.\u201c Der Bursche winkt nur matt ab, die Folgen dieser s\u00fc\u00dfen Maltr\u00e4tierung sind ihm im Moment schnuppe. Er badet in Wohlgef\u00fchlen \u2013 und irgendein aufmerksamer Kumpel wirft ihm unauff\u00e4llig eine Decke \u00fcber den Scho\u00df. Nat\u00fcrlich fallen die Eltern am Abend schier von einer Ohnmacht in die n\u00e4chste. Die Mutter verlangt kreischend zu wissen, welches \u201eLuder\u201c ihrem Sohn \u201csolch eine Schande\u201c zugef\u00fcgt habe. Er schweigt \u2013 und genie\u00dft noch lange die Erinnerung.<\/p>\n<p>Bleibt am Ende zu erw\u00e4hnen, dass in jenem Sommer bei besagter Clique ein jahreszeitlich eher ungew\u00f6hnlicher Modetrend um sich griff: Rollkragenpulli und Halstuch.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em> &nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. Ein strahlend sch\u00f6ner Sommertag in den sp\u00e4ten 1960ern. Die Clique aus 13- bis 15-J\u00e4hrigen macht sich in der hintersten Ecke der Schwimmbadwiese breit. 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