{"id":600,"date":"2020-03-22T23:00:00","date_gmt":"2020-03-22T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/03\/22\/schenk-mir-doch-ein-kleines-bisschen-stille\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:11","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:11","slug":"schenk-mir-doch-ein-kleines-bisschen-stille","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/03\/22\/schenk-mir-doch-ein-kleines-bisschen-stille\/","title":{"rendered":"Schenk mir doch ein kleines bisschen Stille"},"content":{"rendered":"<p><em>Den nachfolgenden Text hatte ich am 1.\/2. M\u00e4rz 2020 geschrieben. Mit ihm sollte meine Kolumne &#8222;Quergedanken&#8220; f\u00fcr den Monat Arpil best\u00fcckt werden. Damals &#8211; vor drei Wochen &#8211; war Corona noch eher ein leises Rumoren am Horizont und erschien ein Beitrag \u00fcber den Normalzustand der modernen Zeit durchaus vertretbar. Am 16. M\u00e4rz haben dann der Herausgeber des mittelrheinischen Magazins &#8222;Kulturinfo&#8220; und ich entschieden, diesen Beitrag in die Tonne zu treten. Grund: Inzwischen hatte das Virus auch hierzulande Stund&#8216; um Stund&#8216; Normalit\u00e4ten ausgehebelt. Frappierender Zufall obendrein: Mein Text w\u00fcnscht sich ausgerechnet etwas, was das Virus nun quasi im Vorbeigehen erzwingt &#8211; mehr Stille, mehr Ruhe. Bevor morgen die neu geschriebenen Corona-&#8222;Quergedanken&#8220; 181 (b) erscheinen, sei hier der Ersttext zur Kenntnis gebracht. Auf dass er nicht einfach so im M\u00fcll verschwinde. (ape) &nbsp; &nbsp; <\/em><\/p>\n<p class=\"rtecenter\">***<\/p>\n<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Gelegentlich leiht sich Walter mein Auto, um mit einer neuen Bekanntschaft einen netten Ausflug ins Blaue zu unternehmen. Er nennt das: \u201eVorspiel\u201c. Das Nachspiel habe dann ich auszubaden: Einsteigen in die zur\u00fcckgegebene Karre, Motor anlassen \u2013 und sofort kriege ich derart was auf die Ohren, dass selbige schier wegfliegen. Jedesmal vergesse ich, dass des Freundes erster Handgriff im Auto dem Radio gilt. Er schaltet es ein, dreht es geh\u00f6rig auf und bel\u00e4sst es auch in diesem Zustand. Der freilich ist das genaue Gegenteil meiner automobilen Gepflogenheit: Das Radio habe ich nie in Gebrauch, fahre am liebsten ohne Ohrbel\u00e4stigung.<\/p>\n<p>Nicht, dass ich keine Musik m\u00f6gen w\u00fcrde. Ich bin im Gegenteil ein gro\u00dfer Liebhaber von Klassik, Jazz, ja auch (besserem) Rock und Pop. Gerade deshalb h\u00f6re ich recht selten Musik. Und schon gar nicht neben anderen T\u00e4tigkeiten her, sei es Fahren, Kochen, B\u00fcgeln, Sporteln, Holzhacken, Schreiben oder Lesen. Die Tonkunst hat ggf. meine ganze Aufmerksamkeit verdient. Hintergrundgedudel macht mich wahnsinnig. Vivaldis \u201eVier Jahreszeiten\u201c im Fahrstuhl: Da krieg ich die Kr\u00e4tze, weil Perlen vor die S\u00e4ue. Softbeschallung im Supermarkt macht mich aggressiv und v\u00f6llig kaufunlustig (lest das, ihr Marketingpsychologen!). Im Restaurant kann mir musikalische Untermalung den Appetit verderben und auf der Toilette das Gesch\u00e4ft ruinieren. Musik zu beil\u00e4ufigem S\u00e4useln und Raunen verwurstet, ist in meinen Ohren nur noch Ger\u00e4usch, sprich: Krach.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDu hast diesbez\u00fcglich eine Macke\u201c, meint Walter, als ich ihn anmotze wegen des radiophilen Krawallanschlags auf mein Geh\u00f6r. Oh, ich habe eine Menge Macken \u2013 manche liebenswert, manche weniger, einige ganz aus dem Normalit\u00e4tsrahmen fallend. Was die Ger\u00e4uschkulisse in der Welt angeht, mangelt es mir wohl an der F\u00e4higkeit, diese in stoischer Gleichg\u00fcltigkeit hinzunehmen oder sie tats\u00e4chlich auszublenden. Mir kommen die St\u00e4dte entsetzlich laut vor. Aber selbst auf dem Land, wo ich wohne, hat das L\u00e4rmen in den zur\u00fcckliegenden 40 Jahren um ein Vielfaches zugenommen.<\/p>\n<p>Auf der Landstra\u00dfe, die 200 Meter hinter unserem H\u00e4uschen durch Wiesen und Wald f\u00fchrt, kam Anfangs alle Viertelstunde mal ein Auto vorbei. Heute surrt, brummt, dr\u00f6hnt es da von fr\u00fch bis sp\u00e4t, herrscht nur zwischen 2.30 und 5.00 Uhr so etwas wie Ruhe. Weshalb ich bisweilen zu solch nachtschlafener Zeit vergn\u00fcgt in der K\u00fcche hocke, um mal wieder einen Moment der Stille zu genie\u00dfen. Denn tags\u00fcber ist Stille nichtmal mehr im tiefen Wald zu finden. Nein, ich spreche keineswegs von Vogelgezwitscher, Bachpl\u00e4tschern oder Rauschen des Windes im Blattwerk. Da k\u00f6nnen zwar etliche Dezibel zusammenkommen, doch die Stimmen der Natur verbreiten per se eine Art von Ruhe. Was man vom hektischen Rauschen der nahen A3, vom Gedonner der parallelen Intercitystrecke K\u00f6ln\/Frankfurt sowie vom steten Gebrumm des \u00fcberf\u00fcllten Flugzeug-Highways hoch droben nicht sagen kann.<\/p>\n<p>Krach ist das akustische Wesensmerkmal heutiger Zivilisation. Und als w\u00fcrde der moderne Mensch Stille f\u00fcrchten wie der Teufel das Weihwasser, tr\u00e4gt er das L\u00e4rmen hinaus auch noch in die abgeschiedensten Weltecken. Manche Zeitgenossen \u00e4ngstigt die Gefahr von Stille so sehr, dass sie st\u00e4ndig elektronische L\u00e4rmquellen am K\u00f6rper mitf\u00fchren. M\u00fcssten sie nicht, denn tats\u00e4chliche Ruhe und Stille sind so selten geworden, dass wir beide W\u00f6rter eigentlich aus dem Sprachgebrauch streichen k\u00f6nnten.&nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em> &nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den nachfolgenden Text hatte ich am 1.\/2. M\u00e4rz 2020 geschrieben. 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