{"id":593,"date":"2020-03-01T23:00:00","date_gmt":"2020-03-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/03\/01\/zum-angesehenen-staatsorchester-des-21-jahrhunderts\/"},"modified":"2020-03-01T23:00:00","modified_gmt":"2020-03-01T22:00:00","slug":"zum-angesehenen-staatsorchester-des-21-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/03\/01\/zum-angesehenen-staatsorchester-des-21-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Zum angesehenen Staatsorchester des 21. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>ape. In der vorigen Ausgabe des Magazins &#8222;con moto&#8220; hatte ich \u00fcber Marksteine der fr\u00fcheren und fr\u00fchesten Koblenzer Orchestergeschichte geschrieben \u2013 beginnend anno 1654, bis zur Gr\u00fcndung der Rheinischen Philharmonie 1945, endend bei der Umwandlung in ein rheinland-pf\u00e4lzisches Staatsorchester 1973 (<a href=\"\/D7\/node\/427\">&gt; Teil 1 s. hier<\/a>) . Seither wurde der Autor mehrfach gebeten, zumal von j\u00fcngeren und nicht schon seit Jahrzehnten in Koblenz lebenden Musikfreunden, diese Erz\u00e4hlung doch bis in die Gegenwart fortzusetzen. Dieser Bitte sei hiermit gerne entsprochen. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>\u201eDas Land Rheinland-Pfalz \u00fcbernimmt das Sinfonieorchester des Vereins Rheinische Philharmonie e.V. mit Wirkung zum 1. Juli 1973 (&#8230;) Mit der \u00dcbernahme des Orchesters in seine Tr\u00e4gerschaft will das Land zu einer Intensivierung des Musiklebens im Lande beitragen.\u201c So steht es im Paragraph 1.1 des \u00dcbernahmevertrags. Das Koblenzer Staatsorchester ist geboren, mit rund 70 Musikern, einem Dirigenten, einem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer und einigen Angestellten, es tr\u00e4gt seither den Namen \u201eStaatsorchester Rheinische Philharmonie\u201c.<\/p>\n<p>Dessen erster musikalischer Leiter wird Wolfgang Balzer. Bereits in der Spielzeit 1972\/1973 haben die Musiker den jungen Dirigenten gew\u00e4hlt, der zuvor 1. Kapellmeister der Frankfurter Oper war. Balzer leitet auch das Festkonzert anl\u00e4sslich der Ernennung zum Staatsorchester am 5. September 1973. Zu Beginn der Spielzeit 1975\/1976 wird Pierre Stoll Generalmusikdirektor; er war zuvor 1. Kapellmeister der Stra\u00dfburger Oper. Ihm folgt 1981\/1982 James Lockhart als GMD nach Koblenz. Der hier bald sehr beliebte Schotte mit dem feurigen Naturell war zuvor gefragter Gastdirigent an vielen H\u00e4usern und Professor am Royal College in London. Als Lockhart 1991 aufh\u00f6rt, ernennt ihn der damalige Ministerpr\u00e4sident Rudolf Scharping zum Ehrendirigenten des Orchesters.<\/p>\n<p>Es sind Jahrzehnte voller Schaffensdrang. F\u00fcr den S\u00fcdwestfunk spielen die Koblenzer ab Mitte der 1970er-Jahre zahlreiche Aufnahmen ein. Zugleich entstehen in rascher Folge Schallplattenproduktionen. Neben dem opulenten heimischen Pensum als Konzert- und Theaterorchester stehen Tourneen nach S\u00fcddeutschland, Frankreich oder in die Schweiz auf dem Programm. Es kommt auch eine Zeit des Abschieds: Erhard May, der umtriebige Vork\u00e4mpfer des Orchesters und schlie\u00dflich dessen Intendant, geht 1984 in Pension. Doch bevor er sein Amt an Veit S. Berger \u00fcbergibt, verschafft er der Rheinischen noch ein neues, dauerhaftes Zuhause. Denn ein Problem bleibt mit der Verstaatlichung 1973 weiterhin ungel\u00f6st: Die Philharmonie hat kein eigenes Domizil. Das G\u00f6rreshaus, in dem die Musiker in der Nachkriegszeit unter anderem geprobt hatten, war aus baulichen Gr\u00fcnden von der Polizei versiegelt worden. Das kunsthistorisch wertvolle altdeutsch-neugotische Geb\u00e4ude drohte zu verfallen.<\/p>\n<p>Und das Orchester? Wechselt f\u00fcr jede Probe die S\u00e4le. Mit Handkarren transportieren die Orchesterwarte die Instrumente quer durch die Stadt. Zw\u00f6lf Jahre dauert dieser Zustand an. Jahre, in denen May so manche Mittagspause um das alte Haus herumschleicht und \u00fcberlegt, wie es wohl zu retten sei. Ein Zustand, der l\u00e4nger nicht akzeptiert werden kann \u2013 zumal zeitgleich das Land f\u00fcr die Staatsphilharmonie Ludwigshafen den Neubau eines eigenen Hauses beschlossen hat. \u201eIch nutzte dann meine politischen Kontakte, insbesondere zum Koblenzer Oberb\u00fcrgermeister Willi H\u00f6rter, sodass das Haus dann doch mit viel Aufwand instand gesetzt und restauriert wurde\u201c, hei\u00dft es in Mays Erinnerungen. Das klingt einfacher, als es war. Nach z\u00e4hem Ringen \u00fcbereignet die Stadt Koblenz die Liegenschaft kostenlos dem Land \u2013 unter der Bedingung, das historische Geb\u00e4ude zu sanieren, zu restaurieren und f\u00fcr eine Nutzung durch das Orchester herzurichten. Es werden Probezimmer und B\u00fcror\u00e4ume eingebaut. Der Saal wird stilvoll rekonstruiert. Kronleuchter, Holzvert\u00e4felungen und Wandmalereien aus dem 19. Jahrhundert, durch S\u00e4ulen gegliederte Kopfemporen und eine Seitenloge geben ihm ein ganz eigenes Gepr\u00e4ge. Geb\u00e4ude und Saal in der Eltzerhofstra\u00dfe stammen aus dem Jahr 1865 und gehen wie so manches am Rhein-Mosel-Eck auf eine B\u00fcrgerinitiative zur\u00fcck. Das G\u00f6rreshaus ist eine Gr\u00fcndung des Katholischen Lesevereins Koblenz \u2013 und w\u00e4re wahrscheinlich nie gebaut worden, h\u00e4tten sich die Mitglieder zwecks Finanzierung ihres Vereinshauses damals nicht zu einer Spargemeinschaft zusammengetan. Lange Zeit eine gute Adresse f\u00fcr das st\u00e4dtische Geistesleben, schrieb das G\u00f6rreshaus nach dem Zweiten Weltkrieg auch Landesgeschichte: Von Sommer 1947 bis Mai 1951 war es Sitz des ersten rheinland-pf\u00e4lzischen Landtages.<\/p>\n<p>Am 16. August 1985 ist es soweit: Zu ihrem 40. Geburtstag zieht die Rheinische mit einem Gala-Konzert und der 2. Sinfonie von Gustav Mahler ins G\u00f6rreshaus als fester Heimstatt ein. Das Haus hat einen der bemerkenswertesten historischen S\u00e4le in Koblenz.&nbsp; Beim Probesaal allein konnte und sollte es nicht bleiben. Schon 1986 rief der damalige Intendant Richard Stracke \u2013 allf\u00e4llig mit dampfender Pfeife und gesegnetem Humor anzutreffen \u2013 eine Kammerkonzert-Reihe im G\u00f6rreshaus ins Leben. In Lockharts Nachfolge \u00fcbernimmt 1991 Christian Kluttig die Position des GMD \u2013 als Dirigent des H\u00e4ndel-Festspielorchesters in Halle ist er da in Kennerkreisen bereits ein Begriff. Unter seiner Leitung und der Intendanz (1986 \u2013 1997) von Stracke wurden die \u201eOrchesterkonzerte im G\u00f6rreshaus\u201c eingef\u00fchrt. Auch sie existieren bis auf den heutigen Tag, bieten an vier Sonntagnachmittagen pro Saison erlesene bis konzeptionell ungew\u00f6hnliche Konzertprogramme mit gro\u00dfem Orchester und namhaften Solisten. Zu den beiden Reihen der Kammermusik- und Orchesterkonzerte gesellt sich ein breites Spektrum von Kinder- und Jugendkonzerten, kommen \u00fcber die Jahre zahlreiche Sonderprogramme und diverse Gastveranstaltungen hinzu. So hat sich das historische G\u00f6rreshaus seit dem Einzug des Orchesters 1985 zu einem lebendigen Zentrum klassischer Musik mitten in der Koblenzer Altstadt entwickelt.<\/p>\n<p>Anfang der 1990er schreibt die Rheinische wieder lokale Musikgeschichte: Anl\u00e4sslich der 2000-Jahr-Feier der Stadt Koblenz 1992 macht Kluttig die Festung Ehrenbreitstein zur Freilicht-Musikb\u00fchne. Beethovens \u201eFidelio\u201c, gespielt in den historischen Gem\u00e4uern der preu\u00dfischen Befestigungsanlage, wird zum sommerlichen Jubil\u00e4umsereignis. Gleiches gilt f\u00fcr die Auff\u00fchrung von Mahlers \u201eSinfonie der Tausend\u201c in der Sporthalle Oberwerth, bei der nicht nur die Mitglieder der Rheinischen Philharmonie mitwirken, sondern auch ein Gro\u00dfteil des Orchesters der Bonner Beethovenhalle. Mahlers Sinfonie erreicht 9000 Zuh\u00f6rer \u2013 auch Haupt- und Generalprobe sind \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Von nun an zieht es die Rheinische zudem weiter hinaus in die Welt. 1998 wird Shao-Chia L\u00fc als Nachfolger von Christian Kluttig neuer GMD. Der stets zur\u00fcckhaltende, ernsthaft-freundliche&nbsp; Taiwanese hatte sich sp\u00e4testens mit seinem triumphalen Deb\u00fct als Konzertdirigent bei den M\u00fcnchner Philharmonikern einen Namen gemacht. Unter seiner Leitung \u2013 und der Intendanz von Rainer Neumann \u2013 geht es erstmals nach Asien. Das Orchester unternimmt eine China-Tournee nach Shanghai, Peking, Fuzhou. Und 2002 gastiert mit den Koblenzer Musikern erstmals ein Sinfonieorchester im zentralafrikanischen Ruanda. Die Afrika-Tour anl\u00e4sslich des 20-j\u00e4hrigen Bestehens der Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und Ruanda umfasst sieben Konzerte.<\/p>\n<p>2003 taucht pl\u00f6tzlich ein mit der Verstaatlichung 1973 \u00fcberwunden geglaubtes Gef\u00fchl wieder auf: Sorge um den Fortbestand der Rheinischen Philharmonie als vollwertiges Sinfonieorchester. Denn das Land will sparen, und das Kulturministerium in Mainz plant deshalb eine Orchesterstrukturreform. In Rede steht f\u00fcr die drei landeseigenen Orchester in Ludwigshafen, Mainz und Koblenz eine erhebliche Reduzierung der Musikerstellen sowie ihre kooperative Vernetzung unter einer gemeinsamen Generalintendanz. Weil Musiker und Musikfreunde vor allem in Mainz und Koblenz einen die Spielqualit\u00e4t und Repertoiref\u00e4higkeit betr\u00e4chtlich einschr\u00e4nkenden Aderlass bef\u00fcrchten, kommt es beiderorts zu mannigfachen Protesten.<\/p>\n<p>Die ziehen sich \u00fcber Monate hin. Dabei wird deutlich, wie stark die Rheinische Philharmonie im \u00f6ffentlichen Leben der heimischen Region verankert ist: Zahllose B\u00fcrger beteiligen sich an&nbsp; Protestaktionen in Koblenz und Umgebung, gut 60 000 Unterschriften kommen f\u00fcr den Erhalt des Orchesters in seiner gewohnten St\u00e4rke zusammen. Der Protest erwirkt einen Kompromiss \u2013 Koblenz und das n\u00f6rdliche Rheinland-Pfalz erfreuen sich weiterhin an ihrem vollwertigen, bald auch wieder mit eigener Intendanz ausgestatteten Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Als im M\u00e4rz 2004 rund 3000 Besucher zum Jubil\u00e4umskonzert \u201e350 Jahre Orchester Koblenz\u201c in die Sporthalle Oberwerth str\u00f6men, wirkt der Schulterschluss zwischen Orchester und \u00d6ffentlichkeit nach. Der Abend ist nicht nur musikalisch ein denkw\u00fcrdiges Ereignis. Shao Chia L\u00fc leitet einen Musizierapparat, den man hierorts in solcher Gr\u00f6\u00dfe noch nie erlebte: das Koblenzer Staatsorchester, die Philharmonie Heidelberg, zehn Ch\u00f6re, sechs Solisten \u2013 insgesamt 600 Mitwirkende sind f\u00fcr Arnold Sch\u00f6nbergs \u201eGurrelieder\u201c aufgeboten.<\/p>\n<p>2005 \u00fcbernimmt Daniel Raiskin von L\u00fc die Stabf\u00fchrung bei der Rheinischen. Rund elf Jahre pr\u00e4gt er Orchester und dessen Programmatik mit betr\u00e4chtlichem Erfolg \u2013 obwohl er und der 2010 als Nachfolger von Neumann ins Intendantenamt berufene Frank Lefers auch manche Widrigkeit zu bestehen haben. Anfangs hat Raiskin es noch mit unangenehmen Wirkungen der Orchesterreform zu tun. Dann trifft ihn, die Rheinische Philharmonie und das Musik-Institut Koblenz das Problem \u201eGeneralsanierung der Rhein-Mosel-Halle\u201c in den beiden Spielzeiten 2010\/11 und 2011\/12 mit voller Wucht. Wegen der Bauarbeiten m\u00fcssen die gro\u00dfen Anrechtskonzerte des Musik-Instituts in die Sporthalle Oberwerth ausweichen \u2013 die das Dreifache an Publikum fasst und klassikakustisch ein Albtraum ist.<\/p>\n<p>Dank betr\u00e4chtlichen Technikaufwands, reduzierter Anzahl von Konzerten, die aber mit Solisten von Weltrang wie Julian Rachlin, Mischa Maisky oder Eva Kupiec besetzt sind, sowie zahlreichen Unterst\u00fctzern und des spielfreudigen Engagements der Rheinischen Philharmonie unter Raiskin kann die \u201eNotsaison\u201c 2010\/11 doch mit Bravour und viel \u00f6ffentlichem Zuspruch \u00fcber die B\u00fchne gebracht werden. Dann die Hiobsbotschaft: Die Bauarbeiten an der Rhein-Mosel-Halle werden auch die gesamte Spielzeit 2011\/12 andauern. Traurige Folge: Erstmals muss in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts ein Jahrgang Anrechtskonzerte vollst\u00e4ndig ausfallen. Es ist eine schwierige Zeit, die vor und hinter den Kulissen durchaus nicht spannungsfrei verl\u00e4uft, aber schlie\u00dflich doch gl\u00fccklich \u00fcberwunden wird.<\/p>\n<p>2014 \u00fcbernimmt G\u00fcnter M\u00fcller-Rogalla das Intendantenamt bei der Rheinischen Philharmonie \u2013 und sieht sich unerwartet sogleich mit dem Umstand konfrontiert, dass Raiskin sein Engagement in Koblenz beenden will und also ein neuer Chefdirigent zu suchen ist. Der \u00dcbergang zu Garry Walker verl\u00e4uft nicht ganz reibungslos, denn f\u00fcr die Spielzeit 2016\/17 ist der alte Orchesterleiter schon weg, der neue aber noch nicht verf\u00fcgbar. M\u00fcller-Rogalla muss die Saison im Alleingang managen, Orchester und Publikum erleben ein Jahr mit von Konzert zu Konzert wechselnden Dirigenten. Und siehe: Alle Beteiligten sprechen im Nachhinein zwar von einem anstrengenden, jedoch auch spannenden, lehrreichen, inspirierenden Jahr. Es erweist sich, dass Raiskin ein sehr stabiles und flexibles Orchester hinterlassen hat, das auch unter g\u00e4nzlich verschiedenen Stabf\u00fchrungen auf hohem Niveau musiziert. An dieses Niveau kann Garry Walker bei seinem Dienstantritt als neuer Chefdirigent im Herbst 2017 ankn\u00fcpfen \u2013 und es mit eigener Handschrift weiterentwickeln. Die musikalischen Ergebnisse dieser Arbeit haben bis dato schon viel Freude gemacht. Alles Weitere ist nun zu erlebende Gegenwart.<\/p>\n<p><strong><em>Andreas Pecht<\/em><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"\/D7\/node\/427\"><strong><em>&gt; Hier geht es zu dem im Herbst 2019 erschienenen ersten Teil dieses Beitrags &#8211; \u00dcber Marksteine der Koblenzer Orchestergeschichte<\/em><\/strong> <strong><em>von 1654 bis 1973<\/em><\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ape. In der vorigen Ausgabe des Magazins &#8222;con moto&#8220; hatte ich \u00fcber Marksteine der fr\u00fcheren und fr\u00fchesten Koblenzer Orchestergeschichte geschrieben \u2013 beginnend anno 1654, bis zur Gr\u00fcndung der Rheinischen Philharmonie 1945, endend bei der Umwandlung in ein rheinland-pf\u00e4lzisches Staatsorchester 1973 (&gt; Teil 1 s. hier) . 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