{"id":59,"date":"2018-03-22T23:00:00","date_gmt":"2018-03-22T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/03\/22\/was-einer-allein-nicht-schafft-das-schaffen-viele\/"},"modified":"2018-03-22T23:00:00","modified_gmt":"2018-03-22T22:00:00","slug":"was-einer-allein-nicht-schafft-das-schaffen-viele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2018\/03\/22\/was-einer-allein-nicht-schafft-das-schaffen-viele\/","title":{"rendered":"Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele"},"content":{"rendered":"<h3>Kultursommer Rheinland-Pfalz 2018 steht unter dem Leitmotto \u201eIndustrie-Kultur\u201c<\/h3>\n<p>Es hat ein gescheiter Kerl oder ein kluges Weib \u00fcber den ersten Text \u2013 nach dem obligaten Gru\u00dfwort des Landeskulturministers \u2013 im Programmheft f\u00fcr den Kultursommers Rheinland-Pfalz (KuSo) 2018 diese \u00dcberschrift gesetzt: \u201e200 Jahre Reben und R\u00fcben: in Glas gepresst, in Stein gemei\u00dfelt, in Stahl gegossen und auf dem Rhein verschifft.\u201c Die augenzwinkernde Headline erfasst sch\u00f6n das Problem des Landesfestivals mit seinem diesj\u00e4hrigen Leitmotto, das da hei\u00dft: \u201eIndustrie-Kultur\u201c. Zu 40 Prozent mit Wald bedeckt, die \u00fcbrige Landfl\u00e4che zu betr\u00e4chtlichen Teilen f\u00fcr Wein- und Gem\u00fcseanbau verausgabt, ist Rheinland-Pfalz nunmal ein weithin agrarisch und l\u00e4ndlich gepr\u00e4gtes Bundesland.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/KuSo_NR.jpg?itok=3wPbIZqa\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-58\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/KuSo_NR.jpg\" style=\"float:right; height:480px; margin:5px; width:211px\" width=\"211\" height=\"480\" \/> <\/a> Der Mangel an echten Gro\u00dfst\u00e4dten ist signifikant. Die vier, die wir de jure haben, sind de facto doch ziemlich klein. Koblenz und Trier krebsen an der<br \/>\n100 000er-Marke rum. Die zweitgr\u00f6\u00dfte, Ludwigshafen, ist mit ihren 164 000 Einwohnern eher eine BASF-Werkssiedlung. Und Mainz verspr\u00fcht mit seinen knapp<br \/>\n210 000 Einwohnern auch nur deshalb etwas Gro\u00dfstadtflair, weil es mit Wiesbaden und Frankfurt zusammen einen urbanen Ballungsraum bildet.<\/p>\n<p>Das h\u00f6ren die Mainzer nicht gern, und alle anderen rheinland-pf\u00e4lzischen \u201eGro\u00dfst\u00e4dter\u201c auch nicht.&nbsp; Denn Lokalpatriotismus ist ein starkes Gef\u00fchl, das einen \u00fcber allerhand hinwegsehen l\u00e4sst; ein Gef\u00fchl, das naturgem\u00e4\u00df das eigene Lokal als sch\u00f6nstes empfindet und zum Nabel der Welt macht. Immerhin ist Lokalpatriotismus die angenehmste Art von Patriotismus, weil: Es wird nicht gleich geschossen. Woher aber nimmt nun der Kultursommer heuer die \u201eIndustrie-Kultur\u201c? Zumal viele der wenigen noch kleineren Mittelzentren im Land an ihrer seit Jahrzehnten verbl\u00fchenden und zuletzt arg welken Industrialit\u00e4t mehr leiden als sich erfreuen: der Bims- und Stahlstandort Neuwied, der Montanstandort Wissen\/Sieg, die Schuhmetropole Pirmasens, das deutsche Zentrum f\u00fcr Edelsteine Idar-Oberstein etc. Sie alle sind vormalige Industrie-Kleinst\u00e4dte in Konversion, in Umwandlung. Wobei bis dato niemand recht wei\u00df, ob und in welchem Fall Umwandlung vielleicht irgendwann etwas anderes bedeutet als industrieller Niedergang. Keiner wei\u00df, ob diese Orte Wege zu neuen Ufern finden \u2013 oder letztlich das Schicksal der sie umgebenden D\u00f6rfer teilen und infrastrukturell v\u00f6llig ausbluten.<\/p>\n<p>Wie also kommt Rheinland-Pfalz dazu, eine eigene Industrie-Kultur zu w\u00fcrdigen, sich ihrer vergewissern zu wollen? Einer Kultur, die es, im Unterschied etwa zum benachbarten NRW oder Saarland, als das kollektive Bewusstsein pr\u00e4gendes Momentum in der Fl\u00e4che weder traditionell noch aktuell gibt? Simple Antwort: Man verf\u00e4hrt punktuell, dreht das Prinzip des WDR einfach um.&nbsp; Der in der echten Millionenstadt K\u00f6ln ans\u00e4ssige ARD-Sender besingt f\u00fcr seine Heimatformate liebend gern natursch\u00f6ne Ziele innerhalb des und rund um den dominanten Industriemoloch Ruhrpott. Der diesj\u00e4hrige KuSo Rheinland-Pfalz lenkt demgem\u00e4\u00df die Aufmerksamkeit auf lokale, vor allem ehemalige industrielle Enklaven inmitten der sprichw\u00f6rtlich dominanten Reben und R\u00fcben zwischen S\u00fcdpfalz und Oberwesterwald. Und siehe, es findet sich hier, da, dort so allerhand; quantitativ oft klein, aber an Zahl und (einstiger) qualitativer \u00fcber\u00f6rtlicher Bedeutung doch gr\u00f6\u00dfer als selbst von Hiesigen meist angenommen. Und siehe ferner: In einem Bundesland, dessen Kulturf\u00f6rderung finanziell seit Jahr und Tag mit der roten Laterne hinter allen anderen Bundesl\u00e4ndern herstolpert, machen kulturaktive und -affine Menschen aus der industriellen Not kulturelle Tugenden.<\/p>\n<p>Koblenzer Kufa, Sayner H\u00fctte, St\u00f6ffel-Park Westwerwald, Kulturwerk Wissen, Trierer Tuchfabrik (Tufa), Bengel-Fabrik Idar-Oberstein, Mainzer Kunsthalle, Kammgarn Kaiserlautern und zahlreiche Locations mehr: All diese vormaligen, vielfach \u00fcber Jahrzehnte vom Dornr\u00f6schenschlaf des Verfalls umfangenen Industriebauten sind, zumeist auf die Anfangsinitiative von B\u00fcrgern und Kulturschaffenden hin, Heimst\u00e4tten f\u00fcr Kultur und K\u00fcnste geworden. In ihnen verbindet sich \u00f6rtliche Industriegeschichte mit kulturellem Schaffen. Ergebnis ist \u201eIndustrie-Kultur\u201c in ver\u00e4ndertem Sinne, die nun auch im Zuge des diesj\u00e4hrigen Kultursommers quasi summarisch landesweite W\u00fcrdigung und Wertsch\u00e4tzung erf\u00e4hrt. Ein Teil der 200 vom Kultursommer gef\u00f6rderten Projekte spielt zwischen Ende April und Ende Oktober in solchen vormals industriellen Locations. Manche Veranstaltung greift dabei auch k\u00fcnstlerisch den Genius loci und\/oder das Industrie-Thema in vielen ihrer kultur- und gesellschaftshistorischen bis gegenwartsrelevanten Aspekten auf. Literatur, Theater, Musik, Bildende Kunst, Philosophie, Polit-\u00d6konomie, Industriearch\u00e4ologie wollen interessante und\/oder unterhaltsame Beitr\u00e4ge liefern.<\/p>\n<p>Passend zum Motto startet der KuSo 2018 am letzten April-Wochenende (27. bis 29.4.) im ehemals mittelrheinischen Industriezentrum Neuwied. Das die ganze Innenstadt bespielende Er\u00f6ffnungsprogramm bietet eine F\u00fclle k\u00fcnstlerischer Aktionen, deren Gelingen vielfach vom Mittun des Publikums abh\u00e4ngt. Schlie\u00dflich steht das Wochenende unter dem sympathischen Solidargedanken: \u201eWas einer allein nicht schafft, das schaffen viele.\u201c Dieser Satz stammt vom Westerw\u00e4lder\/Neuwieder Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Dessen 200. Geburtstag wird in diesem Jahr begangen, unter anderem mit einer Ausstellung im Landesmuseum auf der Festung Ehrenbreitstein.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Raiffeisens Genossenschaftsidee heutzutage weltweit als solidarisch orientierte Alternative zur Kaltschn\u00e4uzigkeit des Konzernkapitalismus wieder auf dem Vormarsch ist, scheinen die revolution\u00e4ren Ideen eines Zeit- und Regionalgenossen Raiffeisens vorerst ausgedient zu haben: Karl Marx, bekanntester Sohn der Stadt Trier und wohl der ber\u00fchmteste Rheinland-Pf\u00e4lzer &#8211; mit dem selbst unverschuldet heutzutage schlechtesten Leumund &#8211; \u00fcberhaupt, kam ebenfalls 1818, also vor 200 Jahren zur Welt. Mit einer international erwartbar stark beachteten Gro\u00dfausstellung im Landesmuseum Trier und mehreren anderen Pr\u00e4sentationen in der Moselstadt wird \u00fcber das Sommerhalbjahr Marx als bedeutender Philosoph, Wirtschafts-\/Gesellschaftsanalyst und&nbsp; Sozialrevolution\u00e4r gew\u00fcrdigt sowie die Auseinandersetzung mit seinem Lebenswerk gesucht.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Raiffeisen und Marx: Es ist kein Zufall, dass solche Geister zusammen mit der sprunghaft sich entwickelnden Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert auftauchten. Und es wird eine der spannendsten Fragen am Rande eines vergn\u00fcglichen bis nachdenklichen Kultursommers sein, ob und wie die unterschiedlichen Blickwinkel und Ans\u00e4tze der beiden nutzbar gemacht werden k\u00f6nnen &#8211; f\u00fcr die in Gegenwart oder naher Zukunft unvermeidliche Zivilisierung und Vermenschlichung des globalen neoliberalen Industrialismus.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n<p>E<em>rstver\u00f6ffentlichung des Artikels in einem Pressemedium au\u00dferhalb dieser website: 12.\/13. Woche im M\u00e4rz 2018<\/em><\/p>\n<p>Infos zum KuSo-Programm landesweit: <a href=\"https:\/\/www.kultursommer.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.kultursommer.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kultursommer Rheinland-Pfalz 2018 steht unter dem Leitmotto \u201eIndustrie-Kultur\u201c Es hat ein gescheiter Kerl oder ein kluges Weib \u00fcber den ersten Text \u2013 nach dem obligaten Gru\u00dfwort des Landeskulturministers \u2013 im Programmheft f\u00fcr den Kultursommers Rheinland-Pfalz (KuSo) 2018 diese \u00dcberschrift gesetzt: \u201e200 Jahre Reben und R\u00fcben: in Glas gepresst, in Stein gemei\u00dfelt, in Stahl gegossen und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":58,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"archiv":[19,32],"archiv_inhaltlich":[],"class_list":["post-59","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","archiv-19","archiv-2018-03"],"acf":{"bild":58,"anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=59"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/58"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=59"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=59"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=59"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=59"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}