{"id":5859,"date":"2014-04-20T18:38:00","date_gmt":"2014-04-20T17:38:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5859"},"modified":"2025-10-08T18:41:29","modified_gmt":"2025-10-08T17:41:29","slug":"darf-man-ueber-hitler-und-das-ns-regime-witze-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2014\/04\/20\/darf-man-ueber-hitler-und-das-ns-regime-witze-machen\/","title":{"rendered":"Darf man \u00fcber Hitler und das NS-Regime Witze machen?"},"content":{"rendered":"<pre>125. Gr\u00f6faz-Geburtstag: Zur Bedeutung<br \/>von Witz und Satire f\u00fcr die Erinnerungskultur<\/pre>\n<p><strong>ape. 20. April 2014:<\/strong> <em>Gr\u00f6faz-Geburtstag. Heuer w\u00e4r&#8217;s der 125. f\u00fcr das schm\u00e4chtige, schwarzhaarige, hypochondrische Idealbild eines Ariers. Gr\u00f6faz? Eine zum Uznamen f\u00fcr Adolf Hitler gewordene Abk\u00fcrzung des Satzes \u201eMein F\u00fchrer, Sie sind der gr\u00f6\u00dfte Feldherr aller Zeiten.\u201d Gesagt hatte ihn Generalfeldmarschall Wilhem Keitel nach dem Westfeldzug 1940. Unter der Hand verbreitete sich der dann das Gegenteil meinende Gr\u00f6faz-Begriff nach der Schlacht bei Stalingrad 1943. Ein sp\u00f6ttisches Wort spricht wahr \u2013 und Adolf der Gro\u00dfe steht in Unterhosen da.<\/em><\/p>\n<p>Die Methode der Herabsetzung von M\u00e4chtigen durch loses Volksmundwerk oder spitze Narrenzunge ist so alt wie die Menschheitskultur selbst. Man setze nur Thyrannen, Kaiser, P\u00e4pste, Minister, Pfeffers\u00e4cke etwa bildlich aufs Klo zum banalsten Menschengesch\u00e4ft: Die Vorstellung allein unterh\u00f6hlt zittrige Ehrfurcht vor Gottesgnadentum und Auserw\u00e4hltheit. Weshalb in vordemokratischen Umgebungen solcherart Witzelei als Majest\u00e4tsbeleidigung, Gottesl\u00e4sterung, Volksverhetzung oder Wehrkraftzersetzung verfolgt wurde\/wird.<\/p>\n<p>Ein vergebliches Unterfangen, wie der Umstand zeigt, dass selbst w\u00e4hrend der Nazi-Zeit auch in Deutschland despektierliche Witze \u00fcber NS-Gr\u00f6\u00dfen und Drittes Reich kursierten. Etwa dieser von 1935: \u201eWer ist der gr\u00f6\u00dfte Bauer? Adolf Hitler, er hat 65 Millionen Rindviecher und den gr\u00f6\u00dften Saustall.\u201d Oder einer von 1943: \u201eHitler, G\u00f6ring und Goebbels sitzen im Unterstand. Wer wird bei einem Volltreffer gerettet? Antwort: Deutschland.\u201d<\/p>\n<p>Insofern hatte sich die nachher in der Bundesrepublik oft gef\u00fchrte Diskussion, ob man \u00fcber Hitler und die Nazis Witze machen und lachen d\u00fcrfe, eigentlich schon w\u00e4hrend des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte erledigt: Wo es noch Menschen gibt, die nicht v\u00f6llig stumpfsinnig geworden sind, bedienen sie sich des Spottes als \u00dcberlebensmittel. Dennoch taucht diese Frage bis heute beinahe reflexartig stets wieder auf, sobald ein neues Satirewerk sich mit Hitler und Co. befasst.<\/p>\n<p>2013 meinte der Filmstudent Tobias Haase wohl, dass die 56 Geburtstage, die der Gr\u00f6faz erlebte bevor er sich die Kugel gab, viel zu viele gewesen seien. Der Jungregisseur produzierte als Abschlussarbeit einen Werbefilm, in dem Dank moderner Autotechnik Hitler als Kind \u00fcberfahren wird. Der Clip schlie\u00dft mit dem Satz: \u201eErkennt Gefahren, bevor sie entstehen\u201d. Das ist starker Tobak, gleichwohl von der Deutschen Filmakadamie mit dem Nachwuchspreis ausgezeichnet \u2013 nach der turbulentesten Jury-Sitzung ihrer Geschichte. Filmpreis-Sponsor Mercedes distanzierte sich, derweil wurde der Streifen im Internet ein Hit.<\/p>\n<p>Ebenfalls 2013 kam die Filmkom\u00f6die \u201eUnd \u00c4ktschn!\u201d von und mit Satiregrantler Gerhard Polt heraus. In dieser Farce versuchen Dorfamateure einen Dokufilm \u00fcber das Privatleben Hitlers zu drehen. Polt mimt den verschrobenen Herrn am Provinz-Set, wo sich ein Musikalienh\u00e4ndler als F\u00fchrer, eine depperte Wirtin als Eva Braun und deren indischer Koch als Goebbels gerieren. Geschmacklos, verharmlosend? Oder dem Irrsinn einmal mehr mit boshaft-humoriger Verachtung eine Fratze schneidend.<\/p>\n<p>Millionenfach angeklickt wurde im Netz seit 2006 ein Videoclip unter dem Titel \u201eAdolf \u2013 Der Bonker\u201d. Von Zeichner Walter Moers zur Vermarktung des gleichnamigen dritten Bandes seiner Comic-Reihe \u201eAdolf, die Nazi-Sau\u201d geschaffen, wird Hitler hier als erb\u00e4rmliche Lachnummer in der Badewanne vorgef\u00fchrt. 2007 folgte der Film \u201eMein F\u00fchrer \u2013 Die wirklich wahrhaftigste Wahrheit \u00fcber Adolf Hitler\u201d vom j\u00fcdischen Regisseur Dani Levy, mit Anarchokomiker Helge Schneider in der Titelrolle. Die Parodie zeigt den Diktator als Schw\u00e4chling, Bettn\u00e4sser und Schmierenkom\u00f6dianten \u2013 damit gewollt oder nicht ankn\u00fcpfend an Charlie Chaplins \u201eDer gro\u00dfe Diktator\u201d von 1940 und Ernst Lubitsch&#8216; Film \u201eSein oder Nichtsein. Heil Hamlet!\u201d von 1942.<\/p>\n<p>Die beiden Filmklassiker sahen sich schon damals in den USA dem Vorwurf ausgesetzt, sie w\u00fcrden Hitler und das NS-Regime verharmlosen durch ihre humorige \u201eBanalisierung des Schrecklichen\u201d. \u00c4hnlich die Einw\u00e4nde bis heute gegen Filme, Comics, Kabarett, wenn die zum Mittel der Hitler-Parodie greifen. Dani Levi gibt einen interessanten Aspekt zu bedenken: \u201eTatsache ist, und das scheint \u00fcberhaupt nicht lustig: Hitler ist komisch.\u201d Sein Reden, Gestikulieren, Stolzieren \u2013 mit etwas Distanz betrachtet, erscheint das ma\u00dflos k\u00fcnstlich, l\u00e4cherlich, komisch. Weshalb jede Hitler-Karikatur eine Figur karikieren muss, die bereits im Original wie eine Karikatur wirkt.<\/p>\n<p>Mit diesem Ph\u00e4nomen hatte bereits Chaplin genial gespielt. Damit setzte er fr\u00fch einen satirischen Kontrapunkt zur D\u00e4monisierung Hitlers \u2013 mit der noch am 125. F\u00fchrergeburtstag selbst manche \u201esachliche\u201d Geschichtsbetrachtung den Nazis auf den Leim geht. Denn ob Verg\u00f6tterung oder Verteufelung, in beiden F\u00e4llen wird Hitler zum \u00dcbermenschen stilisiert, somit der Nationalsozialismus und seine Massenwirksamkeit dem systemkritischen Begreifen letztlich entzogen. Echte Satire will und kann dieses Spiel nicht mitmachen, weil sie von Hause dem sp\u00f6ttelnden Fingerzeig auf die Nacktheit jedweden Kaisers verpflichtet ist.<\/p>\n<p>Wer dennoch bef\u00fcrchtet, die allf\u00e4llige Witzelei \u00fcber und um den Gr\u00f6faz sei Ausdruck einer gef\u00e4hrlichen Verharmlosungs- und Vergessenskultur, bedenke dies: Hitler-Witze funktionieren \u2013 ebenso wie die Provokation von Haases Werbefilm \u2013 \u00fcberhaupt nur bei Publikum, das sich des Nazi-Gr\u00f6\u00dfenwahns und des von ihm angerichteten unermesslichen Unrechts und Leids bewusst ist. Weshalb es schlimm erst w\u00fcrde, wenn niemand mehr \u00fcber solche Witze lacht oder keiner mehr welche macht.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>125. Gr\u00f6faz-Geburtstag: Zur Bedeutungvon Witz und Satire f\u00fcr die Erinnerungskultur ape. 20. April 2014: Gr\u00f6faz-Geburtstag. Heuer w\u00e4r&#8217;s der 125. f\u00fcr das schm\u00e4chtige, schwarzhaarige, hypochondrische Idealbild eines Ariers. Gr\u00f6faz? 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