{"id":5825,"date":"2025-09-18T20:58:52","date_gmt":"2025-09-18T19:58:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5825"},"modified":"2025-09-18T21:00:02","modified_gmt":"2025-09-18T20:00:02","slug":"nachruf-eines-deutschen-pfarrers-auf-kirk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2025\/09\/18\/nachruf-eines-deutschen-pfarrers-auf-kirk\/","title":{"rendered":"Nachruf eines deutschen Pfarrers auf Charlie Kirk"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein evangelischer Pfarrer aus W\u00fcrttemberg hat nachfolgenden gescheiten, ebenso sachlichen wie empfindsamen Text \u00fcber den ermordeten amerikanischen Rechtsextremisten Charlie Kirk geschrieben. Sehr lesenswert &#8211; inmitten all des teils uns\u00e4glichen Netz-Geschreis in dieser Sache. <strong>ape<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n<p>Von Maximilian Eberhard Schmid-Lorch<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Nachruf auf Charlie Kirk<br>Die Ermordung von Charlie Kirk betr\u00fcbt mich. Ich bin menschlich dar\u00fcber best\u00fcrzt, dass ein junger Mann mit nur 31 Jahren gewaltsam aus dem Leben gerissen wird, dass seine Frau verwitwet ist und seine Kinder nun Halbwaisen sind. Ich bin auch politisch best\u00fcrzt dar\u00fcber, weil sein Tod von machtgierigen Kulturk\u00e4mpfern und von fundamentalistischen Predigern instrumentalisiert werden wird (davon sehen wir, denke ich, erst den Anfang) und weil er das sowieso schon vergiftete politische Klima in den USA weiter verschlechtern wird. Ich bin auch best\u00fcrzt dar\u00fcber, weil sein gewaltsamer Tod ihn zu einem \u201eM\u00e4rtyrer\u201c macht f\u00fcr seine Sache, die keine gute Sache war. Nietzsche hat ja die Ansicht kritisiert, eine Sache sei wahr, nur weil jemand f\u00fcr sie in den Tod gegangen sei. In der Tat, ich bin beeindruckt etwa von den \u201eZeugen Jehovas\u201c, die im Dritten Reich ihr Leben gaben f\u00fcr ihre \u00dcberzeugungen \u2013 und dennoch halte ich diese \u00dcberzeugungen darum nicht f\u00fcr richtig. Dasselbe Ma\u00df will ich bei Charlie Kirk anlegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Von der alten Losung de mortuis nihil nisi bene halte ich gar nichts. Nach diesem Motto sind schon zu viele Trauerpredigten und Nachrufe zu einer verniedlichenden Lobhudelei verkommen, was nicht zuletzt gar nicht im Sinne von Charlie Kirk selbst gewesen w\u00e4re. Der war ja ein Mann, der f\u00fcr sein Leben gern gestritten hat, und zwar mit harten Bandagen und nicht immer mit fairen Mitteln. Will man ihn beim Wort nehmen und ihm alles zum Besten kehren, dann muss man sagen: Es ging ihm bei allem doch irgendwie um die Wahrheit \u2013 und darum sollte man auch posthum die Wahrheit \u00fcber ihn sagen d\u00fcrfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Wahrheit geh\u00f6rt, dass er eben nicht nur ein \u201erechtsau\u00dfen\u201c war, kein \u201erechtskonservativer\u201c Biedermann. (Das Wort \u201ekonservativ\u201c wird ja heutzutage geradezu inflation\u00e4r gebraucht.) Charlie Kirk war ein Rassist, ein White Supremacist und ein \u201eChristian\u201c Nationalist. Ich habe Mitgef\u00fchl mit seiner Frau, mit seinen Kindern \u2013 aber gerade dieses Mitgef\u00fchl ist etwas, das Charlie Kirk selbst f\u00fcr einen Fehler hielt: \u201eI can&#8217;t stand the word empathy, actually. I think empathy is a made-up, new age term that \u2014 it does a lot of damage.\u201c (Eine kleine Recherche zur Begriffsgeschichte widerlegt das auch historisch, was schon der Sache nach Unfug ist.)<\/p>\n\n\n\n<p>Das Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, das mich mit seiner Witwe und seinen Kindern mitf\u00fchlen l\u00e4sst, hielt er f\u00fcr sch\u00e4dlich. V\u00f6llig konsequent meinte er darum, dass man sich in der Debatte um Waffenbesitz nicht von Gef\u00fchlen leiten lassen d\u00fcrfe, wenn es mal wieder einen Amoklauf an einer Schule gegeben hatte oder eine T\u00f6tung durch Polizeibeamte. Ja, er sagte auch, eine gewisse Anzahl an Schusswaffentoten sei der rationale Preis, den man f\u00fcr liberale Waffenrechte eben bezahle. Er z\u00e4hlt jetzt unter sie, und mir kommt das Wort des Herrn in den Sinn: \u201eMit demselben Ma\u00dfe, mit dem ihr messt, wird euch wieder gemessen werden.\u201c (Matth\u00e4us 7,2) Es ist weder grausam noch zynisch, ihn an dem Ma\u00df zu messen, an dem er andere gemessen hat \u2013 es ist stringent.<\/p>\n\n\n\n<p>Charlie Kirk war eben kein \u201eM\u00e4rtyrer\u201c der Meinungsfreiheit, der allein mit Argumenten und guter Streitkultur gegen eine dem \u201eWoke-Wahnsinn\u201c verfallene Gesellschaft ins Feld zog. Fakt ist, dass er eben auch ein Marketing-Genie, ein f\u00e4higer Selbstdarsteller war. Ich habe schon lange vor seinem Tod viel Material von ihm gesehen. In kleinen Clips sieht man einzelne Ausschnitte, die ihn klar als den \u00dcberlegenen inszenieren sollen, der seine verwirrten Widersacher mit der Kraft der Logik und des allgemeinen Menschenverstandes \u201eowned\u201c und \u201edestroyed\u201c. Von diesem Image lebte er. Sieht man sich einzelne Debatten mit f\u00e4higen Gegen\u00fcbern in ihrer G\u00e4nze an, merkt man schnell, wie oft er an seine Grenze kam und mit viel Pathos, aber wenig Substanz argumentiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Was zu seinem Image als freudigem Debattierer auch nicht passt, sind die w\u00fcsten, herabw\u00fcrdigenden Beleidigungen, mit denen er Menschen betitelt hat. Zur Beschimpfung greift, wem die Argumente ausgehen oder wer sein Gegen\u00fcber verletzen und einsch\u00fcchtern will. Charlie Kirk war f\u00e4hig zu extrem rassistischen verbalen Entgleisungen. Um nur wenige Beispiele zu nennen: \u201eIf I see a Black pilot, I\u2019m going to be like, boy, I hope he\u2019s qualified.\u201c Oder: \u201eYou do not have the brain processing power to otherwise be taken really seriously. You had to go steal a white person\u2019s slot to go be taken somewhat seriously.\u201c So klingt eben keine sachliche Auseinandersetzung. Charlie Kirk hat massiv dazu beigetragen, dass solche \u00c4u\u00dferungen hoff\u00e4hig wurden. Damit hat er die Welt f\u00fcr Schwarze Menschen und andere Minderheiten zu einem schlechteren Ort gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Charlie Kirk war auch ein L\u00fcgner. Ich habe Debatten gesehen, in denen er widerlegt wurde. Damit meine ich nicht Meinungsverschiedenheiten, sondern Zahlen, Daten, Fakten, die er nicht kannte oder die er schlichtweg falsch zitierte. Obwohl ihm das sehr deutlich nachgewiesen wurde, hat es ihn nicht davon zur\u00fcckgehalten, diese Falschinformationen in nachfolgenden \u00c4u\u00dferungen unver\u00e4ndert so zu verbreiten. Das ist kein feiner Charakterzug von jemandem, der sich f\u00fcr einen Meister der offenen Debatte hielt (\u201eProve me wrong!\u201c), vor allem aber auch nicht von einem Christenmenschen, der kein falsches Zeugnis ablegen soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Charlie Kirk verbreitete auch ungehemmt Verschw\u00f6rungsmythen, wie etwa die rechtsextreme M\u00e4r vom \u201eBev\u00f6lkerungsaustausch\u201c: \u201eThe great replacement strategy, which is well under way every single day in our southern border, is a strategy to replace white rural America with something different.\u201c (Ironisch, wenn man bedenkt, dass seine hei\u00dfgeliebten USA auf Rassismus, Genozid und ethnischer S\u00e4uberung aufbauen. Das \u201ewhite rural America\u201c besteht ja eben nicht aus Ureinwohnern.)<br>Wenn nun ein reichweitenstarker Mensch wie Johannes Hartl als Reaktion auf Kirks Tod postet: \u201eGestern wurde Charlie Kirk ermordet. Sein \u201aVerbrechen\u2018? Er war ein konservativer Influencer und christlicher Apologet\u201c, dann kann ich nur den Kopf sch\u00fctteln. Ich muss mich zwangsweise fragen, ob das nur Unwissenheit oder nicht vielmehr Zustimmung zu den Ansichten von Charlie Kirk ist. Kirk war eben kein \u201ekonservativer Influencer\u201c, sondern ein knallharter Lobbyist f\u00fcr Rassismus, Nationalismus und wei\u00dfe \u00dcberlegenheit. Sein Christentum war vermischt mit und durchdrungen von einer politischen Agenda. Er war nicht einfach nur Christ, sondern Christian Nationalist, der nicht an eine Trennung von Staat und Kirche glaubte: \u201eThere is no separation of church and state. It\u2019s a fabrication, it\u2019s a fiction, it\u2019s not in the constitution. It\u2019s made up by secular humanists.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen \u00c4u\u00dferungen war mitunter wenig theologisch Wertvolles oder Originelles zu finden (vieles klang nach \u201eEvangelical Protestant\u201c-Gemeinpl\u00e4tzen), daf\u00fcr reichlich wirre Vermischung von Politik und Religion. So meinte Kirk etwa auch \u2013 um nur ein Beispiel zu nennen \u2013, dass seine Version von \u201econtroversial Christianity\u201c ihn zum Impfskeptiker machen m\u00fcsse. Da waren Politik und Religion in seiner Perspektive untrennbar, er sah es eben nicht als eine Frage, die auf Basis medizinischer Fakten entschieden werden m\u00fcsse. Dementsprechend verurteilte er etwa Pastor Rick Warren, der Impfungen nicht ablehnt: Er d\u00fcrfe sich nicht mit Recht Pastor nennen und verfolge \u201esecular left-wing aims\u201c. (Was l\u00e4cherlich ist, weil Rick Warren ein prominenter US-amerikanischer Evangelikaler ist, dem selbst Fundamentalismus, Homophobie usw. vorgeworfen werden.)<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Charlie Kirk gab es keine Zwei-Reiche-Lehre. Nun bin ich selbst jemand, der sehr christozentrisch predigt und jede Parteipolitik vermeidet. Immer wieder h\u00f6re ich von selbst so bezeichneten \u201eKonservativen\u201c, die Kirche solle unpolitisch sein, solle sich aufs theologisch Wesentliche beschr\u00e4nken. Meist ist das als Kritik an einer \u201elinksgr\u00fcnen\u201c Pfarrerschaft gemeint (die ich zumindest in W\u00fcrttemberg in dieser Homogenit\u00e4t noch nirgends gefunden habe). Spannend finde ich, dass genau in dieser Bubble nun Charlie Kirk v\u00f6llig unkritisch als M\u00e4rtyrer stilisiert wird, der doch seinen Glauben und seine extremen politischen Ansichten \u00fcberhaupt nicht zu trennen vermochte. Die Erkl\u00e4rung: Auf dem rechten Auge sind viele Evangelikale blind. Ein politisierter Glaube st\u00f6rt nur, wenn er nicht der eigenen Couleur entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zum Schluss: Ein Mensch ist tot, ein Ehemann und Vater. Das ist bedauerlich. Es sollte jedoch nicht zur Verkl\u00e4rung Anlass geben, schon gar nicht zu einer religi\u00f6sen \u00dcberh\u00f6hung. Ich f\u00fcr meinen Teil will Mitgef\u00fchl zeigen und werde f\u00fcr Charlie Kirk beten, f\u00fcr seine Frau und f\u00fcr seine Kinder. Denn ich glaube an Jesus Christus, den Herrn, der gesagt hat: \u201eLiebt eure Feinde\u201c, der selbst noch am Kreuz f\u00fcr seine Henker gebetet hat. Aus demselben Grund werde ich auch f\u00fcr den Todessch\u00fctzen beten. Und ich werde f\u00fcr alle jene Menschen beten, die durch die L\u00fcgen, die T\u00e4uschungen, die toxischen Ideologien, die Beschimpfungen und die rassistischen Herabw\u00fcrdigungen von Charlie Kirk verletzt wurden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein evangelischer Pfarrer aus W\u00fcrttemberg hat nachfolgenden gescheiten, ebenso sachlichen wie empfindsamen Text \u00fcber den ermordeten amerikanischen Rechtsextremisten Charlie Kirk geschrieben. Sehr lesenswert &#8211; inmitten all des teils uns\u00e4glichen Netz-Geschreis in dieser Sache. ape Von Maximilian Eberhard Schmid-Lorch Mein Nachruf auf Charlie KirkDie Ermordung von Charlie Kirk betr\u00fcbt mich. 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