{"id":581,"date":"2020-01-28T23:00:00","date_gmt":"2020-01-28T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/01\/28\/die-dunkelste-seite-unseres-erbes\/"},"modified":"2020-01-28T23:00:00","modified_gmt":"2020-01-28T22:00:00","slug":"die-dunkelste-seite-unseres-erbes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2020\/01\/28\/die-dunkelste-seite-unseres-erbes\/","title":{"rendered":"Die dunkelste Seite unseres Erbes"},"content":{"rendered":"<p><em>Anno 2005 hatte ich anl\u00e4sslich des 60. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz einen Leitartikel geschrieben, der am 27.1.2005 in der Rhein-Zeitung publiziert wurde. Wie schon vor 15 Jahren und davor, so gibt es auch heute und wieder vermehrt Leute und Kr\u00e4fte in der deutschen Gesellschaft, die unter der Parole &#8222;Irgendwann muss doch mal Schluss sein damit!&#8220; eine Beendigung dieses &#8222;uns\u00e4glichen Schuldkultes&#8220; verlangen. Nicht zuletzt darauf geht der Leitartikel mit dem Ergebnis ein, dass die Erinnerung an den Holocaust als dunkelste Seite der deutschen Geschichte NIEMALS enden k\u00f6nne und d\u00fcrfe. <\/em><\/p>\n<p>Text meines Leitartikels vom 27. Januar 2005:<\/p>\n<p><em><strong>ape.<\/strong><\/em> Heute vor 60 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten Sowjettruppen die letzten \u00dcberlebenden des KZ Auschwitz. Mit dem ersten Blick des ersten Rotarmisten auf das Schreckliche offenbarte sich der Welt nicht eines, sondern DAS bis dahin f\u00fcrchterlichste der an Verbrechen so reichen Menschheitsgeschichte. Leid l\u00e4sst sich nicht gegen Leid aufrechnen: F\u00fcr die betroffenen Individuen sind Schmerz und Tod gleich, ob im Vernichtungslager der Nazis, in irgendeinem Sch\u00fctzengraben oder unter dem Bombenhagel alliierter Flieger erlitten.<\/p>\n<p>Doch in der schier unfassbaren Summe der Einzelschicksale wird vor dem Auge der V\u00f6lker und der Geschichte das Singul\u00e4re, das nach Umfang und Art Einmalige des Holocaust sichtbar: Das seinerzeit modernste, technisch fortgeschrittenste, am besten organisierte Land Europas hatte k\u00fchl kalkuliert eine milit\u00e4risch-industrielle Gro\u00dfmaschinerie des Mordens in Gang gesetzt. Produktionsziel: die physische Ausl\u00f6schung des Judentums; nebst Beseitigung von Sinti und Roma, Behinderten, Homosexuellen und Oppositionellen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nMehr als sechs Millionen Opfer gingen am Ende auf das Konto dieses Verfahrens &#8211; totgeschlagen, erschossen, aufgeh\u00e4ngt, vergast &#8230; beim Vollzug eines erkl\u00e4rten Staatszieles. Ein unsagbares, mit nichts zu vergleichendes Verbrechen gegen alle Grundlagen menschlicher Gemeinschaft, eine bewusste, gewollte Aushebelung aller Moralit\u00e4t, begangen im Namen Deutschlands und von Deutschen.<\/p>\n<p>60 Jahre sind f\u00fcr den Einzelnen eine lange Zeit. Das Sehnen nach Vergessen, die Neigung zum Verdr\u00e4ngen greifen um sich. &#8222;Einmal muss doch Schluss sein mit dem Erinnern an das Furchtbare, einmal muss doch wieder Normalit\u00e4t eintreten&#8220;, hei\u00dft es. Ein verst\u00e4ndlicher Wunsch, vor allem f\u00fcr Nachgeborene, denen weder T\u00e4terschaft noch Duldung durch Schweigen oder Nichtwissenwollen anzulasten sind. Doch der Wunsch bleibt unerf\u00fcllbar, weil der Holocaust unausl\u00f6schbar und auf alle Zeit ins Erbe der Menschheit sowie auf besondere Weise ins nationale Erbe des Verursachers Deutschland eingegraben ist.<\/p>\n<p>Undenkbar, dass nachfolgende Generationen Deutscher sich auf eine gro\u00dfe Nationalgeschichte als Land der Dichter und Denker berufen, die Kehrseite der Medaille aber ausblenden. Zu Luther und Kant, Beethoven und Goethe haben sich Hitler, Goebbels und Heydrich gesellt. Das Erbe n\u00e4mlich ist unteilbar, und Normalit\u00e4t kann nur aus der Anerkennung dieses Faktums und der damit verbundenen besonderen Verantwortung erwachsen &#8211; heute, morgen und \u00fcbermorgen noch immer. Denn unbeantwortet bleibt nach wie vor die Frage, die Elie Wiesel am Montag vor der ersten Sondervollversammlung der UNO zum Gedenken an Auschwitz aufwarf: Wie konnte es sein, dass Deutsche Kinder und Greise schlachteten und danach wieder Gedichte von Schiller lasen oder Musik von Bach h\u00f6rten?<\/p>\n<p>Das nationale und kulturelle Erbe zu pflegen und zu erweitern, ist eine Generationen \u00fcbergreifende und Generationen beeinflussende Daueraufgabe. Das gilt auch und erst recht f\u00fcr dessen finsterste Seite. Die m\u00fcssen wir fortdauernd unter die Lupe nehmen &#8211; um das Bewusstsein wach zu halten, wie d\u00fcnn die Zivilisationskruste ist; um Neuauflagen des Schrecklichen zu verhindern. Um schlie\u00dflich neonazistischen Rattenf\u00e4ngern couragiert und mit den historischen Tatsachen als Werkzeug das Wasser abzugraben. Diese Alltagspflicht ist 60 Jahre danach alles andere als erledigt.<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anno 2005 hatte ich anl\u00e4sslich des 60. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz einen Leitartikel geschrieben, der am 27.1.2005 in der Rhein-Zeitung publiziert wurde. 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