{"id":5690,"date":"2025-05-06T08:17:03","date_gmt":"2025-05-06T07:17:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/?p=5690"},"modified":"2025-05-06T09:04:05","modified_gmt":"2025-05-06T08:04:05","slug":"kritische-analyse-und-empathie-egal-was-brecht-sagt-gedanken-zu-mutter-courage-und-ihre-kinder-im-fruehjahr-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2025\/05\/06\/kritische-analyse-und-empathie-egal-was-brecht-sagt-gedanken-zu-mutter-courage-und-ihre-kinder-im-fruehjahr-2025\/","title":{"rendered":"Kritische Analyse und Empathie (egal, was Brecht sagt) &#8211; Gedanken zu &#8222;Mutter Courage und ihre Kinder&#8220; im Fr\u00fchjahr 2025"},"content":{"rendered":"<p>Von Markus Dietze<\/p>\n<p><em>\u201eDie Polen hier in Polen h\u00e4tten sich nicht einmischen sollen. Es ist richtig, unser K\u00f6nig ist bei ihnen einger\u00fcckt mit Ro\u00df und Mann und Wagen, aber anstatt da\u00df die Polen den Frieden aufrechterhalten haben, mussten sie sich einmischen in ihre eigenen Angelegenheiten und den K\u00f6nig angreifen, wie er grad in aller Ruh bei ihnen einmarschiert ist. So haben sie sich eines Friedensbruchs schuldig gemacht, und alles Blut kommt auf ihr Haupt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bertolt Brecht spielt in dieser Passage aus \u201eMutter Courage und ihre Kinder\u201c unverkennbar auf Hitlers \u00dcberfall auf Polen 1939 an &#8211; einen Angriffskrieg, in dem die Schuld in typischer Kriegsl\u00fcge propagandistisch den \u00dcberfallenen zugeschoben wurde. Brechts satirische \u00dcberzeichnung macht die Absurdit\u00e4t dieser T\u00e4ter-Opfer-Umkehr deutlich. Was als groteske Verzerrung oder rhetorische Volte erscheint, entpuppt sich als Teil einer Strategie, die Gewalt legitimiert, Verantwortung verschleiert und Widerstand delegitimiert.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es w\u00fcnschenswert, sch\u00f6n und notwendig, dass Theater \u2013 selbst in der Interpretation historischer Stoffe \u2013 radikal gegenw\u00e4rtig wird. Dass es Texte aus der Vergangenheit in Resonanz zur Gegenwart bringt und damit Zukunft verhandelbar macht. In dieser F\u00e4higkeit zur Gleichzeitigkeit liegt seine gesellschaftliche Relevanz. Im Fall unserer Auseinandersetzung mit Brechts \u201eMutter Courage und ihre Kinder\u201c aber wird man auch uns Theaterk\u00fcnstler:innen im Jahr 2025 gestatten m\u00fcssen, einmal deutlich zu sagen: \u201eWir w\u00fcnschten, es w\u00e4re nicht so.\u201c Wir w\u00fcnschten, die Einsichten dieses St\u00fccks m\u00fcssten heute nicht wieder so schmerzlich erinnert und als Spiegel gegenw\u00e4rtiger Zust\u00e4nde gelesen werden.<\/p>\n<p>Dass das notwendig ist, best\u00fcrzt. Aber solange wir in der Lage sind, \u00f6ffentlich zu streiten \u00fcber Gerechtigkeit und Verantwortung, \u00fcber Gewalt und Widerstand, solange wir sprechen k\u00f6nnen gegen Kriege, gegen die Logik eines entfesselten Neokapitalismus, der Kriege hervorbringt, gegen Nationalismus, Neofaschismus und despotische Regime \u2013 solange m\u00fcssen wir es auch tun.<br \/>Als Russland im Jahr 2022 die Ukraine \u00fcberfiel, erkl\u00e4rte die staatliche Propaganda Russland zum eigentlichen Opfer \u2013 ein Land, das sich, so Putin, gezwungen sah, auf eine Bedrohung zu reagieren, die es selbst definiert hatte. Der Westen: ein Aggressor. Die Ukraine: ein fremdgesteuertes Projekt. Die eigene Invasion: bedauerlich, aber notwendig. Diese Umkehrung der Wirklichkeit folgt exakt dem Muster, das Brecht in \u201eMutter Courage\u201c kenntlich macht.<\/p>\n<p>Auch in den USA des Jahres 2025 l\u00e4sst sich dieses Muster in den Diskursen der politischen Rechten beobachten: Unter Donald Trump erlebt die T\u00e4ter-Opfer-Umkehr eine Renaissance in populistischer Verpackung. Trumps \u201eAmerica First\u201c-Rhetorik kombiniert nationalistische Selbst\u00fcberh\u00f6hung mit der systematischen Verdrehung au\u00dfenpolitischer Realit\u00e4ten.<\/p>\n<p>In solchen Denkmustern gilt St\u00e4rke als Recht, Widerstand als Provokation. Souver\u00e4nit\u00e4t wird zur Option. Wer sich wehrt, tr\u00e4gt Schuld. Das ist keine rhetorische Polemik, sondern die innere Logik imperialistischer Ideologie, die eine Militarisierung der Politik, die Heroisierung von Gewalt und die Erz\u00e4hlung vom notwendigen Einsatz harter Mittel in einer angeblich gef\u00e4hrdeten Ordnung legitimieren soll.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine wache \u00d6ffentlichkeit \u2013 und f\u00fcr das Theater \u2013 bedeutet das: Hinschauen. Nachfragen. Widersprechen. Die Verantwortung liegt bei denen, die angreifen \u2013 nicht bei denen, die sich wehren. Brechts Texte rufen uns gleichsam zu: Schaut hin. Zweifelt. Nehmt nichts als gegeben hin.<br \/>Die Logik autorit\u00e4rer Regime zur Legitimierung von Gewalt st\u00fctzt sich allerdings noch auf ein weiteres Prinzip: den kultivierten Entzug von Empathie. In den autokratisch-kapitalistischen Ordnungen unserer Gegenwart wird das Mitf\u00fchlen systematisch diskreditiert. Die Verrohung beginnt mit S\u00e4tzen wie: \u201eDas wird man ja wohl noch sagen d\u00fcrfen\u201c oder: \u201eIch kann dieses Gejammer nicht mehr h\u00f6ren.\u201c Solche S\u00e4tze markieren nicht nur eine sprachliche Verh\u00e4rtung, sondern verweisen auf eine politische Strategie: das Leiden anderer aus dem Blick zu nehmen, es zu delegitimieren oder zur selbstverschuldeten Randnotiz zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Wo Empathie als Schw\u00e4che gilt, wird Elend zur Folge pers\u00f6nlicher Unzul\u00e4nglichkeit. Der Hungernde hat nicht gearbeitet, der Gefl\u00fcchtete zu sp\u00e4t reagiert, die Marginalisierten zu wenig getan, die Kriegsopfer h\u00e4tten sich \u201enicht einmischen sollen\u201c. Der Wert eines Menschen erw\u00e4chst nicht mehr aus seiner Existenz als Mensch, sondern ist an Bedingungen gekn\u00fcpft, die das diktatorische System ideologisch \u2013 und damit willk\u00fcrlich \u2013\u00a0definiert.<\/p>\n<p>Wo das Leiden anderer gleichg\u00fcltig wird, l\u00e4sst sich Gewalt als Ordnung, l\u00e4sst sich ein Angriffskrieg als Notwendigkeit, l\u00e4sst sich Unterdr\u00fcckung als Reform verkaufen. Die gezielte Entemotionalisierung der \u00d6ffentlichkeit \u2013 sei es durch Zynismus, Spott oder strukturelles Wegsehen \u2013 ist kein Kollateralschaden der Autoritarismus, sondern eine der Voraussetzungen. Wir sehen keinen Nebenschauplatz dieser Ideologien \u2013 sondern eine Bedingung ihrer Funktionsf\u00e4higkeit.<\/p>\n<p>Deshalb darf Theater, das sich mit solchen Verh\u00e4ltnissen auseinandersetzt, nicht nur analysieren, nicht nur zeigen, was ist. Es muss zus\u00e4tzlich vor allem R\u00e4ume schaffen, in denen das, was andernorts delegitimiert wird, wieder Geltung erh\u00e4lt: die F\u00e4higkeit zur Empathie. Wer in der Lage ist, Schmerz nachzuvollziehen, kann ihn nicht mehr als systemischen Kollateralschaden verbuchen. Wer die Schicksale der Schwachen nicht nur erkennt, sondern ber\u00fchrbar bleibt, l\u00e4sst sich nicht so leicht einreden, diese Schicksale seien irrelevant.<\/p>\n<p>Gerade in einem Theater, das ideologiekritisch denkt und arbeitet, braucht es also beides: die klare Analyse und die entschiedene Geste gegen die Gleichg\u00fcltigkeit. Eine kritische Praxis ohne Empathie bleibt abstrakt. Ein Theater ohne Empathie bleibt folgenlos.<\/p>\n<p>+++<\/p>\n\n\n<p>Weitere Infos zum St\u00fcck und den Koblenzer Auff\u00fchrungen hier <a href=\"https:\/\/theater-koblenz.de\/courage\/\">https:\/\/theater-koblenz.de\/courage\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Markus Dietze \u201eDie Polen hier in Polen h\u00e4tten sich nicht einmischen sollen. 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