{"id":565,"date":"2019-12-01T23:00:00","date_gmt":"2019-12-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/12\/01\/sartres-existenzialismus-prallt-aufs-heute\/"},"modified":"2019-12-01T23:00:00","modified_gmt":"2019-12-01T22:00:00","slug":"sartres-existenzialismus-prallt-aufs-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/12\/01\/sartres-existenzialismus-prallt-aufs-heute\/","title":{"rendered":"Sartres Existenzialismus prallt aufs Heute"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Frankfurt. ape.<\/strong><\/em> Wie macht man aus einer der r\u00e4umlich gr\u00f6\u00dften B\u00fchnen Deutschlands den Ort f\u00fcr ein intimes Kammerspiel, das vier Personen in ein enges Zimmer sperrt? B\u00fchnenbildner Volker Hintermeier benutzt sie einfach nicht. Stattdessen baut er vor die B\u00fchne des Schauspiels Frankfurt eine eigene, wesentlich kleinere B\u00fchne. Dort spielt Johanna Wehners Inszienierung von Jean-Paul Sartres St\u00fcck \u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c aus dem Jahr 1944 \u2013 in einem Kanal stufig sich nach hinten bis auf Gesichtsh\u00f6he verj\u00fcngenden Rahmen aus Balken und Wei\u00dfneonleuchten. So wirken die Personen gr\u00f6\u00dfer und zusammenger\u00fcckt, die menschlichen Kl\u00fcfte zwischen ihnen umso krasser.<\/p>\n<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Geschlossene-Gesellschaft.jpg\" title=\"Foto: Thomas Aurich\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-564\" alt=\"\" class=\"image-large\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Geschlossene-Gesellschaft.jpg\" style=\"height:385px; width:480px\" title=\"Foto: Thomas Aurich\" width=\"480\" height=\"385\" \/> <\/a><\/p>\n<p>\u201eIch, ich, ich, ich\u201c beginnt Patrycia Ziolkowska als lesbisch-burschikose Ines erst stotternd, nachher in h\u00e4mmerndem Staccato viele ihrer S\u00e4tze, die sie kaum je zu Ende bringt. Ich, ich, ich, ich signalisiert ebenso Anna Kubin in sich steigernder Hysterie als mit rosa R\u00fcschenkleid und Federkopfschmuck herausgeputzte sch\u00f6ne Estelle im P\u00fcppchen-Habitus und mit dem steten Verlangen nach einem Spiegel. Auch sie bringt kaum einen vollst\u00e4ndigen Satz zuwege, verliert selbst Gedanken- und Sprachfluss oder wird von den anderen unterbrochen; etwa von Matthias Redlhammer in der Rolle des verst\u00f6rten Garcin allweil mit dem St\u00f6hner \u201ediese scheckliche Hitze hier\u201c, unter der nur er, er, er, er zu leiden scheint.<\/p>\n<p>Vierter im Bunde ist eine Figur, die bei Sartre \u201eder Kellner\u201c hei\u00dft und die zu dem Haus geh\u00f6rt, in dem sich dieses Zimmer befindet. Die in wunderbar lakonischer Sparsamkeit aufspielende Heidi Ecks gibt mit keckernden Lachkommentaren und vagen Gesten den Kellner, der \u00fcber alles Bescheid wei\u00df, wor\u00fcber die drei Besucher mutma\u00dfen: Sie sind tot, in der H\u00f6lle gelandet, absichtsvoll oder zuf\u00e4llig zu eben dieser Gruppe vereint. Und nun warten sie auf irgendetwas, irgendjemanden \u2013 rotieren dabei \u00e4hnlich wie Estragon und Wladimir in Becketts \u201eWarten auf Godot\u201c auf ewig um ein Zentrum aus Nichts, f\u00fcrchten indes die baldige Ankunft eines Folterers.<\/p>\n<p>Doch der kommt nie. Muss gar nicht kommen, um Ines, Estelle und Garcin die Existenz teuflisch zu verg\u00e4llen. \u201eDie H\u00f6lle, das sind die anderen\u201c: Dieser fast sprichw\u00f6rtlich gewordene Satz stammt aus \u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c und wird von Sartre mit diesem St\u00fcck als Verdr\u00e4ngungsmechanismus entlarvt. Denn die H\u00f6lle, das macht Frankfurt einmal mehr deutlich, die bereiten wir uns selbst. Es ist die schier wahnwitzige Ich-Bezogenheit, mit der sich das Trio ein tr\u00f6stendes Miteinander im f\u00fcr alle Zeit hermetisch geschlossenen Dasein verbaut.<\/p>\n<p>\u201eDas Eis ist gebrochen\u201c l\u00fcgen sich die einander Fremden mehrfach vor, nach Phasen zerst\u00fcckelter, sinnentleerter, f\u00fcreinander interesseloser Konversation. Tragische Lebensvorgeschichten aus Verstellung, Verstrickung, Betrug, Ungl\u00fcck, selbst Mord tauchen nur sehr z\u00f6gerlich und nur in Bruchst\u00fccken auf: Wahrheiten, die eigentlich keiner preisgeben will. \u00dcberhaupt ist St\u00fcckelung ein Kennzeichen des 100-min\u00fctigen Spiels. Denn Johanna Wehner hat ziemlich brachial in den Sartre\u2018schen Text eingegriffen, hat Passagen, S\u00e4tze, W\u00f6rter quasi zerhackt.<a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Geschlossene-Gesellschaft.jpg\"> <\/a><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>Das Ganze ist allerdings so klug gearbeitet, wird reihum bis in kleinste Gesten so signifkant gespielt, dass der inhaltliche Sinn erschlie\u00dfbar bleibt oder sich dem Zuseher als interessante Fragestellung andient. Obendrein verdichtet sich derart der sprachliche Verlauf zu einem faszinierend rhythmischen Konstrukt \u2013 das den Protagonisten immer wieder Halt und die M\u00f6glichkeit zum Miteinander bietet, von ihnen indes ebenso oft in selbstbezogener Ignoranz und aus Sucht nach Aufrechterhaltung unwahrer Selbstbilder vertan wird. Dies sind dann die Momente, wo Sartres Existenzialismus des mittleren 20. Jahrhunderts und Wesensmerkmale der Gegenwart im fr\u00fchen 21. mit erhellender Wucht aufeinanderprallen. Ergebnis des Mitdenkens: So viel armselig verlogener Schein wie heute war wom\u00f6glich noch nie.&nbsp;<\/p>\n<p><em>Andreas Pecht<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurt. ape. Wie macht man aus einer der r\u00e4umlich gr\u00f6\u00dften B\u00fchnen Deutschlands den Ort f\u00fcr ein intimes Kammerspiel, das vier Personen in ein enges Zimmer sperrt? B\u00fchnenbildner Volker Hintermeier benutzt sie einfach nicht. Stattdessen baut er vor die B\u00fchne des Schauspiels Frankfurt eine eigene, wesentlich kleinere B\u00fchne. Dort spielt Johanna Wehners Inszienierung von Jean-Paul Sartres [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":564,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"archiv":[82,140],"archiv_inhaltlich":[262,267],"class_list":["post-565","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","archiv-82","archiv-2019-12","archiv_inhaltlich-kunstsparten","archiv_inhaltlich-theater"],"acf":{"bild":564,"anhang":""},"wps_subtitle":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/565","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=565"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/565\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/564"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=565"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=565"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=565"},{"taxonomy":"archiv","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv?post=565"},{"taxonomy":"archiv_inhaltlich","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/archiv_inhaltlich?post=565"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}