{"id":556,"date":"2019-10-30T23:00:00","date_gmt":"2019-10-30T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/10\/30\/raiffeisen-und-marx-grosse-ideen-fuer-kleine-leute\/"},"modified":"2019-10-30T23:00:00","modified_gmt":"2019-10-30T22:00:00","slug":"raiffeisen-und-marx-grosse-ideen-fuer-kleine-leute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2019\/10\/30\/raiffeisen-und-marx-grosse-ideen-fuer-kleine-leute\/","title":{"rendered":"Raiffeisen und Marx: Gro\u00dfe Ideen f\u00fcr kleine Leute"},"content":{"rendered":"<p><em>Unkorrigiertes Manuskript meines Vortrages am 30.10.2019 im Landesmuseum Koblenz auf der Festung Ehrenbreitstein. Im Laufe 2018 und 2019 sprach ich an mehreren Orten in Rheinland-Pfalz zu diesem Thema. Der nachfolgende Redetext ist die letzte und auch l\u00e4ngste Fassung.&nbsp; <\/em><\/p>\n<p><em>***<\/em><\/p>\n<p><strong>Guten Abend allerseits,<\/strong><\/p>\n<p>Sie wissen ja, ich bin von Hause ein Schreiber. Deshalb habe ich aufgeschrieben, was ich Ihnen heute vortragen will. Wie schon die beiden Herren, um die es geht, bei ihren Vortr\u00e4gen, so vertraue auch ich bei dem meinen allein auf die Kraft des gesprochenen Wortes. Will sagen: Es gibt keine Licht- und Bildershow. Und wenn ich mich brav an mein Manuskript halte, kommen wir auch vor Mitternacht hier wieder raus.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nMeine Damen und Herrn,<br \/>\nliebe Leute und Freunde,<\/p>\n<p>angesichts unseres heutigen Themas bin ich geneigt, auch die gute alte Anrede \u201eGenossinnen und Genossen\u201c mal wieder zu gebrauchen. Denn gewiss geh\u00f6ren hier im Saal nicht eben Wenige Gruppen oder Institutionen an, bei denen diese Anrede legitim ist.<\/p>\n<p>Einerseits geh\u00f6rt \u201eGenossinnen und Genossen\u201c bis heute zum Hausgebrauch innerhalb der deutschen Sozialdemokratie \u2013 auch wenn manch einem das inzwischen etwas befremdlich vorkommen mag.<\/p>\n<p>Andererseits ist die Anrede quasi selbstverst\u00e4ndlich bei all jenen, die sich noch immer in der Nachfolge von Karl Marx sehen oder mit dessen politisch-\u00f6konomischen Weltbild sympathisieren.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich ist nat\u00fcrlich jedes Mitglied einer jedweden Genossenschaft, v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von seinem politischen Standort, schon vom Begriff her eine Genossin oder ein Genosse. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir hier im Raum einige Mitglieder von Genossenschaften sitzen haben \u2013 und seien es nur Kunden bei der Volksbank.<\/p>\n<p>Doch scheint diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit des Begriffs Genossin\/Genosse&nbsp; inzwischen weithin in Vergessenheit geraten zu sein. Dazu eine kleine Anekdote am Rande: Vor einigen Jahren erkl\u00e4rte ich mal einem jungen Mann am Schalter der genossenschaftlichen Westerwald Bank: \u201eIch habe eine gravierende Beschwerde und w\u00fcrde deshalb gerne einen GENOSSEN DES VORSTANDES sprechen.\u201c Der Gesichtsausdruck des jungen Bankmitarbeiters erstarrte irgendwo zwischen Unverst\u00e4ndnis, Fassungslosigkeit und Entsetzen.<\/p>\n<p>Soweit die Vorrede, nun zur Sache.<\/p>\n<p>Der Titel, mit dem unser heutiger Abend \u00fcberschrieben ist, &#8222;Raiffeisen und Marx: Gro\u00dfe Ideen f\u00fcr klein Leute&#8220;, k\u00f6nnte beim Einen oder Anderen falsche Erwartungen wecken. Deshalb diese Warnung: So sehr wir bei Karl Marx und Friedrich Wilhelm Raiffeisen auch suchen m\u00f6gen, eines werden wir dort gewiss NICHT finden: eine bis ins Detail ausgearbeitete Blaupause f\u00fcr die Gesellschaft der Zukunft.<\/p>\n<p>Denn beide waren keine Utopisten, sondern befassten sich prim\u00e4r mit der Realit\u00e4t IHRER Gegenwart. Der eine, Raiffeisen, mit ganz praktischen Hilfen wider die Armut vor allem der Landbev\u00f6lkerung im Westerwald. Der andere, Marx, war vor allem konzentriert auf die Analyse der Funktionsweise des kapitalistischen Industrialismus\u2018 seiner Zeit, also des Fr\u00fchkapitalismus. Marxens Ausf\u00fchrungen zu einer zuk\u00fcnftigen kommunistischen Gesellschaft blieben im vagen Grunds\u00e4tzlichen: Die proletarische Revolution w\u00fcrde das Privateigentum an Produktionsmitteln abschaffen, die Diktatur der entfremdeten Arbeit aufheben und eine Gesellschaft erm\u00f6glichen, in der das Prinzip verwirklicht werden k\u00f6nne: \u201eJeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen!&#8220;<\/p>\n<p>Am Rande sei mal auf etwas hingewiesen, das in den meisten popul\u00e4ren Urteilen zu Marx gerne \u00fcbersehen wird: Dieses programmatische Prinzip \u201eJEDER nach seinen F\u00e4higkeiten, JEDEM nach seinen Bed\u00fcrfnissen!&#8220; zielt im Grunde auf die Befreiung des Individuums, aller menschlichen Individuen, von der Fremdbestimmung durch die Eigengesetzlichkeit der kapitalistischen \u00d6konomie.<\/p>\n<p>Wollen wir konkrete, ja praktische Antworten auf die Frage nach der Gesellschaft der Zukunft, so m\u00fcssen wir unser eigenes Hirn anstrengen. Leben und Werke der beiden historischen Herren k\u00f6nnen wir als Anregung f\u00fcr eigene \u00dcberlegungen begreifen. F\u00fcr heute konkrete L\u00f6sungen sind bei ihnen nicht abzuschreiben. Um Leben und Werke der zwei als Denkanregungen nutzbar machen zu k\u00f6nnen, muss man Leben und Werke ein bisschen kennenlernen. Und vor allem diesem Kennenlernen dient mein Vortrag, nicht zuletzt auch dem Vergleich zwischen dem Westerw\u00e4lder Sozialreformer einerseits und dem aus Trier stammenden Sozialrevolution\u00e4r andererseits.<br \/>\n&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\nMarx und Raiffeisen sind die zwei bis heute weltweit wohl bekanntesten Rheinland-Pf\u00e4lzer. Beide 1818 geboren, beide 200 Jahre sp\u00e4ter, also 2018 mit gro\u00dfen Ausstellungen gew\u00fcrdigt. Die gro\u00dfe Trierer Landesausstellung zu Marx wurde im Oktober 2018 beendet. Die Ausstellung \u00fcber Raiffeisen hier in der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein schlie\u00dft in drei Tagen.<\/p>\n<p>So gesehen, ist unser heutiger Abend quasi der letzte Akt im gro\u00dfen Reigen der W\u00fcrdigungen und Betrachtungen beider Herren anl\u00e4sslich ihres 200. Geburtsjahres. Den n\u00e4chsten Akt gleicher Gr\u00f6\u00dfenordnung werden die meisten von uns nicht mehr erleben, denn es sind nunmal 49 Jahre bis dahin.&nbsp;<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Was also verbindet Raiffeisen und Marx? Was trennt sie? Lassen Sie mich f\u00fcrs Erste<strong> vier ganz profane Aspekte<\/strong> anf\u00fchren.<\/p>\n<p><strong>Erster Aspekt<\/strong>, eine Gemeinsamkeit: Beide lebten zur gleichen Zeit in einer Epoche gewaltiger, grundst\u00fcrzender Umbr\u00fcche in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Sie lebten im Zeitalter der Industriellen Revolution, also des st\u00fcrmisch sich entwickelnden fr\u00fchen Kapitalismus. Und sie lebten zugleich im Zeitalter der b\u00fcrgerlichen Revolution. Friedrich Wilhelm Raiffeisen von 1818 bis 1888, Karl Marx von 1818 bis 1883.<\/p>\n<p>Sie lebten also genau zur gleichen Zeit, sind sich aber nie begegnet, haben&nbsp; auch mit keinem Wort Bezug aufeinander genommen. Sie kannten sich nicht, haben wahrscheinlich nie voneinander geh\u00f6rt. Dass der wertkonservative Praktiker Raiffeisen je eine Publikation von Marx gelesen hat, ist sehr unwahrscheinlich. Denn Marx war zwar in europ\u00e4ischen Sozialistenkreisen schon zu Lebzeiten recht bekannt. Dar\u00fcber hinaus kannte ihn aber kaum jemand, von diversen Staatsschutzbeh\u00f6rden mal abgesehen.<\/p>\n<p>Umgekehrt blieb Raiffeisens Wirken doch recht lange ein regionales Ph\u00e4nomen und spielte er in der \u00fcberregionalen Publizistik \u00fcberhaupt keine Rolle. Weil Marx\u2018 Beziehung zur Welt aber vornehmlich aus Lesen und Schreiben bestand, hat er mit ziemlicher Sicherheit \u00fcber Raiffeisen gar nichts erfahren. Und wenn: Dann h\u00e4tte er ihn wahrscheinlich als \u201echristlichen Almosenbruder\u201c abgetan.<\/p>\n<p><strong>Zweiter Aspekt<\/strong> dessen, was die beiden Rheinland-Pf\u00e4zer verbindet resp. trennt. Und das ist nun einer der vielen, vielen Unterschiede wie wir sehen werden: Die beiden Zeitgenossen waren in v\u00f6llig verschiedenen Lebensr\u00e4umen daheim.<br \/>\n&#8211; Bei Raiffeisen waren das: sein kleiner Geburts- und Kindheitsort Hamm an der Sieg, dann Weyerbusch im Westerwald, Flammersfeld im Westerwald und Neuwied-Heddesdorf am Rande des Westerwaldes. Zwischendurch machte er als Soldat noch kurz Station in K\u00f6ln, Koblenz und Bendorf-Sayn, sowie als Verwaltungangestellter in Mayen.<br \/>\n&#8211; Bei Marx waren das die Geburts- und Kindheitsstadt Trier, seine Studienorte Bonn und Berlin, dann die Aufenthaltsorte Paris, K\u00f6ln, Br\u00fcssel, wieder Paris und schlie\u00dflich London.<\/p>\n<p>Raiffeisen blieb also weitgehend der heimischen Region verhaftet, Marx hingegen zog hinaus in die gro\u00dfe Welt \u2013 immer wieder auch auf der Flucht vor Nachstellungen durch die preu\u00dfische Regierung. Und entsprechend sollten auch ihre Lebenswerke ausfallen; was uns zum dritten Faktor f\u00fchrt, der einen weiteren Unterschied markiert.<\/p>\n<p><strong>Dritter Aspekt.<\/strong>&nbsp; Die gesammelten Marx-Engels-Werke umfassen 44 blaue B\u00e4nde dieses Kalibers (Kapital I hochhalten: 900 klein und eng bedruckte Seiten; das ist der legend\u00e4re Band 23 der MEW = Das Kapital, Kritik der politischen \u00d6konomie, 1. Buch). Selbst wenn man den Anteil von Engels aus den Gesamtwerken (etwa 30 %) herausn\u00e4hme, bliebe ein gewaltiges schriftliches Marx-Oeuvre.<\/p>\n<p>Raiffeisen hingegen hat nur EIN kleines B\u00fcchlein hinterlassen, dazu einige Zeitungsartikel, Briefe, Eingaben, Vortragsnotizen. Alles zusammengepackt k\u00e4me man nichtmal auf einen halben solchen Band.<\/p>\n<p>Das legt den tats\u00e4chlich zutreffenden Schluss nahe: Um die Bedeutung von Marx zu begreifen, muss man vor allem seine Schriften lesen, sich mit seinen Analysen und Theorien auseinandersetzen. Um die Bedeutung von Raiffeisen zu verstehen, muss man vor allem dessen Leben betrachten.<\/p>\n<p>Genau daran aber, am jeweils angemessenen Umgang mit den Zweien, hapert es heute erheblich, wie etwa Umfragen immer wieder best\u00e4tigen. Womit wir beim<strong> vierten Aspekt<\/strong> der einfachen Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zwischen beiden w\u00e4ren: Ihrem Bekanntheitsgrad und der Art ihrer Bekanntheit in der Gegenwart, also dem Bild, das man sich landl\u00e4ufig von ihnen macht.<\/p>\n<p>Es war Herr Zolk, fr\u00fcherer langj\u00e4hriger Vorsitzender der Raiffeisen-Gesellschaft, der mich im Fr\u00fchsommer vergangenen Jahres bei der Pressevorbesichtigung zur Raiffeisen-Ausstellung in Koblenz auf eine interessante deutschlandweite Umfrage aufmerksam gemacht hatte.<\/p>\n<p>Danach haben wir hinsichtlich des \u00f6ffentlichen Bildes von Friedrich Wilhelm Raiffeisen ein arges Problem: Mehr als 90 % der Befragten hatten von diesem Mann noch nie geh\u00f6rt. Spannend aber ist, dass zugleich mehr als drei Viertel der Befragten den Begriff \u201eGenossenschaft\u201c kannten UND ihn positiv bewerteten.<\/p>\n<p>Ganz anders, quasi umgekehrt, ist die Situation bez\u00fcglich Karl Marx. Standardergebnis seit vielen Jahren bei Publikumsbefragungen nach ihm ist:<br \/>\nNahezu 100 % kennen den Namen Karl Marx.<br \/>\nBei der Frage nach dessen Bedeutung f\u00e4chert sich das Bild dann auf:<br \/>\n&#8211; Die einen halten Marx f\u00fcr den Erfinder\/Urvater des Kommunismus. Nicht wenige erkl\u00e4ren seinen Kommunismus sogar zu einer h\u00fcbschen Utopie, die aber an den Realit\u00e4ten (der vermeintlich egoistisch-gierigen Natur des Menschen) zwangsl\u00e4ufig scheitern m\u00fcsse und bisher immer gescheitert sei.<br \/>\n&#8211; Sehr viele andere halten Marx vor allem f\u00fcr den Verursacher\/Schuldigen der vorgeblich sozialistischen Diktaturen des 20. Jhdt.<\/p>\n<p>So stehen wir heute vor diesem widerspr\u00fcchlichen Bild: Marx wird verantwortlich gemacht f\u00fcr negative Entwicklungen lange nach seinem Tod, die m.E. vor allem ein Missbrauch seines Ouevres darstellen und f\u00fcr die er nichts kann. Raiffeisen hingegen wird, weil weithin unbekannt, NICHT VERANTWORTLICH gemacht f\u00fcr nachher positive Entwicklungen, denen seine Ideen und Initiativen manchen Anfangsimpuls gaben.<\/p>\n<p>Ich will versuchen, die eigentliche Bedeutung der zwei Herren&nbsp; jenseits der volkst\u00fcmlichen Bewertungen etwas zu erhellen.<\/p>\n<p>Dabei ist eine grundlegende Gemeinsamkeit programmatischer Natur festzuhalten: Beide trieb das aus den Umbr\u00fcchen, aus dem \u201eFortschritt\u201c ihrer Zeit erwachsende Elend der einfachen Menschen um. Beiden lag eine Ver\u00e4nderung dieser Situation am Herzen.<\/p>\n<p>Beider Umgang damit war allerdings v\u00f6llig verschieden:<br \/>\n&#8211; Der Trierer Marx hatte als prim\u00e4r theoretischer Analytiker vor allem das st\u00e4dtische Proletariat und die Gesamtfunktionsweise des Kapitalismus im Blick. Dessen revolution\u00e4re Abschaffung als weltweites System hielt er f\u00fcr unvermeidlich und auch f\u00fcr w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p>&#8211; Der unter \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen im Oberwesterwald aufgewachsene Raiffeisen hatte es als B\u00fcrgermeister von nacheinander drei hiesigen Gemeinden ganz praktisch mit der Not b\u00e4uerlicher Landbev\u00f6lkerung zu tun. Das Elend der Menschen am Ort hier und sofort zu mildern, war sein zentrales Anliegen. Das war motiviert von christlicher N\u00e4chstenliebe,&nbsp; zielte indes keineswegs auf einen Systemwechsel ab.&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Sowohl die Trierer Landesausstellung zum Marx-Jubil\u00e4um wie auch die&nbsp; Koblenzer Schau zu Raiffeisen machten deutlich: Der Bedarf an und das Ringen um soziale Ver\u00e4nderung entwickelte sich damals zu einer m\u00e4chtigen Zeitstr\u00f6mung.<\/p>\n<p>Der st\u00fcrmische Aufwuchs des jungen Kapitalismus brachte zwar nicht, wie im Kommunstischen Manifest prognostizierte \u201eseine eigenen Totengr\u00e4ber\u201c hervor. Doch mit der um sich greifenden Verelendung gro\u00dfer Bev\u00f6lkerungsteile entstanden im 19. Jahrhundert kapitalismuskritische, sozialreformerische und revolution\u00e4re Notwehr- und Gegenstr\u00f6mungen zuhauf.<\/p>\n<p>Weshalb die zwei auf ganz unterschiedliche Weise so bedeutenden M\u00e4nner aus dem Norden des heutigen Rheinland-Pfalz auch nicht die einzigen waren, die in dieser Richtung aktiv wurden. Die Ausstellung in Koblenz beispielweise f\u00fchrt sie mit anderen Reformern\/Revolution\u00e4ren ihrer Zeit zusammen. Darunter der Sozialdemokrat Ferdinand Lassalle, der Sozialkatholik Adolph Kolping, die fr\u00fche Frauenrechtlerin Minna Cauer und nat\u00fcrlich Hermann Schulze-Delitzsch, den anderen bedeutenden Fr\u00fchgenossenschaftler, dem es im Unterschied zu Raiffeisen vor allem um die armen St\u00e4dter ging.<\/p>\n<p>&gt; Werfen wir nun einen \u2013 notgedrungen knappen \u2013 Blick auf das Leben und Wirken von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. &nbsp;<br \/>\nAls der anno 1818 zur Welt kam, geh\u00f6rte der Westerwald gr\u00f6\u00dftenteils seit kurzer Zeit, n\u00e4mlich seit dem Wiener Kongress von 1815, zum K\u00f6nigreich Preu\u00dfen. Raiffeisens Vater war der erste preu\u00dfische B\u00fcrgermeister von Hamm; er wurde allerdings von der Regierung bald abgesetzt.<br \/>\nDie Gr\u00fcnde sind nicht ganz klar. Mal hei\u00dft es wg. \u201eVerstandesschw\u00e4che\u201c, mal ist von Trunksucht, mal von schwerer Schwindsucht, also Tuberkolose oder Krebs die Rede.<br \/>\nDie Folge f\u00fcr die Familie ist allerdings: Absturz aus kleinb\u00fcrgerlich gesicherter Existenz in Armut. Der Vater starb fr\u00fch, die Mutter war mit 7&nbsp; Kindern auf sich gestellt \u2013 gest\u00fctzt von Verwandten und Freunden.<\/p>\n<p>Der junge Raiffeisen wurde gepr\u00e4gt von m\u00fctterlicher Fr\u00f6mmigkeit, dem protestantischen Pietismus des Gro\u00dfvaters sowie der au\u00dferschulischen Bildungs- und Werteerziehung durch seine beiden Taufpaten, den Hammer Pfarrer Seippel sowie den \u00f6rtlichen Schullehrer Bungeroth.<\/p>\n<p>Letzterer, Bungeroth, war ein Anh\u00e4nger der Reformp\u00e4dagogik nach Rousseau. Ersterer, der Pfarrer Seippel, ist eine besonders interessante Type: ein resoluter Mann, den ich mir immer als eine Art protestantischen Don Camillo vorstelle.<\/p>\n<p>Von Pfarrer Seippel ist beispielsweise \u00fcberliefert: In extremen Notjahren des fr\u00fchen 19. Jahrhunderts folgte er einem Aufruf von Joseph G\u00f6rres f\u00fcr die preu\u00dfische Rheinprovinz, und gr\u00fcndete in Hamm einen Hilfsverein f\u00fcr die Armen. Mehr noch: Eigenh\u00e4ndig hat Seippel den Armenstock in der Kirche aufgebrochen, um den Notleidenden und Hungernden am Ort schnell und unb\u00fcrokratisch helfen zu k\u00f6nnen. Dazu muss man wissen: Seit der preu\u00dfischen Gemeindereform wurde dieser Armenstock vom Staat&nbsp; in Person des Ortsb\u00fcrgermeisters verwaltet.<\/p>\n<p>Seippels Motto lautete: Unkonventionelle Wege und keine Kompromisse, wenn es um die Sache der Armen geht. In diesem Sinne pr\u00e4gte er auch den jungen Raiffeisen.<\/p>\n<p>Was mich zu dem Schluss f\u00fchrt, dass Raiffeisens Denken auf drei S\u00e4ulen basierte:&nbsp; &nbsp;<br \/>\n1.) Tiefe christliche Fr\u00f6mmigkeit, in deren Zentrum N\u00e4chstenliebe und Barmherzigkeit stehen.<br \/>\n2.) Darauf gr\u00fcndend die Selbstverpflichtung zum selbstlosen weltlichen Engagement im Dienste der Armen, Notleidenden und Unterprivilegierten.<br \/>\n3.) Ein Bildungshorizont, der Dank Seippels und Bungeroths privater F\u00f6rderung, weit \u00fcber das Niveau der westerw\u00e4lder Durchschnittsbev\u00f6lkerung hinausreichte. Das ist bemerkenswert, weil Raiffeisen wegen der Armut der eigenen Familie eine Schullaufbahn \u00fcbers Gymnasium zum Studium verschlossen blieb. Er durchlief nur die \u00f6rtliche Volksschule.<\/p>\n<p>Was bleibt einem 17-j\u00e4hrigen Burschen vom Land mit Hirnschmalz und Ambitionen, aber ohne h\u00f6heren Schulabschluss, in jener Zeit? Eine Laufbahn beim Milit\u00e4r oder in der Verwaltung. Raiffeisen verpflichtet sich zur preu\u00dfischen Armee und landet bei einer Artilleriebrigade in K\u00f6ln. Eine durchaus erfolgversprechende Anfangskarriere beim Milit\u00e4r wird indes durch ein Augenleiden j\u00e4h beendet.<\/p>\n<p>Das hatte er sich wahrscheinlich bei einer Explosion in der Sayner H\u00fctte zugezogen. 1838 war Raiffeisen als Unteroffizier zur Inspektionsschule im Koblenzer Schloss abkommandiert worden. Dort erfuhr er eine breite technische Ausbildung, die ihm nachher als B\u00fcrgermeister im Westerwald zustatten kommen sollte. Schlie\u00dflich setzte die Armee ihn im Range eines Oberfeuerwerkers zur Qualit\u00e4tskontrolle f\u00fcr Waffen, Munition und Sprengk\u00f6rper ein, die in der Sayner H\u00fctte (in Bendorf bei Koblenz) produziert wurden. Dort kam es zu besagtem Arbeitsunfall, aus dem ein lebenslanges Augenleiden hervorging, das Jahre sp\u00e4ter zur schieren Erblindung f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Doch die preu\u00dfische Verwaltung hatte da bereits ein starkes Interesse an dem hellwachen, engagierten, zuverl\u00e4ssigen jungen Mann entwickelt. Sie erm\u00f6glichte ihm eine Verwaltungslaufbahn: Raiffeisen wird erst kommissarischer Kreissekret\u00e4r in Mayen \u2013 dann 1845 zum B\u00fcrgermeister von Weyerbusch im Oberwesterwald ernannt.<\/p>\n<p>Welche Lage findet der gerade 26-j\u00e4hrige, von Ideen und Tatkraft \u00fcbersprudelnde&nbsp; Neub\u00fcrgermeister in Weyerbusch vor? Er sieht mit eigenen Augen jene l\u00e4hmende Armut und Perspektivlosigkeit, die wie \u201eMehltau \u00fcber dem Westerwald liegt\u201c. Die Region galt damals als eines der Armenh\u00e4user im Reich.<\/p>\n<p>Es herrschte preu\u00dfisches Recht im Westerwald und also auch die preu\u00dfische Agrarverfassung nach der Stein-\/Hardenbergischen Reform. Hei\u00dft: Die sogenannte \u201eBauernbefreiung\u201c war weithin vollzogen, also Leibeigenschaft, Erbuntert\u00e4nigkeit und Fronwirtschaft abgeschafft. Die westerw\u00e4lder Bauern waren demnach \u00fcberwiegend \u201efreie, selbstst\u00e4ndige Bauern\u201c. Doch \u201eFreiheit\u201c hie\u00df zugleich: Sie waren nicht nur den Unbilden der Natur (gerade im mageren, kalten Oberwesterwald), sondern auch der Unbarmherzigkeit des Marktes sowie den Fatalit\u00e4ten des Realteilungserbrechts ausgesetzt.<\/p>\n<p>Die Realteilung f\u00fchrte zu immer kleineren, kaum noch wirtschaftlichen H\u00f6fen. Im Westerwald des fr\u00fchen 19. Jh verf\u00fcgten die H\u00f6fe durchschittlich \u00fcber weniger als 20 Hektar, viele umfassten nur 8 oder 9 Hektar. Der Markt war zugleich v\u00f6llig einseitig ausgerichtet: die Bauern mussten einkaufen, konnten aber kaum etwas nach ausw\u00e4rts verkaufen \u2013 mussten aber dennoch ihre Staatsabgaben leisten. Folge: Landmangel, Kapitalmangel, Verschuldung bei Wucherern und Viehh\u00e4ndlern. Bald mussten sich zahlreiche Bauernfamilien auf blo\u00dfe Selbstversorgungswirtschaft zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>Raiffeisen erlebt pers\u00f6nlich hautnah bei der Mehrheitsbev\u00f6lkerung von&nbsp; Bauern, was Karl Marx im Hinblick auf das Proletariat im selben Jahr 1845 aus einer Untersuchung seines Freundes Friedrich Engels erf\u00e4hrt. Engels zeigt in seinem ber\u00fchmt gewordenen Bericht \u00fcber \u201edie Lage der arbeitenden Klasse in England\u201c: der Kapitalismus jener Zeit bringt f\u00fcr gro\u00dfe Teile des Volkes vor allem Pauperismus hervor, Verelendung.<\/p>\n<p>Wir werden nachher sehen, dass Marx und Raiffeisen bei der Beschreibung dieses Ph\u00e4nomens gar nicht so furchtbar weit auseinander liegen. Bei der Ursachenanalyse allerdings, ebenso bei den Perspektiven zur Ver\u00e4nderung, stehen dann aber gleich wieder Welten zwischen ihnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Marx ist Engels&#8216; akribische Untersuchung der schrecklichen Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnisse der englischen Arbeiterklasse einer der wichtigsten Impulse f\u00fcr die Arbeit am ersten Band seines Hauptwerkes \u201eDas Kapital\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Marx auf der Suche nach den grundlegenden Funktionsmechanismen des Kapitalismus jahrelang tags\u00fcber hunderte von B\u00fcchern auswertet und vor allem nachts abertausende Manuskriptseiten vollkrakelt, entfaltet der B\u00fcrgermeister von Weyerbusch eine F\u00fclle praktischer Aktivit\u00e4ten am Ort.<\/p>\n<p>Ich hatte Eingangs gesagt: Um die Bedeutung von Marx zu begreifen, muss man vor allem seine Schriften lesen, sich mit seinen Analysen und Theorien auseinandersetzen. Um die Bedeutung von Raiffeisen zu verstehen, muss man vor allem dessen Leben betrachten.<\/p>\n<p>Bevor wir uns weiter mit Raiffeisens Vita besch\u00e4ftigen, wird es deshalb nun Zeit,<strong> einen Moment in das theoretische Hauptwerk von Karl Marx einzusteigen:<\/strong> Das Kapital \u2013 seine gro\u00dfe Analyse der \u00f6konomischen Mechanismen des Kapitalismus.<\/p>\n<p>Aber keine Bange, es kommt jetzt keine ellenlange Trockenvorlesung \u00fcber&nbsp; die komplexen Funktionsmechanismen der kapitalistischen \u00d6konomie. Das Marx\u2018sche Kapital in seinen weitgreifenden Ver\u00e4stelungen und seiner ganzen Bedeutung erhellen zu wollen, m\u00fcssten wir die Nacht \u00fcber hier beisammen bleiben und auch die gesamte n\u00e4chste Woche noch.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend das \u201eKommunistische Manifest\u201c seit seinem Erscheinen 1848 weltweit eine Auflage von etlichen Hundert Millionen erreicht hat, blieb \u201eDas Kapital\u201c Angelegenheit eines vergleichsweise kleinen Leserkreises. Schon die Startauflage betrug 1867 gerade 1000 Exemplare. Gleichwohl wurde das Buch ein Generationen \u00fcberspannender Dauerbrenner. &nbsp;<\/p>\n<p>Viele sind an der Lekt\u00fcre gescheitert. Noch mehr lie\u00dfen sich abschrecken von seinem Ruf \u201eunglaublich schwierig\u201c zu sein. Dem liegt oft die falsche Erwartung zu Grunde, es handle sich beim \u201eKapital\u201c um eine Kampfschrift wider den Kapitalismus.<\/p>\n<p>Das ist zwar der Fall, doch ergibt sich der revolution\u00e4re Charakter des Werkes aus seiner systematischen Untersuchung der \u00f6konomischen Funktionsweisen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Kurzum: \u201eDas Kapital\u201c ist keine popul\u00e4re Massenschrift, sondern eine wissenschaftliche Arbeit. Nicht umsonst geh\u00f6rte es bis in die 1980er zu den Standardwerken der Volkswirtschaftslehre. Erst mit der dann einsetzenden Bl\u00fcte des Neoliberalismus verschwand es weitgehend aus den Universit\u00e4ten und in der Versenkung.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein wissenschaftliches Werk ist \u201eDas Kapital\u201c allerdings von bemerkenswerter Lebhaftigkeit, sprachlicher Klarheit und Originalit\u00e4t. Marx untermauert (fast) jeden seiner Analyseschritte nicht nur mit Faktenf\u00fclle und akribischen Berechnungen, sondern ebenso mit einer Vielzahl handfester Beispiele und erkl\u00e4render Bildnisse. Obwohl dadurch \u00fcber weite Strecken besser verstehbar als manches Traktat anderer Wirtschaftstheoretiker, erst recht vieler Philosophen, bleibt die Lekt\u00fcre eine Herausforderung.<\/p>\n<p>Im letzten Teil des ersten Bandes sowie in den nach Marx Tod von Friedrich Engels zusammengestellten beiden Folgeb\u00e4nden werden haarklein die komplexen Zusammenh\u00e4nge aufgedr\u00f6selt, wie Kapital als blo\u00df noch \u201eGeld heckendes Geld\u201c, also zum Zwecke seiner ewigen Selbstvermehrung, ruhelos um die Welt zirkuliert, allem und jedem seinen Stempel aufdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>In den Anfangskapiteln des \u201eKapitals\u201c indes nimmt Marx das scheinbar Selbstverst\u00e4ndlichste ins Visier: die Ware \u2013 die von Menschen hergestellten Produkte, die Menschen kaufen und verkaufen. Er fragt: Was ist eine Ware und wie bestimmt sich ihr Wert?<\/p>\n<p>Jedes Produkt hat einen Gebrauchswert, doch nicht f\u00fcr jeden Menschen zu jeder Zeit. F\u00fcr die meisten St\u00e4dter haben Spaten und Hacke keinen Gebrauchswert, gleichwohl wohnt ihnen ein Wert inne, wie das Preisschild im Baumarkt verdeutlicht.<\/p>\n<p>Wonach bemisst sich dieser Wert und was macht ihrer Natur nach g\u00e4nzlich unvergleichbare Waren \u2013 etwa Spaten und Unterw\u00e4sche \u2013 wertm\u00e4\u00dfig doch vergleichbar sowie f\u00fcr den Hersteller rentabel?<\/p>\n<p>Zur Beantwortung dieser Frage lenkt Marx das Augenmerk auf einen Faktor, den ALLE Waren gemeinsam haben: die menschliche Arbeit, die zur Herstellung jedweden Produktes notwendig ist.<\/p>\n<p>Auch Arbeit, genauer: die menschliche Arbeitskraft, sei eine Ware, so Marx. Der Proletarier verkauft sie in Form von Lohnarbeit, der Kapitalist kauft und nutzt sie. Menschliche Arbeitskraft unterscheidet sich aber von allen anderen Waren und Produktonsmitteln dadurch, dass sie mehr Wert schaffen kann als f\u00fcr Herstellung\/Erhalt (Reproduktion) ihrerselbst ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<p>Die Beispielrechnungen im \u201eKapital\u201c gehen davon aus, dass ein Arbeiter den Gegenwert seines Lohns je nach Produktivit\u00e4t seiner Arbeitsst\u00e4tte binnen zwei bis f\u00fcnf Stunden geschaffen hat. Sein Kontrakt aber verpflichtet ihn zu 8 bis 16 Stunden Arbeit t\u00e4glich. Was er w\u00e4hrend dieser Mehrarbeitszeit an Werten produziert, ist Mehrwert und wird vollst\u00e4ndig von der Kapitalseite vereinnahmt.<\/p>\n<p>Dieser Mehrwert ist die entscheidende Quelle f\u00fcr regul\u00e4ren Profit (im Unterschied zu finanztechnischem Spekulationsprofit). Weshalb der Kapitalseite stets Interesse hat, den Anteil des unbezahlten Mehrwerts zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Dazu gibt es nach Marx vor allem drei Methoden: 1.) Verl\u00e4ngerung der Mehrarbeitszeit, also Ausdehnung des Arbeitstages oder der Arbeitswoche;&nbsp; 2.) Minderung der Kosten f\u00fcr die Arbeitskraft, also Senkung des Lohns; 3.) Erh\u00f6hung der Produktivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Alle drei Methoden finden ihre absolute Grenze in der Natur des Menschen: Verhungernde, kranke oder v\u00f6llig entkr\u00e4ftete Arbeiter sind f\u00fcr die Produktion nutzlos.<\/p>\n<p>Erhalt und Wiederherstellung der Arbeitskraft inklusive Fortpflanzung der Arbeiterfamilie ist das absolute Minimum dessen, was der Arbeitslohn gew\u00e4hrleisten muss. Jedes Quantum mehr ist im Kapitalismus bis hin zu heutigen Tarifk\u00e4mpfen Gegenstand des permanenten Ringens zwischen Kapital- und Arbeiterseite. Und bei diesem Ringen geht es im Grunde darum, ein wie gro\u00dfer Anteil des Mehrwerts bei seinen Produzenten, den Arbeitern, verbleibt oder aber vom Kapitalisten vereinnahmt wird.<\/p>\n<p>Die hier extrem verk\u00fcrzte Waren- und Mehrwertanalyse ist das Kernst\u00fcck des Marx\u2018schen \u201eKapitals\u201c. Darin stecken viele weitreichende Implikationen. Etwa, dass ALLE materiellen Reicht\u00fcmer letztlich aus Arbeiterhand (und Bauernhand) stammen \u2013 denn kein Produkt, erst recht nicht das Geld, kann aus sich selbst heraus Mehrwert schaffen. Geld arbeitet nicht.<\/p>\n<p>Woraus sich beispielsweise der Gedanke ergibt, dass das globale Finanz(un)wesen entweder vor allem mit von Arbeitern geschaffenen und ihnen genommenen Werten oder aber mit blo\u00dfen Luftblasen spekuliert. Woraus sich auch die Frage ergibt, ob der derzeitige globale Kapitalismus noch bei Trost ist \u2013 mit seiner Ausrichtung auf ein Primat des spekulativen Finanzsektors losgel\u00f6st von der Deckung durch tats\u00e4chliche Wertproduktion.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich f\u00fchrt das Marx\u2018sche \u201eKapital\u201c auch diesseits revolution\u00e4rer Neigungen zwangsl\u00e4ufig zu der \u00dcberlegung: Kann ein \u00f6konomisches System, das per se auf ewiges Wachstum angewiesen ist und eine stete Konzentration der von Arbeitern geschaffenen Werten in immer weniger H\u00e4nden zum Ergebnis hat \u2013 kann ein solches System der menschlichen Weisheit letzter Schluss sein?&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>So viel in beinahe schmerzlicher Verknappung zum Hauptwerk von Marx. Kommen wir zur\u00fcck zum Leben und Wirken Raiffeisens. &nbsp;<\/p>\n<p>Als neuer 26-j\u00e4hriger B\u00fcrgermeister des Westerwald\u00f6rtchens Weyerbusch setzt er anfangs zwei Priorit\u00e4ten:<br \/>\n1. Bau neuer Schulh\u00e4user in Weyerbusch sowie zwei weiteren zu seiner B\u00fcrgermeisterei geh\u00f6renden Orten, nebst Anwerbung qualifizierter Lehrer. Denn \u00fcberall waren die Schulen alt, heruntergekommen, von Schimmel befallen &#8211; \u201edie Kinder werden dort krank, statt etwas zu lernen\u201c, sagt ein Zeitgenosse. Damit verfolgte Raiffeisen schon damals einen Ansatz, der heute wieder in aller Munde ist: Bildung sei ein entscheidendes Mittel, der Armut zu entkommen.<\/p>\n<p>Zweite Priorit\u00e4t: Er ergreift die Initiative f\u00fcr den Bau einer 60 KM langen befestigten Stra\u00dfe von Weyerbusch an den Rhein nach Neuwied. Der einfache Gedanke dahinter geht so: Man muss den armen westerw\u00e4lder Bauern einen Zugang zum \u00fcber\u00f6rtlichen Markt verschaffen, wo sie ihre Produkte verkaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die wichtigsten n\u00e4chsten Anschl\u00fcsse an gr\u00f6\u00dfere M\u00e4rkte lagen f\u00fcr Westerw\u00e4lder Bauern damals wo? Am Rhein. \u00dcber die bis dahin primitiven Lehmwege durch den Westerwald kam man dort nur schwer hin oder je nach jahreszeitlichen Verh\u00e4ltnissen gar nicht. Also musste eine Stra\u00dfe her.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen schon hier den zentralen Grundsatz von Raiffeisens praktischem Tun erkennen: Die Bedingungen daf\u00fcr verbessern, dass die Bauern&nbsp; \u00fcberhaupt eine Chance bekommen, aus eigener Kraft am Marktgeschehen teilzuhaben und im Markt besser bestehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Deshalb initiiert er ein paar Jahre sp\u00e4ter als B\u00fcrgermeister von Flammersfeld auch den Bau einer zweiten Stra\u00dfe vom Westerwald ins Rheintal, jetzt nach Honnef. Raiffeisen selbst begr\u00fcndet diesen Bauplan in einem Schreiben an die preu\u00dfische Regierung folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p><em>\u201eBeinahe der einzige Absatzort f\u00fcr unsere Einwohner war bisher Neuwied.&nbsp; Schon seit l\u00e4ngerer Zeit wurden dar\u00fcber Klagen gef\u00fchrt, dass in Neuwied auf unerh\u00f6rte Weise die Preise heruntergedr\u00fcckt, und die armen Landleute gen\u00f6tigt waren, um nicht unverrichteter Sache nach Hause fahren zu m\u00fcssen, unter ihrem Preise zu verkaufen.\u201c<\/em>&nbsp; Um hier Abhilfe zu schaffen, will Raiffeisen die zus\u00e4tzliche Stra\u00dfe, <em>\u201eum einen zweiten bequemen Absatzweg zu schaffen und so durch Konkurrenz h\u00f6here Preise zu erzielen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Raiffeisen stellt also nicht das kapitalistische Marktsystem und seine Mechanismen infrage. Er fragt sich vielmehr, wie diese Mechanismen genutzt werden k\u00f6nnen, um aktuell die Lage der Bauern zu verbessern.<\/p>\n<p>Diese Herangehensweise f\u00fchrt 1846\/47 in Weyerbusch zur Gr\u00fcndung einer ersten Vorform Raiffeisen\u2018scher Genossenschaft: dem sog. Brodverein Weyerbusch.&nbsp; Die Idee dazu entstand aus einer ganz praktischen Notlage, die sich in jenen Jahren zur regelrechten Hungersnot nicht nur im Westerwald auswuchs.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn,<br \/>\nsie haben wahrscheinlich schonmal vom irischen Exodus in der zweiten H\u00e4lfte der 1840er Jahre geh\u00f6rt. Damals waren auf der gr\u00fcnen Insel infolge einer Kartoffelkrankheit mehrere Ernten dieses Grundnahrungsmittels ausgefallen. Fast eine Million \u00e4rmerer Iren waren verhungert und mindestens noch einmal so viele Hungerfl\u00fcchtlinge von Irland in die USA ausgewandert. Das Inselland hatte auf diese Weise innerhalb eines knappen Jahrzehnts rund ein Drittel seiner Bev\u00f6lkerung verloren.<\/p>\n<p>Genau diese Krise spielte sich zur selben Zeit auch im Westerwald ab. Zwei extrem harte Winter und schlechte Sommer hintereinander, dazu auch hier die besagte Kartoffelkrankheit: Die Selbstversorgungswirtschaft der kleinen Bauern brach zusammen, die ohnehin mageren Vorr\u00e4te waren rasch aufgebraucht. Die Menschen mussten ihr Saatgut f\u00fcrs Folgejahr essen \u2013 bevor dann vollends der blanke Hunger das Regiment \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Wie Irland, so erlebt damals auch der Westerwald eine massive Auswanderungswelle von Armuts- und Hungerfl\u00fcchtlingen. Ein Teil emigiriert nach \u00dcbersee, ein anderer Teil landet in den aufstrebenden Industriezentren an Rhein und Ruhr \u2013 wo die verarmten Bauern als neue Proletarier vom Regen in die Traufe geraten.<\/p>\n<p>In dieser Situation richtet B\u00fcrgermeister Raiffeisen ein dringliches Ersuchen an die preu\u00dfische Regierung, eilends Getreide f\u00fcr die Hungernden herzuschicken. Und tats\u00e4chlich gibt Berlin dem Ersuchen statt und liefert Getreide in den Westerwald \u2013 allerdings verbunden mit einer v\u00f6llig absurden Bedingung: Das Korn d\u00fcrfe nur gegen Barzahlung ausgegeben werden. Wenn aber die armen Bauern hier eines gewiss nicht hatten, dann war es Bargeld.<\/p>\n<p>Und nun verf\u00e4hrt Raiffeisen, wie es Jahre zuvor sein Mentor Pfarrer Seippel in Hamm getan hatte: Er setzt sich zugunsten der Hungernden hemds\u00e4rmelig \u00fcber die ausdr\u00fcckliche Anordnung der Regierung hinweg: B\u00fcrgermeister Raiffeisen gibt das Getreide gegen Schuldscheine aus.<\/p>\n<p>Dann gr\u00fcndet er den Brodverein, in dem sich die etwas wohlhabenderen D\u00f6rfler zusammentun, um mit ihren Barmitteln einen Fond zu bilden, aus dem das Regierungsgetreide bezahlt wird. Zugleich dient dieser Fond als B\u00fcrgschaft f\u00fcr Kredite, um weitere Getreidelieferungen zu kaufen.<\/p>\n<p>Zudem gibt der Brodverein auf Kredit Saatkartoffeln an die Bed\u00fcrftigen aus. Auf dass sie die Chance bekommen, im Folgejahr wieder eine Ernte einzufahren \u2013 und nach \u00dcberwindung der \u00e4rgsten Not auch ihre Schulden beim Brodverein zu begleichen.<\/p>\n<p>Und siehe: Die Sache funktioniert. Damit war die Saat f\u00fcr das Raiffeisen\u2018sche Genossenschaftswesen gelegt. Schon drei Jahre sp\u00e4ter geht Raiffeisen als neuer B\u00fcrgermeister von Flammersfeld, wie gesagt, sogleich den Bau der zweiten Stra\u00dfe ins Rheintal an \u2013 und er gr\u00fcndet, in Anlehnung an den Brodverein Weyersbusch, im Dezember 1849&nbsp; den \u201eFlammersfelder H\u00fclfsverein zur Unterst\u00fctzung unbemittelter Landwirte\u201c (und Handwerker).<\/p>\n<p>Hauptzweck dieser Vereinigung ist es, die Bauern aus den Klauen der Wucherer zu befreien. Auch in diesem H\u00fclfsverein geben die besser Betuchten ihr Geld in eine Gemeinschaftskasse. Damit werden K\u00fche und K\u00e4lber gekauft, die auf Kredit an die Bauern weitergeben werden. Die haben dann 5 Jahre Zeit f\u00fcr die Bezahlung des Viehs, was den Wucherern erheblich das Gesch\u00e4ft verdirbt.<\/p>\n<p>Das Wuchererunwesen muss in jener Zeit, da es auf dem Land keine Banken gab, eine furchtbare Plage gewesen sein. H\u00f6ren wir dazu einen Absatz aus Raiffeisens Rede auf der Gr\u00fcndungsversammlung des Flammersfelder H\u00fclfsvereins:<br \/>\n<em>\u201eAuch in unserem Amtsbezirk befinden sich unter der armen, ausgesogenen Bev\u00f6lkerung Giftpflanzen, Wucherer, welche sich ein Gesch\u00e4ft daraus machen, die Not ihrer Mitmenschen in herzlosester Weise auszun\u00fctzen. Wie das gierige Raubtier auf das gehetzte und abgemattete Wild, so st\u00fcrzen sich die gewissenlosen und habgierigen Blutsauger auf die hilfsbed\u00fcrftigen und ihnen gegen\u00fcber wehrlosen Landleute, deren Unerfahrenheit und Not ausbeutend, um sich allm\u00e4hlich in den Besitz ihres ganzen Verm\u00f6gens zu setzen. Eine Familie nach der anderen wird zugrunde gerichtet.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Es ist leicht vorstellbar, dass die besser Betuchten nicht eben mit Hurrageschrei ihr Geld in die Kassen von Brodverein und H\u00fclfsverein getragen haben. Dazu bedurfte es reichlich kr\u00e4ftiger \u00dcberzeugungsarbeit. Zumal Raiffeisen ihnen bald etwas zumutete \u2013 das heute schier unvorstellbar ist: Die wohlhabenden Vereinsmitglieder mussten mit ihrem Gesamtverm\u00f6gen f\u00fcr die Finanzaktivit\u00e4ten des Vereins b\u00fcrgen.<\/p>\n<p>So erfolgreich Raiffeisen \u2013 mit der gewichtigen Unterst\u00fctzung von etlichen Pfarrern beider Konfessionen \u2013 anfangs an die Christenpflicht auch und gerade der Bessergestellten zu N\u00e4chstenliebe und Barmherzigkeit appelliert hatte: Beim Einsatz des eigenen Gesamtverm\u00f6gens h\u00f6rte f\u00fcr viele die N\u00e4chstenliebe bald auf.<\/p>\n<p>Weshalb Raiffeisen nachher als B\u00fcrgermeister von Heddesdorf mit diesem Prinzip beim dort von ihm gegr\u00fcndeten Wohlfahrtsverein auch Schiffbruch erlitt: Die Wohlhabenden dort sind zu weiteren Anleihen, f\u00fcr die sie mit ihrem Privatverm\u00f6gen b\u00fcrgen, einfach nicht mehr bereit. Es kommt zu einer dramatischen Vereinsversammlung, in der Raiffeisen zornig erkl\u00e4rt: <em>\u201eWenn Sie nicht mehr mittun wollen, meine Herren, dann gehe ich hinaus an die Landstra\u00dfen und Z\u00e4une und hole mir die Blinden und Lahmen\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Mit diesem biblischen Verweis l\u00e4utet Raiffeisen die Geburtststunde seiner eigentlichen Genossenschaften ein: die solidarische Gemeinschaft von Bauern, Handwerkern, minderbetuchten Kleinproduzenten zwecks gegenseitiger Finanzunterst\u00fctzung zur Selbsthilfe. Unter der Parole<em> \u201eWas einer nicht schafft, schaffen viele\u201c<\/em> entstehen als Vorl\u00e4ufer der Genossenschaftsbanken die Darlehens-Vereine und werden zu einem rasch zahlreich nachgeahmten Modell in ganz Deutschland und drumherum.<\/p>\n<p>Raiffeisens Prinzipien der Genossenschaftsarbeit:<br \/>\na) Jeder Verein ist \u00f6rtlich organisiert; die Mitglieder sollen sich pers\u00f6nlich kennen. (= soziale Kenntnis und auch Kontrolle)<br \/>\nb) Alle Kreditnehmer m\u00fcssen Mitglieder sein. Solidarhaftung, Kollektivrisiko = schwei\u00dft zusammen.<br \/>\nc) Vereinsmitglieder b\u00fcrgen mit eigenem Verm\u00f6gen = einer f\u00fcr alle, alle f\u00fcr einen &gt; Folge: \u00e4u\u00dferste Vorsicht bei Kreditvergabe. Folge: Zu Raiffeisens Lebzeiten bricht kein einziger Verein aus finanziellen Gr\u00fcnden zusammen.<br \/>\nd) die Genossenschaft ist kein Almosenverein, sondern baut auf Eigenverantwortung, Selbstverwaltung, Solidarit\u00e4t zwecks Hilfe zur Selbsthilfe.<br \/>\ne) die Vereinsarbeit ist ehrenamtlich.<br \/>\nf) Es gibt keine Gewinnaussch\u00fcttung an Vereinsmitglieder \u2013 Genossenschaftsgewinn geht ggf. an Sozialfonds. = T\u00fcr zu f\u00fcr Kapital- und Profitspekulation im Genossenschaftswesen.&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>1859 w\u00fctet am Mittelrhein die Ruhr. Raiffeisen engagiert sich in der Krankenpflege und steckt sich an. Seine Frau stirbt nach schwerer Krankheit, er steht nun mit vier unm\u00fcndigen Kindern allein da. Sein Augenleiden verschlimmert sich, er geht der Erblindung entgegen.<\/p>\n<p>1865 wird der 47-j\u00e4hrig Raiffeisen mit sehr mageren Bez\u00fcgen aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. 1866 erscheint dann Raiffeisens einziges Buch unter dem etwas umst\u00e4ndlichen Titel: \u201eDie Darlehenskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung sowie auch der st\u00e4dtischen Handwerker und Arbeiter. Praktische Anleitung zur Bildung solcher Vereine, gest\u00fctzt auf sechzehnj\u00e4hrige Erfahrung als Gr\u00fcnder derselben.\u201c<\/p>\n<p>Das Werk fand ziemlich weite Verbreitung. Sein immer gebrechlicher werdender Autor war quer durch die deutschen Lande ein viel gefragter Referent und Berater in Sachen Darlehensverein und Genossenschaft.<\/p>\n<p>Am 11. M\u00e4rz 1888 stirbt Raiffeisen. In seinen letzten Jahren war er bei seinen Vortr\u00e4gen schon \u201eVater Raiffeisen\u201c genannt worden. Oft hatte man seine Reden auch als \u201ePredigten\u201c bezeichnet und ihn nicht mehr f\u00fcr ganz voll genommen. Denn die christliche Motivation verwandelte sich beim alten und gebrechlichen Raiffeisen zusehends in religi\u00f6sen Rigorismus. Er verstand die Genossenschaft zuletzt als christliche Lebensgemeinschaft, als Br\u00fcdergemeinde am Ort. Am Ende propagierte er eine Kommunit\u00e4t innerhalb der Genossenschaften, eine Art Orden selbstloser Kader, <em>\u201edie also leben m\u00fcssen wie die Apostel\u201c<\/em>: Ehelos, frei von Privatbesitz, Gehorsam gegen\u00fcber den Vorgesetzten, arbeitsam.<br \/>\nDiese letzte Phase von Raiffeisens Engagement spielte dann, verst\u00e4ndlich, keine Rolle mehr.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nIn den Jahrzehnten zuvor, w\u00e4hrend denen sich die Genossenschaften nicht nur in Deutschland Landen ziemlich schnell verbreiteten, hatte man interessanterweise in Berlin die politisch-gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungspotenziale der Genossenschaftsbewegung wom\u00f6glich deutlicher verstanden als der Christenmensch Raiffeisen. Bismarck selbst erkl\u00e4rte voller Sorge: <em>\u201eDie Darlehensvereine sind die Kriegskassen der Demokratie; sie m\u00fcssen unter Regierungskontrolle gestellt werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201eKriegskassen der Demokratie\u201c, das ging an Raiffeisens Ansinnen v\u00f6llig vorbei \u2013 auch wenn der immer wieder mit der \u201eerwerbenden Klasse\u201c, wie er die Bourgeoisie seiner Zeit nannte, geharnischt ins Gericht ging.<\/p>\n<p>Im Vorwort zu seinem Buch schreibt er etwa (ich verk\u00fcrze es etwas):<br \/>\n<em>\u201eDank dem ungeheuren Aufschwung der Industrie und des Handels ist die Menge und Mannigfaltigkeit der Kulturg\u00fcter auf eine H\u00f6he gebracht, von der man sich in fr\u00fcheren Zeiten nichts tr\u00e4umen lie\u00df. Zugleich wird&nbsp; der Kampf ums Dasein mit einer fr\u00fcher ungekannten Heftigkeit und Rastlosigkeit gef\u00fchrt; die industrielle Produktion ringt mit atemloser Hast im Wettbewerb auf dem Weltmarkt. Unter der erwerbenden Klasse herrscht weithin eine wilde Jagd nach Mehrerwerb und Mehrbesitz&#8230;\u201c &nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Das mag manchen hier im Saal an etwas erinnern: Ja genau, an die Passagen aus dem Kommunistischen Manifest \u00fcber die Herstellung des Weltmarktes und den Siegeszug der gro\u00dfen Industrien; \u00fcber die Anh\u00e4ufung gewaltiger Kapitalien in den H\u00e4nden einer neuen herrschenden Klasse, der Bourgeoisie; und manches mehr.<\/p>\n<p>Raiffeisen sp\u00fcrte, beklagte und f\u00fcrchtete, was Marx und Engels im Kommunistischen Manifest \u00fcber die Eigengesetzlichkeit des aufstrebenden Kapitalismus analysiert haben:<em> \u201eDie Bourgeoisie, wo zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verh\u00e4ltnisse zerst\u00f6rt. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch \u00fcbriggelassen, als die gef\u00fchllose bare Zahlung.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bei Raiffeisen wird daraus die Klage \u00fcber Geldgier sowie ma\u00dflose und unchristliche Verschwendung auf Seiten der Reichen. Und er ist \u00fcberzeugt davon, es sei n\u00f6tig, <em>\u201edass dem Arbeiterstand von der besitzende Klasse in religi\u00f6ser Beziehung ein besseres Vorbild gegeben, vor allen Dingen auch tats\u00e4chlich hilfreiche Hand zum Emporkommen gereicht wird.\u201c<\/em>&nbsp; Denn nur so kann, meint Raiffeisen weiter, der stetig wachsende Einfluss <em>\u201eder Partei der sozialen Revolution einged\u00e4mmt und einer gewaltsamen Umw\u00e4lzung vorgebeugt werden\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Christliches Vorbild soll die besitzende Klasse nach Raiffeisen sein und den Arbeitern im Sinne der N\u00e4chstenliebe und Barmherzigkeit hilfreich die Hand geben. \u00dcber diese Vorstellung h\u00e4tte Marx wohl nur schallend gelacht, aber ernsthaft angemerkt: Die systemischen Mechanismen und Gesetze der kapitalistischen Mehrwertproduktion und der Kapitalakkumulation kennen per se keine Moral, keine Ethik, keine Religion. Und selbst wenn ein Kapitalist sein Unternehmen als philantropische, menschenfreundliche Anstalt in den globalen Wettbewerb f\u00fchren wollte, er w\u00fcrde in der Konkurrenzmetzelei einfach untergehen.<\/p>\n<p>So h\u00e4tte Marx wahrscheinlich gesprochen und hinzugef\u00fcgt: Warum sollten ausgerechnet diejenigen, die mit ihrer Arbeitskraft ALLE Reicht\u00fcmer der Gesellschaft herstellen, auf den guten Willen und die Almosen der Industrie- und Finanzbarone, der Coupon-Schneider und Aktion\u00e4re hoffen. Nein, werter Raiffeisen, w\u00fcrde Marx sagen, N\u00e4chstenliebe und Barmherzigkeit sind dem Kapitalismus wesensfremd. Denn er kennt aus sich selbst heraus nur eine einzige Maxime: Vermehrung des Profits. Wogegen am Ende auch nur eines wirklich helfen wird: die Expropriation der Expropriateurs, also die Enteignung der Kapitalbesitzer, die den Arbeiter enteignen, indem sie sich den von ihm geschaffenen Mehrwert aneignen.<\/p>\n<p>Marxens L\u00f6sung ergibt sich quasi zwangsweise: die kapitalistischen Eigentumsverh\u00e4ltnisse bringen den Kapitalismus selbst an seine Grenzen \u2013 weil sie sich am Ende selbst im Wege stehen, mehr Schaden anrichten als n\u00fctzen, und der Menschheit keine Perspektive mehr f\u00fcr gedeihlichen Fortschritt zu bieten haben.<\/p>\n<p>Also m\u00fcssten die Eigentumsverh\u00e4ltnisse grundlegend umgew\u00e4lzt werden, um eine Gesellschaft bilden zu k\u00f6nnen, in der die Entfremdung der Arbeit f\u00fcr das Individuum aufgehoben wird und das Gemeinwohl im Zentrum des gesellschaftlichen Tuns steht.<\/p>\n<p>Marx meinte, diese revolution\u00e4re Ver\u00e4nderung k\u00e4me wg. bald mengenm\u00e4\u00dfiger Dominanz und fortschreitender Verarmung des Proletariats zwangsl\u00e4ufig (und zeitnah). Er hatte weder mit der Kraft der Arbeiterbewegung zur Erstreitung sozialer Reform gerechnet, noch mit der ungeheuren Anpassungsf\u00e4higkeit des Kapitalismus. &nbsp;<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn,<br \/>\nich will hier nicht der heute weit verbreiteten Unsitte folgen, Karl Marx zum SozialREFORMER zu verharmlosen. Das war er nicht. Sein Denken und Streben war auf die revolution\u00e4re Abschaffung des Kapitalismus ausgerichtet.<\/p>\n<p>Dies aus der analytischen Erkenntnis heraus: Wenn man den Kapitalismus einfach ungehindert laufen l\u00e4sst, wie es etwa der moderne Neoliberalismus m\u00f6chte, dann w\u00fcrde es nicht nur den Arbeitern schlecht ergehen. Der Kapitalismus w\u00fcrde in seinem systemisch blindw\u00fctigen Streben nach Profit seine eigenen Existenzgrundlagen angreifen, ja die Existenzgrundlage der Menschheit als ganzes gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Und genau das ist, was wir gegenw\u00e4rtig erleben \u2013 einerseits in Form der st\u00e4ndigen Beddrohung durch einen globalen Finanzzusammenbruch, andererseits in Form der heraufziehenden \u00f6kologischen Globalkatastrophe.<\/p>\n<p>Womit ich beim Schlussteil meiner Ausf\u00fchrungen angelangt w\u00e4re (aber noch nicht am Schluss), und einigen Bemerkungen \u00fcber das, was uns Marx und Raiffeisen heute noch bedeuten k\u00f6nnen oder k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Bleiben wir noch einen Moment bei Marx:<br \/>\n&#8211; Dank seiner Offenlegung der \u00f6konomischen Systemmechanismen des Kapitalismus wissen wir\/k\u00f6nnten wir wissen: Das Kapital tut FREIWILLIG immer nur das, was seiner eigenen Vermehrung nutzt. Das hat laut Marx mit Moral \u00fcberhaupt nichts zu tun, sondern ist eine dem Kapitalismus innewohnende objektive Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit.<\/p>\n<p>Daraus folgt nach Marx: Jedwede Lebensverbesserung \u00fcber die einfache Existenzsicherung hinaus, sei es f\u00fcr die arbeitenden Individuum oder das Gemeinwohl, muss letztlich GEGEN das Kapital erstritten werden und\/oder ihm per Staatsgesetz auferlegt werden. Wieviel Wahres daran bis heute ist, m\u00f6ge jeder selbst beurteilen.<\/p>\n<p>Die Politik allerdings, die will weithin diesen Zusammenhang nicht, oder nicht mehr wahrhaben. Was \u00fcbrigens in der fr\u00fchen Bundesrepublik noch ganz anders war. Die Forderung nach Verstaatlichung der Schwer- und Schl\u00fcsselindustrien sowie der Banken stand in den ersten Nachkriegsjahren sogar in den Programmen einiger CDU-Landesverb\u00e4nde.<\/p>\n<p>&#8211; Dank der Marx\u2018schen Betrachtungen k\u00f6nnten wir wissen: Selbst dem einfachsten Hilfsarbeiter geb\u00fchrt Achtung und Respekt. Denn er oder sie schafft im R\u00e4derwerk des Gesamtproduktion stets einen Mehrwert, der \u00fcber die eigene Entlohnung hinausgeht. Was man von manchem Manager, erst recht von Finanzspekulanten nicht behaupten kann. Die Unsummen, die diese Herrschaften einstreichen oder mit denen sie an der B\u00f6rse spekulieren, stammen letztlich aus von Arbeitern geschaffenem Mehrwert \u2013 oder es sind reine Luftnummern, hinter denen gar kein Wert steht, und die der Allgemeinheit deshalb fr\u00fcher oder sp\u00e4ter um die Ohren fliegen.<\/p>\n<p>\u2013&nbsp; Dank der Marx\u2018schen Analyse k\u00f6nnten wir auch wissen: Es bedarf bewusster politischer und gesellschaftlicher Anstrengungen, um den Zugriff des Kapitals auf s\u00e4mtliche Sph\u00e4ren der Gesellschaft bis hinein in die letzte Pore auch des Privatlebens einzugrenzen oder zu unterbinden.<\/p>\n<p>Krankenh\u00e4user und Altersheime, Schullehrpl\u00e4ne und Studieng\u00e4nge, Kultur und Sport, unsere private Freizeit und unsere private Kommunikation: All das und sowieso die gesamte \u00f6ffentliche Infrastruktur werden zusehends in Gesch\u00e4ftsmodelle verwandelt, dem Zwang zur Profitabilit\u00e4t unterworfen oder nach dem Nutzen f\u00fcr die Wirtschaft beurteilt. Marx w\u00fcrde sich dar\u00fcber nicht wundern, und Raiffeisen w\u00e4re wahrscheinlich hell entsetzt \u00fcber das, was da heutzutage vor sich geht.<\/p>\n<p>Kommen wir zu Raiffeisen und seiner Bedeutung f\u00fcr das Heute.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<br \/>\nSchon zu seiner Zeit zeichneten sich etliche unterschiedliche Entwicklungen des Genossenschaftswesens ab, die sich nachher zu richtiger Bl\u00fcte und betr\u00e4chtlicher volkswirtschaftlicher Bedeutung entwickelt haben.<\/p>\n<p>a) Die Raiffeisen\u2018schen Darlehensvereine, aus denen schlie\u00dflich die Volks- und Raiffeisenbanken hervorgegangen sind.<\/p>\n<p>b) Konsumgenossenschaften, die durch kollektiven Wareneinkauf in gr\u00f6\u00dferen Mengen ihren Mitgliedern g\u00fcnstigere Einkaufsm\u00f6glichkeiten bieten konnten. REWE und EDEKA haben (hatten) dort ihre Wurzeln.<\/p>\n<p>c) Einkaufs- und Vermarktungsgenossenschaften als Zusammenschl\u00fcsse von Bauern und\/oder Handwerkern. Im gro\u00dfen etwa RAIFFEISEN oder BAYWA.<br \/>\nAuch im Kleinen sprie\u00dfen sie seit etlichen Jahren \u00fcberall wieder, und es gibt auch hier in der Umgebung einige davon.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nd) Wohnbaugenossenschaften, die dem sozialen Wohnungsbau und sozialvertr\u00e4glichen Mieten verpflichtet sind. Das ist eine Form, die beim Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg von entscheidender Bedeutung war. Und jetzt gerade erleben hierzulande Wohnbaugenossenschaften vorerst noch im Kleinen eine neue Bl\u00fcte. Angesichts der aktuellen spekulativen Wohnraumkrise wird diese Genossenschaftsform in den n\u00e4chsten Jahren wohl noch einen richtigen Boom erleben.<\/p>\n<p>e) Produktionsgenossenschaften entweder als Zusammenschluss mehrerer Kleinproduzenten oder auch als Arbeitervereinigung, die einen Betrieb in die eigene Hand nehmen.<\/p>\n<p>f) Damit eng verwandt und heute besonders auf dem Vormarsch: Genossenschaften als solidarisch-kollektive Wirtschaftsweise alternativ zur dominanten kapitalistischen Profitwirtschaft. Die Koblenzer Raiffeisen-Ausstellung etwa stellt in ihrem Schlussteil unter dem Stichwort \u201e\u00f6kologisch-solidarische Gemeinwohlwirtschaft\u201c mehrere j\u00fcngere Ans\u00e4tze solch alternativer Wirtschaftsweisen vor.<\/p>\n<p>g) J\u00fcngst neu in die Diskussion gekommen sind genossenschaftliche Organisationsformen als Mittel gegen den \u00c4rzteschwund auf dem Land. \u00dcberhaupt als Mittel gegen das infrastrukturelle Ausbluten des l\u00e4ndlichen Raumes. (zB genossenschaftliche L\u00e4den, Wirtsh\u00e4user, Generationen\u00fcbergreifende Wohnmodelle).<\/p>\n<p>Einige dieser und viele andere nachher entstandene Genossenschaftsformen rund um die Welt haben sich ziemlich weit entfernt von Raiffeisens Darlehensgenossenschaft. Gleichwohl bauen sie in gro\u00dfer Zahl auf dessen Grundidee von der solidarischen Gegenseitigkeit zum Wohle von Gemeinschaften auf.<\/p>\n<p>Es soll nicht verschwiegen werden, dass sich leider manches urspr\u00fcnglich oder noch immer genossenschaftlich strukturierte Unternehmen in seinem Gebaren und seiner Wirtschaftsweise kaum noch oder gar nicht mehr von gew\u00f6hnlichen kapitalistischen Unternehmen unterscheidet. Das gilt vor allem f\u00fcr einige Banken und Handelsketten.<\/p>\n<p>Dennoch d\u00fcrfen heute genossenschaftliche Organisationen als alternatives Erfolgsmodell weltweit gelten. Ihre Attraktivit\u00e4t gerade zur Verbesserung der Lebenslage der Armen und kleinen Leute ist insbesondere in Asien, Lateinamerika und Afrika gewaltig. Die \u00fcbergro\u00dfe Mehrheit der knapp 1 Milliarde Genossenschaftsmitglieder weltweit werden auf diesen drei Kontinenten verzeichnet.<\/p>\n<p>Auch Deutschland hat auf diesem Feld beeindruckende Zahlen zu bieten: Anno 2015 hatten hier 7950 genossenschaftliche Unternehmen zusammen 22 Millionen Mitglieder.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn, Genosinnen und Genossen: Summa summarum.<\/p>\n<p>&#8211; Was hat die Erblinie von Friedrich Wilhelm Raiffeisens Genossenschaftsidee f\u00fcrs Heute zu bieten?<br \/>\nEin niederschwelliges Angebot, das unterhalb des revolution\u00e4ren Systemumsturzes, f\u00fcr manche Leute mancherlei M\u00f6glichkeiten des Lebens und\/oder Arbeitens jenseits des kapitalistisch-industriellen Mainstreams er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>&#8211; Was kann uns Karl Marx f\u00fcr heute noch n\u00fctzen?<br \/>\nDie Besch\u00e4ftigung mit ihm kann den kleinen Arbeitsleuten die W\u00fcrde und das Selbstbewusstsein zur\u00fcckgeben, dass SIE das eigentliche Fundament unseres Gemeinwesens sind.<\/p>\n<p>Marx kann uns helfen besser zu begreifen, wie und warum die kapitalistische Welt funktioniert wie sie funktioniert \u2013 und zugleich zu begreifen: Solange es Kapitalismus gibt, ist es unumg\u00e4nglich, dass die Lohnabh\u00e4ngigen sich gemeinschaftlich organisieren und f\u00fcr ihre Interessen streiten. Andernfalls das Kapital IMMER Mittel und Wege findet, sich einen gr\u00f6\u00dferen Anteil unbezahlten Mehrwerts einzuverleiben und die gesamte Gesellschaft mit seinem Verwertungsmechanismen zu verseuchen.<\/p>\n<p>Wenn wir uns die aktuellen Auseinandersetzungen um die Notwendigkeit einer \u00f6kologischen Wende sowie um die Notwendigkeit einer sozialen Wende betrachten, ergibt sich an vielen Stellen ein seltsames Bild, \u00fcber das Marx nur den Kopf sch\u00fctteln w\u00fcrde: Die eine Wende wird n\u00e4mlich gegen die andere ausgespielt.<\/p>\n<p>Da hei\u00dft es etwa im Gesellschaftsdiskurs: \u00d6kologische Wende (Klimaschutz, \u00d6ko-Landwirtschaft, Verkehrswende etc.) sei nur eine Sache f\u00fcr Wohlstandsb\u00fcrger, die aber von allen bezahlt werden m\u00fcsste. Der \u00e4rmere Teil der Bev\u00f6lkerung h\u00e4tte ganz andere Sorgen (Hartz IV, Armut, Altersarmut, Pflegenotstand etc.). Marx w\u00fcrde sagen: Es existiert objektiv gar kein Widerspruch zwischen beiden Problemfeldern, den gibt es nur in euren K\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Und weiter w\u00fcrde er sagen: Ausgehend von dem Faktum, dass seit Menschen Gedenken jede Gesellschaft definiert wird durch die Struktur ihres \u00f6konomischen Unterbaus, haben beide aktuellen Problemfelder diesselbe Ursache: Im Kapitalismus ist das das permanente Bestreben alles&nbsp; und jeden in sich st\u00e4ndig vermehrendes Kapital zu verwandeln \u2013 hier die Natur allumfassend in einen Ressourcensteinbruch f\u00fcr die Warenproduktion, da den Menschen in immer flexibleres und mobileres Humankapital.<\/p>\n<p>Im Grunde ergibt sich daraus f\u00fcr die Alternativensuche auf beiden Problemfelder die Forderung nach ein und demselben Paradigmenwechsel \u2013 eine Forderung, die ein Raiffeisen heute wahrscheinlich aus christlichem Verst\u00e4ndnis ebenfalls unterschreiben w\u00fcrde: Mensch und Natur haben nicht der \u00d6konomie zu dienen, sondern die \u00d6konomie dem Menschen und der Naturbewahrung.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n<p>Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ermutigt uns die Besch\u00e4ftigung mit Marx, auch mal utopistisch \u00fcber den Tellerrand hinauszudenken. Mal der Frage nachzugehen, ob wir beim wildw\u00fcchsigen Kapitalismus bleiben wollen oder ob es wom\u00f6glich vern\u00fcnftige Alternativen zu diesem System geben k\u00f6nnte und welche.<\/p>\n<p>Und an dieser Stelle treffen sich dann die Marx\u2018sche und die Raiffeisen\u2018sche Linie. Denn Otto von Bismarck hatte das tendenziell schon ziemlich richtig gesehen: Wie die Darlehensvereine Kriegskasse der Demokratie h\u00e4tten sein k\u00f6nnen, so steckt in den Genossenschaften generell allerhand Potenzial \u2013 f\u00fcr ein breites Spektrum denkbarer, auf Gemeinsinn und Solidarit\u00e4t beruhender Alternativen zur rein dem Profit verpflichteten kapitalistischen Wirtschaftsweise.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herrn, ich bin nun fast am Ende meiner Ausf\u00fchrungen. Eine sehr wichtige Sache allerdings bleibt noch. Ich habe die ganze Zeit \u00fcber <strong>zwei bedeutende M\u00e4nner<\/strong> gesprochen. Es muss aber unbedingt auch an die<strong> zwei Frauen im Hintergrund<\/strong> erinnert werden, ohne die Marx und Raiffeisen wahrscheinlich nie zu solcher Bedeutung gelangt w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Bei Raiffeisen war es die Tochter Amalie, die bald nach dem Tod ihrer Mutter die Regie \u00fcber die h\u00e4uslichen Obliegenheiten \u00fcbernahm \u2013 und mehr oder minder freiwillig die gesamten Schriftarbeiten ihres Vaters besorgte und sich um die Organisation seiner Vortragsreisen k\u00fcmmerte. Der moralische Druck war gro\u00df, den der alte Raiffeisen auf die junge Frau aus\u00fcbte, die \u00fcber den Tod Raiffeisens fats ihr ganzes Leben in den Dienst am Vater und seinem Schaffen stellte.<\/p>\n<p>Wir wissen \u00fcber Amalie Raiffeisen relativ wenig. Das ist bei Jenny Marx, geborene von Westphalen, anders. Der Ehefrau von Karl Marx sind eine ganze Reihe von Publikationen gewidmet. Denn f\u00fcr sie gilt, was Marxens j\u00fcngste Tochter Eleanore 1895 so formulierte: \u201eEs ist keine \u00dcbertreibung, wenn ich sage, ohne Jenny von Westphalen h\u00e4tte Karl Marx niemals der sein k\u00f6nnen, der er war.\u201c<\/p>\n<p>Und die Biografen geben ihr recht. Ohne Jennys&nbsp; ordnende und leitende Hand ebenso \u00fcber den Haushalt wie auch \u00fcber die stete Flut der Schreiberei ihres Gatten, h\u00e4tte sich Marx wohl bald zwischen den banalen Grunderfordernissen des Lebens, ungeb\u00e4rdigem Forscherdrang und \u00fcberbordender Produktivit\u00e4t verlaufen. Denn er war zwar unzweifelhaft einer der kl\u00fcgsten K\u00f6pfe seiner Zeit und in seinem Metier ein ungeheuer flei\u00dfiger Intellektueller, doch lebenspraktisch war er nicht und im Geldbeutel schlug sich seine Schaffenswut kaum nieder. &nbsp;<\/p>\n<p>Die meiste Zeit war im Haushalt von Jenny und Karl Schmalhans K\u00fcchenmeister oder herrschte blanke Not. Gleichwohl wird Jenny von Zeitgenossen als lebensfrohe und humorige wie durchaus bissige, selbstbewusste, in politischen Angelegenheiten auch \u00fcberaus kundige und kritische Person beschrieben. Damit wird das Bild unterstrichen, das man sich heute realistischer Weise von dieser Frau macht. Ja, sie war liebende, treusorgende, hingebungsvolle Gattin an Marx\u2018 Seite; zugleich war sie seine Sekret\u00e4rin, Assistentin, Lektorin und intellektuelle Gef\u00e4hrtin. Bei mancher Versammlung im Pariser oder Br\u00fcsseler Exil ergriff sie als einzige Frau das Wort und vertrat als selbst \u00fcberzeugte Sozialistin eigenst\u00e4ndige Positionen. Sie allein konnte aus Marx\u2018 kaum zu entziffernden Krakelbl\u00e4ttern lesbare, geordnete und schlie\u00dflich druckbare&nbsp; Manuskripte machen \u2013 nicht zuletzt, weil sie nach endlosen, oft strittigen Diskussionen mit dem Ehemann wirklich verstanden hatte, was der sagen wollte.<\/p>\n<p>Lassen Sie mich deshalb schlie\u00dfen mit einem ganz kurzen privat-biografischen Blick auf das junge Marx-Paar: Karl und Jenny kannten sich von ihrer Trierer Kindheit an. Vater Marx war dort Anwalt, Ludwig von Westphalen preu\u00dfischer Regierungsrat von liberalem Geist, der seiner Tochter eine ausgezeichnete Bildung zuteil werden lie\u00df. Die jugendliche Jenny galt als das \u201esch\u00f6nste M\u00e4dchen Triers\u201c und genoss den Ruf einer stets strahlenden und vortrefflich tanzenden \u201eBallk\u00f6nigin\u201c.<\/p>\n<p>Doch fr\u00fch schon setzte sie ihren eigenen Kopf durch. Etwa als sie 1831 den zwar standesgem\u00e4\u00df reizvollen Verlobungsantrag eines indes wohl ziemlich langweiligen Leutnants Karl von Pannewitz rundweg ablehnte \u2013 sich indes 1836 mit dem eben erst sein Studium in Bonn beginnenden fast mittellosen Karl Marx heimlich und ganz unstandesgem\u00e4\u00df verlobte. Geheiratet haben die beiden nach siebenj\u00e4hriger Verlobungszeit am 19. Juni 1843 in Bad Kreuznach; Karl war da 25 Jahre alt, die vormalige Baronin Jenny von Westphalen 29.<\/p>\n<p>\nDas war\u2018s von mir. Danke f\u00fcr ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unkorrigiertes Manuskript meines Vortrages am 30.10.2019 im Landesmuseum Koblenz auf der Festung Ehrenbreitstein. Im Laufe 2018 und 2019 sprach ich an mehreren Orten in Rheinland-Pfalz zu diesem Thema. Der nachfolgende Redetext ist die letzte und auch l\u00e4ngste Fassung.&nbsp; *** Guten Abend allerseits, Sie wissen ja, ich bin von Hause ein Schreiber. 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