{"id":548,"date":"2005-02-25T23:00:00","date_gmt":"2005-02-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/02\/25\/im-wartestand\/"},"modified":"2005-02-25T23:00:00","modified_gmt":"2005-02-25T22:00:00","slug":"im-wartestand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/02\/25\/im-wartestand\/","title":{"rendered":"Im Wartestand"},"content":{"rendered":"<p>Beruhigt sind nun die unl\u00e4ngst noch zittrigen Nerven. \u00dcber die Pl\u00e4tze trottet wieder der Alltag, zieht wie eh ums zugige Eck. Wo ein noch winterschw\u00e4chlicher Sonnenstrahl hinf\u00e4llt, steht auch schon ein Tischlein drau\u00dfen. Dran sitzt gleich er, der Mittelrheiner &#8211;&nbsp; tut, was er so gut kann, weil er\u00b4s so lange ge\u00fcbt: warten. Jetzt eben harrt er des fr\u00fchen Sommers. Blaunasig zwar, aber mit gelassenem Trotz beschw\u00f6rt er die Geister Arkadiens, tr\u00e4umt fr\u00f6stelnd von den Freuden lauer N\u00e4chte unterm Sternenzelt: M\u00f6ge doch auch in Germanien die gastronomische Freiluftsaison k\u00fcnftighin gleich nach Aschermittwoch beginnen und fr\u00fchestens zum Advent enden. Schlie\u00dflich liegt das Liebesnest von Rhenus und Mosella auf der r\u00f6mischen Seite des Limes, ergo ist Koblenz ein Teil von Bella Italia. &nbsp;<\/p>\n<p>Zittrige Nerven, hier? Ja wenn mitten in der Hellolaaf-Session flugs die B\u00fcttenreden&nbsp; umgeschrieben werden mussten, kann selbst der Mittelrheiner die Contenance verlieren. Gerade noch im schon Jahre w\u00e4hrenden Wartestand, hingegeben dem&nbsp; gem\u00e4chlichen Disput \u00fcber \u201ekommt sie oder kommt sie nicht\u201c, griff pl\u00f6tzlich tumultuarische Beunruhigung&nbsp; um sich. Es war, als habe IKEA die seit unendlichen Zeiten erwartete Er\u00f6ffnung seiner Mittelrhein-Filiale just f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag angek\u00fcndigt. Das allseits anhebende Bitten, Rufen, Tremolieren galt indes BUGA, nicht IKEA. Hervorbrechend aus bis dahin verborgenen Kammern flammenden Verzehrens schmachtete es:&nbsp; \u201eSie muss kommen!\u201c, \u201eWir wollen sie haben!\u201c, \u201eWir brauchen sie!\u201c. Die Pr\u00e4sidenten s\u00e4mtlich von Industrie, Handwerk, Handel sowie all die mehr oder minder potenten Liebhaber der Dame Confluentia vereinten sich zur Manifestation \u201ePro Bundesgartenschau\u201c. Dem mochte der Hohe Rat sich nicht verweigern: Die Stadt ist nunmehr also eine betroffene &#8211; das Volk erwartet die Mobilmachung.<\/p>\n<p>Gleich auch noch Rumores auf der Dauerbaustelle namens \u201eDer Fleck muss weg!\u201c im Stadtzentrum. Junge Architekten zeigten, wie sie sich die Beseitigung des alten Problems \u201eZentralplatz &amp; Co.\u201c vorstellen. Endlich mal was zum Anfassen: Gro\u00df gedachte, mutig-futuristische Entw\u00fcrfe, die die Wartezeit auf irgendeine Schlussendlichkeit mit einem herrlichen Geschmacksstreit \u00fcber urbane Bau\u00e4sthetik vers\u00fc\u00dfen helfen. Das ist allemal interessanter als die ewigen Ger\u00fcchte \u00fcber willige, sich zierende, abspringende oder vorfristig bankrott gegangene&nbsp; Investoren. Bleibt allerdings eine Frage: Was eigentlich haben die Nachwuchsarchitekten da kreiert?&nbsp; Mag sein Denkm\u00e4ler. Denn weder sie noch sonst jemand wissen bislang, ob der Kulturpalast in spe Opernhaus, Museum, Bibliothek, Konzertsaal, Forum oder&nbsp; Kombination aus diesem mit jenem und noch anderem werden soll. Das irritiert den Mittelrheiner, weswegen er sich nach anf\u00e4nglicher Euphorie alsbald wieder in die Geborgenheit des Wartens begibt: Wird irgendwann erstmal Richtfest gefeiert, findet sich sicher auch ein Nutzungskonzept.<\/p>\n<p>Gut Ding will Weile haben, und Geduld ist eine Tugend. So wartet der klassisch interessierte Hiesige noch immer auf einen neuen Koblenzer Generalmusikdirektor. Das verbindet ihn ausnahmsweise mit seinem ansonsten eher ungeliebten Nachbarn, dem Mainzer, der seinerseits auf einen neuen Intendanten f\u00fcr das dortige Staatstheater wartet. Beide m\u00fchen sich, der jeweiligen Findungskommission Erhellendes abzuringen. Vergeblich, denn solche Kommissionen sind quasi geheimdienstliche Einsatzkommandos der Kulturszene. Die Arbeit des Gremiums bleibt Verschlusssache \u2013 selbst nach der Verk\u00fcndung letztinstanzlicher Entscheide, irgendwann.<\/p>\n<p>Noch immer \u201eergebnisoffen\u201c ist auch der Wandel infolge Orchesterreform, den manche Zungen nach wie vor \u201eSchrumpfung\u201c schimpfen. Bleiben 66 oder doch nur 60 Musiker? So recht wei\u00df das auch bis auf Weiteres niemand. Gleichwohl haben die Mainzer ihre Orchesterstiftung schon mal auf den Weg gebracht; in Koblenz l\u00e4sst man sich damit etwas mehr Zeit. Wie gesagt: Gut Ding will\u2026 Umso gespannter sieht der Mittelrheiner dem Wettbewerb der beiden Rheintalfestivals entgegen: MMM gegen das neue Rhein-Vokal. Man tut sich nichts, sagen beide. Abwarten, sagt der Einheimische. Denn er hat w\u00e4hrend all seiner Wartezeiten schon manche gute Absicht kommen und hernach rheinabw\u00e4rts wieder davonschwimmen sehen.<\/p>\n<p>So in der ersten Fr\u00fchlingssonne sitzend und trotz kalter F\u00fc\u00dfe doch von ersten Fr\u00fchlingsgef\u00fchlen angewandelt, muss der Mittelrheiner l\u00e4cheln \u00fcber die eigenen aufgeregten Bockspr\u00fcnge w\u00e4hrend der vergangenen Session: F\u00fcr einen Moment hatte er vergessen, dass zwischen Ideen, Pl\u00e4nen, Beschl\u00fcssen und Umsetzungen hier zu Lande stets ein gewichtiges&nbsp; Traditionsgut liegt \u2013 der mittelrheinische Wartestand.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beruhigt sind nun die unl\u00e4ngst noch zittrigen Nerven. \u00dcber die Pl\u00e4tze trottet wieder der Alltag, zieht wie eh ums zugige Eck. Wo ein noch winterschw\u00e4chlicher Sonnenstrahl hinf\u00e4llt, steht auch schon ein Tischlein drau\u00dfen. 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