{"id":547,"date":"2005-01-25T23:00:00","date_gmt":"2005-01-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/01\/25\/vom-staube-befreit\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:24","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:24","slug":"vom-staube-befreit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/01\/25\/vom-staube-befreit\/","title":{"rendered":"Vom Staube befreit &#8230;"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Es ist schon ein arges Kreuz mit unseren gro\u00dfen Dichtern, Denkern, Musikern. Die alten &#8211; Bach, Beethoven, Kant, Goethe, Schiller e tutti quanti &#8211; zieren als Denkm\u00e4ler Bauten und Pl\u00e4tze. Hierorts treiben in Sonderheit auch Joseph von G\u00f6rres oder Clemens Brentano ihr Wesen. Die j\u00fcngeren Gro\u00dfen kriegten Nobelpreise, Albert Einstein etwa und&nbsp; G\u00fcnther Grass. Sofern die Genies nur ordentlich verstaubt, kann, wer mag, schwelgen in \u201edeutscher Gr\u00f6\u00dfe\u201c. Vom Staube befreit, verursachen die Vorbilder von eben braven B\u00fcrgern allerdings Bauchgrimmen. Denn wohin auch immer dann der Blick f\u00e4llt, er st\u00f6\u00dft, statt auf Paladine teutscher Ehre, Pflicht und Moral, allweil auf Krittelei und Revoluzzertum, auf Unbotm\u00e4\u00dfigkeit gegen die Herrschaft, Skepsis gegen die Religion oder Freisinnlichkeit in Liebesdingen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nDer sonst so genaue Goethe wird auffallend vage, stellt man ihm die Gretchenfrage:&nbsp; \u201eWie h\u00e4lst du\u00b4s mit der Religion?\u201c. Von seinen Frauengeschichten im Leben und dem flotten Dreier am Ende der \u201eStella\u201c-Urfassung gar nicht zu reden. Der Koblenzer G\u00f6rres wollte in jungen Jahren \u2013 man stelle sich vor ! &#8211; das linke Rheinufer an die franz\u00f6sischen Revolution\u00e4re verk\u00fcmmeln. Nachher wurde er per Haftbefehl gesucht, wetterte noch in seinen katholischen Altersjahren wider die Preu\u00dfen. Und Brentano, \u201eunser\u201c Rhein-Brentano, der erweist sich bei n\u00e4herem Hinsehen als Hallodri: Der Angebeteten \u201eergie\u00dfet\u201c er \u201edes Hochzeitsbechers F\u00fclle\u201c in den Scho\u00df. Aber hinterher dann gesittet tun und sich \u00fcber den \u201efeilen geilen Leib\u201c der Dame emp\u00f6ren. Wir am Rhein kennen diese verquere Denke schon von der Welterbe-Story um Loreley: Sitzt das M\u00e4del barbusig, Blondhaar k\u00e4mmend und unschuldig vor sich hin sirenend auf einem Stein, schon flutet den Kahnschippern das Blut aus dem Hirn hinaus, hinab in den unteren Leib. Mit dem \u201edenken\u201c sie dann und fahren, ergo, auf Grund. Und wer hat Schuld? L\u00f6rchen selbstredend.<\/p>\n<p>Nehmen wir Schiller und Einstein, weil die heuer \u2013 wegen Friedrichs 200. und Alberts 50. Todestag &#8211; in aller Munde sind (sein sollten). Hat uns doch der Dichter den Aufruhr einer&nbsp; \u201eR\u00e4uber\u201cbande gegen jedwede Ordnung ebenso ins Kulturerbe geschrieben wie das ewige Misstrauen gegen s\u00e4mtliche Obrigkeiten. Mit Beethoven singt er nicht etwa zum Lobe von Kaiser und Vaterland,&nbsp; sondern f\u00fcr die Verbr\u00fcderung aller Menschen ohn\u00b4 Ansehen von Herkunft, Rasse und Nation \u2013 dieser von der Schule verwiesene, aus der Armee desertierte, ins Ausland geflohene Schiller. Es graust den Michel unter der Zipfelm\u00fctze: Und so einer soll Vorbild sein? Oder der andere etwa, der Nobelpreis-Physiker, der Reichs-Fl\u00fcchtling, der Zunge-Rausstrecker, der Struwelpeter-Einstein? Diesen Typen, der die ehrw\u00fcrdige&nbsp; Universit\u00e4t in Grund und Boden schimpfte, den hielten doch die Amerikaner f\u00fcr einen Kommunisten.&nbsp; Am Mittelrhein macht man von den beiden im Gedenkjahr eher wenig Aufhebens, konzentriert sich stattdessen in gro\u00dfer Koalition auf die Vorbereitung eines glanzvollen Mozart-Jahres 2006 mit sch\u00f6ner Musik all\u00fcberall. Unverf\u00e4nglicher? Schon &#8211; g\u00e4be es da nicht diese Geschichten von der Aufs\u00e4ssigkeit W\u00f6lferls, von seinen gar anst\u00f6\u00dfigen Lustbarkeiten bei gleichzeitig ziemlich schwach entwickeltem Familiensinn.<\/p>\n<p>Ach, lie\u00dfe sich Gut und Schlecht, Richtig und Falsch doch sauber trennen, wenigstens bei unseren Nationalgenies. Blo\u00df, das Leben ist nicht so, weil dialektisch. Das wird demn\u00e4chst wieder erfahrbar, wenn das&nbsp; Landesmuseum auf dem Ehrenbreitstein die Kulturgeschichte des Haribo-Konfekts ausbreitet. Weshalb ich besonders gespannt bin auf jenen Ausstellungsteil, der die Auswirkungen der bunten S\u00fc\u00dfigkeiten auf die Volksgesundheit thematisiert. \u201eWird es nicht geben!\u201c \u2013 diese \u00fcble Unterstellung aus dem Off weise ich entschieden zur\u00fcck. Andernfalls k\u00f6nnte ja auch eine Schau zur Kulturgeschichte des Tabaks ohne die Betrachtung seiner Sch\u00e4dlichkeit auskommen. Das gibt es nicht, nicht bei unserem Landesmuseum!<\/p>\n<p>Oder doch? Schlie\u00dflich bringen auch die westlichen Nachbarn, die Trierer es fertig, ihre Geschichte mit gewisser Ein\u00e4ugigkeit zu betrachten. Gerne und v\u00f6llig zu Recht strunzen sie mit ihrem r\u00f6mischen Welterbe, stellen derweil ebenso gerne den weltweit ber\u00fchmtesten Sohn ihrer Stadt in der Besenkammer ab. Nicht etwa, weil Karl Marx einst betrunken in London randalierte und Stra\u00dfenlaternen zertepperte. Sondern wegen der \u201eSachen\u201c, die er geschrieben hat. Sachen, die einem heute teils vorkommen, als h\u00e4tten Nobbi Bl\u00fcm, Kurt Biedenkopf und Heiner Geisler ihre&nbsp; j\u00fcngsten Wutausbr\u00fcche \u00fcber den neoliberalen Gang der Dinge mit Attac-Flugbl\u00e4ttern zum \u201eManifest\u201c zusammen geschmissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon ein arges Kreuz mit unseren gro\u00dfen Dichtern, Denkern, Musikern. 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