{"id":544,"date":"2005-05-25T22:00:00","date_gmt":"2005-05-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/05\/25\/nzsz-neue-zeiten-schraege-zeiten\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:24","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:24","slug":"nzsz-neue-zeiten-schraege-zeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/05\/25\/nzsz-neue-zeiten-schraege-zeiten\/","title":{"rendered":"NZSZ: Neue Zeiten \u2013 Schr\u00e4ge Zeiten"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>\u201eIch seh\u2019 in dein Herz\u201c \u2013 und finde dort eine gewisse Unleidlichkeit gegen\u00fcber dem jetzigen Gang der Dinge. Die erinnert an den Roman \u201eDer Ekel\u201c vom franz\u00f6sischen Schriftsteller und Existenzialismus-Philosophen Jean-Paul Sartre, dessen 100. Geburtstag man im Juni h\u00e4tte feiern k\u00f6nnen. Darin stellt einer fest, dass er in der eigenen Alltagsumgebung v\u00f6llig fremd geworden ist. Nicht, dass fr\u00fcher alles besser gewesen w\u00e4re. Wenigstens aber durfte man fr\u00fcher noch hoffen, alles werde besser. Was haben wir stattdessen heute f\u00fcr einen Salat? Selbst die Sprache kaut faule Bl\u00e4tter: Das einst sch\u00f6ne Wort \u201eReform\u201c meint blo\u00df noch \u201eRetten, was zu retten ist\u201c. Wenn also demn\u00e4chst Angies Leute mit dem Shanty \u201eWir sind die besseren Reformer\u201c Gerds Crew auf der Br\u00fccke abl\u00f6sen, dann wei\u00df man auf den Ruderb\u00e4nken, die Rettungsaktion f\u00fcr die Oberdeckpassagiere geht mit frischen Kr\u00e4ften weiter. An einen sicheren Schiffskurs, der alle Mann wohlbehalten heimbringt, denkt oben vermutlich l\u00e4ngst keiner mehr. &nbsp;<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAnderes Beispiel. Was ist \u201eService\u201c? Wenn lebendige Menschen, die sich auskennen, anderen Menschen (Kunden), die keine Ahnung haben, bereitwillig und professionell weiterhelfen. Und zwar, ohne sie \u00fcber den Tisch ziehen oder bl\u00f6dschw\u00e4tzen zu wollen. Was ist \u201eServicew\u00fcste\u201c? Wenn das anonyme \u201eSupport-Team\u201c meines Internet-Providers nur per E-Mail-Formular oder mein \u201eMobilfunk-Partner\u201c nur \u00fcber eine zifferngesteuerte Durchfragmaschine \u201eansprechbar\u201c sind.&nbsp; Wenn sich hinter der Telefonnummer meiner M\u00fcnchner Versicherung ein Hamburger Call-Center verbirgt, wo sich ahnungslose Jobber im Animateur-Ton melden: \u201eGuten Tag, mein Name ist Kundhilf&nbsp; Wei\u00dfnichtwie, was kann ich f\u00fcr sie tun?\u201c.&nbsp; Jetzt fragen Sie mal einen Yuppie-Manager nach \u201eService\u201c oder \u201eServicew\u00fcste\u201c. Der dreht Ihnen den Wortsinn glatt rum. Babylonische Sprachverwirrung allenthalben.<\/p>\n<p>In Koblenzer Museen gibt es derzeit eine Reihe bemerkenswerter Sonderausstellungen. Die kl\u00fcgste beherbergt das Mittelrhein-Museum (bis 10.7.), weil dort die Leiden der Mittelrheiner am Weltkriegsende als Folge auch des heimischen Irrsinns w\u00e4hrend der Heil-Hitler-Zeit behandelt werden. Die verbl\u00fcffendsten Blickwinkel er\u00f6ffnet die Foto-Kunst von Wolfgang Horbert, bis 31.8. unter dem Titel \u201eImpulse\u201c auf der Festung Ehrenbreitstein zu sehen. Die interessanteste Ausstellung hat das Ludwig-Museum mit seinen aktuellen Fotografien brasilianischer K\u00fcnstler, zusammengefasst unter dem Titel . \u201eBrazilian Art Projekt I\u201c (bis 31.7.).&nbsp; Im gleichen Haus gibt es auch die derzeit sch\u00f6nste Ausstellung, weil schon ihr reh\u00e4ugiger, schwanenhalsiger Gegenstand Sch\u00f6nheit pur ist: Audrey Hepburn, kunstsinnig und gef\u00fchlvoll abgelichtet (bis 14.8.).<\/p>\n<p>Oft wurde die Schauspielerin, die so gerne bei Tiffanys gefr\u00fchst\u00fcckt h\u00e4tte, auch als s\u00fc\u00df bezeichnet. Was mir angesichts des Formats der Dame schon immer deplaziert schien,&nbsp; verbietet sich dieser Tage in Koblenz vollends. Oder k\u00f6nnen Sie sich vorstellen, die gro\u00dfartig Audrey Hepburn mit demselben Adjektiv zu belegen wie Gummib\u00e4rchen und Lakritzkonfekt? Womit wir bei Haribo w\u00e4ren und der momentan unzweifelhaft, weil im urspr\u00fcnglichen Wortsinn \u201es\u00fc\u00dfesten\u201c Koblenzer Pr\u00e4sentation, die bis 13.11. am Landesmuseum auf dem Ehrenbreitstein klebt.<\/p>\n<p>Die appetitanregende Kultb\u00e4ren-Schau k\u00f6nnte man sich aber durchaus auch im frisch herausgeputzten Koblenzer Hauptbahnhof vorstellen. Das S\u00fc\u00dfgummi-Aroma w\u00fcrde drinnen wunderbar in die Geruchskomposition aus Frikadellenbr\u00e4t, Backbrezel, Gourmet-Imbiss- und Caf\u00e9bar-D\u00fcften passen. Die Goldb\u00e4ren-Parade d\u00fcrfte auf dem spiegelblanken, weitr\u00e4umigen Exerzierplatz zwischen Bahnhof und Landesbibliothek aufmarschieren. Haribo-Botschafter Thomas Gottschalk k\u00f6nnte derweil unter dem&nbsp; properen Wellendach der neuen Eingangs-Esplanada zwischen den ausnehmend h\u00fcbschen Blumenpyramiden flanieren. Nat\u00fcrlich m\u00fcsste dort erst das Fahrrad-Parkverbot rigoros durchgesetzt werden. Kann ja sowieso nicht angehen, dass der Schlendrian, der fr\u00fcher unter gro\u00dfen Kastanien und auf ollen Kopfsteinen&nbsp; herrschte, an diesem Glanzst\u00fcck moderner Bahnhofsgestaltung gleich wieder einrei\u00dft.<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch seh\u2019 in dein Herz\u201c \u2013 und finde dort eine gewisse Unleidlichkeit gegen\u00fcber dem jetzigen Gang der Dinge. Die erinnert an den Roman \u201eDer Ekel\u201c vom franz\u00f6sischen Schriftsteller und Existenzialismus-Philosophen Jean-Paul Sartre, dessen 100. Geburtstag man im Juni h\u00e4tte feiern k\u00f6nnen. Darin stellt einer fest, dass er in der eigenen Alltagsumgebung v\u00f6llig fremd geworden ist. 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