{"id":543,"date":"2005-06-25T22:00:00","date_gmt":"2005-06-25T21:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/06\/25\/die-befreiung-vom-sommerloch\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:24","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:24","slug":"die-befreiung-vom-sommerloch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2005\/06\/25\/die-befreiung-vom-sommerloch\/","title":{"rendered":"Die Befreiung vom Sommerloch"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Habe neulich in alten Nummern dieser Zeitschrift gebl\u00e4ttert. Die reichen schon ziemlich weit zur\u00fcck, denn wie die Koblenzer Kulturfabrik in diesem Herbst 25 Jahre alt wird, so das Kulturinfo 20. Beim Bl\u00e4ttern also \u2013 erw\u00e4chst pl\u00f6tzlich die Frage: Was haben die Leute hier zu Lande vor 20, gar 30 oder mehr Jahren den Sommer durch eigentlich getrieben?&nbsp; Die historischen Veranstaltungskalender und das eigene Ged\u00e4chtnis legen n\u00e4mlich den Befund nahe: Verglichen mit heute herrschte damals im Juli und August geradezu tote Hose \u2013 lassen wir die allweil munter begossene Feuerwerksbeschie\u00dfung von Burgen und Schiffen mal au\u00dfer acht, die heuer zum 50. Mal (13.8.) den Rhein entflammt.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWie war das, seinerzeit, als unsereins jung und sch\u00f6n an die heutigen Jungen und Sch\u00f6nen noch nicht dachte, sie gerade zeugte, gebar oder in Windeln wiegte? Da war Bayern dem Mittelrhein weit voraus mit seinen Bierg\u00e4rten all\u00fcberall, da hatte das Freiluftcaf\u00e9 am innerst\u00e4dtischen Stra\u00dfenrand hier noch Seltenheitswert. In ganz Mayen soll es anno 1975 zwei Wirtshaustische drau\u00dfen vor der T\u00fcr gegeben haben. Koblenz kam wohl nur dank seines Kaffee &amp; Kuchen-Angebotes am Schiffsanleger sowie der Heimatverbundenheit seiner italienischen Eisdiele auf ein paar mehr.<\/p>\n<p>Und wo bitte waren die Leut\u00b4? Im Schwimmbad, bei der Stadtranderholung, auf Balkonien, vielleicht mal in einem der damals noch vier Kinos in der Koblenzer Innenstadt. Aber die meisten waren ohnehin \u2013 verreist. Wer irgend konnte, machte fort von daheim, Otto Normal-Mittelrheiner bevorzugt gen Nord- und Ostsee, mehr noch nach \u00d6sterreich, Italien, Spanien. Was links, hippiesk, alternativ oder sonstwie seltsam angehaucht war, begab sich im Klappervehikel auf den Trip nach S\u00fcdfrankreich oder Jugoslawien, um am Strand noch einmal diskursiv auszuv\u00f6geln, was beim letzten Lambrusco-Gelage in der WG-K\u00fcche l\u00e4ngst klar war: Dass es so nicht weiter gehen kann, mit der Welt.<\/p>\n<p>Und es ist ja dann tats\u00e4chlich auch alles anders gekommen. Das Barbecue wurde aus us-imperialistischer Fremdherrschaft befreit und als Grillfete mit (rheinischem) Spie\u00dfbraten zu einer Kulturtechnik h\u00f6herer Ordnung sozialisiert. Wer es nicht glaubt, schlage im Duden unter \u201eBarbecue\u201c nach. Der Internationalismus siegte auf breiter Front: Man bes\u00e4uft sich am Rhein (auch) italienisch und spanisch; isst (auch) griechisch, asiatisch, t\u00fcrkisch; liebt (auch auf) die franz\u00f6sische Art\u2026 Die N\u00e4chte von St. Marie und Rimini sind europ\u00e4isch vergesellschaftet \u2013 nur dass hierorts der Volksgesundheit wegen um Mitternacht der Au\u00dfengastronomie amtlicherseits Bettruhe verordnet wird.<\/p>\n<p>Nachhaltig wirksam die gro\u00dfe Kulturrevolution. Der Marathon ist nicht l\u00e4nger Privileg einer auserw\u00e4hlten Sportlerkaste; bei dessen Schleifung wirkten j\u00fcngst am Mittelrhein selbst&nbsp; Staatssekret\u00e4re und Kulturdezernenten im Schwei\u00dfe ihres Angesichtes mit. Davor, danach und sonst auch wird in, an, auf s\u00e4mtlichen Gem\u00e4uern, Stra\u00dfen, Pl\u00e4tzen sowie in Wald und Flur Theater gespielt, auf jede erdenkliche Art in friedlicher Koexistenz musiziert und gefeiert. Wo Kunst und Kultur in derartiger F\u00fclle entstanden und Gemeineigentum geworden sind, darf die Befreiung vom Joch des Sommerlochs bejubelt werden. Selbst die Staatsr\u00e4son konnte sich dieser Hauptstr\u00f6mung in der Geschichte nicht verschlie\u00dfen und verlegte darob den Bundeswahlkampf in die Sonnensaison. Womit in summa die Urlaubsfahrt weg von hier nur mehr ein dem Untergang geweihtes Relikt finsterer Vorzeit w\u00e4re.<\/p>\n<p>Freiheit ist ein begl\u00fcckender, aber bisweilen auch anstrengender Zustand. Die Qual der Wahl will durchgestanden sein, sowohl bei der neuen Parteienf\u00fclle wie beim Angebot an Sommerkultur. F\u00fcr den 18. September im Bund verbietet sich an dieser Stelle selbstredend eine Wahlempfehlung. F\u00fcrs erste Augustwochenende in der Region h\u00e4tte ich allerdings eine: das internationale Gaukler- und Kleinkunstfestival in Koblenz. Warum ausgerechnet das? Weil\u00b4s so was sonstwo in Deutschland nicht gibt. Weil dabei absolute Maulfreiheit herrscht. Weil die Jungen und Sch\u00f6nen von heute und die von morgen dabei ebenso auf ihre Kosten kommen wie die von gestern, auch wenn die inzwischen nur noch sch\u00f6 \u2026&nbsp; &#8211; &#8211; &#8211; Is gut, ich halt ja schon die Klappe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Habe neulich in alten Nummern dieser Zeitschrift gebl\u00e4ttert. Die reichen schon ziemlich weit zur\u00fcck, denn wie die Koblenzer Kulturfabrik in diesem Herbst 25 Jahre alt wird, so das Kulturinfo 20. 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