{"id":536,"date":"2006-02-25T23:00:00","date_gmt":"2006-02-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/02\/25\/geiler-geiz-ist-ziemlich-bloed\/"},"modified":"2022-03-15T16:24:24","modified_gmt":"2022-03-15T15:24:24","slug":"geiler-geiz-ist-ziemlich-bloed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/2006\/02\/25\/geiler-geiz-ist-ziemlich-bloed\/","title":{"rendered":"Geiler Geiz ist ziemlich bl\u00f6d"},"content":{"rendered":"<p><a class=\"colorbox colorbox-insert-image\" href=\"http:\/\/pecht.koblenz-net.de\/D7\/sites\/default\/files\/styles\/thumbnail\/public\/quergedanken_logo.jpg?itok=hEG8jpXv\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" size-full wp-image-47\" alt=\"\" class=\"image-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.pecht.info\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/quergedanken_logo_0.jpg\" style=\"float:left; height:100px; margin:5px; width:90px\" width=\"90\" height=\"100\" \/> <\/a><\/p>\n<p>Die Zeiten sind verwirrend. Liegt das an mir? H\u00e4nge ich zu sehr am Vertrauten, am Verlass? Bin ich zu unflexibel? Oder sind am Ende einfach die Zeiten selbst verworren? Mein Freund Walter \u2026, Sie erinnern sich: Der grantelnde Typ, der am Schwerdonnerstag zu verschwinden und am Aschermittwoch wieder aufzutauchen pflegt. Mein Freund Walter also hat sich (nach \u00f6ffentlich weiters besser nicht beschriebenen bukolischen Eskapaden), dem Sport zugewandt. \u201eFr\u00fcher\u201c, sagt er, \u201eh\u00e4ttest du stundenlang angestanden, um Karten f\u00fcr ein Fu\u00dfball-WM-Spiel zu kaufen. Ware gegen Geld. Wenn Ware ausverkauft, dann eben ausverkauft \u2013 ein bisschen Frust, finito. Eine reelle Sache. Heute eierst du wochenlang durchs Internet, kriegst trotzdem keine WM-Karte, weil\u00b4s angeblich keine mehr gibt. Zugleich aber br\u00fcllen dir Gott und die Welt, Lotterie- und Telefongesellschaften, Limonade- und Autohersteller ins Ohr: WM-Tickets zu gewinnen!\u201c Walter tippt sich mit dem Zeigefinger mehrfach gegen die Stirn.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nEr hat ja Recht. Es galt einmal die Philosophie, dass, wer es zu einem bescheidenen Auskommen bringen will, anst\u00e4ndig arbeiten und vern\u00fcnftig wirtschaften muss. Der Weg zu Reichtum ist das zwar nicht, wusste schon mein Gro\u00dfvater selig. Aber immerhin konnte auf diese Weise neben dem N\u00f6tigen eine Reise nach Italien und bisweilen ein Besuch im Theater oder auch bei Madam Brigittche abfallen. Der alte Herr kannte noch den Unterschied zwischen Sparsamkeit und Geiz: Erstere n\u00e4mlich z\u00e4hlt zu den Tugenden, wohingegen Letzterer eine ziemlich \u00fcble S\u00fcnde ist. Erstere schlie\u00dft Gro\u00dfz\u00fcgigkeit zur rechten Zeit ein, Letzterer angenehmen zwischenmenschlichen Umgang zumeist aus.<\/p>\n<p>Glauben Sie nicht? Fragen Sie Brigitte, den Gro\u00dfvater oder die Frau Oberin in der Kneipe. Die werden best\u00e4tigen, woran es den geilen Geizigen vor allem mangelt: an Lebensfreude, an Sinnlichkeit, an Gelassenheit. Diese Krankheit brachte schon Heinrich Heine gegen seine Landsleute, insbesondere gegen \u201eteutomanischen\u201c Geisteskinder und preu\u00dfische Vollstrecker auf. Des Dichters h\u00e4tte man sich am 17. Februar, seinem 150. Todestag, erinnern k\u00f6nnen. Verschwitzt? Nachholen! Binnen 30 Minuten haben Sie die kleine Ausstellung \u00fcber Leben, Werk und Wirkung des schriftstellernden \u201eStaatsfeindes\u201c in der Koblenzer Stadtbibliothek (Alte Burg) durch. Dann wissen Sie, dass dieser j\u00fcdisch-protestantische Atheist, F\u00fcrsten- und Knechttumsver\u00e4chter mit seinem frechen Maul ein sch\u00f6neres Deutschland besungen hat. Eines, das sich aus aufgekl\u00e4rtem Geist, weltoffener Kultur und Lebensfreude definiert. Wie pflegt Freund Walter zu sagen: \u201eStell dir vor wie\u00b4s um Deutschland st\u00fcnde ohne seine Nestbeschmutzer und Vaterlandsverr\u00e4ter!\u201c Deshalb sei hier ein \u201eVivat!\u201c auf unseren Heine nachgetragen \u2013 verbunden mit der Hoffnung, Heinrichs Denkart m\u00f6chte nicht vollends aussterben.<\/p>\n<p>Womit wir wieder in der Gegenwart w\u00e4ren und dabei, dass zum Geiz die Gier geh\u00f6rt. Auf der einen Seite kreischen die Sonderangebote, deren Zahl diejenige normaler Warenangebote inzwischen \u00fcbersteigt. \u201eSonder\u201c ist wie gesagt geil, und \u201enormal\u201c dem Vernehmen nach bl\u00f6d. Was k\u00fcmmert\u00b4s, wenn Verbrauchersch\u00fctzer und Warentester alle Jahre wieder vorrechnen, dass die geile Geizigkeit kaum mit Sparsamkeit, aber viel mit Bl\u00f6dheit zu tun hat. Auf der anderen Seite versprechen pestilenzartig sich vermehrende Verlosungsaktionen und Gewinnspiele das baldige Ende der allt\u00e4glichen M\u00fchsal f\u00fcr jedermann. Total bekloppt muss sein, wer noch einen Urlaub bezahlt, ein Auto kauft, ein Haus selbst finanziert; deppert alle, die nicht l\u00e4ngst ein paar hunderttausend Euro aus Lotteriegewinnen auf dem Konto haben \u2013 und sowieso gewonnene WM-Tickets im Sack.<\/p>\n<p>Wer freilich nicht ans Gl\u00fcck glaubt, den sucht es auch nicht heim. Demzufolge kann Koblenz frohgemut in die Zukunft schauen, glaubt doch die Stadtf\u00fchrung fest daran, dass sich am Ende alle L\u00fccken zu aller Zufriedenheit schlie\u00dfen werden \u2013 seien es die bei der Buga-Finanzierung oder die auf dem Zentralplatz. Glaube versetzt Berge, scheint die unl\u00e4ngst verk\u00fcndete Rettung des Lahnsteiner Blues-Festivals beweisen zu wollen. Dazu wieder Walter: \u201eQuatsch Glaube, die Blues-B\u00fcrger haben sich einfach auf die Hinterbeine gestellt.\u201c Also bestimmen nicht Gl\u00fcck und Glaube, sondern eigene T\u00fcchtigkeit \u00fcber des Menschen Geschick? Da verschluckt sich mein Freund am neuen dunklen Altstadt-Bier einer einschl\u00e4gigen Koblenzer Haus- und Hofbrauerei. Auf die Hustenattacke folgt der Bescheid: \u201eF\u00fcr die Fortentwicklung der sozialen Gerechtigkeit wurde die Erfindung der Geschirrsp\u00fclmaschine zum entscheidenden Hemmschuh. Denn: Sie entzog den Tellerw\u00e4schern dieser Erde die Grundlage, \u00fcber die freie Bahn des T\u00fcchtigen in die Klasse der Million\u00e4re aufzusteigen.\u201c Sprach\u00b4s und ging vor die T\u00fcr, um nach dem Fr\u00fchling Ausschau zu halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeiten sind verwirrend. Liegt das an mir? H\u00e4nge ich zu sehr am Vertrauten, am Verlass? Bin ich zu unflexibel? Oder sind am Ende einfach die Zeiten selbst verworren? Mein Freund Walter \u2026, Sie erinnern sich: Der grantelnde Typ, der am Schwerdonnerstag zu verschwinden und am Aschermittwoch wieder aufzutauchen pflegt. 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